Katharina Wiegmann

Hat Münster das Rezept gegen Rechts?

17. Oktober 2017

In keinem anderen Wahlkreis schnitt die AfD so schlecht ab wie hier. Das liegt nicht nur an weltoffenen Studenten und integrierten Geflüchteten.

4,5% der Stimmen für den AfD-Kandidaten Martin Schiller, 4,9% der Zweitstimmen für die Partei: Für Münster bedeutet das: 8.570 Bürger haben Martin Schiller gewählt, 9.392 gaben ihre Zweitstimme der AfD. Auf der Website des Bundeswahlleiters findest du alle Ergebnisse der Bundestagswahl 2017. Hätte ganz Deutschland so gewählt wie Münster, würden keine Abgeordneten der »Alternative für Deutschland« Bei der Bundestagswahl 2013 holte die im selben Jahr gegründete AfD 2,9% der Zweit- und 2% der Erststimmen in Münster. Bundesweit schaffte die AfD aus dem Stand 4,7%. in den nächsten Bundestag einziehen.

Seitdem die Ergebnisse der Wahl 2017 bekannt sind, sind die Westfalen gefragt. Journalisten von Ein Ortsbesuch der F.A.Z. F.A.Z. bis Hier geht es zur Spurensuche des Focus Focus wollen wissen, was der Rest der Republik von Münster lernen kann. Als Münsteraner Start-up fragen wir uns natürlich auch: Was macht die Stadt resistent gegen Rechtspopulisten?

Kurz nach der Wahl waren wir in der Fußgängerzone unterwegs und haben nachgefragt.


Ich bin ehrlich: Als Neu-Münsteranerin überzeugen mich die Antworten nicht. Mir kam die Stadt seit meiner Ankunft ziemlich konservativ vor. Klar, es gibt viele Studenten. Aber am meisten Radau machen hier eigentlich die Kirchenglocken. »Entweder es regnet in Münster oder es läuten die Glocken« – dass an diesem Sprichwort etwas dran ist, merkt man schnell. Als CSU-Chef Horst Seehofer nach der Bundestagswahl davon sprach, die Union müsse »die rechte Flanke schließen«, kam mir auch deshalb schnell der Gedanke: Ist diese Flanke in Münster womöglich durch eine traditionell starke CDU und die gesellschaftlich fest verankerte Kirche geschlossen? Absorbieren die konservativen Kräfte in der Stadt radikal rechte Tendenzen?

So hat Münster bei der Bundestagswahl 2017 gewählt:

Quelle: Stadt Münster/Wahlamt

Zunächst wollte ich aber wissen, was an den Erklärungsversuchen der letzten Wochen dran ist.

Die gängigen Antworten: Studenten, Stabilität, Streitkultur

Die Antworten, die in den Schlagzeilen zu lesen waren, sind meist ein Mix aus 5 Faktoren:

  • Junge Studentenstadt Münster: Mehr als 60.000 Studierende – knapp 1/5 der Einwohner – waren im Wintersemester 2015/2016 an den Hochschulen der Stadt eingeschrieben. Nicht nur sie machen Münster zu einer jungen Stadt: 41,1 Jahre alt ist der durchschnittliche Münsteraner. Der Altersdurchschnitt für Deutschland insgesamt liegt bei 44 Jahren und 4 Monaten. Auch für die Münsteranerinnen in unserem Video ist das eine Erklärung für das schlechte Abschneiden der AfD. Aber ist die Partei bei jungen Wählern wirklich so unbeliebt? Das lässt sich nach einem Blick in die Umfragewerte für verschiedene Altersgruppen bei tagesschau.de (2017) Statistik nicht ganz bestätigen: Zwar sind die Stimmenanteile in der Altersgruppe der 18–24-Jährigen mit 10% leicht unterdurchschnittlich, bei den 25–34 Jahre alten Bürgern schneidet die AfD jedoch mit 14% ziemlich gut ab.

