Bundestagswahl 2017 — 7 Minuten

Pumuckl oder Meister Eder: Welcher Wählertyp bist du?

11. September 2017
Themen:

Warum du dein Kreuzchen machst, ist eine Frage deiner Generation.



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Elefant Benjamin Blümchen gilt als Dirk Walbrühl schreibt über den »Wutbürger« als politischen Kampfbegriff »Wutbürger« und Hexe Bibi Blocksberg verfolgt traditionelle Geschlechterbilder. Dass Kindheitshelden die politische Haltung und Wertevorstellung bestimmter Generationen wunderbar veranschaulichen können, hat letztes Jahr ein Nachdem sie tausende Kinderhörspiele gehört hatten, waren sich Politikwissenschaftler an der Universität Kassel sicher: »Da werden Normen und Wertvorstellungen subtil vermittelt« (2016) deutsches Forscherteam herausgefunden. Für wen stehen also die Typen »Pumuckl« und »Meister Eder«?

Als Wähler passt du natürlich nie zu 100% in eine von 2 Kategorien. Hast du dich dennoch für Typ Pumuckl entschieden, bist du höchstwahrscheinlich jünger als 37 Jahre und gehörst zur Generation Y. Zu den Millennials beziehungsweise der Generation Y (englisch ausgesprochen »why«, Deutsch: warum) zählen – je nach Auslegung – die Jahrgänge 1980–2000. Geprägt durch Globalisierung und Internetboom, wird ihnen nachgesagt, Althergebrachtes infrage zu stellen. Sie zeichnen sich durch ein hohes Bildungsniveau und starke Flexibilität aus. So kalkuliert es die Wissenschaft in Die Studie in der Kurzfassung (2014) der Studie »Generation Wahl-O-Mat – wie zukunftsfähig ist unsere Demokratie?«. Du wählst das, was dich im Hier und Jetzt persönlich betrifft. Könntest du dich dazu auch noch unsichtbar machen, würdest du ganz und gar zum Pumuckl werden.

Da die Figur des Meister Eder in den Geschichten mit dem quirligen Kobold unsterblich ist, passt sein Profil heute zum zweiten Typ Wähler. Hast du dich dafür entschieden, bist du eher älter als 50 Jahre und damit ein Kind der Nachkriegsgeneration Die Nachkriegsgeneration bezeichnet die erste Generation nach dem zweiten Weltkrieg, welche auch die der Babyboomer genannt wird. Dieser geburtenreichste Jahrgang (1955–1969) wurde stark durch das deutsche Wirtschaftswunder geprägt. in Deutschland. Entweder wählst du schon immer dieselbe Partei oder sattelst um, weil du einer neuen Partei vertraust.

Deiner Entscheidung, dich im Rahmen dieser Mini-Umfrage eher mit Pumuckl oder mit Meister Eder zu identifizieren, liegt eine zentrale Frage zugrunde: Welche Beweggründe haben wir für die Wahl einer bestimmten Partei? Auf diese Frage geben Studien kaum eine Antwort, dabei wären sie ein guter Ausgangspunkt für eine bewusste Wahl, auch für Unentschlossene.

Mythos Zukunft

Wahlkampf wird hauptsächlich für den Wähler-Typ Pumuckl gemacht: »Wir richten uns an die, die noch unentschlossen sind«, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann vergangene Woche in der Die Talkrunde folgte auf das TV-Duell der kleinen Parteien am 4. September ARD-Talkshow hart aber fair. Unterm Strich muss man sich in der Politik also um diejenigen keine Sorgen mehr machen, die sich schon längst entschieden haben. Anders formuliert: Die Meister Eder in Deutschland sind sichere Stammwähler.

Diejenigen, die jetzt schon ganz genau wissen, dass sie Frau Merkel wählen wollen und die CDU, die werden wir in den verbleibenden 3 Wochen Wahlkampf nicht vom Gegenteil überzeugen können. – Thomas Oppermann, SPD-Fraktionsvorsitzender

