Gastautorin: Katharina Lüth

Denkst du, ich bin arm dran?

22. August 2017

Meine Familie und ich gehören zu den ärmsten 17% der Deutschen. So meistern wir unseren Alltag.

Wir sitzen zusammen am Abendbrottisch. Es gibt Kartoffeln und Spinat. Mein Freund erzählt von seinem Studienprojekt, ich berichte von meinem Praktikum und unser Sohn Jakob schwärmt von Dinosaurierspuren, die er im Kindergarten gefunden hat. Ihn beschäftigt gerade die Entstehung der Erde mit ihren unterschiedlichen Bewohnern. Klingt nach einem normalen Familienalltag. Dabei sind wir arm dran. Jedenfalls offiziell: Wir sind eine Familie mit geringem Einkommen und leben unter der Armutsgrenze. Arm ist man, wenn man monatlich weniger als 60% des mittleren Netto-Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat. Und das scheinen auch alle um mich herum zu wissen. Immer wieder höre ich:

Das muss hart sein, mit so wenig Geld ein Kind großzuziehen. Du Arme.

Was schwingt in solchen Sätzen mit? Denkt man über mich, dass ich meinem Kind nichts zu bieten habe? Oder hat man Respekt vor mir, weil ich es trotz dieser Situation irgendwie hinbekomme, zu überleben? Ich bin auch mit wenig Geld zufrieden. Arm fühle ich mich nicht – obwohl ich es bin und auch so wahrgenommen werde. Wie passt das zusammen?

Fremdzuschreibungen können manchmal erdrückend sein. – Quelle: James Pond CC0

Über den Begriff Armut Die Begriffe »armutsgefährdet« und »arm« werden von offizieller Seite synonym verwendet, beispielsweise im Datenreport des statistischen Bundesamtes 2016 Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg über den Armutsdiskurs (2012) wird viel diskutiert.

Statistische Ämter des Bundes und der Länder (2015) Offiziell verhält es sich so: Arm ist, wer bis zu 60% des Medians Der Median ist ein statistischer Wert, der bei ungleichmäßigen Verteilungen anstelle des Durchschnitts genutzt wird. Ein einfaches Beispiel: Person A hat 1.000 Euro, Person B 2.000 Euro, Person C 9.000 Euro. Im Durchschnitt haben diese Personen 4.000 Euro (12.000 Euro geteilt durch 3). Der Median hingegen zeigt auf die Mitte, wenn man gedanklich alle Menschen nach ihrem Einkommen sortiert in eine Reihe stellt. In diesem Fall wären es 2.000 Euro. Der Median gibt an, dass die Hälfte der Stichprobe nicht mehr und nicht weniger als 2.000 Euro hat. des Netto-Äquivalenzeinkommens Das Netto-Äquivalenzeinkommen ist ein Pro-Kopf-Wert, der sich aus dem Einkommen eines Haushalts und der Personenanzahl in diesem Haushalt ergibt. Durch diesen Wert werden verschiedene Einkommen einfacher miteinander vergleichbar, etwa weil in größeren Haushalten Einsparungen auftreten. So kannst du dein Netto-Äquivalenzeinkommen berechnen:

1. Berechne dein Bedarfsgewicht: Zu dem Gewicht der Person mit dem höchsten Beitrag zum Haushalts-Nettoeinkommen, das mit 1 festgelegt ist, addierst du 0,5 für jedes weitere Haushaltsmitglied ab 14 Jahren und 0,3 für unter 14-Jährige. Für uns: 1,8 für 2 Erwachsene und 1 Kind.

2. Berechne dein Haushalts-Nettoeinkommen (das Einkommen von allen, mit denen du in einem Haushalt lebst) inklusive aller Leistungen wie beispielsweise Wohngeld.

