Peter Dörrie / Reportage

Können wir Armut nicht einfach abschaffen?

28. August 2017

Bei Armutsbekämpfung denken wir eigentlich an eine geschenkte Ziege, Care-Pakete oder neue Schulen. Aber was würde passieren, wenn wir armen Menschen einfach Geld geben, damit sie nicht mehr arm sind? Eine Utopie? Nicht in Kenia.

Makanga Tatsächlich heißt das Dorf anders. Ich habe den Namen auf Wunsch des Forschungsteams geändert. ist ein Dorf wie viele in Kenia. Es gibt keinen richtigen Dorfkern, dafür verstreute Gehöfte mit Wänden aus Lehm und Dächern aus Wellblech. Durch Felder, die unter der anhaltenden Dürre Seit dem letzten Jahr erleben alle Länder Ostafrikas eine schwere Dürre mit erheblichen Einbußen der Nahrungsmittelproduktion. Dürre-Ereignisse häufen sich in dieser Region durch die Folgen des Klimawandels in den letzten Jahrzehnten, die letzte katastrophale Dürre war erst im Jahr 2011. leiden, schlängeln sich Trampelpfade. Hin und wieder kreuzt eine magere Kuh den Weg, Strommasten und Wasserleitungen gibt es nicht. Was zunächst verborgen bleibt: Makanga ist in Kenia, ja vielleicht in ganz Subsahara-Afrika einzigartig, denn hier lebt kein Erwachsener In Kenia gilt man wie in Deutschland laut Gesetz ab 18 Jahren als volljährig. unter der Armutsschwelle.

Ganz einfach weil jeder der knapp 100 über 18-Jährigen des Dorfes seit Oktober 2016 jeden Monat 22 US-Dollar überwiesen bekommt. Praktisch kein Bewohner Makangas hat ein Bankkonto. Allerdings ist in Kenia das mobile Bezahlsystem M-Pesa sehr verbreitet, an dem jeder mit einem normalen Handy teilnehmen kann, auch ohne Smartphone. Prepaid-Handys wiederum sind auch für die allermeisten Kenianer erschwinglich. Gut 80% aller Kenianer verfügen vermutlich über einen Mobilfunkanschluss. In den nächsten 10 Minuten erfährst du, warum die Organisation GiveDirectly GiveDirectly wurde im Jahr 2009 von Studierenden der Universitäten Harvard und MIT gegründet. Auf der Suche nach einem möglichst effektiven Weg, Geld zu spenden, fanden sie in der wissenschaftlichen Literatur starke Belege für die Effektivität von Bargeld, aber keine Organisation, die gezielt bedingungslose Zahlungen an Menschen in Afrika organisiert. das macht, welche Auswirkungen das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) schon heute auf die Bewohner von Makanga hat und was wir daraus über die Abschaffung von Armut lernen können, auch mit Blick auf ein ähnliches Modell in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Die Idee eines BGEs wird auch in Industrienationen zunehmend diskutiert. In Deutschland sind entsprechende Konzepte von verschiedenen politischen Stiftungen erarbeitet worden.

Bevor es losgeht, gibt es 2 Begriffe, die du unbedingt kennen solltest:

  • Artmutsschwelle: Jedes Land der Welt hat eine eigene Armutsschwelle, unterhalb derer die Bewohner Katharina Lüth schreibt auf Perspective Daily darüber, wie sie Armut im Familienleben empfindet als »absolut arm« gelten. In Kenia entspricht sie einem Einkommen von 20 US-Dollar im Monat. Tatsächlich gibt es in Kenia 2 Armutsschwellen, jeweils für die ländliche und städtische Bevölkerung. Für den Grundeinkommens-Versuch von GiveDirectly ist aber nur die ländliche Armutsschwelle interessant. Etwa 45% der Bevölkerung muss Armutsstatistiken der Weltbank (englisch, 2017) mit weniger auskommen. Außerdem gibt es eine »internationale Armutsschwelle«, die bei einem Einkommen von 1,90 US-Dollar am Tag liegt, angepasst an die Kaufkraft 1,90 US-Dollar sind im ländlichen Kenia natürlich erheblich mehr wert als in einer deutschen Großstadt. Darum gibt es zwar eine allgemeine internationale Armutsschwelle, aber für jedes Land auch einen »Wechselkurs«, um dieser unterschiedlichen Kaufkraft gerecht zu werden. im jeweiligen Land. Werden globale Armutsstatistiken zitiert, beziehen die sich meist auf die 1,90-US-Dollar-Defintion.