Die Jagd auf die überwiegend jungen Wählerstimmen dagegen ist seit Beginn der Wahlkampf-Saison eröffnet. Die Beute, die noch im Plakatwald herumirrt: Stand vom 22. August laut der Allensbach-Umfrage im Auftrag der F.A.Z. (2017) 46% unentschlossene Wähler. Nicht nur in den TV-Duellen der großen und kleinen Parteien, sondern auch im Stadtbild deutscher Städte und Dörfer scheint die Politik deshalb in den Jungbrunnen gefallen zu sein. Wahlplakate in knalligen Farben, die Politiker mit lässig aufgeknöpften Hemden abbilden. David Ehl war einen Tag lang mit einem FDP-Kandidaten vor der Landtagswahl in NRW unterwegs und hat sich das neue, hippe Image der Partei aus der Nähe angeschaut Wie FDP-Hoffnung Christian Lindner auf Wahlplakaten guckt und was er darauf trägt, damit hat sich die Medienwelt schon ausführlich beschäftigt. Viel interessanter als das hippe Image sind die Themen, die da in bunten Buchstaben prangen:

Oppermann sagte einen Tag nach dem Kanzler-Duell bei hart aber fair: »Martin Schulz kann die jungen Wähler ansprechen, weil er über das Thema Zukunft redet.« Die 22-jährige YouTuberin Lisa Sophie, die als Erstwählerin in der eher älteren Talkrunde sitzt, entgegnet: »Gerade, weil Sie das Thema Zukunft angesprochen haben. Ich hatte das Gefühl, das ist eher eine Sache, die in dem Gespräch (…) zu kurz gekommen ist.«

Eine Erstwählerin und ein Politiker sind sich einig: Jugend will Zukunft wählen. Nicht nur die SPD, auch andere Parteien haben sich diese Verbindung auf die Wahlplakate geschrieben. Spielt die Politik hier bewusst mit einer falschen Selbsteinschätzung junger Menschen?

Hier gibt es die Studie als PDF (2014) Sind jüngere Menschen zukunftsorientierter als ältere? – aus der Studie »Generation Wahl-O-Mat«, Bertelsmann Stiftung

Nein! – zu dem Ergebnis kommt die repräsentative Studie der Bertelsmann Stiftung 2014. Zumindest nicht dann, wenn es um langfristige Planung geht. Heute Abend interessiert die Jungen mehr als morgen. Aus der Pumuckl-Perspektive will man viele Sachen für sich.

Während die Meister Eder der älteren Generation fragen »Wie kann es Deutschland besser gehen?«, fragen Pumuckls »Wie kann es mir und meinen Liebsten besser gehen?«. Dem Hier und Jetzt geben sie mehr Gewicht als dem Gemeinwohl. Große zukunftsorientierte Themen wie Umwelt, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung Das Magazin für Internationale Politik und Gesellschaft schreibt über die fehlende Politik für Jungwähler sind ihnen wichtig. Dennoch wählen sie tagesaktuell. Aus den Wahlprogrammen picken sie sich ihre Themen heraus wie Zuckerstangen in einem Süßwarenladen.

Meister Eder hingegen wählt stabil und im Vertrauen darauf, dass seine politische Überzeugung die Herausforderungen der Zukunft meistert. 2 Extreme, die sich an den Wahlurnen begegnen werden. Wie konnte es soweit kommen?

Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

Das erste Hörspiel von Meister Eder und sein Pumuckl gab es im Jahr 1962 auf die Ohren. Mindestens genauso lang verändert sich das Wahlverhalten der Deutschen von einem ins andere Extrem:

  • Von der Straße aufs Sofa

    Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Mit Stunde Null und Wirtschaftswunder erwachten die Deutschen nach 12 Jahren faschistischer Diktatur langsam aus ihrer politischen Unmündigkeit. Erst diktierten noch die Besatzer den Antifaschismus. Im sowjetischen Sektor plante man die Nachkriegs-Jugendpolitik: Die »Freie Deutsche Jugend«, eine der größten antifaschistischen Jugendbewegungen, fand auch in Westdeutschland viele Anhänger. Während der Ostteil von Deutschland eingemauert wurde, wuchs die antiautoritäre Dossier der Bundeszentrale für Politische Bildung zu den deutschen Studentenprotesten und der 68er-Bewegung Studentenbewegung der 1960er-Jahre im Westen. Meister Eder damals, man kann es sich kaum vorstellen, war auch einmal jung und dagegen.