3. Teile dein Haushalts-Nettoeinkommen durch dein Bedarfsgewicht.

Bei uns sind das 1.627 Euro/1,8 = 904 Euro monatlich. Das sind 52% des deutschen Medians von monatlich 1.722 Euro. Hier kannst du es noch genauer nachlesen.
hat. Für Alleinlebende Statistisches Bundesamt (2016) liegt diese Grenze bei 1.033 Euro. Mit 1.627 Euro Einkommen (inklusive aller Leistungen) haben wir als dreiköpfige Familie 52% des deutschen Medians. Der deutsche Median liegt bei 1.722 Euro pro Monat pro Person. Du denkst, ich habe mich verrechnet, weil 1.627 Euro nicht 52% von 1.722 Euro sind? So einfach ist es leider nicht – schau mal im vorherigen Klapper nach! Damit gelten wir nach der offiziellen Definition als arm. Alternativ zum Einkommen als Armuts-Indikator könnte man auch fragen: Was kann ich mir leisten? Oder auch: Bin ich gesund und sozial gut vernetzt?

Auf Spiegel Online habe ich diese 3 Tests gemacht – mit dem folgenden Ergebnis: Geht es nach der dritten Rechnung, bin ich nicht arm. Ich kann mich auf Freunde und Familie verlassen und bin gesund. Das leuchtet mir ein. Interessanter finde ich, dass die Rechnungen 1 und 2 nicht das Gleiche ergeben, obwohl sich beide auf finanzielle Armut beziehen. Geht es nach dem Einkommen, bin ich arm. Klare Ansage, da der Wert mit der 60%-Grenze verglichen wird. Für Rechnung 2 beantworte ich 11 Fragen dazu, was ich mir leisten kann. Mindestens 4 muss ich mit »Nein« beantworten, um nach dieser Rechnung als arm zu gelten. Die Stromrechnung zahlen wir pünktlich, wir können uns eine Woche Urlaub im Jahr leisten und im Notfall wäre auch ein neues Telefon drin. Check. Nach dieser Rechnung bin ich nicht arm. Die einzige Frage, bei der ich »Nein« ankreuze, ist: Kann ich mir ein Auto anschaffen? Zum Glück brauche ich keins.

Und nicht nur das. Ich gehöre sogar Armutsgefährdung in Deutschland, Statistisches Bundesamt (2015) zu den 17% der ärmsten Menschen in Deutschland. Weltweit gesehen bin ich aber ziemlich reich: Ich gehöre zu den 14% der reichsten Menschen auf unserem Planeten. Hier erfährst du, wie reich du im Vergleich zur Weltbevölkerung bist (englisch).

Wie kommen wir über die Runden?

Trotzdem kommen wir gut über die Runden. Diese Beträge gehen jeden Monat auf unserem Familienkonto ein:

