Kommentar 

Nach diesem Text lässt du die Idee des freien Marktes fallen

Das Märchen vom freien Markt in 3 Akten. Oder warum du die Wirtschaft nicht den Experten überlassen solltest.

13. Oktober 2017  6 Minuten

Es war einmal ein Markt, in dem alle Menschen glücklich untereinander Waren und Dienstleistungen austauschten. Der Markt organisierte sich vollständig selbst, wie durch Kurzdefinition der »unsichtbaren Hand« bei der Bundeszentrale für Politische Bildung eine unsichtbare Hand, und die Wirtschaft war stabil und florierte. Dann kam plötzlich der Staat dazwischen, der sich einmischte und Geld an sich riss. Er stellte Regeln auf, begann umzuverteilen und zerstörte das Gleichgewicht. Er musste bekämpft werden, um den Markt wieder zu befreien.

So in etwa lässt sich die tiefe Überzeugung vieler liberaler Politiker, Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmer zusammenfassen. Ich vermute aber, dass kaum einer – mit Ausnahme von einigen hartgesottenen Libertären Für Libertäre steht die persönliche Freiheit über fast allem, und privates Eigentum spielt dabei eine entscheidende Rolle. Für sie sind Steuern staatlicher Diebstahl. Sie sehen jegliche Einmischung von staatlicher Seite in private und wirtschaftliche Angelegenheiten als Zeichen für Kommunismus, häufig sprechen sie in dem Zusammenhang vom sogenannten »Polizeistaat«. Der amerikanische Philosoph Robert Nozick ist einer der bekanntesten Vertreter des Libertarismus. 1974 veröffentlichte er sein Buch »Anarchie, Staat und Utopia«. – wirklich an das Märchen vom freien Markt glaubt.

Denn wäre er Realität, müssten wir auch in der EU wieder einen Markt für Kinderarbeit Kinderarbeit ist weltweit gesehen noch immer ein Problem: Verbote allein reichen nicht immer aus, um sie abzuschaffen. Die internationale Arbeitsorganisation (IAO) schätzt, dass 2016 noch 152 Millionen Kinder (5–17 Jahre) arbeiten (englisch), vor allem in schwerer körperlicher Arbeit auf Plantagen etc. In jedem Fall ist die Entscheidung, Kinderarbeit abzuschaffen, eine gesellschaftspolitische. schaffen. Jedes Kind, das arbeiten will, sollte es tun dürfen. Genauso sollte jeder Unternehmer die Erlaubnis haben, Kinder einzustellen. Wo ist das Problem?

»Wirtschaft ist zu wichtig, um sie den Experten zu überlassen!« – Ha-Joon Chang, Wirtschaftsprofessor und Autor

Du bist knapp bei Kasse und willst eine deiner Nieren spenden? Kein Problem, denn du kannst sie einfach online auf eBay verscherbeln. Du willst die Warteschlange beim Hausarzt oder in der Notaufnahme überspringen? Kein Problem, denn du kannst dir für ein paar Euro extra ein Premium-Ticket organisieren.

All das wäre in einem komplett freien Markt möglich. Menschen sollten doch frei entscheiden und handeln dürfen, solange sich Käufer und Verkäufer Wie frei ist unser Wille wirklich? – Das diskutiere ich hier mit Maren Urner freiwillig einigen. Ich hoffe, du hast genau wie ich beim Gedanken an legalisierte Kinderarbeit, Organhandel und Hier schreibt Gastautor Roman Böckmann über mögliche Reformen der 2-Klassen-Medizin in Deutschland 2-Klassen-Medizin ein ungutes Bauchgefühl.

Freie Marktwirtschaft heißt: Jeder darf arbeiten. Ist das gut oder schlecht? – Quelle: chong

Das hindert die meisten westlichen Gesellschaften jedoch nicht daran, danach zu streben, sich dem freien Markt möglichst anzunähern – zumindest in allen Bereichen, in denen es ethisch vertretbar ist. Das marktorientierte Denken ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Wenn ich mit Verfechtern eines freien Marktes diskutiere, fallen ihre Argumente generell in eine von 3 Kategorien:

  1. Eigeninteresse
  2. Ideologie
  3. Pragmatismus

Die erste Kategorie lässt sich leicht nachvollziehen. Wer will als Unternehmer schon zusätzliche Kosten haben, um die Umwelt zu schützen, oder seine Branche regulieren lassen, weil sie der Gesellschaft schadet. Sollten Zigaretten erlaubt sein? Oder Fracking? Bei den anderen 2 Gründen lohnt es sich, sie genauer unter die Lupe zu nehmen, denn Wirtschaft ist immer Politik – und nicht durch Naturgesetze bestimmt. Wir sollten wirtschaftliche Fragen also nicht den Experten überlassen, sondern gemeinsam entscheiden, was uns in Zukunft wichtig ist.

