Es muss nicht immer Psychotherapie sein. Manchmal hilft eine Matte
Kann traumasensibles Yoga Menschen helfen, schwere Erlebnisse zu verarbeiten? Diese Frauen versuchen es.
Der Raum, in dem der Kurs gleich losgeht, sieht anders aus als die Studios, die sich sonst in den Berliner Hinterhöfen eröffnen. Keine warmen Lampen, Pflanzen und hohen Decken. Keine Räucherstäbchen und Buddhastatuen. Keine jungen Frauen, von Muskeln und Tattoos geformten Arme, keine engen Yogahosen in Pastell.
Stattdessen liegen Spielsachen herum. In Regalen stapeln sich Kinderbücher, auf einer Seite steht eine weiße Ledercouch und eine Kreidetafel, um »Schule« zu spielen. 3 Frauen im mittleren Alter kommen herein. Sie tragen Kopftücher, weite Turnhosen und Pantoffeln. Um sie herum wuseln Kinder, die freudig ihre Yogamatten aufrollen.
Heute dürfen sie ausnahmsweise mitmachen, bei der Yogastunde, die sonst nur ihren Müttern vorbehalten ist. Die Frauen kommen hierher, um Zeit für sich zu haben und zur Ruhe zu kommen. Aber gerade sind Herbstferien. Also wird die Stunde mit den Kleinen geteilt, das Wort »Ruhe« etwas lockerer interpretiert.
Jeden dritten Freitag unterrichtet Marty Djukic hier,
Gelernt hat sie das

Der Bedarf an den Kursen scheint da zu sein, denn die Liste an Einrichtungen, die sich an Citizen2be wenden, ist lang.
Was macht diese Form von Yoga so besonders? Kann es Menschen wirklich helfen, mit den Folgen ihres Traumas besser zu leben?
»Ich habe viel Stress gehabt in meinem Leben«
Die Frauen und Kinder stehen auf ihren Matten. Sie sollen sich vorstellen, ein Baum zu sein. Groß und Klein schieben ihre Füße in den Boden, spüren, wie die Erde ihnen Halt gibt. So hat es Marty angeleitet.
Bei den Yogaposen – den sogenannten Asanas – gehe es darum, ein bestimmtes Gefühl zu aktivieren, erklärt die Yogalehrerin. Halt, Verankerung und Sicherheit im eigenen Körper seien wichtige Empfindungen. Gerade für Frauen, deren Leben geprägt ist von Entwurzelung.

So wie das Leben von Kawthar Jawda zum Beispiel. Sie arbeitet seit 3 Jahren als Sozialbetreuerin in der Geflüchtetenunterkunft »Hero« und nimmt regelmäßig an den Yogastunden teil.
Auch heute ist sie wieder dabei. Allerdings muss sie immer wieder ihre Matte verlassen, um einen Streit zu schlichten oder ein Gespräch zu übersetzen. Ab und zu platzen weitere Kinder mitten in die Stunde. Auch da steht sie auf, verscheucht die Störenfriede.
Kawthar flüchtete mit 27 Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Ihr Mann lebte bereits seit 5 Jahren hier und holte sie zu sich. 3 Monate vor ihrer Flucht hatte sie ihn in Jordanien geheiratet. »Die Entscheidung war schwer«, erzählt Kawthar. Der Zukünftige, ein Freund des Bruders, ist für sie damals fast ein Fremder. Mit der Zeit lernen sie sich aber kennen und »kommen zusammen klar«, so Kawthar.
Kawthar Jawda

Die gebürtige Irakerin hat Lagerverwaltung studiert. 1995 flüchtet sie aufgrund des Krieges im Irak nach Deutschland. In Berlin gründet sie eine Familie, macht später eine Weiterbildung zur Kinderbetreuerin und Altenpflegerin. Sie arbeitet zunächst in einer Kita, seit 2020 ist die Sozialbetreuerin in der Geflüchtetenunterkunft »Hero«. Sie lebt mit ihrem 15-jährigen Sohn.
Bildquelle: PrivatEs ist das Jahr 1995.
In Deutschland beginnt sie zunächst ein halbes Jahr lang einen Deutschkurs. Dann wird sie schwanger. Als ihre Kinder alt genug und selbstständiger sind, macht sie eine Weiterbildung zur Kinderbetreuerin und Altenpflegerin. Sie arbeitet zunächst in einer Kita. Während der Coronapandemie bleibt ihre Arbeitsstelle zu, und Kawthar kommt zur Geflüchtetenunterkunft »Hero«. Hier hilft sie den Bewohner:innen, Dokumente auszufüllen, Arzttermine zu vereinbaren, übersetzt aus dem Arabischen, passt auf die Kinder auf.
Von ihrem Mann lebt sie mittlerweile getrennt. Darüber wirkt sie erleichtert. Auf ihrem Gesicht zeichnet sich ein bitterer Ausdruck bei der Erinnerung an diese Ehe ab.
Gern erinnert sich Kawthar hingegen an das erste Mal, als sie zum Yogakurs kam – zunächst nur, um die anderen Frauen zu unterstützen. »Ich gebe ihnen Mut, in den Kurs zu gehen«, erzählt sie.
Doch dann findet sie selbst Gefallen daran, macht zunächst nur ein bisschen mit, dann immer mehr. Schließlich bleibt sie die ganze Stunde. »Es macht mir Spaß, mit den anderen Frauen Yoga zu machen«, sagt sie.
Das Yoga helfe ihr auch gegen ihre Schulterschmerzen, unter denen sie seit Jahren leide. Die kämen von der Anspannung: »Ich habe viel Stress gehabt in meinem Leben.«
»Wenn ich schlechte Laune habe und zum Yoga gehe, fühle ich mich danach besser«
Solche Schmerzen, wie Kawthar sie beschreibt, sind laut Eva Weinmann typisch für Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten. Sie ist Psychologin und selbst Yogalehrerin. 2023 hat sie
Eva Weinmann

