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Bundestagswahl 2017 

Was wir tun müssen, damit morgen die Schulbank nicht kracht

Bis zum Jahr 2025 gibt es eine Million Schüler mehr als geplant. Mit diesen 8 Hausaufgaben bleibt Deutschland nicht sitzen.

12. September 2017  10 Minuten

Ein hässliches Wort geistert derzeit Ein Artikel der Westdeutschen Zeitung zur »Schülerschwemme« (2017) durch die deutsche Medienlandschaft: »Schülerschwemme«.

Das klingt nach etwas Unaufhaltsamem, nach einem Naturereignis und nach etwas, hinter dem man her wischen muss. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine überraschende Prognose: Nach Jahren sinkender Schülerzahlen steigen diese wieder und »spülen« knapp eine Million neuer Schüler in unser Schulsystem – auf die niemand vorbereitet war. Das stellt den Bildungssektor und die Politik vor eine neue, enorme Herausforderung.

Doch unaufhaltsam ist diese »Schülerschwemme« Der Begriff ist auch nicht neu. Die F.A.Z. verwendete ihn schon im März 1973 in einem Artikel. nicht und schon gar nicht etwas, das wir über uns ungebremst hereinbrechen lassen sollten. Erste Kommunen und Länder reagieren bereits, »zücken die Sandsäcke« und erproben Lösungen, die Schule machen könnten. Eine davon ist so radikal wie eine Andeutung der Bundeskanzlerin: das ganze Bildungssystem umstellen.

Darum »verschätzt« sich die Politik um 1,1 Millionen Schüler

Bis zu diesem Jahr träumten die Bildungsminister von der »Demografischen Rendite«. Nach Hochrechnungen aus den Jahren 2008 und 2013 sollten die Schülerzahlen in Deutschland in Zukunft erheblich sinken Je nach Hochrechnung um bis zu 18,9%. Davon sollte vor allem der ländliche Raum betroffen sein, während in Städten die Zahlen leicht steigen sollten. Doch diese Berechnungen sind nun alle hinfällig. – auf Basis der damaligen Daten durchaus eine realistische Einschätzung. Anstatt Stellen abzubauen, wollte man diese Tendenz nutzen. Das gewünschte Ergebnis: kleinere Klassen und viel mehr Zeit für individuelle Förderung – paradiesische Zeiten für Lehrer und Schüler. Unter der Annahme, die einzelnen Bundesländer wären der Empfehlung des Bildungsgipfels aus dem Jahr 2008 gefolgt und hätten die Einsparungen nicht aus dem Schulwesen abgezogen. Ohne Investitionen hätte sich die Bildungssituation in Deutschland damit quasi von selbst verbessert. Manche Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen wollte damit etwa den Doppeleinsatz finanzieren (2012) Politiker und Gewerkschaften planten sogar schon fest mit den freiwerdenden Ressourcen, etwa für Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) forderte, die Demographische Rendite in Förderung umzusetzen (2013) mehr Berufsvorbereitung oder Sprachförderung.

Dirk Zorn arbeitet für die Bertelsmann-Stiftung mit Scherpunkt Integration und Bildung. – Quelle: Dr. Dirk Zorn copyright
Doch spätestens seit Mitte Juli 2017 dürfte diese Idee vom Tisch sein. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung unter dem Titel Die Bertelsmann-Studie »Demographische Rendite adé« (2017) Demografische Rendite adé prognostiziert genau das Gegenteil: Einen Anstieg der Schülerzahlen um 4% (umgerechnet 300.000 Schüler) bis zum Jahr 2025 – rund 1,1 Millionen Schüler mehr, als die Kultusministerkonferenz im Jahr 2013 prognostiziert hat.

Wie alarmierend diese Zahlen wirklich sind, erklärt Dirk Zorn. Der Sozialwissenschaftler hat die Bertelsmann-Studie geleitet. Zusammen mit Klaus Klemm.

