Keine Angst vor dem digitalen Euro! So könnte das Bargeld der Zukunft aussehen
Die Europäische Zentralbank plant die größte Umstellung seit der Abschaffung der D-Mark. Wie die Alternative zum Bargeld funktionieren soll und wie eine bessere Lösung aussehen könnte, die es heute schon gibt.
Kennst du das? Du bist unterwegs im Urlaub und willst ein Eis essen. Dein Portemonnaie ist leer – und sicher kannst du da mit Karte zahlen. Doch nachdem du 10 Minuten in der Urlaubssonne angestanden hast, schaut dich der Verkäufer entschuldigend an: »Nur bar, scusi!«
»Das muss doch besser gehen!«, denkt sich auch die EU. Denn digitales Bezahlen ist bei Weitem nicht so verbreitet, wie es gut für die Bürger:innen wäre. Und es ist auch alles andere als sicher:
Die
Doch bei manchen Menschen klingeln da die Alarmglocken:
- Weiß demnächst etwa die EU alles über deine Zahlungsvorgänge?
- Ist das alles nur ein Trick, um mehr Überwachung auszuüben?
Kritiker:innen sind skeptisch.
Dabei ist die Idee des digitalen Euro erst mal gar nicht so schlecht – wenn sie gut umgesetzt wird.
In diesem Text erklären wir dir, was das Ziel ist, wo die Schwächen liegen und wie das System aussehen könnte, mit dem wir alle in einigen Jahren bezahlen werden.
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Was ist der digitale Euro und was will die EU erreichen?
Im Jahr 2021 machte die Europäische Zentralbank den ersten Vorschlag für den digitalen Euro. Der wichtigste Punkt dabei: Das Zahlungsmittel soll keine Nachteile gegenüber Bargeld haben. Das heißt konkret, es soll überall akzeptiert, kostenlos, sicher und risikofrei sein. Alle Bürger:innen sollen das digitale Bargeld niedrigschwellig nutzen können und zwar jederzeit und für alles – sowohl online, ohne Internetverbindung am Kiosk irgendwo im Urlaub als auch privat als Zahlung an Freunde mit kleinsten Beträgen – und das Ganze so anonym, wie ein paar Münzen und Scheine, die du jemandem in die Hand gibst.
Damit unterscheidet sich der angedachte digitale Euro grundsätzlich von den digitalen Bezahlmethoden, die wir sonst heute nutzen:
- Onlinebanking erfordert oft nervige Authentifizierungen und es dauert bis zu einem Tag, bis das Geld gutgeschrieben wird. Dazu sind wir auf privatwirtschaftliche Banken angewiesen und übergeben und verraten ihnen im Vertrauen auf das Bankgeheimnis alles über unsere Geldbewegungen.
- Kreditkarteninstitute existieren zwar abseits der Banken, doch auch sie können die Geldbewegungen einsehen – wobei unsere Daten im Ausland landen, meist den USA. Auch internationale Banken haben dort ihre Server, über die dann auch Zahlungsverkehr in Deutschland abgewickelt wird. Bei Kreditkarten sind dazwischen jedoch noch Dienstleister geschaltet (Acquirer, Issuer), die ebenfalls mitlesen können. Dies ist der EU ein Dorn im Auge. Die Daten der EU-Bürger:innen sollen in der EU bleiben – besonders, wenn es sich um so sensible Daten handelt wie das, was wir mit unserem Geld tun.
- Paypal Der beliebte Onlinezahlungsdienst transferiert zwar das Geld in Sekundenschnelle, ist aber ein Privatanbieter aus den USA. Geldüberweisungen sind hier zwar zu anderen Paypal-Kund:innen kostenlos, doch beim Bezahlen bei Händlern fallen (auf Händlerseite) hohe Gebühren an.
Was ist mit Kryptowährungen?
Kryptowährungen erfüllen einige Anforderungen, die der digitale Euro verspricht, denn sie funktionieren ohne Banken. Doch der Kryptowährungsmarkt ist starken Schwankungen unterworfen, für viele Menschen schwer durchschaubar, nicht so anonym wie angepriesen und von zahlreichen Betrugsmaschen und Betrüger:innen geplagt. Außerdem haben sie einen enorm hohen Ressourcenverbrauch und sind vermutlich nicht effizient genug, um viele Zahlungen in einem kurzen Zeitraum durchführen zu können.