  • Meine Haupt-Einnahmequelle ist das BAföG: BAföG steht für Bundesausbildungsförderungsgesetz und gleichzeitig für das Geld, das junge Erwachsene durch dieses Gesetz bekommen, um ihre Ausbildung oder ihr Studium zu finanzieren. Das Geld wird mir zur Hälfte geschenkt, die andere Hälfte zahle ich zurück, sobald ich genug verdiene, wobei maximal 10.000 Euro des Darlehens zurückgezahlt werden müssen. Studierende mit Kind bekommen zusätzlich einen Bonus von 112 Euro geschenkt. Außerdem darf man sich mit Kind im Studium mehr Zeit lassen und wird länger gefördert. 511 Euro bekomme ich monatlich vom Amt.
  • Für Jakob bekommen wir jeden Monat 192 Euro Kindergeld. Kindergeld bekommen alle Eltern (auch Adoptiv- und Pflegeeltern) für jedes Kind, bis es das 25. Lebensjahr vollendet. Die Höhe ist bundesweit gleich und beträgt in diesem Jahr 192 Euro fürs erste und zweite Kind, 198 Euro fürs dritte Kind und 223 Euro für jedes weitere Kind.
  • Die Miete können wir dank Wohngeld Das Wohngeld ist ein Zuschuss zur Miete für Personen mit wenig Einkommen. Es wird zur Hälfte vom Bund und zur anderen Hälfte von den Ländern aufgebracht. bestreiten: 324 Euro Zuschuss fließt auf unser Konto.
  • Unterstützung der Familie: Mein Freund bekommt 600 Euro von seinen Eltern. Wenn er das nicht bekäme, könnte auch er BAföG beziehen, denn ob man BAföG-berechtigt ist, hängt vom Einkommen der Eltern ab. Eltern sind dazu verpflichtet, ihren Kindern die erste Ausbildung zu finanzieren. Wenn das nicht möglich ist, zahlt das BAföG-Amt.
  • Die Stadt bezahlt für den Kindergarten Betreuungskosten: Für die Kosten der Kitas gibt es unterschiedliche Modelle: In einigen Bundesländern kostet die Betreuung für alle gleich viel, in anderen ist es nach dem Einkommen gestaffelt. In Berlin kostet ein Kita-Platz gar nichts. 218 Euro pro Monat, die uns erspart bleiben.
  • Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT): Das Paket Bildung und Teilhabe besteht aus Leistungen, die das »Mitmachen« (wie beispielsweise bei Schulausflügen oder dem gemeinsamen Mittagessen im Kindergarten) finanziell möglich machen. Berechtigt dafür sind laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales »Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Arbeitslosengeld II, Sozialgeld oder Sozialhilfe erhalten oder deren Eltern den Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen«. Wer BuT-berechtigt ist, kann in sowieso schon günstigen sozialen Kaufhäusern nochmal billiger einkaufen und erhält preisreduzierte Tickets fürs Theater und andere Kulturangebote. Außerdem kann jeder BuT-Berechtigte bei der Tafel Essen beziehen. Die Idee hinter den gemeinnützigen Tafeln: Es gibt viele Menschen, die nur wenig Geld haben. Gleichzeitig wird täglich eine Menge an noch genießbaren Lebensmitteln weggeschmissen. Die Tafeln bemühen sich um einen Ausgleich: Überschüssige Lebensmittel werden gesammelt und an Bedürftige verteilt, entweder kostenlos oder gegen einen kleinen Betrag von 1 bis 2 Euro, je nachdem, wer wie viel geben kann.

    In Deutschland gibt es 931 Tafeln mit mehr als 2.100 Tafel-Läden und Ausgabestellen, an denen etwa 1,5 Millionen Menschen regelmäßig Lebensmittel abholen. Außerdem sind Tafeln oft auch soziale Treffpunkte: Es gibt warme Mahlzeiten, Möbel- und Bücherbörsen, Kleiderkammern, Kinderbetreuung und Beratung.
    30 von den 50 Euro, die das Mittagessen im Kindergarten monatlich kostet, werden übernommen.

Sprichst du »Bürokratisch«?

Mit unseren Zuschüssen haben wir noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Der Geschäftsführer des Homepage des Deutschen Familienverbands Deutschen Familienverbands Der Deutsche Familienverband e.V. setzt sich seit über 90 Jahren für Veränderungen in der Familienpolitik ein. Der gemeinnützige Verein arbeitet sowohl auf Bundesebene als auch lokal durch viele Ortsgruppen und Landesverbände in allen Bundesländern. Sebastian Heimann nennt mir im Interview weitere Angebote für einkommensschwache Familien:

Der Geschäftsführer des Deutschen Familienverbands Sebastian Heimann – Quelle: Sebastian Heimann copyright

  • Den Kinderzuschlag Wer so viel Geld zur Verfügung hat, dass kein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht, aber noch so wenig, dass der Bedarf der Familie nicht gedeckt ist, kann den Kinderzuschlag bekommen. Der Bedarf setzt sich wiederum individuell aus der Miete und einer Summe pro Person zusammen. Hier wird die genaue Rechnung beschrieben. von monatlich maximal 170 Euro pro Kind können Familien bekommen, Merkblatt zum Kinderzuschlag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend deren Einkommen in einem bestimmten Bereich liegt. Doch: »Den zu beantragen ist hoch kompliziert. Die Grenzen, die man einhalten muss, um den Kinderzuschlag zu bekommen, sind sehr eng, und die Infos für Familien sind unzureichend ausgestaltet.«

  • Familienerholung: Die Sommerferien stehen an, aber die Familienkasse ist leer? Der geförderte Familienurlaub Ein Beispiel für eine Familienerholung für einkommensschwache Familien: Im Erholungs- und Bildungszentrum Wittensee verbringen 49 Kinder, Jugendliche und Erwachsene 2 Wochen miteinander. Diese Familienfreizeit mit Spielen, Sport, Ausflügen und Festen hat nicht nur Erholung, sondern auch die Vernetzung der Familien und die Stärkung der Beziehungskompetenz zum Ziel. Zahlen müssen die Teilnehmenden 50–100 Euro. Der Rest wird durch Spenden von Einzelpersonen, Banken, Firmen und Stiftungen finanziert.