    Der Faktor »Studentenstadt« spricht deutlicher für diesen Erklärungsversuch: Laut einem Den Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung findest du hier (2017) Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung haben nur 18% der Wahlberechtigten mit einer Präferenz für die AfD Zum Vergleich: CDU/CSU: 27%, SPD: 21%, Grüne: 37%, Linke: 31%, FDP: 32%. Nur bei den Nichtwählern war der Anteil derjenigen ohne Hochschulabschluss geringer als bei der AfD: 12%. einen Hochschulabschluss.
  • Bildungsbürgertum: Neben den vielen Studenten arbeiten in der 300.000-Einwohner-Stadt auch überdurchschnittlich viele Menschen im Bildungs- und Verwaltungssektor. Der ehemalige Oberbürgermeister und Soziologe Berthold Tillmann (CDU) spricht gegenüber dem Focus von 100.000 Menschen, die in Münster im Bildungs- und Verwaltungssektor arbeiten. Viele gut ausgebildete Bürger, denen es noch dazu wirtschaftlich an wenig fehlt Das »verfügbare Einkommen« der Münsteraner Haushalte betrug im Jahr 2014 durchschnittlich 22.127 Euro. – auf diese Aspekte stieß ich auch schon, als ich im September nach Gründen für die Hier schreibe ich darüber, ob Münster »demokratischer« ist als Straubing – das Schlusslicht bei der Wahlbeteiligung in Deutschland hohe Wahlbeteiligung der Münsteraner suchte.
  • Keine Zukunftsängste: Münster hat im Gegensatz zu vielen anderen Regionen im Osten der Republik oder auch im nahen Ruhrgebiet keinen Strukturwandel hinter sich, der Jahresstatistik der Stadt Münster (2016) Arbeitslosigkeit und soziale Verunsicherung bedingte.
  • Integration von Geflüchteten: Selbst die Ob es überhaupt eine »Flüchtlingskrise« gab, darüber schreibt Peter Dörrie in diesem Text »Flüchtlingskrise« erschütterte das beschauliche Stadtleben wenig. Das Handlungskonzept der Stadt Münster (2017) Handlungskonzept der Stadt legt die Maximalbelegung von 50 Geflüchteten pro Unterkunft fest. Die Unterkünfte sind im gesamten Stadtgebiet verteilt und konzentrieren sich nicht in strukturschwachen Gebieten.
  • Bürgerbewusstsein: Was mir ebenfalls schon bei meiner ersten Münster-Recherche zur traditionell sehr hohen Wahlbeteiligung auffiel: das ausgeprägte Bürgerbewusstsein und – auf der anderen Seite – die Offenheit im Rathaus gegenüber den Anliegen der Bewohner. Diese genießen weitreichende Beteiligungsmöglichkeiten wie den Bürgerhaushalt, bei dem Münsteraner mit darüber entscheiden können, wie und wofür Geld ausgegeben wird. Ein weiteres Beispiel für eine lebendige Debatte in der Stadt: Thomas Großbölting (Hrsg.): Hindenburg- oder Schlossplatz? Was die Debatte über Münster verrät Über die Umbenennung des Hindenburgplatzes zum Schlossplatz wurde im Jahr 2012 monatelang öffentlich gestritten und schließlich per Bürgerentscheid entschieden.

Bildung, Wohlstand, Stabilität und das Gefühl, mitbestimmen zu können – all das beeinflusst bestimmt die Wahlentscheidung der Münsteraner. Aber reicht das für ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal?

Vielleicht fehlt ein Blick in die Geschichte. Münster ist traditionell konservativ. Früher war es die Mehr Informationen zur Zentrumspartei hat die Bundeszentrale für politische Bildung Zentrumspartei, die den Oberbürgermeister stellte, heute ist es die CDU. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: In den Jahren 1994–1999 stand Marion Tüns als erste SPD-Bürgermeisterin einer rot-grünen Ratskoalition vor. Und als Bischofssitz spielte die Kirche schon immer eine wichtige Rolle in der Stadt.

Die unkonventionelle Antwort: das »schwarze Münster«

Bischofsweihe von Clemens August Graf von Galen im Oktober 1933 – Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0407-511 CC BY-SA

Am Domplatz erinnert ein Denkmal an Clemens August Graf von Galen, der in den Jahren 1933–1946 Bischof von Münster war. In das kollektive Gedächtnis der Stadt ist er als Symbol des Widerstands gegen die Nationalsozialisten eingegangen: In seinen Osterpredigten nahm er mutig Stellung gegen die sogenannten T4-Aktionen, T4 ist die Abkürzung für die Adresse der für die systematische Ermordung zuständigen Zentraldienststelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. bei denen Nationalsozialisten Kranke und Behinderte als »lebensunwert« einstuften, abtransportierten und töteten. Einen Beitrag über von Galen beim WDR Als von Galen vom Euthanasie-Programm erfuhr, erstattete er Anzeige wegen Mordes. Bei den Nazis hatte das »schwarze Münster« Bei »schwarz« denken wir heute an die Christdemokraten, früher verwies man damit eher auf die Kleiderordnung des Klerus. Hier geht es zum Beitrag von Joachim Kuropka in der Westfälischen Zeitschrift (1987) scheinbar keinen guten Ruf.