Es geht also um eine neue Art des digitalen Zahlens,
Vor allem europäisch und nicht abhängig von Unternehmen und Institutionen aus den USA, das soll der digitale Euro sein. Das könnte auch Menschen zugutekommen, die kein Bankkonto besitzen (können), weil sie zum Beispiel obdachlos sind oder (wie im Fall von Asylbewerbern) keine klare Meldeadresse haben. Sie sollen laut EZB explizit daran teilhaben – ein inklusiver Ansatz.
Und noch einen Unterschied will die EZB durchsetzen: Analog zum bisherigen Bargeld soll der digitale Euro von der EZB als »digitales Zentralbankgeld« herausgegeben werden. Dadurch würde es – ebenso wie Bargeld – zu einem »legal tender« in der Eurozone. Somit müssten alle Händler in der EU den digitalen Euro als Zahlungsmittel akzeptieren, offline wie
Ein digitaler Euro wäre eine digitale Form von Bargeld – ausgegeben von der Zentralbank und für alle im Euroraum verfügbar.
Das klingt nach viel »wollen« und »sollen«, doch es ist der Europäischen Zentralbank sehr ernst – und mittlerweile ein Prestigeprojekt: der digitale Euro ist auf dem Weg.
Während die EZB im Jahr 2020 diese Ziele
Und so langsam wird es auch
Auch auf der
Die wichtigen Fragen lauten jetzt: Wann und wie wird das Projekt umgesetzt?
Genau das wird gerade ausgehandelt.
Dies ist die »Vorbereitungsphase«, die 2 Jahre dauern soll. Danach will der leitende Rat entscheiden,
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Hilfe, wie soll das denn bloß funktionieren?!
Die Idee eines digitalen Euro ist gut und die »digitale Bargeld-Währung« weit weg von Ängsten zur absoluten Bevölkerungskontrolle. Klar ist bisher nur, dass das Smartphone eine wichtige Rolle dabei spielen dürfte. So gibt es dann vielleicht die »Digitaler Euro«-App. Beim Bezahlen beim Eisverkäufer kurz mit dem Handy wedeln und schon bist du fertig – das ist eine schöne Idee, vor allem im sorgenfreien Sommerurlaub.
Doch schon jetzt zeigen sich viele Herausforderungen im Detail. Das liegt auch daran, dass die Anforderungen hoch und zum Teil noch recht offen formuliert sind. Hier 3 zentrale Punkte, an denen das Projekt vielleicht doch noch scheitern könnte:
- Anonymität: Bargeld ist auch im Jahr 2024 noch attraktiv, weil es anonym ist. Es ist nahezu unmöglich, genau nachzuverfolgen, was mit den 200 Euro passiert, die du von der Bank abgehoben hast. Und auch der digitale Euro soll die Privatsphäre der Menschen möglichst schonen – so das Ziel der EZB.
Doch diese behält sich auch vor, Transaktionen – sofern nötig – einsehen zu können, um zum Beispiel Geldwäsche und Terrorismus zu verhindern. Datenschützer kennen diese Formulierungen schon, die am Ende doch Überwachung ermöglichen. Und genau hier, also bei den Befugnissen der EZB, gibt es nach aktuellem Stand keine klaren Beschränkungen, weder gesetzlich noch organisatorisch. - Offlinezahlung: Wer mit Bargeld bezahlt, braucht keine Internetverbindung. Das soll auch beim digitalen Euro möglich sein. Das heißt, selbst wenn dein Smartphone mal wieder im Funkloch ist, sollst du einem Freund den gemeinsamen Einkauf auch über eine direkte Verbindung erstatten
- Zentralisierung: Im geplanten digitalen Euro spielt die EZB eine zentrale Rolle, zumindest dann, wenn es um Transaktionen geht, die nicht direkt offline stattfinden. Diese sollen in einem zentralen System bei der EZB innerhalb der EU durchgeführt werden. Datenschützer befürchten, dass ein so zentralisiertes
Auf all das hat die Europäische Zentralbank noch keine Antworten. Dafür hat sie bereits ein Vertrauensproblem. Denn während die Corona-App quelloffen war und damit um Vertrauen warb, sollen Soft- und Hardware beim digitalen Euro geheim bleiben, um Manipulationen zu erschweren. Das könnten Bürger:innen als Intransparenz interpretieren, was gerade bei einem Projekt, das in Konkurrenz zum vertrauten Bargeld steht, Akzeptanz und Verbreitung senken könnte. Im schlimmsten Fall wäre der digitale Euro dann eine gutgemeinte, aber ignorierte Lösung wie die Online-Ausweisfunktion (E-ID) in Deutschland. Wie viele Menschen kennst du, die sich damit digital identifizieren? Eben.