    Auf dieser Website findest du die Ansprechpartner für jedes Bundesland (leider machen nicht alle Bundesländer mit), und hier findest du noch mehr Beispiele und Infos.
    Zur Website der »Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung« ermöglicht einkommensschwachen Familien eine Auszeit. Aber: Das »wird leider immer mehr zusammengestrichen. Es gibt nur eine Handvoll Bundesländer, die diese Erholung überhaupt noch finanzieren.«

  • Das Schulbedarfs-Paket soll sicherstellen, dass Kinder wie Jakob sich keine Buntstifte von ihren Klassenkameraden ausleihen müssen. Der Familien-Wegweiser zum BuT-Paket 100 Euro im Jahr bekommen Empfänger von Wohngeld oder Kinderzuschlag für Bücher, Hefte und Tuschkasten.

Dass ich von diesen Mitteln erst jetzt erfahre, zeigt mir, dass an der Kommunikation solcher Fördermittel noch einiges verbessert werden kann. Manchmal brauchte ich viel Glück, um Hilfe zu finden: Vor der Geburt meines Sohnes bekam ich 1.000 Euro für die Erstausstattung Für diese Summe kann man locker einen Kinderwagen, ein Kinderbett, eine Tragevorrichtung, einen Auto-Kindersitz, Fläschchen und Wickelunterlage, die ersten Klamotten und Windeln bekommen. Natürlich nur, wenn man bereit ist, beispielsweise beim Kinderwagen auf Gebrauchtwaren zurückzugreifen, und sich nicht die teure Luxusschlitten-Variante gönnt. von einer Stiftung. Wir haben damals Geld von der Stiftung Familie in Not in Niedersachsen bekommen. Eine Beraterin von pro familia pro familia ist die »Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung«. Hier geht’s zur Homepage. hatte mich auf diese Idee gebracht – sonst wäre mir wohl auch diese Möglichkeit entgangen.

Um herauszufinden, was ich wo beantrage, brauche ich Geduld – und Zeit.

Ich sitze an einer Hausarbeit für die Uni, doch Behördengänge halten mich vom Nachdenken ab. Ich muss Wohngeld beantragen und mache mich auf den Weg zum Stadthaus, Fachbereich »Integration, Soziales und Bürgerengagement«. Für die Übernahme der Betreuungskosten wechsle ich zu »Kinder, Jugendliche und Familien«. Für BuT-Leistungen stelle ich mich bei den Sachbearbeitern des Gebiets »Soziales und Gesundheit« in die Schlange, bevor mein Weg zurück zur Uni führt: Ich muss noch zum BAföG-Amt. Das Formular enthält Worte, deren Bedeutung ich ausführlich recherchieren muss, bevor ich mein Häkchen setze. Wenn ich einen Fehler mache, bekomme ich am Ende womöglich kein Geld.

powered by Typeform

Bis ich alles beantragt und auch auf dem Konto habe, vergehen oft Monate. Dann fange ich an, den Folgeantrag auszufüllen.

»Manchmal reicht nicht mal ein Studienabschluss, um die Formulare zu verstehen« – Sebastian Heimann.