  • BGE: Beim bedingungslosen Grundeinkommen erhalten alle Bewohner eines Staates oder einer Region unabhängig von ihrem Einkommen eine regelmäßige Geldzahlung. Diese deckt mindestens die individuellen Grundbedürfnisse ab und die Empfänger müssen keine Gegenleistung erbringen.

Was hilft wirklich gegen Armut?

Caroline Teti, Direktorin für externe Beziehungen bei GiveDirectly – Quelle: Peter Dörrie copyright

Nehmen wir mal an, du willst 20 Euro an eine afrikanische Hier kommentiert Gastautor Graeme Maxton den weltweiten Spenden-Boom Hilfsorganisation spenden. Würdest du das Geld spontan lieber an eine Organisation geben, die damit Nahrungsmittel, eine Ziege oder Saatgut an Menschen vor Ort verteilt? Oder gibst du es an eine Organisation, die das Geld direkt an Hilfsbedürftige weitergibt? Die meisten Menschen wählen intuitiv die erste Variante, denn wir vertrauen darauf, dass die Hilfsorganisationen die richtigen Entscheidungen für die Empfänger treffen.

Caroline Teti sieht das anders. Die Direktorin für externe Beziehungen Die Kenianerin kümmert sich um die Kontakte zu Journalisten, aber auch zu staatlichen Stellen und anderen Kooperationspartnern. der Organisation GiveDirectly sitzt im sechsten Stock eines Bürohochhauses in Kenias Hauptstadt Nairobi. Eigentlich vergibt GiveDirectly bedingungslose Einmalzahlungen, Dabei bekommen Empfänger, in den meisten Fällen Frauen die unterhalb der Armutsgrenze leben, 1.000 Dollar in 3 Raten ausgezahlt, jeweils im Abstand von ein paar Monaten. Die Empfänger verpflichten sich nicht zu einer bestimmten Verwendung der Gelder. finanziert durch Spenden in Bedingungslose Einmalzahlungen waren auch im letzten Teamtext ein Thema. Höhe von 1.000 US-Dollar an Empfänger in Kenia, Uganda und Ruanda.

Schon länger interessiere die Organisation aber auch, ob sich ein BGE zur Armutsbekämpfung eignen würde, so Caroline Teti. Das Problem: Belastbare Studien zu den Auswirkungen eines BGEs gibt es weder aus Entwicklungs- noch aus Industrieländern. Zwar gab es einige Versuche, BGE umzusetzen, etwa in Kanada, Namibia und bald auch in Finnland. Keines dieser Experimente erfüllt aber den Anspruch eines allgemeinen bedingungslosen Grundeinkommens oder wurde nicht ausreichend wissenschaftlich begleitet. Eine Übersicht (englisch) über alle bisherigen und geplanten Grundeinkommensversuche gibt es bei GiveDirectly. Für GiveDirectly sind die knapp 100 Empfänger des BGEs im kenianischen Makanga darum erst der Anfang. »Insgesamt werden 26.000 Menschen im Rahmen des Feldversuchs von GiveDirectly Transferleistungen bekommen.« – Caroline Teti, GiveDirectly