Woher kommen die Zahlen und wie sicher sind sie?
Dirk Zorn: Wir rechnen mit den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Frühjahr 2017. Zusätzlich haben wir die aktuellen Geburtenzahlen des Jahres 2016 der Milupa Geburtenliste Milupa Nutricia ist ein Unternehmen für Babynahrung aus Bad Homburg vor der Höhe. Seit 1999 veröffentlicht es einmal jährlich eine Geburtenstatistik. Diese erfasst dabei die einzelnen Geburten in Kliniken – im Vergleich zum Statistischen Bundesamt, das noch die Geburten in Geburtshäusern und Hausgeburten mit einberechnet. Beide liegen traditionell aber eng beieinander. ergänzt, da bislang Die Erhebung aller deutschen Entbindungsstationen von Milupa Nutricia (2017) keine amtlichen Geburtenzahlen für ganz 2016 vorliegen. Wie sich aktuell abzeichnet, könnten die offiziellen Geburtenzahlen für das Jahr 2016 Die Geburten-Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes (2017) unsere Annahmen sogar noch übertreffen!
Was sind die Gründe für den überraschenden Zuwachs?
Dirk Zorn: Die Geburtenzahlen in Deutschland steigen zum fünften Mal in Folge. Das hat vor allem mit den Töchtern der Baby-Boom-Generation zu tun, Das Statistische Bundesamt meldet: Die Geburtenzahl steigt auf Niveau der Jahrtausendwende, bleibt aber unter EU-Durchschnitt (2017) die jetzt selbst Mütter werden. Dazu kommt noch die vergleichsweise hohe positive Wanderungsbilanz. Unter den Zugewanderten sind auch Kinder im schulpflichtigen Alter.
Was bedeutet die Studie für Eltern und Lehrer?
Dirk Zorn: Tatsächlich sind bereits dieses Jahr die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum Schuljahr 2016/17 Schülerzahlen in Deutschland leicht gestiegen – das erste Mal seit der Jahrtausendwende. Eltern erleben also teilweise heute schon, dass Klassen wieder größer werden und Unterricht ausfällt. In Zukunft könnten zehntausende Lehrer und Klassenräume fehlen.

In der Schulpraxis bedeutet das Unterrichtsausfall, Container statt Klassenräume und Ersatzunterricht. Die aktuell steigenden Zahlen haben primär mit der starken Zuwanderung zu tun. In den kommenden Jahren steigen die Schülerzahlen aber vor allem aufgrund der Geburtenzahlen.

Schülerzahlentwicklung

Quelle: Bertelsmann Stiftung

Die Bertelsmann Stiftung appelliert mit ihrer Studie an die Kultusministerkonferenz, ihre Prognosen aus dem Jahr 2013 zu aktualisieren. Denn wirklich verrechnet hat sich niemand. Warum die Kultusministerkonferenz soweit am Ziel vorbei ist, lag an einer Entwicklung gegen den Trend, die niemand hätte vorhersehen können.

Generalsekretär Udo Michallik verteidigte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Interview mit Udo Michallik beim Deutschlandfunk (2017) die Politik der Kultusministerkonferenz. Das alles sei »nichts Neues« und einzelne Länder hätten längst Maßnahmen eingeleitet. Angesprochen auf mögliche zusätzliche finanzielle Mittel von rund 4,7 Milliarden Euro Diese wären zusätzlich zum Ziel des Bildungsgipfels von 2008, auf dem sich Bund und Länder verpflichteten, die Gesamtausgaben für Bildung, Wissenschaft und Forschung um 10% des Bruttoinlandproduktes zu steigern. Die Zahl wurde in der Bertelsmann-Studie errechnet und ist nur eine grobe Schätzung. wollte Michallik aber lieber noch einmal Das Interview mit Generalsekretär Udo Michallik beim Deutschlandfunk (2017) »die entsprechenden Grundlagen prüfen.«

Doch dafür läuft die Zeit davon. Bereits nächstes Jahr kommen die ersten Schüler der geburtenstärkeren Jahrgänge in den Grundschulen an. Durch den Anstieg der Geburtenzahlen seit 5 Jahren sind die ersten Kinder 2017 5–6 Jahre alt und werden 2018 eingeschult.

