In welcher Zeit finden wir noch Zuflucht?
Weltweit sehen Menschen resigniert in die Zukunft. Manche richten den Blick deshalb in die Vergangenheit, andere schauen trotz allem nach vorne. Über die Suche nach Halt in einer verlustreichen Zeit.
Die Vergangenheit unterscheide sich in einem wesentlichen Punkt von der Gegenwart, schreibt der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov. Sie fließe nie in eine Richtung. Während die Gegenwart linear auf eine imaginierte Zukunft zuströme, sei die Vergangenheit ein abgeschlossener Raum. In Gospodinovs Roman »Zeitzuflucht«, der 2023 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet wurde, ist das anders.
Im Zentrum des Buchs stehen die sogenannten Kliniken für die Vergangenheit, die der rätselhafte Protagonist Gaustín ins Leben ruft – ein Zeitreisender des Geistes, der zwischen den Jahrzehnten wechselt und verschiedene Gestalten und Berufe annimmt, zum Beispiel den des Alterspsychiaters. Gaustín errichtet seine Kliniken ursprünglich für Demenzkranke, die in der Vergangenheit eine therapeutische Zuflucht finden sollen. »Für sie ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart ein fremdes Land, die Vergangenheit ist ihre Heimat«, erklärt er.
In den Einrichtungen werden die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts detailgetreu rekonstruiert, sodass die Bewohner:innen in einer Welt leben können, die ihrer eigenen Erinnerung entspricht. Tapeten, Sofas, Stühle, Platten und Poster entsprechen dem gewählten Jahrzehnt. Die Seifen riechen so wie damals, Limos schmecken wie damals, und ihre Verpackungen sind stilecht. Die Zeitungen lässt Gaustín Tag für Tag nachdrucken. Nichts darf die Illusion durchbrechen.
Und der Plan funktioniert. Die Menschen blühen auf, nachdem sie sich längst vom Leben abgewandt hatten. Sie beginnen zu reden, hören die Beatles, essen Kekse und liegen in Sakko und Schuhen auf dem Bett des Kinderzimmers, als wären sie in ihren 8-jährigen Körper zurückgekehrt.
Mit Illustrationen von Claudia Wieczorek für Perspective Daily