von  David Ehl

Das müssen Städte tun, um nicht das nächste Venedig zu werden

Weil der Meeresspiegel weltweit steigt, könnte 1/5 der Menschheit seine Heimat verlieren. Es sei denn, alle Städte machen es wie Miami Beach.

22. September 2017  –  7 Minuten

Auch wenn US-Präsident Donald Trump immer noch Der Klimawandel ist real. Weltweit steigen die Meeresspiegel, und das wärmere Wasser ist zumindest ein Faktor, warum die Karibik in diesem Jahr von einer heimgesucht wird.

Steigende Pegel bedrohen Menschen auf allen Kontinenten – bis zum Jahr 2100 könnten 2 Milliarden, also jeder fünfte Erdenbürger, Genauso wichtig wie die Erderwärmung auszubremsen wird also, auf ihre direkten Folgen zu reagieren.

Der steigende Meeresspiegel bedroht Städte überall auf der Welt. Deshalb entstehen immer mehr Netzwerke, in denen sie voneinander profitieren und gemeinsam lernen, wie man sich an die So hilft die Rockefeller-Stiftung also 100 widerstandsfähigen Städten, Unter den »100 Resilient Cities« tauschen sich zum Beispiel Miami, Bangkok, Sydney, Rotterdam, London und New Orleans über Maßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel aus.

Kaum ein anderer Ort der Welt ist bei den Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels bereits so weit wie Miami Beach im Süden des US-Bundesstaats Florida: In einem gigantischen Bauprojekt wird gerade die komplette Stadt angehoben. »Rising Above«, frei übersetzt »darüber hinauswachsen«, ist der vielleicht größte Feldversuch der Welt, wie Küstenstädte den Kopf über Wasser halten können, statt zum nächsten Venedig oder gar Atlantis zu werden.

Mein Haus, mein Boot, meine Gewitterwolke: Miami Beach trägt auch den Spitznamen »Milliarden-Dollar-Sandbank«. – Quelle: David Ehl

An einem sonnigen Augusttag war ich vor Ort – nachdem der Hurrikan Irma abgezogen ist, habe ich noch einmal nachgehört, ob das Konzept auch im Ernstfall funktioniert.

Vor Miami Beach liegt Meer, soweit das Auge reicht

Miami Beach ist die nördlichste Insel der Florida Keys, einer Gruppe von gut 200 aus Kalkstein bestehenden Inseln, die wie eine Perlenkette vor Floridas Südküste liegt. Miami Beach wurde mit dem Aushub einer Lagune noch weiter vergrößert – die gesamte Stadt liegt nur rund Die 40 Quadratkilometer große Insel ist komplett bebaut – in Miami Beach leben Wegen der vielen Luxusvillen und Hotels wird die Stadt manchmal als »Milliarden-Dollar-Sandbank« bezeichnet.

Tropisch warm, flach und nass war es an der – die Messstation direkt vor Miami Beach registriert aber jedes Jahr einen im Schnitt 9 Millimeter höheren Meeresspiegel. Und Langzeitmessungen anderer Stationen in Florida verdeutlichen, wie stark die Pegel hier bereits in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen sind.

So verändern sich die Meerespegel in Florida

So verändern sich die Meerespegel an ausgewählten Messpunkten in Florida: Die Messung beginnt jeweils bei +/- 0, von dort an werden die Änderungen in Millimetern notiert. Die Daten stammen von einer britischen Behörde namens Permanent Service of Mean Sea Level, die an rund 2.000 Stellen weltweit die Meereshöhe misst. Wo die Linie unterbrochen ist, liegen keine Daten vor.

Quelle: Searise / Correctiv

Der Trend ist also klar erkennbar – aber wie sieht Florida eigentlich aus, wenn die Pegel weiter steigen? Stellt man den Regler auf 1,8 Meter – die Worst-Case-Szenarien vieler Wissenschaftler liegen sogar weit höher – wird Miami Beach komplett blau eingefärbt.

Gut 13 Millionen US-Amerikaner müssen bis Ende des Jahrhunderts in höherliegende Gebiete umsiedeln, – zu diesem Ergebnis kommt eine Allein 6 Millionen sind es in Florida.

Aber bereits bevor ein Gebiet dauerhaft unter Wasser liegt, wird es zunehmend ungemütlich: Seit 2006 gab es in Miami Beach 33% mehr Überflutungen durch Starkregen – die Zahl der Zwar kann man nicht jedes Gewitter und auch nicht jeden wie Irma einwandfrei auf den Klimawandel zurückführen; aber seit der Golf von Mexiko um 0,5 Grad Celsius wärmer ist, verdunstet mehr Wasser, das der Hurrikan als

Meeresspiegel in Miami Beach

Die Kurve zeigt die Pegelstände bei Tidenhochwasser in Zentimeter im Jahresschnitt. Die Daten stammen von einer 1994 errichteten Messstation auf Virginia Key, der Insel unmittelbar südlich von Miami Beach.