    Als Teil der Nachkriegsgeneration konnte er sich klar in ein politisches Links-Rechts-Schema einordnen. Die politische Sozialisation fand öffentlich statt. Eine politische Meinung zu vertreten, war für Meister Eder und seine Kommilitonen ein wichtiger Wert. Noch ein gutes Jahrzehnt nach der sogenannten 68er-Bewegung Die Mitte der 60er-Jahre in Amerika begonnene Bürgerrechtsbewegung ergriff auch bald schon den europäischen Raum. In Deutschland richtete sich der Protest in erster Linie gegen die älteren Generationen, da man die meist recht konservativen Wertevorstellungen überwinden wollte. So ist auch der in Hamburg entstandene Slogan »Unter den Talaren – der Muff von 1.000 Jahren« zu verstehen. gaben 39% der Studenten in einer Untersuchung des Studierendensurvey an, dass sie den Lebensbereich Politik und öffentliches Leben Die Studierendensurveys des BMBF untersuchen den Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte von Studenten (2008) als sehr wichtig einstuften. Diese Zahl geht seitdem zurück: Aus dem Studiensurvey des BMBF von 2014 2013 waren es nur noch 24%.

    Der Wert hat nicht an Bedeutung verloren, er hat sich nur über die letzten 2 Generationen gewandelt. Während Politik im Abwärtstrend lag, schoss ein anderer Lebensbereich an die Spitze der Wertetabelle: Privates und Familie. Das passt zur zunehmenden Individualisierung. Damit Wähler ihre Individualität ausleben können, müssen maßgeschneiderte Konzepte her, die auch auf das Wahlverhalten Einfluss haben. Brisant: »Junge Eltern sind politische Egoisten« titelte die WeLT, nachdem die Bertelsmann-Studie veröffentlicht wurde (2014) Sollte Pumuckl jemals Kinder haben, würde er wie junge Eltern die Partei wählen, die die besten Kitaplätze verspricht oder andere private Bedürfnisse befriedigt.

  • Nordkorea vs. Kita

    56 Minuten – so lange antworten Merkel und Schulz im TV-Duell auf Fragen zu Migration, europäischen Außengrenzen, Spannungen zwischen Nordkorea und Trump und der Türkei. Pumuckl wird ungeduldig, packt das Smartphone aus und liest auf Twitter, dass andere auch finden: Hier ein exemplarischer Chat nach dem TV-Duell »Hier wird 2/3 der Zeit über Migration gequatscht«. Dann endlich der Streifen am Horizont: soziale Gerechtigkeit. Doch im Affenzahn wird das Thema Arbeit und Rente durchgekaut und wieder ausgespuckt.

    »Hier wird 2/3 der Zeit über Migration gequatscht«

    Meister Eder kennt die Positionen der Politiker, horcht nur auf, wenn Dinge gesagt werden, die seine Meinung bestätigen oder wirklich so noch nie von CDU und SPD geäußert wurden. Aha! Mit Erdoğan werden die Beitrittsverhandlungen also endlich abgebrochen. Hört! Hört!

    Für Pumuckl und Meister Eder liefert das TV-Duell keine Entscheidungshilfe für die Wahl. Die vielen Herausforderungen, die in knackigen anderthalb Stunden aufgezählt wurden, machen für den sprunghaften Rotschopf die Wahl eher schwerer. Meister Eder fühlt sich bestätigt.

    Nicht nur die Komplexität der Politik, die durch Globalisierung und Europäisierung weiter verstärkt wird, führt bei Wählern wie Pumuckl zu Verwirrung, Vereinfachung oder kompletter Ablehnung. Auch die mediale Aufbereitung überfordert die Zuschauer. Politik ist zum Event verkommen. TV-Duelle nach amerikanischem Vorbild vor Bundestagswahlen gibt es erst seit 2002. Seitdem wird die mediale Inszenierung für Politiker immer wichtiger. Politische Inhalte treten dabei in den Hintergrund, selbst wenn die Debatte sachlich bleibt.

Bei so viel Komplexität und Selbstdarstellung – wie können Meister Eder und Pumuckl nun eine bewusste Wahl treffen? Vielleicht hilft ihnen erst einmal das Gespräch miteinander, um herauszufinden, warum sie wählen. Wer ist politisch überzeugt, wer will nur ein oder 2 Punkte umgesetzt sehen, nach denen er die Wahlprogramme der Parteien abklopft?

Übrigens haben sich auch die Autoren gefragt: Bin ich mehr Pumuckl oder Meister Eder? Juliane tendiert zu Profil Rotschopf und wählt mit Blick auf ihre aktuelle Situation. Robin ist hin- und hergerissen, in den Kommunalwahlen wählt er auch wie ein Pumuckl, für die Bundestagswahl 2017 freundet er sich mit dem Meister-Eder-Profil an.

Dieser Artikel gehört zu unserer Reihe »Deine Wahl 2017«. Du willst mehr zum Thema lesen? Klicke hier!

Mit Illustrationen von Janina Kämper für Perspective Daily

 

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