Mindestens 6.000 Kenianer in einigen hundert Dörfern werden 12 Jahre Dieser Zeitrahmen ist laut GiveDirectly ausreichend, damit die Empfänger sich keine Gedanken über die Zeit nach dem Ende der Zahlungen machen. lang ein BGE von 22 US-Dollar 20 US-Dollar reichen nach Berechnungen der Regierung und GiveDirectly aus, um im ländlichen Kenia die grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten zu finanzieren. Die zusätzlichen 2 US-Dollar dienen zum Ausgleich der Transaktionskosten. im Monat erhalten. Um den Effekt dieser Maßnahme Worauf es beim Verständnis von wissenschaftlichen Studien ankommt, erklärt Maren Urner hier anhand von Pornos wissenschaftlich untersuchen zu können, vergleicht GiveDirectly die Auswirkungen der Zahlungen mit 3 weiteren Untersuchungsgruppen:

  • Gruppe 2 erhält das BGE nur 2 Jahre lang. 10.000 Kenianer erhalten das kurze BGE.
  • Gruppe 3 erhält eine Einmalzahlung in Höhe von 530 US-Dollar. 10.000 Kenianer erhalten die Einmalzahlung.
  • Gruppe 4 erhält kein Geld und dient als Kontrollgruppe.

Die Auswahl der Dörfer erfolgt zufällig, Jedenfalls teilweise. GiveDirectly zieht nur Gemeinden im ländlichen Bereich in Erwägung und macht zur Voraussetzung, dass die örtlichen Behörden und die Dorfgemeinschaften mit den Aktivitäten der Organisation einverstanden sind. das Forschungsdesign entspricht damit den Kriterien einer randomisierten und kontrollierten Studie. So etwas wie der Goldstandard in der ökonomischen Feldforschung. Randomisiert bedeutet, dass Empfänger zufällig ausgewählt werden. Kontrolliert heißt, dass es eine Kontrollgruppe gibt, die keine Leistung erhält, die aber zum Vergleich herangezogen werden kann. Mehr als 30 Millionen US-Dollar wird GiveDirectly für das Experiment ausgeben, finanziert hauptsächlich aus privaten Spenden. Die Stiftung des ebay-Gründers Pierre Omidyar hat ebenfalls 500.000 US-Dollar für das Forschungsprojekt gespendet.

Makanga besteht aus einer Reihe von Gehöften. Dazwischen: afrikanische Buschlandschaft. – Quelle: Peter Dörrie copyright

Es ist eines der interessantesten und ambitioniertesten gesellschaftlichen Forschungsprojekte unserer Zeit. Die Ergebnisse könnten unsere Vorstellungen zu effektiver Armutsbekämpfung verändern. Das Experiment von GiveDirectly steht damit in der Tradition der wissenschaftlichen Arbeit von Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo. Die beiden Entwicklungsökonomen der US-Universität MIT gehören zu den Pionieren der systematischen Untersuchung von Entwicklungsinterventionen durch randomisierte und kontrollierte Feldversuche. Banerjee ist Teil des Forschungsteams von GiveDirectly. Das Buch »Poor Economics« (englisch) von Banerjee und Duflo ist überaus lesenswert.

Dafür geben die Menschen das Gratis-Geld aus

Für Mary Abagi sind solche abstrakten Überlegungen weit weg. Die ältere Dame, die zusammen mit ihrer Co-Frau Polygamie oder Vielehe ist in weiten Teilen Kenias üblich. Margaret Abagi im Wohnzimmer sitzt, interessiert sich vor allem für die Auswirkungen des BGEs auf die Menschen in ihrer Heimat Makanga. Wie jeder meiner Gesprächspartner ist sie begeistert.

»Die Menschen sind glücklicher. Sie haben mehr Energie und neue Ideen.« – Mary Abagi, Bewohnerin von Makanga

Es überrascht wenig, dass sich die Menschen in Kenia über Gratis-Geld freuen – wer würde das nicht? Caroline Teti von GiveDirectly warnt davor, die kurzfristigen Erfahrungen mit dem BGE zu verallgemeinern. Verlässliche Daten könnten frühestens in einigen Jahren erhoben werden. Alle Empfänger des Grundeinkommens werden mindestens alle 3 Monate einzeln oder in Fokusgruppen von GiveDirectly befragt, um Daten zu ihren Lebensbedingungen zu erheben. In den Gesprächen wird allerdings auch schnell klar, dass die regelmäßigen und verlässlichen Zahlungen aus Sicht der Bewohner Makangas einige Probleme schon nach 10 Monaten behoben haben.

