Juliane Metzker / Interview

»Was ist (immer noch) todlangweilig und kann die Welt retten?«

9. Oktober 2017

Was gegen Armut hilft, ist doch klar!? Das dachte Journalistin Maite Vermeulen. Bis sie eine überraschend öde Antwort bekam.

»Was brauchst du am dringendsten?« Diese Frage stellt die niederländische Journalistin Maite Vermeulen vielen Menschen, die in Entwicklungsländern unterhalb der Armutsschwelle Jedes Land der Welt hat eine eigene Armutsschwelle, unterhalb derer die Bewohner als »absolut arm« gelten. Außerdem gibt es eine »internationale Armutsschwelle«, die bei einem Einkommen von 1,90 US-Dollar am Tag liegt, angepasst an die Kaufkraft im jeweiligen Land. Werden globale Armutsstatistiken zitiert, beziehen die sich meist auf die 1,90-US-Dollar-Definition. leben. Direkt nach dem Studium wollte sie eigentlich selbst bei einer Hilfsorganisation anheuern, um nicht zu fragen, sondern um zu helfen. Vor über 4 Jahren entschied sich die junge Niederländerin anders und begann für das konstruktive Hier geht es zur Website von »De Correspondent« (niederländisch/englisch) Online-Medium »De Correspondent« zu schreiben. Ihre Motivation:

Die Menschen fühlen sich hilflos, wenn wir nur über das Problem der Armut sprechen. Journalisten müssen gegen diese Erschöpfung angehen und mehr darüber berichten, was getan werden kann. – Maite Vermeulen

Wie schwer das ist, spürte Vermeulen vor allem, als sie nach dem schweren Erdbeben im Jahr 2010 in den Slums von Haiti recherchierte. 37 Sekunden bebte die Erde damals. Ein paar Augenblicke, die Einige unüberprüfbare Hochrechnungen liegen weit über den offiziellen Schätzungen der UN bei 316.000 Todesopfern (englisch, 2013) über 220.000 Menschen das Leben kosteten und Millionen obdachlos machten. »Was brauchst du am dringendsten?«, fragte sie dort auch den Haitianer Lebrun, der sein Haus durch das Erdbeben verloren hatte. Was er ihr dann sagte, erschütterte ihren Glauben, zu wissen, was Menschen in Krisensituation wirklich benötigen. In den letzten 2 Jahren hat Maite Vermeulen dann nachgespürt, ob Lebruns Perspektive die Welt retten könnte. Ihr Fazit hat sie mir im Interview verraten:

Maite Vermeulen schreibt für »De Correspondent« über Entwicklung und Konflikt. – Quelle: de Correspondent copyright

Ende 2014 recherchierst du auf Haiti, was Menschen dort helfen könnte. Ein paar Monate später stehst du auf einer Bühne in Amsterdam und Hier geht es zum TEDx Talk von Maite Vermeulen (englisch, 2015) erzählst deinem Publikum, dass es total öde sei, die Welt zu retten. Was ist die Lösung?

Maite Vermeulen: Während meiner Recherchereisen machten mich viele Menschen auf die Lösung aufmerksam. Aber erst auf Haiti sprach Lebrun, der unterhalb der Armutsschwelle lebt, sie direkt aus. Es war nicht das, wozu uns die Werbung in der Weihnachtszeit aufruft zu spenden. Nicht Bildung, Essen oder Kleidung – sondern ein Katasteramt, also mehr Bürokratie. Das wünschen sich Menschen wie Lebrun.

Lebrun würde gerne ein Backsteinhaus bauen, sagt er. Er will für die Materialien sparen. Aber was, wenn jemand eines Tages vor seiner Tür steht und behauptet, das Land, auf dem er wohnt, zu besitzen? Seine Ersparnisse wären auf einen Schlag dahin. – aus dem Artikel von Maite Vermeulen Der Originalartikel von Maite Vermeulen, erschienen bei »De Correspondent« (englisch, 2015) »What’s deadly dull and can save the world?«

Bürokratie für alle!

Wenn ich Bürokratie google, lautete eine Definition: »engstirnige, umständliche Beamtenwirtschaft«. Ist das unbürokratische Leben für Menschen in armen Ländern nicht schon kompliziert genug?