Diplompsychologin, Therapeutin und seit 2005 Yogalehrerin. Sie arbeitet bei Wildwasser e. V., einer Fachberatungsstelle für Frauen*, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, und ist als Therapeutin in eigener Praxis am Chiemsee und online tätig. Zudem bietet sie Workshops, Retreats und Fortbildungen in traumasensiblem Yoga an. Im Herbst 2023 ist ihr Buch »Wenn dein Körper sich erinnert« zu traumasensiblem Yoga im Drömer Knaur Verlag erschienen.
Bildquelle: Mat KovacicBesonders Atemübungen, die zum Yoga gehören, sind hilfreich, um das autonome Nervensystem zu beruhigen. Auf die Frage, welche Yogaposition Kawthar am liebsten mag, legt sie 2 Finger auf einen Nasenflügel, fragt »Kennst du diese Übung?«, atmet nur durch ein Nasenloch ein, wechselt dann die Seite und atmet durch das andere aus. »Nadi Shodana« heißt diese Pose, oder »Wechselatmung«. Auch zu Hause macht Kawthar die Übung hin und wieder. »Wenn ich merke, dass ich nicht richtig atme.« Besonders in Stresssituationen atmen wir flach und schnell. Yoga bringt die Aufmerksamkeit zum Atem zurück, lässt ihn tiefer werden und beruhigt so die Nerven.
Als Kawthar das erste Mal von Yoga hört, erwartet sie eine reine Entspannungsübung, keine Bewegung. »Ich habe gedacht, Yoga ist nur so«, sagt sie und faltet dabei ihre Hände vor der Brust ineinander, wie man es oft auf Fotos meditierender Menschen sieht. Jetzt weiß sie: Yoga ist ganz anders. Zumindest die Yogapraxis, die in der Unterkunft gelehrt wird – denn die Stilrichtungen sind zahlreich.
Früher ging Kawthar mit ihren Schulterproblemen zur Reha. Das habe auch geholfen, und viele Übungen im Yoga seien ähnlich wie in der medizinischen Gymnastik. Aber Yoga helfe ihr zusätzlich auf psychischer Ebene. »Wenn ich schlechte Laune habe und zum Yoga gehe, fühle ich mich danach besser.«
Es gibt inzwischen eine Reihe von Studien zu Yoga bei
Weinmann betont, dass Yoga keine eigenständige Therapiemethode darstelle. Sie ersetze keine Psychotherapie, sondern wirke unterstützend. »Es geht beim traumasensiblen Yoga nicht um eine Konfrontation oder Aufarbeitung von traumatischen Erlebnissen.« Dafür sind Yogalehrer:innen auch nicht ausgebildet. Was Yoga kann, ist »Stabilisierung«, wie es im Fachjargon heißt. Gemeint ist, ein Gefühl von emotionaler und körperlicher Sicherheit wiederherzustellen, das bei betroffenen Personen oft verloren gegangen ist. Erst nach einer Stabilisierung können die traumatischen Inhalte therapeutisch aufgearbeitet werden, ohne dass es zu einer Retraumatisierung kommt.
»Auf dem Bauch liegend fühlen sie sich verletzlich.«
Zurück zur Geflüchtetenunterkunft »Hero«. Die meisten Frauen hier sprechen nur wenig Deutsch. Der Körper ist deshalb Martys wichtigstes Kommunikationsmittel. Die Yogalehrerin nutzt einfache Worte, sagt zum Beispiel »Reibt die Hände aneinander«, und macht die Bewegung dann selbst vor.
Die Frauen tun es ihr gleich. Dann legen sie die aufgewärmten Handflächen auf ihr Gesicht. »Spürt ihr, wie die Wärme in euren Körper geht?«, fragt Marty.
Marty Djukic