Das Jahr 2025 klingt weit weg. Doch neue Lehrer müssen auch erst einmal ausgebildet werden. Der ›träge Tanker‹ Schulsystem lässt sich nicht von heute auf morgen einfach umsteuern. Dazu kommt: Aktuell gehen viele Lehrer in Pension oder stehen kurz davor. – Dirk Zorn, Bertelsmann Stiftung

Zur »Schülerschwemme« könnte also noch eine »Lehrerdürre« kommen und den Effekt weiter verstärken. Denn das aktuelle Lehrerangebot reicht gerade so aus, den heutigen Status quo zu erhalten. Dass sich viele Bürger Die Jako-O-Bildungsstudie wollte es 2014 genau wissen. Von den Befragten wünschten sich 70% eine Ganztagsschule. In den neuen Bundesländern waren es sogar 87%. Doch aktuell sind nur knapp 39% der Schulen im Ganztagsbetrieb. Die 4. Jako-O-Bildungsstudie für NRW aus dem Jahr 2017 zeigte eine Befürwortung von 72%. zusätzlich mehr Ganztagsschulen wünschen und Willkommensklassen für Geflüchtete ausgebaut werden müssen, ist da Der Unterschied zwischen Bedarf und Angebot an Ganztagsschulen in der Jako-O-Bildungsstudie (2014) noch nicht einmal eingerechnet. Auch nicht der zusätzliche Lehrerbedarf, wenn Bundesländer zum 9-jährigen Abitur (G9) zurückkehren.

Schulen mit Flüchtlingskindern

Anteil an Kindern in NRW, die eine Schule mit Flüchtlingskindern besuchen in Prozent.

Quelle: JAKO-O Bildungsstudie regional

Schulen mit Aktivitäten zur Unterstützung von Flüchtlingskindern

An so vielen Schulen in NRW, an denen auch Flüchtlingskinder unterrichtet werden, gibt es zusätzliche Aktivitäten zur Unterstützung. Angaben in Prozent.

Quelle: JAKO-O Bildungsstudie regional

Diese Lösungen zeigen heute schon, was kurzfristig hilft

Eine Lösung für den Schülerzuwachs liegt auf der Hand: Mehr Lehrer ausbilden und einstellen. Luft nach oben gibt es dabei mehr als genug: So sind aktuell in Mecklenburg-Vorpommern fast die Hälfte der möglichen Aus einer Antwort der Landesregierung; der Bericht bei der Schweriner Volkszeitung (2017) Referendarstellen nicht besetzt. Doch die Lehrerausbildung in Deutschland braucht 7 Jahre – die von der Bertelsmann-Studie errechneten Veränderungen treffen vorher ein. Was da helfen könnte, sind eine kluge Vorausplanung und kurzfristige Notlösungen. Diese Ansätze könnten Schule machen:

  • Schulbau-Offensiven: Berlin reagiert bereits heute mit einer Bildungsoffensive, vor allem beim Bau neuer Unterrichtsräume – insgesamt 51 neue Schulen sollen entstehen, Einige Schulplanungen laufen schon länger. Im März 2017 waren aber erst 42 neue Schulen in Berlin geplant. 67 Der Tagesspiegel erklärt die Schulplanungen in Berlin im Detail (2017) bestehende werden saniert oder erweitert. Dazu wagt der Berliner Senat einen einzigartigen Schritt: Alle angemeldeten Projekte werden nun ohne Streichungen finanziert und können sofort mit der Planung beginnen. Steckbriefe jeder einzelnen Schule sollen Alle Schulbauprojekte Berlins im Überblick bei der Berliner Morgenpost (2017) die Bauarbeiten für Eltern transparent machen. Das sorgt schnellstmöglich für eine deutlich bessere Raumsituation, behebt aber noch nicht den Lehrermangel. Doch sind die Gebäude erst da, kommen auch die Lehrer, notfalls aus dem Ausland. Es ist ja nicht so, als wären die Schulen bisher top ausgestattet gewesen. Da herrscht überall Sanierungsbedarf. Tatsächlich herrscht in Deutschland ein Investitionsstau von 33 Milliarden Euro. Damit ist umgerechnet knapp jede zweite Schule ein Sanierungsfall. – von modernen Unterrichtsmitteln ganz zu schweigen. Hier funktioniert nicht einmal der Drucker. – Iris F., Lehrerin an einer Berliner Grundschule
  • Quereinsteiger und Rentner: Wo keine Lehrer vorhanden sind, müssen Quereinsteiger her. Doch wann diese das erste Mal Kinder unterrichten, ist nicht einheitlich geregelt. In Sachsen müssen Quereinsteiger dreimonatige Vorkurse absolvieren. In Berlin reicht eine kurze Einführung. Das eigentliche Referendariat wird dann berufsbegleitend nachgeholt. In NRW sind aktuell auch Personen ohne abgeschlossenes Hochschulstudium zugelassen. Ihre Ausbildung dauert insgesamt 24 Monate Die Ausbildung als Quereinsteiger beim Schulministerium NRW (2017) mit anschließender Möglichkeit einer Verbeamtung. Das ist attraktiv und wird während der Ausbildung auch gut bezahlt. Doch ein Blick nach Berlin offenbart die Schwierigkeiten: Dort machen Quereinsteiger mittlerweile 20% der Lehrkräfte aus. Im Jahr 2017 machten Quereinsteiger sogar 41% der Neueinstellungen im Schulwesen Berlins aus. Die Rate dürfte also noch ansteigen. Doch ihnen Die Berliner Morgenpost berichtet über die mangelhafte pädagogische Ausbildung von Quereinsteigern (2017) fehlt vor allem die pädagogische Ausbildung – nicht umsonst scheitern 10-15% Quereinsteiger am Beruf. Hier könnte eine andere Maßnahme aus NRW helfen: Das Land wirbt gezielt um Rentner, um diese für einige Jahre Allgemeine Hinweise für Lehrkräfte im Ruhestand vom Schulministerium NRW (2017) zurück in den aktiven Dienst zu bringen. Die Idee ist gut: Gerade Pensionäre könnten mit ihrer Erfahrung Quereinsteigern helfen. Ich muss mich täglich um die Quereinsteiger an unserer Schule kümmern. Die sind meist Experten auf ihrem Gebiet, haben aber vom Umgang mit Kindern keine Ahnung. Sie werden ins kalte Wasser geworfen. – Paula K., Lehrerin in Berlin
  • Sperr-Maßnahmen: Das Bayerische Kultusministerium kämpft mit harten Bandagen gegen den Lehrermangel und lehnt ab sofort Anträge zum Vorruhestand, Die Frühpensions-Sperre in Bayern als Nachricht bei der Süddeutschen Zeitung (2017) Auslandsschuldienst oder zu Beurlaubungen kategorisch ab. Das mag eine sinnvolle Notmaßnahme sein, um überhaupt Unterricht zu gewährleisten, doch nachhaltig ist sie nicht. Denn sie trägt die Krise auf dem Rücken derer aus, die das System noch stabil halten. Ich könnte mir auch vorstellen, einfach nicht mehr als Lehrerin zu arbeiten. Bereits heute gehe ich täglich auf dem Zahnfleisch. Dazu erkranken immer mehr meiner Kollegen an Burnout und fallen für Monate aus. – Paula K., Lehrerin in Berlin

Doch nur mit Pensionären, überarbeiteten Lehrern, die auf ihren Vorruhestand verzichten müssen, und einer steigenden Anzahl an Quereinsteigern In Berlin wird 2017 jede dritte Neueinstellung ein Quereinsteiger sein, in Sachsen voraussichtlich sogar jede zweite. lässt sich kein guter Unterricht bestreiten. Darunter droht etwas zu leiden, das sich nur schwer messen lässt: die Unterrichtsqualität.