Das liegt vor allem daran, weil die Empfänger des BGEs ihr Geld vor allem für 3 Dinge ausgeben:

  1. Täglicher Bedarf: Das meiste Geld geben die Menschen für alltägliche Dinge wie Lebensmittel, Schulgebühren, Medikamente und ähnliches aus.
  2. Sparen: Viele Bewohner Makangas nutzen mindestens einen Teil ihres BGEs, um für größere Anschaffungen zu sparen.
  3. Unternehmerische Investitionen: In einigen Fällen investieren BGE-Empfänger gezielt in einkommensschaffende Maßnahmen.

Schauen wir genauer hin!

Der Hof von Aswan Abagi, wo er mit seiner Frau 5 Kinder großzieht. – Quelle: Peter Dörrie copyright

Wie das Grundeinkommen den Hunger überwindet

Marys In Kenia ist es üblich, auch fremde Menschen mit ihrem Vornamen anzureden. Darum handhabe ich das in diesem Artikel genauso. Stiefsohn Aswan Abagi versorgt zusammen mit seiner Frau 3 eigene und 2 Kinder von Verwandten.

Wir erleben schon seit 8 Monaten eine Dürre in Kenia. Mais Mais ist für die meisten Kenianer das Grundnahrungsmittel. Aus den getrockneten und gemahlenen Körnern wird zusammen mit heißem Wasser ein Brei gekocht, lokal »Ugali« genannt. Wer es sich leisten kann, isst Spinat oder anderes Blattgemüse dazu. ist sehr teuer geworden. – Aswan Abagi, Dorfvorsteher von Makanga

Normalerweise würde das dazu führen, dass in Makanga viele Menschen hungern müssten. Denn fast alle Bewohner sind Subsistenzbauern Als Subsistenzbauern bezeichnet man Landwirte, die ihre Felder ausschließlich oder größtenteils zum Eigenbedarf bestellen und außer der Landwirtschaft kein nennenswertes Einkommen haben. und leben von dem, was ihre Felder hergeben. Manchmal überweisen Kinder oder Ehemänner, die in die Städte gezogen sind, um dort nach Arbeit zu suchen, Die meisten erwachsenen Einwohner Makangas sind weiblich und/oder im Rentenalter, wobei es in Kenia keine allgemeine Rente gibt. Da es hier kaum bezahlte Arbeit gibt, ziehen vor allem junge Männer, aber auch zunehmend junge Frauen in die Städte Kenias. ein wenig zusätzliches Geld. Dank des BGEs muss jetzt trotz anhaltender Dürre aber niemand in Makanga hungern. »Selbst wenn das Geld mal einen Monat nicht ausreicht«, so Aswan, »bekommt man jetzt im Laden einen Kredit.«

Zu wissen, dass am Ende des Monats Geld kommt, gibt Hoffnung. Und Hoffnung verändert das Leben. – Aswan Abagi, Dorfvorsteher von Makanga

Was allein die Überwindung von Unterernährung für die Bewohner Makangas bedeutet, ist aus »westlicher Sicht« kaum vorstellbar: Unterernährung betrifft weltweit hunderte Millionen Menschen Mehr als 500 Millionen Menschen, darunter 68 Millionen Kinder, sind weltweit unternährt und dadurch anfälliger für Krankheiten, betroffen von einer geringeren Lebenserwartung und Einschränkungen der körperlichen und geistigen Entwicklung. Factsheet zur Unterernährung von der WHO (englisch). und verursacht pro Kopf der Weltbevölkerung 500 US-Dollar Kosten im Jahr, also etwa doppelt so viel wie GiveDirectly für ein BGE ausgibt. Einer Berechnung des »Global Panel on Agriculture and Food Systems for Nutrition« zufolge entstehen dadurch Kosten von 3,5 Billionen US-Dollar im Jahr. Hier der Bericht des »Global Panel« über Unterernährung (englisch).