Quelle: Nationale Ozean- und Atmosphären-Behörde (NOAA) / eigene Berechnungen

So wächst Miami Beach übers Meer hinaus

Das sind keine schönen Aussichten, wenn man auf einer flachen Insel im Ozean sitzt. Und weil die »King Tides«, die besonders hohen Fluten im Spätsommer, regelmäßig die Straßen unter Wasser setzten, war 2013 der politische Wille da, die Straßen einfach noch ein Stückchen höher zu legen. Das passiert im Bauprojekt – bisher sind 80 Millionen Dollar hineingeflossen, bis Mitte der 2020er-Jahre sollen es bis zu 500 Millionen werden.

Paddleboard statt Autos: Heute bleibt Sunset Harbour meistens trocken. Aus derselben Perspektive aufgenommen ist das Foto im Rahmen, auf dem die Straße unter Wasser steht und wo man sich nur paddelnd fortbewegen kann. (Fun Fact: Der Mann auf dem Paddleboard ist der Saxophonist von Lenny Kravitz.) Wenn du das Bild nach rechts slidest, siehst du ein Foto, das dieselbe Straßenecke am 11. September 2017 zeigt, zum Höhepunkt des Hurrikans Irma. – Quelle: David Ehl / City of Miami Beach copyright

Als der Initiator des Programms, Bürgermeister Philip Levine, 2 Jahre nach Baubeginn für seine Wiederwahl warb, drehte er in dem überflutete Straßen zu sehen waren – und er als Retter mit dem Paddel in der Hand, der dem Volk versprach, die Fluten zu teilen. Doch nicht wie Moses mit göttlicher Unterstützung, sondern durch teure Technik und ein Bauvorhaben, das nur auf den ersten Blick ziemlich größenwahnsinnig erscheint.

  • Straßen anheben: Wichtigster und namensgebender Bestandteil ist, die Insel wortwörtlich anzuheben: Stück für Stück soll der öffentliche Raum, also insbesondere das 170 Kilometer lange Straßennetz, aufgeschüttet und neu gemacht werden. Dadurch werden Erdgeschosse zu Kellergeschossen – aber wenn Häuser abgerissen werden, sollen die Flächen verfüllt und das neue Haus wieder auf Straßenhöhe gebaut werden. Die Straßen in Sunset Harbour, bis vor Kurzem eines der am tiefsten liegenden Stadtviertel, wurden bereits komplett um etwa 75 Zentimeter angehoben.
    Einmal tieferlegen, bitte: Früher war die Straße ebenerdig zu dieser Terrasse, seit den Baumaßnahmen von »Rising Above« liegt sie rund 75 Zentimeter darüber. – Quelle: David Ehl
  • Kanalisation ausbauen: Damit die jetzt tiefer liegenden Vorgärten und Terrassen nicht bei jedem Regen volllaufen, werden Gullys und Rohre verlegt, die es mit den Wassermassen eines tropischen Regenschauers aufnehmen können. Mehrstufige Filter sortieren Trümmer, Geröll und Schlamm aus, sodass das System nicht verstopft. Das Wasser wird direkt in die tiefer liegende Lagune abgepumpt, Rückstauklappen machen das System zur Einbahnstraße. Wenn »Rising Above« fertig ist, sollen 80 Pumpen im ganzen Stadtgebiet das Wasser zielgerichtet wegbefördern.
    Sunset Harbour: Versteckt unter dem Parkplatz im Vordergrund des Bildes liegen Wassertanks, Siebe und Rohre, durch die das Wasser gepumpt werden kann. – Quelle: David Ehl
  • Ufer befestigen: Mit jedem Zentimeter, den der Meeresspiegel ansteigt, kommt das Wasser auch stärker von der Seite. Es ist allerdings nur ein kleiner Teil der Uferfläche in städtischen Händen – also ruft Miami Beach seine Einwohner auf, selbst ihre Uferabschnitte zu befestigen: Ganz natürlich mit Mangroven, deren Wurzeln die Erde festhalten, mit Betonmauern oder einer Kombination beider Ansätze.
Beton statt Böschung: Teil von »Rising Above« ist auch, die unbefestigten Teile des Ufers wehrhafter gegen die Fluten zu machen. – Quelle: David Ehl

Bislang müssen die Bürger die Anpassungen auf ihrem Grundstück – eine Betonufermauer kostet immerhin etwa 6.000 Euro pro Meter. Und je lückenloser das Ufer befestigt ist, desto stärker wird der Druck auf die schwächeren Glieder der Kette, auch auf ihrem Grundstück etwas zu tun. Sich vor den Folgen des Klimawandels schützen können also vor allem diejenigen, die es sich leisten können.