»Fehlende Schul- oder Berufsausbildungsabschlüsse führen zu schlechten Chancen am Arbeitsmarkt.« – Regierungsbericht »Gut leben in Deutschland«

Um zusätzliche Lehrer kommt niemand herum – genauso wenig wie um höhere Investitionen in die Bildung. Das wissen auch die Bundesländer und schaffen finanzielle Anreize für den Beruf: So erhöhte Berlin etwa Die Nachricht über höheres Grundschulgehalt in Berlin beim Bildungsportal News4Teachers (2017) das Gehalt für Grundschullehrer, Bremerhaven bezahlt seit dem vergangenem Jahr die Fahrtkosten für Bewerbungsgespräche und bis zu Wie Bremen um Lehrer wirbt, Bericht im »Stern« (2016) 1.000 Euro Umzugsprämie – auch diese Maßnahmen könnten bundesweit Schule machen.

»Gleiche Chancen beim Zugang zu Bildung, gut ausgestattete Schulen, moderne Lerninhalte sowie Möglichkeiten, lebenslang zu lernen – das empfanden Bürger als Grundlage für Lebensqualität.« – aus dem Regierungsbericht »Gut leben in Deutschland« – Quelle: Pixabay CC0

Der Anlass ist da: Bauen wir die Bildung nachhaltig um!

Diese Aussichten senden trotz erster Lösungsansätze eine bittere Botschaft an viele Lehrkräfte. Denn auch ohne steigende Schülerzahlen hadern sie mit gestiegenen Zusatzbelastungen des Berufes: Individuelle Förderung, personalisiertes Lernen, Medienerziehung, Inklusion und der Umbau der Schule zur Ganztagsschule fordern Lehrern so einiges ab.

Fast jede Woche wird noch eine Schippe an Anforderungen für uns Lehrer draufgelegt. Da kommt man kaum dazu, Unterricht vorzubereiten oder sich um schwächere Schüler zu kümmern. – Melanie K., Physiklehrerin aus NRW

Eine grundlegendere Lösung deutete ausgerechnet Angela Merkel an. Das Fernsehduell Schulz – Merkel bei der ARD (2017) Beim TV-Duell, bei dem Die Reaktionen auf das TV-Duell bei der ZEIT das Thema Bildung ansonsten fehlte, erklärte sie in ihrer Abschlussrede: »Die Bildung muss umgestellt werden.« Warum also die Kanzlerin nicht beim Wort nehmen? Die kommenden Herausforderungen bieten den nötigen Anlass, einige Stolperfallen im Bildungssystem zu beheben, die wir seit Jahren mitschleppen:

  • Föderalismus Der Föderalismus ist in unserem Grundgesetz als Verfassungsgrundsatz vorgeschrieben. Damit haben die einzelnen Bundesländer und nicht der Staat die Kulturhoheit, von der die Bildungspolitik den Kernaspekt ausmacht. Das Ganze hat durchaus einen Sinn: Nach den Erfahrungen des NS-Regimes sollte die Bildung nicht mehr in der Hand eines zentralen, staatlichen Organs liegen. Außerdem sollte so ein innovativer Wettbewerb zwischen den Bundesländern um schulpolitische Ideen stattfinden. Doch in der Geschichte der Bundesrepublik gab es zwischen Bundesländern und Staat immer wieder Streit um diese Aufteilung; etwa nach dem schlechten Abschneiden bei der PISA-Studie im Jahr 2001. aufweichen: Dass bis heute Lehramtsausbildungen zwischen Bundesländern teilweise nicht anerkannt werden, Etwa wenn sich Schulformen oder Lehramtstypen unterscheiden. Trifft dies nicht zu, ist eine erleichterte Anerkennung bereits formell geregelt. verhindert den Umzug von Lehrern in Gebiete mit hohem Bedarf. Ein echter bundesweiter Arbeitsmarkt für Lehrkräfte existiert Die Bundeszentrale für Politische Bildung erklärt die Folgen der föderalen Aufgabenteilung für die Bildungspolitik in Deutschland im Sinne des Föderalismus nicht – dass manche Bundesländer Wie Berlin und die ostdeutschen Bundesländer. nicht verbeamten, verschlimmert die Situation dort. Auch fehlt eine Stellenbörse mit Transparenz darüber, wo Lehrkräfte in welchem Fach gesucht werden. Doch bereits heute kooperieren Bundesländer bei der Lehrersuche: Sachsen wirbt etwa um Lehrkräfte in Bayern – allerdings bisher nur um solche, die in Bayern ausgebildet wurden, Die Kooperation zwischen Sachsen und Bayern beim Werben um Lehrkräfte bei der Leipziger Volkszeitung (2017) aber keine Stelle erhalten haben.
  • Ausbildung vereinfachen: Aktuell müssen Lehrer in der Ausbildung ein vollwertiges Fachstudium absolvieren. Ob dieses Wissen aber für Lehrer bis zur Sekundarstufe I nötig ist, bleibt fraglich – sie sollen schließlich Grundlagen vermitteln. Die zusätzliche Belastung führt zu Abbruchraten von Die Hälfte aller Lehrämtler aus dem Jahr 2015 brach in Mecklenburg-Vorpommern die Ausbildung ab (2017) bis zu 50% (in Mecklenburg-Vorpommern).
  • Prüfungstermine ändern: In vielen Bundesländern überschneiden sich die Prüfungstermine im Referendariat mit den Bewerbungsfristen für Schulen. Damit landen Lehrer nach der Ausbildung in einem unnötigen Leerlauf von bis zu einem Jahr. Hier würde eine Ausdehnung der Bewerbungsverfahren auf das ganze Jahr helfen – damit hat etwa Brandenburg bereits gute Erfahrungen gemacht.
  • Bezahlung angleichen: Noch immer gilt: Was für Lehrer am Monatsanfang auf dem Gehaltszettel steht, richtet sich nach der Schulform. Gymnasiallehrer verdienen am meisten, Grundschullehrer am wenigsten. Da ist der Mangel an Bewerbern für die Grundschule in Ländern wie Niedersachsen kein Wunder. Lehrergewerkschaften Die GEW NRW sammelte über die Kampagne »Gleiches Gehalt für alle Lehrer*innen« etwa 14.000 Online-Unterschriften (2017) kämpfen seit Jahren für eine Angleichung.
  • Umschulungen erleichtern: Aktuell herrscht nicht bei allen Fächerkombinationen Mangel – so sind in NRW Arbeitslose Lehrer in NRW – Der Bericht bei RP-online (2017) etwa hunderte Lehrer (insbesondere mit den Fächern Deutsch oder Geschichte) arbeitslos. Doch sie sind ausgebildete Pädagogen, die an Grundschulen einspringen könnten, um dort den Schülerzuwachs abzufedern.

Diese Herausforderungen für das Bildungssystem könnten bedeuten, dass diese Dinge endlich angegangen werden. Auch Dirk Zorn vom der Bertelsmann Stiftung fordert ein »Neudenken« beim Thema Bildung:

Wir müssen unseren Blick auf diese Herausforderungen erweitern […] Das heißt auch anzufangen, die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems in Angriff zu nehmen. – Dirk Zorn, Bertelsmann Stiftung

Der Soziologe regt ein grundsätzliches Nachdenken über das an, was wir als »gutes Schulsystem« ansehen. Hier klaffen Vorstellung und Wirklichkeit auseinander. Ein Lehrer kümmert sich um eine Klasse – dieses Bild ist längst nicht mehr zeitgemäß. Gerade durch Zuwanderung und Inklusion arbeiten Lehrer heute schon mit Sonderpädagogen, Sozialarbeitern, Logopäden und auch Psychologen zusammen.

Hier könnte die Politik investieren und Stellen schaffen, die die Lehrer entlasten. Diese könnten sich dann wieder voll auf das konzentrieren, wofür sie da sind: unterrichten.

Dieser Artikel gehört zu unserer Reihe »Deine Wahl 2017«. Du willst mehr zum Thema lesen? Klicke hier!

Mit Illustrationen von Janina Kämper für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 
Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.
Themen:  Bildung   Politik  

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