Lebensmittel sind mit Abstand der am meisten genannte Ausgabenposten für das BGE. Den zweiten Platz belegen Schulgebühren. »Ohne das Geld würde ich nicht zur Schule gehen«, meint der 18-jährige Duncan Omondi Kira. In Kenia ist nur die Grundschule gebührenfrei, auch staatliche weiterführende Schulen verlangen Schulgeld. Weil seine Eltern sich das nicht leisten konnten, hatte Duncan die Schule schon abgebrochen. Seit Oktober kann er seine Ausbildung fortsetzen.

Aber nicht alle Empfänger des BGEs geben ihr Geld komplett aus. Schon vor Beginn des BGEs gab es in Makanga eine Spargruppe, Das oft als »Tabel Banking« bezeichnete System in Kenia ist einfach und kommt ohne Bank aus: Alle Gruppenmitglieder zahlen monatlich einen festen Betrag in einen gemeinsamen Topf ein, zum Beispiel 10 US-Dollar. Reihum bekommt ein Mitglied pro Monat den Topf ausgezahlt, kann sich also bei 10 Mitgliedern alle 10 Monate über 100 US-Dollar freuen. deren Mitglieder sich die Beiträge aber oft nicht leisten konnten. Jetzt gibt es 6 Gruppen. »Dank des Grundeinkommens könnten fast alle Dorfmitglieder für größere Anschaffungen zumindest ein wenig Geld zurücklegen«, sagt Margaret Abagi.

Jael und Andrew Abeta vor dem Haus, dessen Bau Jael mit ihrem Grundeinkommen finanziert. – Quelle: Peter Dörrie copyright

Jael und Andrew Abeta sind ein gutes Beispiel dafür. Jael investiert einen großen Teil des Geldes in den Bau eines neuen Hauses, während ihr Mann Andrew auf die Anschaffung von 2 Ochsen spart. »Die Ochsen sparen mir langfristig Geld, denn im Moment muss ich zum Pflügen einen Traktor mieten«, erklärt er. Die Ochsen hingegen könne er selbst gegen eine Gebühr an andere Bauern ausleihen.

Wie das Grundeinkommen Arbeitsplätze schafft

Samson Wandolo Adera, ehemaliger Beamter und Fischzüchter. – Quelle: Peter Dörrie copyright

Auch Samson Wandolo Adera investiert sein Grundeinkommen. Der ehemalige Staatsbedienstete gilt als wohlhabendster Bewohner Makangas. »Ich hatte schon vor dem Grundeinkommen eine Fischzucht im Viktoriasee begonnen«, erzählt er. Schnell habe er jedoch gemerkt, dass sein reguläres Einkommen für den Betrieb der Anlage nicht ausreicht. »Auf einen Bankkredit muss man zu viel Zinsen zahlen, das hätte sich nicht gelohnt.« Er stand kurz davor, die Zucht aufzugeben – nun kann er sie weiter betreiben. »An der Zucht sind mehrere Investoren beteiligt. Wir haben ein paar Arbeiter angestellt, die die Fische füttern und bewachen.«

Phoebe Abagi nutzt ihr regelmäßiges Einkommen, um Arbeiter zu bezahlen. Die 84-Jährige konnte in den vergangenen Jahren wegen ihrer Arthritis ihre Felder nicht mehr vollständig bestellen. Dank der Feldarbeiter, die sie sich jetzt leisten kann, hat sie trotz der Dürre ihre Ernte in diesem Jahr gesteigert.