Um Hilfe beim Ausfüllen der Formulare zu bekommen, gibt es unabhängige Beratungsstellen, Beispielsweise kann an den Universitäten eine Beratung durch den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) beim BAföG-Antrag helfen. Mit dieser Suchmaske findest du verschiedene Beratungsstellen in deiner Stadt. die zwar hilfreich sind, aber nicht nötig wären, wenn die Bürokratie einfacher zu bewältigen wäre:

Ich wünsche mir eine übergeordnete Anlaufstelle, bei der ich Leistungen beantragen kann, statt alle Dokumente über meine finanzielle Situation vielfach einzureichen. Dadurch müsste ich nicht jedes Mal aufs Neue meine Geschichte erzählen und hätte idealerweise eine feste Ansprechperson, die meine Situation kennt und von der ich erfahre, welche Mittel oder Projekte für mich in Frage kommen. Sebastian Heimann vom Deutschen Familienverband schlägt vor, eine zentrale Online-Plattform für das Einreichen von Dokumenten zu schaffen.

Was heißt schon genug?

Trotz all dieser Hürden kommen wir mit dem Geld, das am Ende dabei rauskommt, gut zurecht. Dabei hilft uns auch unser Konsumverhalten. Bevor wir uns etwas kaufen, fragen wir uns: Was wollen wir? Und was brauchen wir?

Spätestens jetzt ist es egal, ob die Stiefel aus der schicken Boutique oder dem Second-Hand-Laden sind. – Quelle: knutzinger CC0

Jakob braucht dringend neue Schuhe. Gummistiefel braucht er in jeder Größe doppelt, einmal für uns zu Hause und einmal für das Schuhregal im Kindergarten. Wir machen uns auf den Weg zur »Möwe«, einem sozialen Kaufhaus Soziale Kaufhäuser sind günstige Second-Hand-Läden. Es gibt dort Kleidung, Hausrat, Möbel, Spielzeug und andere nützliche Dinge. Es werden gespendete, gut erhaltene Sachen angeboten. Auch Neuware, die bei kommerziellen Kaufhäusern überflüssig ist, kann dort verkauft werden. Da soziale Kaufhäuser nicht gewinnorientiert arbeiten, ist alles sehr günstig. Eine Kinderhose gibt es dort für 50 Cent. in der Innenstadt. Jakob kennt den Laden und weiß, dass er zusätzlich zu den Gummistiefeln ein Buch aussuchen darf. Hier können wir uns dieses kleine Extra leisten. Wir haben kein Glück, in Schuhgröße 27 sind gerade keine Gummistiefel da. Doch nur 5 Fahrradminuten entfernt werden wir im nächsten sozialen Kaufhaus fündig. 1,50 Euro kostet das Paar. Wenn Jakobs Füße auf die nächste Größe gewachsen sind, kaufen wir dort neue Schuhe und spenden die alten.

Zugegeben, es ist einfacher, in einen Laden zu gehen, in dem es immer Gummistiefel in allen Größen, Farben und Variationen gibt, doch will ich wirklich alle 3 Monate Geld für 2 neue Paar Gummistiefel ausgeben? Nein, weil es umweltfreundlicher ist, Sachen öfter zu verwenden.

»Kinder. Armut. Familie«, Bertelsmann Stiftung (2017). Ironischerweise kostet es 20 Euro, diese Studie zu lesen Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung können sich 10% der Kinder aus armen Familien in Deutschland keine Winterklamotten leisten. Wie kann das sein? Winterklamotten für sehr wenig Geld liegen vielleicht nicht in schicken Einkaufszentren, ganz sicher aber in sozialen Kaufhäusern, Second-Hand-Läden, auf Flohmärkten und sogar kostenlos in Kleiderkammern. In Kleiderkammern werden Klamotten an Bedürftige kostenlos abgegeben, wie beispielsweise vom Deutschen Roten Kreuz. Suche hier nach Kleiderkammern in deiner Nähe.

Schnäppchen aus dem Second-Hand-Laden passen vielleicht nicht zum aktuellen Saisontrend – aber das ist mir auch nicht wichtig.

Ob man sich arm fühlt, hängt nämlich auch davon ab, mit wem man sich vergleicht. Verglichen mit Großverdienern in Designermode, die ihre Autos vor einem Haus mit Pool parken und mehrmals im Jahr nach Mauritius jetten, habe ich natürlich nicht viel.

Doch wenn ich mich mit Mittel- und Geringverdienern vergleiche – Moment mal, warum sollte ich mich überhaupt vergleichen? Die für mich relevante Frage ist doch eigentlich, ob die Bedürfnisse meiner Familie erfüllt sind.