Maite Vermeulen: Sieh es doch mal so: Bürokratie ist das System, das Prozesse so organisiert, dass sie für alle gleich sind. Dadurch bekommst du auch eine Baugenehmigung, wenn du sie brauchst. Bei dem Erdbeben auf Haiti wurden Zur offiziellen Schätzung der UN (englisch, 2013) rund 1,5 Millionen Menschen auf einen Schlag obdachlos. Wenn die Menschen dort die Möglichkeit bekommen, ihren Grund und Boden bei einem Katasteramt zu registrieren, könnten sie darauf stabile Backsteinhäuser bauen anstelle der wackligen Hütten, die beim nächsten Erdbeben wieder wie Kartenhäuser zusammenklappen. Außerdem ist ein Katasteramt notwendig, um Steuern einzutreiben. Napoleon richtete in den Niederlanden die ersten Katasterämter ein, um durch die Steuern seine Kriege zu finanzieren. Ohne eine funktionierende Verwaltungen geht Staaten viel Geld durch die Lappen.

So viele Steuergelder gehen Staaten jährlich durch die Lappen

Durch schlecht ausgebildete oder zu wenige Beamte können vor allem multinationale Firmen in Entwicklungsländern Steuerabgaben vermeiden. Hier eine Schätzung für das Jahr 2017:

Quelle: Tax Justice Network

Heute können wir uns kaum vorstellen, wie kompliziert die Welt ohne Bürokratie wäre. Aber versuchen wir es einmal: ein Leben ohne Adresse, ohne Sozialversicherungsnummer. Könnten wir ein Bankkonto eröffnen? Nein. Ein Unternehmen gründen? Auf gar keinen Fall. Wählen gehen? Niemals. – aus dem Artikel von Maite Vermeulen »What’s deadly dull and can save the world?«

Hilfsorganisationen verschätzten sich beim Wiederaufbau auf Haiti um 5 Jahre nach dem schweren Erdbeben auf Haiti zieht die BBC eine traurige Bilanz, wie wenig 13 Milliarden US-Dollar an Hilfsgeldern den Menschen dort geholfen haben (englisch, 2015) Millionensummen. Warum finanzieren sie immer noch nicht mehr in Verwaltungen, Auf Haiti gibt es ein nationales Katasteramt, offizielle Dokumente existieren jedoch nur für einen verschwindend kleinen Anteil des Landes. Neben dem Ministerium für öffentliche Bauprojekte arbeitet ein weiteres Komitee des Ministeriums an einem System zur Registrierung von Landbesitz. Eine klare Trennung der Zuständigkeiten gibt es nicht. Notwendige Bürokratische Einrichtungen sind somit zwar vorhanden, jedoch kaum funktional. die Menschen Land zuteilen, auf denen sie ihre Häuser selbst aufbauen können?

Maite Vermeulen: Ganz einfach, weil das Konzept Bürokratie als Hilfsmaßnahme langweilig und kompliziert ist. Nach dem Taifun »Haiyan« Taifun »Haiyan« – chinesisch für »Sturmvogel« – hat im November 2013 mehr als 6.000 Menschen das Leben gekostet. 4,1 Millionen, darunter 1,7 Millionen Kinder, haben ihr Zuhause verloren und wurden obdachlos. Die Stadt Tacloban der Insel Leyte war mit ihren 200.000 Einwohnern besonders stark betroffen. Etwa 90% der Stadt wurden zerstört. war ich ein paar Mal auf den Philippinen und in Nepal. Ich bekam das starke Gefühl, dass Hilfsorganisationen sich eher auf die Regionen konzentrierten, die für Journalisten leicht zu erreichen waren und wo sie ein klares Bild davon bekamen, wofür die Spendengelder genutzt wurden: zum Beispiel für den Bau bestimmter Häuser und Schulen. Alle Maßnahmen, die sich nicht so einfach darstellen lassen, sind schwer zu vermitteln. Denn ihr Einfluss kann nicht direkt gemessen werden.

1.019 Jahre bis zur Weltrettung?

Dass Bürokratie die Welt retten kann, klingt erst einmal sehr konstruktiv. Doch ist die Idee überhaupt umsetzbar?

Maite Verbeulen: Diese Frage habe ich mir natürlich nach meinem TEDx Talk auch gestellt. Und ich bin auf Antworten gestoßen, die zeigen, wie unrealistisch es ist, in Entwicklungsländern ein ähnliches Verwaltungssystem aufzubauen wie in den Niederlanden. In Uganda wurde ein Programm ins Leben gerufen, bei dem mit dem neuesten Computersystem Landparzellen und Grundstücke vermessen werden sollten. Das niederländische Katasteramt errechnete aber, dass auf diesem Wege die Vermessung von Uganda Die Berechnung stammt aus Vermeulens Recherche über das Programm beim niederländischen Katasteramt (niederländisch, 2016) im Jahr 3036 abgeschlossen sei.

Die Antwort hätte ich jetzt nicht erwartet. Also Daumen runter für die Bürokratie in Entwicklungsländern?

Maite Vermeulen: Noch nicht. Wir müssen das Problem aus einer anderen Richtung angehen: Eine Möglichkeit wäre, die Registrierung der Grundstücke an einen Zensus zu knüpfen. In vielen Schwellenländern findet ungefähr alle 10 Jahre eine solche Volkszählung statt. Die Menschen müssen vor Ort gezählt werden. Wie wäre es also, wenn jeder Zähler auch eine Kamera und ein Gerät mit GPS-Ortung mitnehmen würde? So könnte er Koordinaten mit den Menschen verbinden, die dort leben. Das heißt aber leider noch nicht, dass ihnen das Land automatisch gehört.

Warum?

Maite Vermeulen: Vor allem in ländlichen Regionen ist das Interesse an Grundstücksurkunden sehr gering. In Ruanda wurden mithilfe von Luftaufnahmen und Bauern, mit denen man Grundstücksgrenzen ablief, Hier kannst du sehen und lesen, wie die systematische Grundbucheintragung in Ruanda ablief (englisch, 2014, PDF) Karten erstellt. Ruander konnten sich danach für 8 US-Dollar eine offizielle Grundstücksurkunde abholen. Aber 3 Millionen dieser Dokumente blieben liegen. Einige Hilfsorganisationen konzentrieren sich jetzt darauf, den Menschen zu erklären, warum die Papiere wichtig für sie sind. Dass sie damit ein Darlehen bei einer Bank aufnehmen können, dass damit kein chinesisches Großunternehmen einfach so eine Straße durch ihr Land bauen kann und dass ihre Kinder das Grundstück rechtmäßig erben werden.

Ein Mitarbeiter der NGO GiveDirectly mit Phoebe Abagi, die in dem Pilot-Dorf in Kenia lebt, in dem alle Bewohner über 18 Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen in Höhe von 22 US-Dollar monatlich bekommen. – Quelle: Peter Dörrie copyright
Gibt es noch andere Lösungen, die du dir gerne genauer anschauen möchtest?

Maite Vermeulen: Momentan recherchiere ich zu den Zur Reportage von Peter Dörrie, der sich das Projekt in Kenia direkt vor Ort angeschaut hat »Cash Programs« der NGO GiveDirectly GiveDirectly wurde im Jahr 2009 von Studierenden der Universitäten Harvard und MIT gegründet. Auf der Suche nach einem möglichst effektiven Weg, Geld zu spenden, fanden sie in der wissenschaftlichen Literatur starke Belege für die Effektivität von Bargeld, aber keine Organisation, die gezielt bedingungslose Zahlungen an Menschen in Afrika organisiert. in Afrika. Die Organisation macht nichts anderes, als Geld direkt an Bedürftige zu verteilen – eine Art Han Langeslag ist der Frage nachgegangen, ob Geld armen Menschen zu einem gesünderen Leben verhilft bedingungsloses Grundeinkommen. Momentan ist es noch ein Forschungsprojekt. Ich sehe darin aber bereits eine große Veränderung, wie wir in Zukunft über Entwicklungshilfen nachdenken werden. Ich glaube, dass es viel effizienter ist, den Menschen das Geld direkt zu geben, damit sie sich selbst helfen können.

Das Weltretter-Image von Hilfsorganisationen bleibt dann auf der Strecke …

Maite Vermeulen: Ich hatte bei meinen Recherchen immer das Gefühl, dass Menschen, die für ihr Land verantwortlich sind und etwas bewegen können, nicht genug unterstützt werden. Meist geben Hilfsorganisationen die Verantwortung erst an Einheimische ab, wenn die großen Geldtöpfe ausgeschöpft sind. Aber dieser Gedanke gehört an die erste Stelle. Auf Haiti leiten Hilfsorganisationen immer noch 80–90% der Schulen. Die Angabe erhielt Maite Vermeulen vom Roten Kreuz auf Haiti. Wie soll das Bildungsministerium an seinen Aufgaben wachsen, wenn es kaum Einfluss auf die Bildung hat? Dafür müssen Hilfsorganisationen einen Schritt zurücktreten und anderen das Rampenlicht überlassen. Um die Welt zu retten, brauchen wir mehr langweilige und unspektakuläre Lösungen und weniger Samariter.

Titelbild: Christian Schnettelker - CC BY-SA

 

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