»Auch du kannst alles schaffen!«

Ab 99 Euro verspricht der »Life-Coach« einen neuen Lebenssinn. In die Stadthalle nach Bielefeld kommen über 2.000 Menschen. Ich bin einer von ihnen.

Reportage - 10. November 2017  11 Minuten

Wenn ich mich nicht aufhalte, hält mich niemand auf!

Als ich diesen Satz zum fünften oder sechsten Mal brülle, erlebe ich einen Durchbruch. Meine Stimme klingt auf einmal anders. So, als würde ich mir selbst von sehr weit weg zurufen. Ich spüre meine Arme nicht mehr, die ich in Siegerpose in die Höhe gereckt habe. Ich bin nur noch Emotion und Gefühl. Ich bin jetzt zu allem bereit.

Es ist der zweite Tag auf dem Erfolgsseminar des »Life-Coaches« Christian Bischoff. Die Mittagspause ist vorbei und ich will eigentlich gehen, weil ich keine Lust mehr habe, anderen Teilnehmern auf die Schulter zu klopfen und ihnen zu sagen: »Du bist ein Geschenk für die Welt!« oder Umarmungen zu verteilen. Dazu werden wir nämlich von Christian Bischoff immer wieder aufgefordert. Mir kommt das aber scheinheilig vor, denn jeder weiß, dass es die Person neben einem nicht ernst meinen kann, wenn sie sagt: »Du bist ein Gewinner.« Schließlich kennen wir uns alle erst seit gut 30 Stunden.

Ich verlasse die Bielefelder Stadthalle aber nicht, weil ich diese Reportage geplant habe. Ich will wissen: Kann man nach einem 2-tägigen Seminar wirklich ein neues Leben beginnen?

Mit 2.000 Menschen ist die Bielefelder Stadthalle gut gefüllt. Die Spannung steigt. – Quelle: Lukas Hoffmann copyright

Live vom Erfolgsseminar

Bis zur Mittagspause an Tag 2 beobachte ich das Geschehen vor allem von der Empore aus. Hier sitzen Teilnehmer, die von ihrer Firma geschickt wurden, oder sehr skeptische Personen, die sich die Show lieber aus der Ferne ansehen. Es ist leicht, sich den häppchenweise servierten Anleitungen zu einem erfolgreicheren Leben zu entziehen, wenn man dort oben sitzt. Aber ich wollte ja wissen, was passiert, wenn man es wirklich ernst meint. Deshalb also mein freimütiger Entschluss, nach der Mittagspause ganz nach vorn zu gehen, in Reihe Nummer 1. Dort, wo die Teilnehmer mit den Platin-Tickets sitzen, die für ihren Sitzplatz 997 Euro Die günstigste Eintrittskarte in der Bielefelder Stadthalle kostete 99 Euro, die teuerste in der ersten Reihe 997 Euro. Allein an diesem Wochenende hat Christian Bischoff also bei ca. 2.000 Gästen mindestens 200.000 Euro umgesetzt. gezahlt haben. Ich nehme also auf einem freien Stuhl in der ersten Reihe Platz. Niemand fragt mich nach meiner Karte.

Titelbild: Lukas Hoffmann - copyright

von Lukas Hoffmann 

Lukas Hoffmann hat nach einem geisteswissenschaftlichen Studium Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim studiert (M.A.). Seit 2012 ist er als freier Autor und Journalist tätig; über medizinische, zahnmedizinische und gesundheitsstrukturelle Themen schreibt er regelmäßig für den Deutschen Ärzteverlag.

Themen:  Glaube   Gesundheit   Psychologie  

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