»Ich weiß besser, was ich brauche, als jemand anderes.« – Jael Abata

Auch wenn die wenigsten Bewohner Makangas jemals zuvor in den Genuss eines regelmäßigen Gehalts gekommen sind, legen die Beobachtungen der ersten Monate nahe, dass sie mit dem unverhofften Geldsegen sehr gut umgehen können. Auf den Unterschied zur traditionellen Entwicklungshilfe angesprochen, werden alle sehr deutlich:

Es war immer schwer vorhersehbar, ob und wie viel Hilfe kommt. Vielleicht brauchst du 3 Kilo Mais, die Hilfsorganisation lieferte aber 2 oder 4. – Mary Abagi

Neben der wirtschaftlichen Lage berichten die Bewohner auch von verbesserten Beziehungen untereinander.

Phoebe Abagi bearbeitet einen Teil ihrer wieder reicheren Ernte. – Quelle: Peter Dörrie copyright

»Früher war die Verlockung groß, zu stehlen, wenn man Hunger hatte«, erzählt Samson. »Seitdem das Geld kommt, gibt es das nicht mehr.« Frauen und Männer, die jeweils ein eigenes Grundeinkommen erhalten, diskutierten konstruktiv, wie das Geld am besten zu verwenden sei, bestätigen Dorfbewohner. Von Problemen aufgrund des plötzlichen Geldsegens weiß keiner zu berichten. Die Transferleistung habe weder zu Alkoholmissbrauch noch zu Arbeitsverweigerung geführt. Auch ist es bisher nicht zu einem Zuzug von Fremden gekommen, wohl auch, weil GiveDirectly deutlich gemacht hat, dass es keine zweite Aufnahmerunde in das Programm im »Pilot-Dorf« geben wird.

Ist ein Grundeinkommen sinnvoll?

Die Bewohner Makangas ziehen nach den ersten 10 Monaten eine positive Bilanz. Ginge es nach ihnen, würde das Projekt so schnell wie möglich auf alle Kenianer ausgeweitet.

Ob das im Vergleich zu anderen Entwicklungsmaßnahmen Sinn ergibt, werden wir frühestens in einigen Jahren und vielleicht auch erst nach Abschluss des Projekts beurteilen können. Die Mitarbeiter von GiveDirectly sind hoffnungsvoll, dass sich das BGE als wertvolles Mittel zur Armutsbekämpfung erweisen wird.

»Wir wissen schon heute, dass Bargeld Wirkung zeigt«, meint Caroline Teti, die Direktorin für externe Beziehungen. Die Einmalzahlungen, die die Organisation normalerweise ausgibt, sind intensiv wissenschaftlich untersucht worden. Die britische Denkfabrik Overseas Development Institute kommt in Studie zu den Effekten bedingungsloser Einmalzahlungen vom ODI (englisch, 2016) einer Übersichtsstudie zu dem Ergebnis, dass diese Transferleistungen Armut nachhaltig reduzieren, die Teilnahme am Schulunterricht erhöhen, Kinderarbeit entgegenwirken und gleichzeitig mehr Erwachsene in den Arbeitsmarkt integrieren und die Unabhängigkeit von Frauen fördern. Mit dem BGE verbinden Fürsprecher die Hoffnung, dass diese positiven Effekte um psychologische Effekte ergänzt werden, wie sie die Bewohner von Makanga beschreiben, und Armut endgültig in Gastautor Peter Schraeder über historische Wahrheiten die Geschichtsbücher verbannt werden kann.

Woran könnte eine großflächige Einführung eines BGEs noch scheitern? Vor allem an mangelndem politischen Willen, denn die Zahlen sprechen für sich: 6,6 Milliarden US-Dollar würde die Ausweitung von GiveDirectlys BGE auf das ganze Land kosten. 1/2 Milliarde US-Dollar mehr, als die Regierung derzeit für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ausgibt, Investitionen in neue Straßen, Kraftwerke und Krankenhäuser schon eingeschlossen.

Weil das BGE diese zentralen Aufgaben des Staates nicht ersetzen soll, müsste die Finanzierungslücke von mehreren Milliarden US-Dollar durch neue Steuern oder die radikale Reduzierung anderer Ausgabenposten, etwa des Militärhaushalts, geschlossen werden.