Sie begann 2017 ihre Ausbildung als Yogalehrerin. Zuerst nur für sich selbst und Freund:innen. Seit 2020 gibt sie professionellen Unterricht. 2022 kam sie zu Citizen2be und gibt seitdem neben ihrem Hauptberuf als Personalmanagerin ehrenamtlich traumasensible Yogastunden an Geflüchtetenunterkünften in Berlin. Sie kommt vor allem aus dem Anusara-Yoga.
Bildquelle: Juliette MoarbesAnders als bei klassischen Yogastunden, wo sich eine Übung an die nächste reiht, gibt Marty den Frauen viel Raum zum Nachspüren. Sie hält immer wieder zwischen den Positionen inne. Bestärkt, dass sie das alle sehr gut machen. Die Übungen sind sanft, erfordern wenig Kraft. Wenn einer Frau die Pose zu anstrengend ist, bietet Marty eine Alternative an. Religiös-spirituelle Elemente und Musik bleiben aus.
Psychologin Weinmann erklärt, warum diese Aspekte wichtig sind: »Ein Trauma zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass die betroffene Person überwältigt und hilflos ist, keine Wahlmöglichkeiten hat, die Verbindung zu sich und zur Gegenwart verliert. Im traumasensiblen Yoga wird ein Raum geschaffen, in dem das Gegenteil stattfindet.« Ein Raum also voller Pausen, um den eigenen Körper wieder zu spüren, Selbstliebe zu praktizieren und vor allem selbstbestimmt die Pose zu wählen, in der man sich wohlfühlt.
Marty weiß aus ihrer Ausbildung, dass sie Grenzen respektieren und sensibler mit den Frauen umgehen muss, als sie es in den »normalen« Yogastunden macht, die sie nebenberuflich gibt. »Bestimmte Übungen können bei traumatisierten Menschen etwas triggern«, erklärt sie. »Zum Beispiel machen wir kaum Übungen auf dem Bauch. Denn auf dem Bauch liegend sehen die Frauen ihre Umgebung nicht gut, dadurch fühlen sie sich unterwürfig und verletzlich.« Aus demselben Grund fordert sie die Frauen nie auf, die Augen zu schließen, wie es beim Yoga sonst oft vorkommt.
Auch tiefe Rückbeugen werden vermieden. Denn »der Körper kann aufgrund des Traumas verhärtet sein«, sagt Marty. Keine »Kamel-Pose« also, die den unteren Rücken zu stark beansprucht. Nur schonende Dehnungen, wie »Katze-Kuh« und »Kaktus«. So werden die Asanas modern übersetzt.
Ein weiteres No-Go: die Teilnehmenden zu berühren. Bei vielen Yogastunden ist es normal, dass Lehrer:innen Hand anlegten, um die Asanas zu korrigieren. Für Menschen, die ein Trauma erlebt haben, kann das sehr unangenehm sein.
»Die Frauen kommen oft zu kurz. Hier können sie nur für sich sein«
Der Kurs neigt sich dem Ende zu, die Stimmung wird immer gelöster. Überhaupt läuft die Stunde lockerer ab, als man es aus klassischem Yogaunterricht gewohnt ist. »Spaß ist wichtiger als Disziplin«, sagt Marty dazu. Als die Frauen bei einer Balanceübung aus dem Gleichgewicht fallen, lachen sie zusammen darüber und versuchen es noch mal. Bei einer Pose in der Hocke, die man den »Stuhl« nennt, flüstert eine Frau der anderen zu: »Wie auf dem Klo!«, und beide kichern.
Marty freut sich, zu sehen, dass ihre Yogaklasse auch zu einem sozialen Treffpunkt geworden ist, an dem Frauen ausgelassen sein können. »Viele Frauen sind mit ihren Familien geflüchtet. Sie selbst kommen deshalb oft zu kurz, weil sie alles für ihre Kinder und Ehemänner geben. Dabei haben sie selten einen Rückzugsort. Unser Anspruch ist es deshalb, ihnen diesen ruhigen Ort zu bieten. Wo sie nur für sich sein können.«
Marty ist überzeugt: Wären Männer dabei, würden sich die Frauen nicht so offen verhalten.
Ob ihr ein Unterschied nach dem Yoga auffalle? »Ich merke, da ist mehr Ruhe im Raum. Die Frauen sind mehr bei sich, nicht mehr so nach Außen gerichtet.« Das macht sich in der Entspannung am Ende bemerkbar: Immer wieder erfüllt ein lösendes Ausatmen der Frauen den Raum.
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