Die Stadt Münster war für die NSDAP ein schwieriges Pflaster, was sehr häufig in der Lageberichterstattung der Gestapo und der Partei betont wurde. Man sah allenthalben den politischen Katholizismus am Werk, es wurde die ›offensichtliche Oppositionsstimmung‹ in der katholischen Bevölkerung (…) beklagt (…) – Joachim Kuropka, Historiker

Ich frage bei Historiker Thomas Großbölting nach, der im »Exzellenzcluster Religion und Politik« der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster forscht.

In gewisser Weise hatten es die Gestapo und Parteistellen in Münster schwer, weil es mit der Zentrumspartei und den katholischen Verbänden und Organisationen eine besondere Konstellation gegeben hat. – Thomas Großbölting, Historiker

Schon vor dem Interview warnt er aber per E-Mail davor, Münster als »gallisches Dorf« zu zeichnen, in dem schon immer Widerstand geleistet wurde.

»Man muss auch quellenkritisch die Entstehung dieser Gestapo-Berichte hinterfragen. Geheimdienste und Repressionsapparate trommeln immer, um zu zeigen, wie groß der Feind ist und wie wichtig es ist, dass sie ihre Arbeit machen.«

Eine scharfe Trennlinie zwischen Katholiken und Nationalsozialisten will er nicht ziehen.

Thomas Großbölting forscht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster – Quelle: Exzellenzcluster »Religion und Politik« / Julia Holtkötter copyright

Ist es überhaupt sinnvoll, in der Vergangenheit Münsters nach Gründen für Münsters Resistenz gegen Rechts im Jahr 2017 zu suchen? »Man kann bestimmt Ansätze finden«, sagt der Historiker. Aber vielleicht solle man stärker auf die 50er- und 60er-Jahre schauen als auf den Nationalsozialismus. »In dieser Zeit bildet sich ein Eigenbewusstsein heraus, mit dem man auf Kardinal von Galen zeigt, die Gestapo-Berichte heranzieht und sagt: Schaut mal hier, Münster ist widerständig gewesen! Aus dieser Selbstzuschreibung könnte etwas gewachsen sein, das erklärt, warum die politische Kultur in dieser Stadt anders ist.«

Erklärungsansätze für das schlechte Abschneiden der AfD in seiner Stadt findet der Historiker eher bei Einzelnen und ihrem Engagement. So erinnert er an den Protest gegen einen Neujahrsempfang der AfD im Rathaus im Januar 2017. Auf Initiative eines Studenten Bericht der Westfälischen Nachrichten über den Protest kamen 8.000 Menschen – »und haben klargemacht, wo große Teile der Münsteranerinnen und Münsteraner stehen.« Was Thomas Großbölting bemerkenswert findet: In der Stadt wird miteinander gesprochen.

»Eine lebendige Zivilgesellschaft führt vielleicht dazu, dass es eine schnellere politische Verständigung über Dinge gibt, die man nicht will.«

Zur Debatte um die Umbenennung des Hindenburgplatzes, bei der es auch darum ging, für welches Geschichtsbild die Stadt eigentlich stehen will, hat er sogar ein Buch herausgegeben.

»Wir haben ein Jahr lang gekabbelt, wie der Platz heißen soll. Und bei allen Blessuren, die sich die Gegner zugefügt haben, war das doch ein lehrreicher und fairer Austausch, der in der Stadtgesellschaft stattgefunden hat. Vielleicht hilft so etwas auch, um sich dann mit der AfD auseinanderzusetzen.«

Diese Auseinandersetzung im Vorfeld der Wahl hatte aber auch in Münster unterschiedliche Ergebnisse: In einem Wahlbezirk im Süden der Stadt erhielt AfD-Kandidat Martin Schiller knapp 22% der Stimmen, in der Killingstraße im Stadtteil Kinderhaus immerhin fast 14%.

Zurück in die Zukunft in Kinderhaus

Kinderhaus gilt in Münster als sozialer Brennpunkt. Arbeitslose, Migranten, Kriminalität – Das zeigt zum Beispiel diese Umfrage der WN (2008) so stellen sich viele in der Stadt das Leben im Viertel vor.