Und auch die Banken bringen dem digitalen Euro Bedenken entgegen. Wenn dieser interessanter als ihre Angebote ist, könnten viele Menschen in sehr kurzer Zeit ihr Geld den Banken entziehen – ein sogenannter »Bank Run«. Nun gibt es Befürchtungen von Banken, dass sie diese finanzielle Herausforderung nicht stemmen könnten und ihr Überleben gefährdet wäre. Daher hat die EZB Obergrenzen für den digitalen Euro vorgesehen. Du dürftest dann in deiner App zu jedem Zeitpunkt nicht mehr als 3.000 digitale Euro halten. Das beruhigt zwar die Banken, macht den digitalen Euro aber wieder für Bürger:innen unattraktiver.
Dabei gibt es schon eine alternative Lösung, die hier weiter ist.
Ein Taler als mögliche Lösung
Einer, der die Herausforderungen des digitalen Euro sieht und davon überzeugt ist, dass sie anders gelöst werden müssen, ist Christian Grothoff. Er ist Mitgründer von
Das Konzept hat mittlerweile sogar einige Partner:innen gewinnen können, darunter die GLS Bank.
Könnte das nicht auch ein Ansatz für den digitalen Euro sein? Wir haben mit Christian Grothoff gesprochen. Bei Taler handelt es sich um ein alternatives digitales Zahlungssystem. Grothoff erklärt es in etwa so:
Dein Geld wird bei Taler in Form von sogenannten Tokens gespeichert, also kurzen Sequenzen von signierten Daten. Die Tokens sind digitale Repräsentationen des Geldes, das in einer Datenbank vermerkt ist. Das klingt zwar nach Kryptowährungen, hat damit aber nicht viel zu tun. Taler benutzt keine Blockchain-Technologie, trotzdem arbeiten im Hintergrund komplexe kryptografische Prozesse.
Nutzende bekommen davon nichts mit. Sie nutzen eine Wallet-App zum Beispiel auf dem Smartphone oder sogar in einem Browser. Diese wird mit Geld von einer Bank aufgeladen, wobei die Taler entstehen, digitale Münzen, die dabei digital signiert werden, um die »Echtheit« zu
Und diese Token können dann über die Wallets verschoben werden, ohne dass die Banken wissen, wohin und wofür. Dies hat einige einzigartige Vorteile – vor allem für die Nutzenden:
- Die Privatsphäre steckt im Design. Transaktionen über die digitalen Taler sind anonym für die Bezahlenden. Bei der Konzeption des Taler-Systems wurden von Beginn an die Grundsätze »Privacy by design« (das heißt Privatsphäre schon im Design festgelegt) und »Privacy by default« (das heißt in den Grundeinstellungen ist die Privatsphäre bereits umfassend geschützt) umgesetzt. Standardmäßig sehen die Systembetreiber nicht, wo und was Nutzende zahlen. Du als Nutzer:in entscheidest selbst, ob und wie anonym du bei einer Zahlung bleiben möchtest. Bei den Transaktionen tauchen sowieso keine Kontodaten auf, da ausschließlich Taler-Tokens ausgetauscht werden, die sich keinem Konto oder Besitzer:in zuordnen lassen.
- Taler-Zahlungen benötigen nur geringe Ressourcen und die App ist in jedem Browser zu öffnen. Onlinezahlungen bei Taler können ohne Registrierung beim Händler durchgeführt werden. So ähnlich ist es auch beim digitalen Euro vorgesehen. Allerdings ist die Hemmschwelle zum Zahlen mit Taler noch einmal niedriger: da die Technik sehr wenige Ressourcen verbraucht und die Wallets sehr einfach in jedem Browser genutzt werden können, lassen sich (zumindest in der Theorie) auch kleinste Zahlungen mit minimalen Gebühren und sehr wenigen Klicks sicher durchführen – ohne Login.