Einige Posten sind in dieser Grafik nicht extra aufgeführt: Bus und Bahn sind durch die Semesterbeiträge abgedeckt, Kinder fahren kostenlos. Die Beiträge für unsere Krankenversicherung sind so niedrig, weil mein Freund noch über seine Eltern versichert ist. –

Wenn ich mir diese Liste angucke, denke ich: Unser Leben ist alles andere als »arm«. Diese Liste deckt alles ab, was wir für ein erfülltes Leben brauchen.

Klar, einige Erleichterungen verdanke ich meinem Studentenstatus. Ich bin mir bewusst, dass ich zu einer relativ privilegierten Armutsgruppe zähle, denn natürlich gibt es Das bedingungslose Grundeinkommen könnte helfen, schreibt Han Langeslag hier auch in Deutschland Menschen, Über Folgen von Armut berichtet Han Langeslag hier die tatsächlich zu wenig haben.

Und auch ich stoße an einige Grenzen. Für diese Dinge, die ich gerne tun würde, bräuchte ich mehr Geld:

  • Umweltfreundlicher und fairer Konsum: Ich greife nach der in Plastik eingepackten Paprika, die leider günstiger ist als die unverpackte. Felix Austen erklärt, warum Bio-Essen in vielerlei Hinsicht besser ist Bio-Lebensmittel und fair gehandelte Kleidung sind teuer. Ich würde gerne die andere Wahl treffen und meinen Beitrag zu einer nachhaltigeren Gesellschaft leisten.

  • Altersvorsorge: Ich hätte später gern mehr Geld, falls die gesetzliche Rente nicht ausreicht. Aber davon, einen Bausparvertrag oder eine Lebensversicherung finanzieren zu können, bin ich weit entfernt.

  • Ein Urlaub, der mehr kosten darf als ein Zeltplatz oder eine günstige Ferienwohnung, bleibt erst einmal auf dem Wunschzettel stehen.

Fühlt mein Sohn sich arm?

In die Bibliothek kann man mit Kindern kostenlos. Eine tolle Beschäftigung (nicht nur) bei Regenwetter! – Quelle: Pixabay CC0

Ich weiß, warum ich mich trotzdem nicht arm fühle – aber wie ist das bei Jakob? Auch bei ihm kommt das Thema auf. Jakob hat eine Spardose, in der ein Haufen Cent-Stücke für ihn den Anschein erweckt, er besäße eine Menge Geld. Später will er sich davon ein Motorboot kaufen. Eins mit 10 Sitzen, damit auch Oma und Opa und ein paar Freunde mitfahren können. Eine genaue Vorstellung von Geld hat er nicht. Aber er weiß genau, dass wir nicht so viel davon haben wie eine Familie, in der beide Eltern arbeiten und ein eigenes Haus finanzieren können. Dass wir kein Eigenheim haben, findet Jakob manchmal schade. Aber nur, wenn er sich mit einer bestimmten Gruppe seiner Freunde vergleicht. Manchmal vergleicht er sich aber auch mit Kindern, die eine halbe Stunde laufen müssen, um an Wasser zu kommen. Als im Kindergarten das Thema Im Kindergarten guckte die Gruppe »Willi in Kenia«. Nicht nur für Kindergartenkinder sehenswert »Kinder in Kenia« einige Wochen lang erforscht wurde, fiel Jakob auf, wie gut es uns hier geht – und dass wir eigentlich alles haben, was wir brauchen.

Katharina Lüth studiert Cognitive Science in Osnabrück. Von Mai bis August hat sie die Perspective-Daily-Redaktion als Praktikantin unterstützt. Ihr Sohn Jakob ist 5 Jahre alt.

Katharina Lüth - copyright

 

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Werde jetzt Mitglied!

Als Mitglied erhältst du deine tägliche Dosis neuer Perspektiven:
Statt Nachrichtenflut ein Beitrag pro Tag - verständlich, zukunftsorientiert, werbefrei!

Diesen Artikel schenkt dir Perspective Daily von Perspective Daily.

Jetzt Mitglied werden ›