Kosten eines bedingungslosen Grundeinkommens

Was ein allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen von 1,90 Dollar am Tag (kaufkraftbereinigt) für alle Bürger über 14 Jahre in verschiedenen Entwicklungsländern im Vergleich zur Wirtschaftskraft und zu den aktuellen Staatsausgaben kosten würde.

Quelle: Weltbank, CIA World Factbook

Länder wie Ägypten, Angola, der Senegal und Südafrika haben eine Wirtschaftsleistung, die ein entsprechendes Grundeinkommen grundsätzlich Auch wenn in den meisten Fällen die Staatseinnahmen gesteigert werden müssten. ebenfalls finanzierbar machen würden. In anderen Ländern hingegen müssten externe Geldgeber einspringen. In der Zentralafrikanischen Republik würde ein BGE zur Armutsbekämpfung 60% der Wirtschaftsleistung und mehr als 370% der aktuellen Staatsausgaben verschlingen.

3 Faktoren bestimmen deshalb die Zukunft des BGEs zur Armutsbekämpfung:

  1. Politischer Wille: Ohne die Finanzierung des BGEs auf Kosten anderer politischer Projekte geht gar nichts. Für GiveDirectly ist der Feldversuch in Kenia darum in erster Linie eine Möglichkeit, Argumente für die schrittweise Umsetzung eines BGEs zu sammeln.
  2. Mobiles Bezahlsystem: »Wir können das Programm hier nur durchführen, weil es mit M-Pesa ein mobiles Zahlungssystem gibt, das jeden Erwachsenen im Land erreichen kann«, ist Caroline Teti überzeugt. Ein Bankkonto besitzen in Afrika nur die wenigsten.
  3. Biometrische Ausweise: Ein Meldesystem wie in Deutschland gibt es in keinem afrikanischen Land. Fälschungssichere Ausweise sind darum ein Muss, wenn ein BGE nicht zum Opfer massiver Korruption werden soll.

Selbst wenn sich das BGE als bestes Mittel der Armutsbekämpfung herausstellen wird: Um den Aufbau stabiler staatlicher Institutionen In Krisenländern wie der Demokratischen Republik Kongo fehlt es sowohl an der Technik, als auch der nötigen staatlichen Bürokratie, um ein BGE erfolgreich einzuführen. Das eine Regierung, die es nicht einmal schafft einen landeseinheitlichen Ausweis einzuführen, ein BGE verwalten könnte, ist extrem unwahrscheinlich. werden Entwicklungsländer nicht herumkommen.

Zur Diskussion über ein Grundeinkommen in Industrienationen wird das Experiment in Kenia keinen entscheidenden Beitrag leisten können. »In Industrieländern wird ein Grundeinkommen oft als Reaktion auf die Folgen der Automatisierung Unternehmer wie der Chef des US-Autoherstellers Tesla, Elon Musk, glauben, dass immer bessere Computerprogramme, Sensoren und Roboter bald die Automatisierung vieler Berufe möglich machen werden. Sie sehen ein allgemeines Grundeinkommen als wirksames Mittel, um die Folgen der daraus resultierenden Massenarbeitslosigkeit abzuschwächen. oder als Mittel zur Sicherung sozialer Gerechtigkeit diskutiert«, so Caroline Teti. Armutsbekämpfung sei ein grundsätzlich anderes Ziel. Ein paar kleine Hinweise darauf, wie sich ein BGE in Deutschland auswirken könnte, wird der Versuch in Kenia aber vielleicht doch bringen. Hören Empfänger massenhaft auf zu arbeiten, wenn sie auf einmal regelmäßig Geld bekommen? Und welche Auswirkungen hat relative finanzielle Sorglosigkeit auf die psychische Gesundheit der Empfänger? In diesen Beziehungen sind Kenianer und Deutsche sich trotz aller wirtschaftlichen Unterschiede vermutlich ähnlich genug, um zumindest die Diskussionsgrundlage zu erweitern. Bis es soweit ist, wird es sich lohnen, hin und wieder einen Blick nach Kenia zu werfen.

Peter Dörrie - copyright

 

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