Ideologie: »Meine Freiheit ist das höchste Gut!«

Es war einmal eine Gesellschaft, in der alle Menschen sämtliche Entscheidungen nach ihrem freien Willen trafen. Jeder verfügte stets über alle Informationen, die er benötigte, um die Entscheidungen zu treffen, die er für richtig hielt. So stellten die Menschen jederzeit sicher, dass sie auch noch in 10 Jahren mit ihren Entscheidungen zufrieden sein würden. Denn sie wussten auch, welche Konsequenzen ihre Handlungen in der Zukunft haben würden, und konnten so frei von der Tyrannei des Staates und allen anderen äußeren Einflüssen entscheiden.

Diese überspitzte Karikatur bringt das ideologische Argument der Vertreter eines freien Marktes auf den Punkt: Die persönliche Freiheit des Einzelnen ist das höchste Gut, solange sie die Freiheit der anderen nicht einschränkt.

US-Präsident Donald Trump steigt aus dem Pariser Klimaabkommen aus. Seine Begründung: Es schränkt die Freiheit US-amerikanischer Unternehmen ein, möglichst gewinnorientiert zu wirtschaften. Das ist unfair gegenüber allen US-Amerikanern. An erster Stelle steht für Trump die Freiheit, kurzfristigen Wohlstand zu maximieren – Oder zum Untergang der ganzen Gesellschaft führen wird, wie Maren Urner und Felix Austen hier zeigen auch wenn das langfristig sehr sicher den Wohlstand schmälern wird.

Das Trump Hotel – in der Stadt, in der alles möglich ist: Las Vegas. – CC0

Wie die Diät erfolgreich wird, schreibt Maren Urner hier Übergewicht und Fettleibigkeit gehören schon jetzt zu den wichtigsten Risikofaktoren für chronische Krankheiten mit tödlichem Ausgang – Tendenz steigend. Ist persönliche Freiheit das höchste Gut, können wir an dieser Entwicklung wenig ändern. Denn dann können wir alle frei entscheiden, was wir essen und wie viele Kilo wir auf die Waage bringen. Zu Ende gedacht, Was es mit diesem Stupsen (Nudging) auf sich hat, schreibe ich hier mit Maren Urner »darf« ich weder dich noch einen Risikopatienten ermuntern oder anstupsen, das Essverhalten zu ändern, weil ich dir so einen Teil deiner Entscheidungsfreiheit nehmen würde.

Tatsächlich ist die Hier erklären Maren Urner und ich, dass es unmöglich ist, alles selbst zu entscheiden Vorstellung, dass wir immer und überall frei entscheiden können, nicht mehr als ein Märchen – und das ist auch gut so. Unsere Umgebung beeinflusst immer, ob wir uns für den Salat oder den Burger entscheiden, vielleicht aus dem ganz einfachen Grund, weil kein Salat im Angebot ist. Hinzu kommt, dass wir nie alle Informationen haben, um abzuwägen: Ein dünner Mensch kann sich beispielsweise nur begrenzt vorstellen, was es bedeutet, fettleibig zu sein. Eine 100-prozentige Freiheit kann es also gar nicht geben. Statt das Trugbild einer allumfassenden Freiheit aufrechtzuerhalten, müssen wir uns als Gesellschaft fragen, inwieweit wir Entscheidungen anderer Menschen beeinflussen und damit auch einschränken wollen. Sollten wir Zucker extra besteuern, um Übergewicht vorzubeugen? Sollten wir gesundes Verhalten wie regelmäßige Bewegung subventionieren?

Denkst du, du triffst Kaufentscheidungen immer aus freien Stücken? – CC0

Pragmatismus: »Der Markt wird’s schon richten!«

Es waren einmal sogenannte Entwicklungsländer, die auf die reichen Staaten des Westens schauten und sie fragten: »Warum seid ihr so reich geworden und wir nicht?« Die einfache Antwort lautete: »Weil wir den freien Handel haben.« Also begannen die armen Entwicklungsländer, ihre Märkte für die Welt zu öffnen und jegliche Freihandelsbarrieren wie Zölle und Die »todlangweilige« Bürokratie könnte die Welt retten, verrät Maite Vermeulen im Interview mit Juliane Metzker unnötige Bürokratie abzuschaffen. Die Entwicklungsländer wurden ihrem Namen gerecht und entwickelten blühende Industrien und Handelswege.

Auch dieses Märchen ist zu schön, um wahr zu sein. Die Wirklichkeit der reichen Länder sieht eher so aus: Fast alle reichen Länder verdanken ihren Wohlstand ungleichen Machtverhältnissen Um den Wohlstand eines Landes zu steigern, gibt es generell 2 Möglichkeiten: mehr Arbeiter oder technologischen Fortschritt. Mit Blick auf die menschliche Geschichte spielt Möglichkeit 1 die weitaus wichtigere Rolle. Wuchs die Bevölkerung zu langsam, kam die zusätzliche Arbeitskraft vor allem von Sklaven. Zahlreiche Länder verdanken einen großen Teil ihres heutigen Wohlstands der Sklaverei und der damit verbundenen Eroberung von Rohstoffen.
Die zunehmende Automatisierung von Arbeit und der Einsatz von Robotern erlaubt uns jetzt mehr und mehr, Möglichkeit 2 zu nutzen, statt andere Menschen auszubeuten. Dennoch gibt es weltweit immer noch Millionen Sklaven (englisch), denen wir Teile unseres Wohlstands verdanken.
und stark eingeschränktem Freihandel durch Zölle.

Es gibt kein mathematisches Modell für Glück oder die »richtige Gesellschaft«!

Allen voran der Vorreiter bei der Verbreitung des Märchens vom freien Markt: Anfang des 19. Jahrhunderts mussten die USA die eigene Wirtschaft vor englischen Produkten schützen, die günstiger und hochwertiger waren, Alexander Hamilton, einer der Gründerväter der USA, prägte den Begriff der »Infant Industries«. Damit meinte er noch junge Industrien, die vor großen ausländischen Industrien geschützt werden sollten, um sich weiterentwickeln zu können und so wettbewerbsfähig zu werden. Bis 1945 nutzten die USA zahlreiche hohe Einfuhrzölle. von Kleidung bis hin zu Möbeln. Das gleiche gilt für die Anfänge der japanischen Autoindustrie. Dies beschreibt der Wirtschaftsprofessor Ha-Joon Chang in Kapitel 1 seines Buches »Bad Samaritans« (englisch, 2007) Der erste Versuch, auf dem Weltmarkt mitzuspielen, scheiterte an erbärmlicher Qualität. Die japanische Regierung reagierte. Statt sich dem freien Welthandel zu unterwerfen, regulierte sie die Einfuhr von Audi, Volkswagen und Co. und entschied sich bewusst dafür, die heimische Autoindustrie beschützt heranwachsen zu lassen. Dafür büßten die Japaner mit ein paar Jahren geringen Fahrkomforts, doch am Ende stand eine der besten Autoindustrien der Welt.

Diese Beispiele zeigen, dass das Streben nach einem möglichst freien Markt nicht immer die beste Lösung ist. Wenn reiche Länder heutzutage Zölle einführen, ist das fragwürdig: Solche Abgaben helfen nicht den ärmeren Ländern, eigene Industrien zu entwickeln und »aufzuholen«, sondern machen die reichen noch reicher. Das bringt uns zurück zur Fehlvorstellung, dass Wirtschaft eine Naturwissenschaft sei. Denn wirtschaftliche Modelle und Theorien sind niemals frei von Ideologie.

So wundere ich mich häufig über manche Wirtschaftswissenschaftler und Politiker. Wenn der freie Markt einmal nicht so funktioniert, wie es laut wirtschaftlicher Theorie der Fall sein sollte, ist nicht die Theorie falsch, sondern muss es an der Gesellschaft liegen. Jedes Wirtschaftsmodell beruht auf Annahmen darüber, wie wir als Menschen funktionieren – oder funktionieren »sollten«. Derweil versucht der Rest der Sozialwissenschaften – zu denen auch die Ökonomie gehört – zu verstehen, wie die Gesellschaft eigentlich funktioniert.

Bedeutet das also, dass wir die Idee eines Marktes, in dem einigermaßen frei gehandelt wird, aufgeben sollten? Nein! Aber es ist immer eine politische Entscheidung, die wir gesellschaftlich diskutieren müssen. Dabei müssen wir über Ziele reden.

Wir sollten die Spielregeln gemeinsam entscheiden. – CC0

Wirtschaft ist immer Politik – und die betrifft uns alle!

Jede Diskussion über unsere Wirtschaft ist immer auch eine ideologische Diskussion: Wollen wir Junkfood und Zucker extra besteuern, um Übergewicht einzudämmen? Schnell kommt dann als Antwort: »Wenn wir damit anfangen, leben wir bald in einem Überwachungsstaat, der jede meiner Entscheidungen kontrolliert!« Das ist natürlich Quatsch, denn angefangen haben wir »damit« bereits mit der ersten Gesetzgebung. Stattdessen müssen wir uns jedes Mal neu die Frage stellen, wo wir als Gesellschaft hinwollen und welche Ziele wir verfolgen – statt diese Einschätzungen blind den Wirtschaftsweisen zu überlassen.

- CC0

von Han Langeslag 
Han geht es um Verantwortung, denn unser Handeln hat heute mehr Einfluss auf das globale Geschehen als je zuvor. Sind wir darauf vorbereitet? Wie können wir überhaupt noch eine Übersicht über die komplexen Zusammenhänge bekommen? Fachlich reicht seine Perspektive als Wirtschaftswissenschaftler, Psychologe und Neurowissenschaftler vom Individuum bis hin zum globalen Handelssystem.

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