Ein Versuchslabor mit 92.000 Bewohnern

»Rising Above« ist Neuland für alle Beteiligten: Wie das Bauprojekt ohne weitere funktionieren kann, ist nicht die einzige offene Frage im Versuchslabor Miami Beach. Und so erhalten die Stadtplaner am der Klimafolgenanpassung immer wieder neue Erkenntnisse, von denen auch andere Städte profitieren können.

»Rising Above«: Programm-Managerin Margarita Wells steht im Außenbereich eines Cafés in Sunset Harbour. Früher war die Straße ebenerdig, jetzt liegt sie rund 75 Zentimeter darüber. – Quelle: David Ehl
  • Jede Branche ist betroffen: Vor einem Jahr machten dass sich weigerten, ihre Kunden nach einer Flut zu entschädigen. Die beschädigten Läden seien nun im Kellergeschoss; die Policen seien jedoch fürs Erdgeschoss ausgestellt. Margarita Wells, Programm-Managerin von »Rising Above«, sicherte zu, dass solche Fälle mittlerweile nicht mehr auftreten würden.
  • Regionale Unterschiede: Zur Konzeption von »Rising Above« hat die Stadt sich zwar Rat in den Niederlanden geholt, die ihrerseits viel Erfahrung mit dem Zurückhalten des Meeres haben. Aber schnell war klar: Den größten Teil des Konzepts muss Miami Beach selbst entwerfen, denn hier kommt das Wasser nicht nur von der Seite, sondern vor allem auch von oben.
  • Energieversorgung ist entscheidend: Erst Anfang August hatte Miami Beach eine wertvolle Lektion gelernt. Der Tropensturm Emily hatte heftige Regenfälle mit sich gebracht, und die Pumpen hatten gut zu tun. Dann unterbrach jedoch ein Kurzschluss die Stromversorgung – die Pumpen fielen aus und Teile der Also schaffte die Stadt mobile Dieselgeneratoren an und stellte sie neben den
Haus an der See: Ursprünglich war die gesamte Straße im Stadtbezirk Sunset Harbour auf dem Niveau wie die Einfahrt rechts des Hauses; man musste eine Treppe nehmen, um auf die Terrasse vor der Eingangstür zu kommen. Jetzt ist der Eingang ebenerdig und die Einfahrt abgesenkt – Mitarbeiter des Kajakverleihs, der in dem Haus untergebracht ist, wünschen sich nur noch, dass ihre Einfahrt seltener überflutet wird. – Quelle: David Ehl

Irma zu Besuch in Miami Beach

Als Hurrikan Irma Miami Beach erreichte, hielten die Generatoren das – einzelne Gebiete wurden zwar überschwemmt, aber nach einer Stunde hatten die Lage wieder im Griff. »Wir hatten extremes Glück, dass Irma uns nicht frontal erwischt hat«, sagt Eric Carpenter, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in Miami Beach. »Dann hätten wir 210 statt 110 Zentimeter Scheitelwelle gehabt, und es sähe hier jetzt ganz anders aus.« So hatte der Sturm einige Bäume und Palmen umgepustet und den großflächig über die Promenade verteilt.

Der Hurrikan hat uns gezeigt, dass es der richtige Weg ist, wichtige Infrastruktur anzuheben. Wenn der Meeresspiegel ansteigt und solche Stürme immer häufiger werden, müssen wir in der Lage sein, uns schneller von ihnen zu erholen. Wir werden niemals in der Lage sein, unsere Stadt 100% Hurrikan-sicher zu machen, aber wir können sie widerstandsfähiger machen.Eric Carpenter, Miami Beach

Wirbelsturm im Schnelldurchlauf: Irmas Besuch in Miami Beach im Zeitraffer.

Was in Miami Beach sicher vieles einfacher macht, ist das ziemlich großzügige Budget. Eine Stadt wie Bangkok könnte es sich schlicht nicht leisten, alle Straßen Stück für Stück anzuheben. Das erlaubt Miami Beach auch, im Bauprozess immer neue Erkenntnisse zu gewinnen – und zum Beispiel, nachdem die Stromversorgung als Schwachstelle erkannt ist, vor dem nächsten Sturm ein paar Generatoren zu kaufen.

Wir können nicht für jede Eventualität planen – was wir eher als Ziel verfolgen, ist eine allmähliche Anpassung. Und wenn die Pegel dann weiter steigen, werden wir alles noch mal anheben.Eric Carpenter

Titelbild: David Ehl - copyright

von David Ehl 
Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller – das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gern unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.
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