Nicht weit von der Killingstraße, in der es die AfD auf 14% schaffte, steht Thomas Kollmann an einem sonnigen Herbsttag mit einer Gruppe aus Stadtvertretern und engagierten Bürgern vor einer sanierungsbedürftigen Plattenbausiedlung. Trotz Ausreißern nach oben wie hier blieb der Stimmenanteil für die AfD mit 6,8% aber auch in Kinderhaus überschaubar. Immer noch zu viel, findet Kollmann, der sich im Begegnungszentrum Kinderhaus engagiert. »Wir müssen weiter daran arbeiten, dass sich Menschen nicht abgehängt fühlen.« Das Begegnungszentrum an der Sprickmannstraße beherbergt Initiativen von somalischer Hausaufgabenbetreuung bis zu aserbaidschanischen Tanzgruppen. Kollmann ist dort Geschäftsführer und heute Mitorganisator eines »Zukunftsspaziergangs« durch den von Migration geprägten Stadtteil.

Oberbürgermeister Markus Lewe (links mit Fahrrad) beim Zukunftsspaziergang in Kinderhaus – Quelle: Katharina Wiegmann copyright

Mit Ideen für Zukunftsspaziergänge konnten sich Münsteraner in diesem Jahr Hier geht es zur Projektseite der Stadt bei der Stadt bewerben. Sie sollen die Gelegenheit bieten, mit Politikern und über Probleme in den Vierteln zu sprechen – aber auch über die Lösungen, die sich Anwohner vorstellen können. Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) Markus Lewe ist seit 2009 Oberbürgermeister in Münster. ist dabei und macht sich, den Sattel seines Fahrrads als Unterlage nutzend, eifrig Notizen. Zu wenig Parkplätze an der Kristiansandstraße? Zu viel Müll am Idenbrockplatz? Sein Zettel füllt sich.

Spricht man Markus Lewe auf das Münsteraner Wahlergebnis an, sagt er, er habe sich gefreut, es sei aber kein Grund, hochmütig zu werden. Seine Erklärung ist ebenfalls ein Mix aus den oben beschriebenen Faktoren: kein verunsichernder Strukturwandel, vorausschauende Politik in Sachen Geflüchtete, wenig soziale Probleme – und: »Münster versteht sich als Friedensstadt.« Eine Anspielung auf den Westfälischen Frieden, Der Westfälische Friede wurde während eines 5 Jahre dauernden Friedenskongresses aller Kriegsparteien in Münster und Osnabrück verhandelt. Mehr Informationen zum Dreißigjährigen Krieg und zum Westfälischen Frieden gibt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung. der im Jahr 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete. Da ist es wieder, das Münsteraner Geschichtsbewusstsein.

Das ist auch beim Spaziergang in Kinderhaus präsent: Er beginnt an einem idyllisch gelegenen Fachwerkhaus, auf dessen Grundstück im 14. Jahrhundert Leprakranke Das Heim für Leprakranke wurde der »Kinderen Hus« genannt – daher der Name des Stadtteils. versorgt werden. Heute sind hier das Lepramuseum und das Heimatmuseum Kinderhaus untergebracht. »Kinderhaus ist seit 1333 ein sozial orientierter Stadtteil«, sagt Christopher Görlich, der sich in der Bürgervereinigung Kinderhaus engagiert. Von der Vergangenheit in die Zukunft sind es in Westfalen nur ein paar Gedankenschritte.

Historische Narrative und Dialog

Was bedeuten die Ausflüge in die Stadtgeschichte für meinen Anfangsverdacht? Sind es Kirche und Konservatismus, der Münster weniger empfänglich für die hysterischen Rufe am rechten Rand macht? Ganz zerstreut hat er sich nicht. Aber viel wichtiger scheinen diese beiden Punkte:

  • Narrative haben oft mehr Wirkungsmacht als Ereignisse und Fakten: Die Münsteraner bauen ihre kollektive Identität als »Stadt des Friedens« und um Figuren wie Bischof Clemens August Graf von Galen, der im Jahr 2005 sogar seliggesprochen wurde. Geschichtsbewusstsein prägt die politische Kultur – und damit auch die Auseinandersetzung mit neuen Parteien wie der AfD.
  • Dialog und Transparenz als Erfolgszutaten für die Zukunft: In Münster wird offenbar viel miteinander gesprochen. Nicht nur beim Zukunftsspaziergang in Kinderhaus mischen sich Bürger ein und suchen gemeinsam mit der Stadt nach Lösungen. Die gibt sich umgekehrt transparent – und vermeidet so ein Gefühl, dass Was Macht mit »denen da oben« macht, beschreibt Maren Urner in diesem Text »die da oben« ohnehin machen, was sie wollen.

Presseamt Münster / Britta Roski - copyright

 

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