- Taler sind programmierbar und können etwa Jugendschutz umsetzen. Die Taler-Tokens sind programmierbar und lassen sich so einstellen, dass Käufe bestimmter Produkte oder ab einer bestimmten Höhe erst ab einem festlegbaren Alter möglich sind. Somit könnten auch Jugendliche bereits ihre eigenen »Taschengeld«-Wallets bekommen und damit im Supermarkt oder im Internet Produkte und Dienstleistungen bezahlen, die für ihr Alter freigeschaltet sind. Die Alterskontrolle muss dabei nicht bei jedem Zahlvorgang stattfinden, sondern die Eltern legen beim Abheben des Geldes in die Wallet ihres Kindes einfach fest, dass es mit den Talern zum Beispiel nur Produkte »bis 14 Jahre« kaufen kann.
Der Transfer der Taler passiert über die sogenannten Exchanges. Der Knackpunkt dabei ist, dass weder Banken noch Händler dabei Daten der Kund:innen zu sehen bekommen. Sie wissen immer nur, dass eine bestimmte Menge Taler rausgeht oder eintrifft. Die Banken bekommen nur die digitalen Münzen zu sehen, also die Tokens, und stellen sicher, dass diese gültig sind und nicht doppelt verwendet werden. Das ist einerseits ein Schutz der
Das könnte sich auch der Staat zunutze machen, wenn er Umsätze besteuern will. Die Besteuerung ist bei Taler problemlos möglich und von Händlerseite nahezu
Aber ist das nicht irgendwie doch manipulierbar, wollen wir von Christian Grothoff wissen.
Der Professor für Informatik beruhigt: »Das Taler-System ist so ausgelegt, dass kein Teilnehmer des Systems betrügen oder anderen schaden kann. Die Exchanges, die ein entscheidendes Element im System darstellen, werden durch sogenannte Auditoren regelmäßig geprüft. Dabei handelt es sich sozusagen um eine Bankenaufsicht als Software, die regelmäßig Transaktionen prüft und sicherstellt, dass bei den Exchanges alles mit rechten Dingen zugeht.«
Anders gesagt: Wenn jemand auf die Idee kommt, seine eigene Wallet-Software zu manipulieren, kann er sich damit allenfalls selbst schaden.
Auch beim Thema Inklusion ist Grothoffs Taler gut aufgestellt. Dadurch, dass das System so ressourcenschonend ist, kann es auch auf sehr günstigen Smartphones funktionieren. Außerdem wird laut Grothoff bereits an einer guten Unterstützung für Blinde gearbeitet und es ist geplant, das Projekt unter anderem in Entwicklungsländern zu testen, um es nutzbarer für Analphabet:innen zu machen.
Da Taler auch unabhängig von einem Bankkonto funktioniert, wäre es zu guter Letzt auch möglich, dass Touristen eine Taler-Wallet bekommen und diese einmalig »aufladen«, um damit überall in der EU – online und im Supermarkt – zahlen zu können.
Wo Taler und digitaler Euro nicht zusammenkommen
Grothoff steht dem digitalen Euro kritisch gegenüber. Und er gibt offen zu, dass sein System einige Ziele und Anforderungen des digitalen Euro nicht erfüllt. Denn alle Taler-Zahlungen
Anonyme Offlinezahlungen sieht das System einfach nicht vor – doch Grothoff glaubt nicht, dass diese sinnvoll sind: »Wie dabei Geldwäsche oder das Kopieren von größeren Geldmengen verhindert werden sollen, ist völlig unklar. Diese Anforderungen lassen sich nicht umsetzen.«
GNU Taler hat Potenzial und wird beständig weiterentwickelt. Der Antrag, Taler in der Schweiz einzuführen, wurde dennoch knapp abgelehnt. Die Akzeptanz eines alternativen digitalen Währungssystems scheint in Teilen der Politik noch niedrig – ein Widerstand, den auch die EZB überwinden muss.
Taler wird aktuell im Zuge von Lokalwährungen bereits testweise eingesetzt, zum Beispiel beim
Das Ziel ist es, bis Anfang 2025 ein europaweit verfügbares Zahlungsmittel zu haben, welches bereits von einigen Händlern unterstützt wird. Vielleicht kannst du also – unabhängig vom digitalen Euro – schon bald mit dem digitalen Taler bezahlen.
Die Frage, die am Ende bleibt, ist, für welche Umsetzung sich die EU entscheidet. Klar ist nur, dass das digitale Bargeld auf dem Weg ist und wir langsam erahnen können, was auf uns zukommt.
Letztlich steht und fällt alles mit der Akzeptanz in der Bevölkerung. Also geht die Frage an dich:
Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily