Diese Städte haben Touristitis

In Barcelona, Berlin und Amsterdam brennt es. Bist du Teil des Erregers – oder Heilmittel im Organismus Stadt?

17. November 2017  9 Minuten

Wer sollte schon etwas gegen das Reisen haben? Streifzüge durch fremde Städte und Länder erweitern den Horizont, machen Begegnungen mit anderen Menschen und Marotten Marotten sind eigenartige Angewohnheiten oder Launen. Und genau so kommen Touristen die kulturellen Unterschiede vor Ort oft vor. möglich. Wer in ferne Länder aufbricht, erfährt sich selbst und die Welt aus einem anderen Blickwinkel. Reisen bringt Menschen zusammen. Reisen bildet. Reisen macht glücklich.

Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. – Johann Wolfgang von Goethe

Und schließlich: Reisen ist ein enormer Wirtschaftsfaktor. Weltorganisation für Tourismus UNWTO (englisch) Einer von 10 Jobs weltweit hängt im Jahr 2017 direkt oder indirekt an der Tourismusindustrie. Immer mehr Menschen packen ihren Rucksack oder ihren Rollkoffer. Internationaler Tourismus in Zahlen bei der Weltorganisation für Tourismus UNWTO (englisch, 2017) 616 Millionen Touristen erkundeten im Jahr 2016 Europa, ein Zuwachs von 2% gegenüber dem Vorjahr.

Die beliebtesten europäischen Städte

Die beliebtesten europäischen Städte gemessen an den Übernachtungszahlen: Barcelona und Amsterdam gehören zu den Städten, die im Vergleich zum Vorjahr (2015) am meisten Zuwachs verzeichneten: 8,5% und 6,6%. In Berlin stiegen die Übernachtungszahlen immerhin noch um 2,7%.

Quelle: European Cities Marketing (2017)

Doch es formiert sich Widerstand.

Im Juli dieses Jahres lädt eine Aktivistengruppe aus Barcelona auf Facebook ein Das Video gibt es auch bei Youtube wackeliges Handyvideo hoch. Darin zwingen 2 Vermummte einen Sightseeing-Bus zum Anhalten.

Einer der Männer zersticht die Reifen, der andere sprüht einen Slogan auf die Windschutzscheibe:

»Tourismus tötet unsere Stadtviertel.«

Das Video wird über 12.000-mal aufgerufen, fast 300 Facebook-Nutzer bekunden per »Like« ihre Zustimmung.

Weniger krawallig, aber genauso bestimmt in der Botschaft klingen jüngste Meldungen aus Amsterdam. Im Stadtzentrum dürfen keine Geschäfte mehr eröffnen, Der britische Guardian hat einen Beitrag über Amsterdams Tourismus-Problem (englisch, 2017) die ausschließlich Touristen als Zielgruppe haben. Zuvor hatte sich Amsterdam schon – ebenso wie Barcelona und Berlin – darum bemüht, die Zahl von Hotels und Ferienwohnungen zu beschränken. Im Jahr 2016 vereinbarte die Stadt Amsterdam mit Airbnb, einem der größten und beliebtesten Anbieter für Ferienwohnungen, eine strenge Begrenzung der Vermietungstage. Maximal 60 Tage im Jahr dürfen Eigentümer in ihren Wohnungen Touristen begrüßen. Mehr Informationen dazu gibt es beim britischen Guardian (englisch, 2016) . Die Vereinbarung war ein wichtiges Signal für andere Städte – Airbnb hatte sich zuvor an den Auswirkungen des eigenen Geschäftsmodells auf die Wohnsituation der Einheimischen wenig interessiert gezeigt.
Bereits vor der Vereinbarung mit Airbnb hatte der Stadtrat einen Hotel-Stopp im Zentrum beschlossen.
Darüber hinaus zeigt ein Flickenteppich aus lokalen Segway-, Dieses Ein-Personen-Fahrzeug ist elektrisch betrieben und besteht nur aus 2 Rädern, einer verbindenden Achse und einer Haltestange für den Fahrer. Es ermöglicht eine Fortbewegung mit bis zu 20 Kilometer pro Stunde. Segways werden zur Stadterkundung immer beliebter.
Passanten beklagen sich oft über zu schnelles Fahren und rücksichtsloses Verhalten auf Gehwegen. Auch Unfälle sind nicht selten – der britische Eigentümer der Firma Segway stürzte auf einem seiner Gefährte von einer Klippe in den Tod.
Bierbike- Das »Bierbike« ist in Deutschland auch unter dem Namen »Thekenfahrrad« bekannt. Es ist genau das: Eine fahrende Theke, an der bis zu 12 Personen sitzen und sich gemeinsam betrinken, während sie das Fahrzeug per Pedale antreiben und durch die Stadt radeln. Oft wird das Spektakel von lauter Partymusik begleitet.
Die fahrenden Zapfanlagen wurden in verschiedenen Innenstadtbereichen schon verboten – auch in unserer Heimatstadt Münster. Verkehrsbehinderung, Grölen und im Freien urinierende Touristen stoßen Anwohnern unangenehm auf. Grund genug für manche Anbieter, einen »BierBike-Kodex« zu erstellen.
und Alkoholkonsum-Verboten: Tourismus ist für die Bewohner beliebter europäischer Städte zum Problem geworden.

Wie konnte das passieren? Wann wurde das Reisen zum Konsumerlebnis, der Reisende zum Tourist und als solcher zum Hassobjekt von Einheimischen? Und wie können wir unsere Wochenendtrips zu einer Erfahrung machen, von der wirklich alle Beteiligten profitieren? Ich habe in Amsterdam, Barcelona und Berlin nachgefragt.

Amsterdam: Multi- statt Monokultur!

Stephen Hodes lacht, als er hört, wie ich ihn und seine Organisation Amsterdam in Progress gefunden habe: Die Suchbegriffe »Amsterdam« und »Anti-Tourismus« führten mich auf die Hier geht es zur Website von »Amsterdam in Progress« (niederländisch) Website der Bürgerinitiative .

»Wir sind natürlich gar nicht gegen Tourismus«, sagt Stephen Hodes, der lange selbst in der Branche gearbeitet hat. In den 1970er-Jahren war der gebürtige Südafrikaner Direktor der niederländischen Tourismusagentur in New York. Heute arbeitet er als Berater. Amsterdam in Progress hat er als Thinktank gegründet, um die politischen Entscheidungsträger seiner Herzensstadt zu beraten.

Das Verhältnis zwischen den Menschen, die im Stadtzentrum leben oder arbeiten, und den Touristen muss ausgeglichen sein. Es ist die gute Balance, die Amsterdam zu einer besonderen und auch zu einer sicheren Stadt macht. Aber langsam übernehmen die Touristen. Die Stadt wird monokulturell Wenn über mehrere Jahre dieselbe Pflanzenart auf einer Fläche angebaut wird, spricht man von einer Monokultur. Typische Beispiele sind Kaffeeplantagen in der Landwirtschaft oder reine Fichtenwälder in der Forstwirtschaft. Durch die einseitige Nutzung verschwinden bestimmte Nährstoffe aus dem Boden und Pflanzenkrankheiten sowie Schädlingsbefall werden wahrscheinlicher. Für Insekten wird das Nahrungsangebot ärmer. statt multikulturell. – Stephen Hodes, Gründer von »Amsterdam in Progress«

Er möchte gegensteuern: Im Vorfeld der Kommunalwahlen 2018 werden er und seine rund 70 Mitstreiter sich die Programme der antretenden Parteien ganz genau anschauen: »Erkennen sie das Problem? Welche Lösungsvorschläge bieten sie an? Was ist ihre Strategie?« Mit den Ergebnissen will Amsterdam in Progress die Bürger bei ihrer Wahlentscheidung beraten.

Diese finden in der Innenstadt immer weniger Apotheken, Reinigungen oder Schuster für ihren täglichen Bedarf – dafür ständig neue Fahrradvermietungen, Fast-Food-Läden oder Ticketschalter für die beliebten Grachtentouren. Anfang Oktober zog die Stadtverwaltung die Notbremse und verbot Neueröffnungen dieser Art.

Holzpantoffeln in einem Amsterdamer Souvenirshop – Quelle: Pixabay / wiegerwaardenburg CC0

»Eine fantastische Maßnahme«, findet Stephen Hodes. Leider glaube er nicht daran, dass sie vor Gericht Bestand haben werde. Tourismus ist ein Geschäft mit vielen Stakeholdern Stakeholder ist ein Begriff aus der Wirtschaft. Gemeint sind Personen und Gruppen, die vom Handeln eines Unternehmens betroffen sind. Deshalb nehmen sie Einfluss auf das Unternehmen: vom Kunden, der verärgert sein Produkt umtauscht, bis zum Gesetzgeber, der den rechtlichen Rahmen steckt. – und viel zu profitabel, um kampflos Anteile aufzugeben. In Amsterdam hätten die Betreiber von Bierbikes ihre lärmenden Gefährte Mehr Informationen über das Bierbike und seinen rechtlichen Status gibt es hier (englisch, 2017) nach einem Verbot auf die Straße zurückgeklagt, erzählt Stephen Hodes.

Berlin: mit Gesetzen gegen die Wohnungsnot

Berlin, derzeit auf Platz 3 der beliebtesten europäischen Städte, bemüht sich ebenfalls mit gesetzlichen Regelungen um Schadensbegrenzung für seine Bürger. Im Fokus der Berliner »Tourismus-Feinde« steht dabei vor allem der an Besucher vermietete Wohnraum – etwa über den Anbieter Airbnb.

Wo genau liegt das Problem? Das weiß wohl jede, die schon einmal mit zentimeterdicken Bewerbungsmappen in der Hauptstadt auf Wohnungssuche war: In Berlin ist Wohnraum knapp und begehrt.

Immer mehr Wohnungen wurden als Ferienwohnungen genutzt. Die Berliner haben sich auch oft über den Lärm auf den Straßen beschwert. Wir hatten keine konkreten Zahlen, aber es gab Portale, die 12.000 Ferienwohnungen in Berlin meldeten, Tendenz steigend. Dem sollte ein Riegel vorgeschoben werden. – Petra Rohland, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen

Seit Mai 2014 gilt ein »Zweckentfremdungsverbot« für Wohnraum, das die Vermietung von Ferienwohnungen auf dem ohnehin angespannten Berliner Markt grundsätzlich illegal macht. Viele Eigentümer haben dagegen geklagt. Und nach wie vor liefert die Suche nach Ferienwohnungen in der deutschen Hauptstadt tausende Treffer bei Airbnb. Du möchtest den Jahreswechsel gern mit 2 Freunden in Berlin feiern? Eine Suche bei Airbnb liefert am 15.11.2017 für das betreffende Wochenende 207 Unterkünfte allein im Bezirk Mitte. Weil ihr zu dritt seid, sucht ihr wahrscheinlich nur mit dem Filter »gesamte Unterkunft« – und habt mit ziemlicher Sicherheit einige illegale Ferienwohnungen in der Liste. Erster Treffer: »Ganze Wohnung, 2 Betten: Penthouse in Mitte, 102m²« für 303 Euro pro Nacht. Das ist euch zu teuer? Unterhalb von 200 Euro wird die Auswahl zwar kleiner; eine Wohnung für 142 Euro pro Nacht, »cosy and quiet, yet central« findet ihr trotzdem – perfekt. Jedenfalls für euch. Rechnet man solche Tagessätze hoch, ist schnell klar, warum das Geschäft mit den Touristen für Eigentümer rentabler ist als eine reguläre Vermietung. Die rot-rot-grüne Senatsverwaltung bessert jetzt nach – offiziell, um »Grauzonen auszuräumen«. Derzeit wird eine Regelung diskutiert, nach der die eigene Wohnung – wie in Amsterdam – bis zu 60 Tage jährlich über Plattformen wie Airbnb vermietet werden darf, allerdings nur dann, wenn sich die Vermieter beim Bezirk registrieren lassen.

Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes seien 3.500 ehemalige Ferienwohnungen wieder regulär vermietet. »Für Menschen, die in Berlin Wohnungen suchen, ist diese Zahl beachtenswert«, sagt Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen.

Barcelona: nachhaltiger Tourismus dringend erwünscht

In Barcelona sorgen die vielen Sightseeing-Busse im Stadtzentrum für Ärger – Quelle: flickr / Ignacio Martínez Egea CC BY-SA

Dass auch in Barcelona Handlungsbedarf besteht, zeigt Eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse auf der offiziellen Website der Stadt Barcelona (englisch, 2017) eine in diesem Jahr durchgeführte Bürgerbefragung, in der 15,6% der Bewohner den Tourismus als ihre Hauptsorge identifizierten – fast eine Verdoppelung der 8,6% im Vorjahr. Die Befragung von 6.000 Bürgerinnen und Bürgern fand zwischen dem 4. April und dem 27. Juni statt – also eine ganze Weile vor den Turbulenzen rund um das Unabhängigkeitsreferendum und die Zukunft Kataloniens. Darüber, warum wir vor den katalanischen Separatisten nicht unbedingt Angst haben müssen, schreibe ich übrigens hier . Um es noch deutlicher zu machen: In Barcelona haben derzeit mehr Menschen Angst vor Touristen als vor Arbeitslosigkeit.

Der Tourismus in Barcelona hat sich sehr schnell verändert. Die Einheimischen fühlen sich als Fremde in ihrer eigenen Stadt. – Xavier Font, Professor für nachhaltiges Marketing

Xavier Font ist Professor für nachhaltiges Marketing an der britischen Surrey-Universität.

Xavier Font hat den Aktionsplan für die Zukunft des Tourismus in Barcelona – Quelle: Paul Stead copyright

Für die Tourismusagentur seiner Heimatstadt Barcelona hat er einen »Action Plan« für nachhaltigen Tourismus entwickelt. Er glaubt nicht daran, dass man alles dem Markt überlassen sollte – aber daran, dass geschicktes Stadt-Marketing ein Schlüssel für die Tür in eine nachhaltige Zukunft sein könnte.

Der Professor kritisiert, dass die Tourismusagenturen oft nur 2 Zahlen im Blick hätten: Die Zahl der Besucher und die Summe dessen, was diese Besucher täglich in der Stadt ausgeben. »Wir müssen auch darüber nachdenken, wofür die Touristen Geld ausgeben.«

Es sei zwar erwiesen, dass Besucher beim ersten Mal mehr Geld ausgeben als beim zweiten oder dritten Trip. Dafür hätten die wiederholten Gäste aber ein anderes Konsumverhalten, von dem die lokale Wirtschaft mehr profitiere. Niemand zahle 2- oder 3-mal Eintritt für den Eiffelturm, »stattdessen kaufen die Touristen vielleicht guten Käse« – Warum auch du das tun solltest, erklärt dir David Ehl in diesem Text über die »Amazonisierung des Einzelhandels« und unterstützen damit lokale Einzelhändler.

Wir müssen die Leute dazu kriegen, andere Sachen zu machen. Lasst uns Tourismus vermarkten, der eine ehrliche und echte Interaktion zwischen Einheimischen und Gästen befördert – und bei dem die Einheimischen das Sagen haben. – Xavier Font, Professor für nachhaltiges Marketing

5 Lösungen für die Invasion der Innenstädte

Stephen Hodes weiß, wie schwer Touristen verstehen, dass Barcelona mehr ist als die Sagrada Familia, Berlin mehr als der Checkpoint Charlie und Amsterdam nicht nur aus Rotlichtviertel und Van-Gogh-Gemälden besteht. »Wir sind Herdentiere«, seufzt der Berater.

Er erzählt von einer 3 Jahre alten Studie, bei der GPS-Geräte an jeweils 20 Touristen in einem 5-Sterne-Hotel und in einem Hostel für junge Leute verteilt wurden. »Die Hostelgäste kamen für Sex, Drugs und Rock’n’Roll. Und trotzdem haben sie sich genau wie alle anderen durch die Stadt bewegt. Alle gehen ins Van-Gogh-Museum, alle besuchen das Anne-Frank-Haus, alle gehen entlang der Grachten spazieren.« Für diese Sehenswürdigkeiten sei die Stadt eben bekannt. Die touristischen Hotspots und ihre Anwohner ächzen unter dem Ansturm.

Touristenmassen am Altstädter Ring in Prag – Quelle: flickr / Harald Groven CC BY-SA

Um das Leben für die Einheimischen erträglicher zu machen und um die echten Begegnungen zu befördern, die auch Xavier Font sich wünscht, greifen die Städte zu kreativen Maßnahmen.

  • Berlin bietet eine kostenlose Mehr Informationen gibt es bei visitBerlin Kiez-App an, die Besucher mit persönlichen Empfehlungen auch zum »Kräuterhof in Reinickendorf« oder nach »Klein-Venedig in Spandau« locken soll.
  • Amsterdam wirbt für Hotelaufenthalte außerhalb des Stadtzentrums und hat den Strand im rund 20 Kilometer entfernten Zaandvoort kurzerhand in Der »Amsterdam Beach« auf den Seiten des Stadtmarketings »Amsterdam Beach« umbenannt.
  • Ebenfalls in Amsterdam ist außerdem ein neuer Terminal für Kreuzfahrtschiffe außerhalb des Zentrums in Planung – ebenso wie in ZEIT ONLINE über den Kreuzfahrtschiff-Bann in Venedig Venedig , das derzeit als das krasseste Beispiel für zu viel Tourismus gilt. Hier protestieren Anwohner schon lange gegen die tonnenschweren Kreuzer in der Lagune. Sie befürchten Schäden an der historischen Substanz durch die weggedrückten Wassermassen. Außerdem würden die Kreuzfahrt-Touristen kaum Geld in der Stadt lassen – die All-Inclusive-Verpflegung gibt es ja auf dem Schiff.
  • Viele Städte verbannen besonders lästiges Touristen-Entertainment wie Segway-Touren oder Bierbikes aus ihren Stadtzentren. Auch der Alkoholkonsum im öffentlichen Raum wird nach jahrelanger Ruhestörung durch laute Junggesellenabschiede oder kommerzielle Kneipentouren mit Hunderten Teilnehmern auf den Prüfstand gestellt – aktuell zum Beispiel Mehr Informationen dazu gibt es hier (englisch, 2017) in Prag .
  • Barcelona hat den Zutritt zu beliebten Attraktionen wie dem Park Güell beschränkt. Früher kam hier jeder kostenlos rein; nachdem die Besucherzahlen jahrelang wuchsen und Gefahr für die Bausubstanz im Gaudí-Park drohte, müssen Touristen nun Eintritt zahlen. Anwohner können bei der Stadt eine kostenlose Sondergenehmigung beantragen.
Dass es Ärger gibt, wenn vormals öffentlicher Raum zum Teil der Attraktion Barcelona wird, ist klar. Auch im Gespräch mit dem Tourismus-Experten Xavier Font fällt der Vergleich mit einem Disney-Park. Und selbst den Touristen wird es manchmal zu viel mit den anderen Touristen – auch deshalb werden Plattformen wie Airbnb immer populärer.

Früher sind wir an den Strand gefahren, heute fahren wir in Städte. Und wir wollen nicht einfach nur in der Stadt sein, wir wollen in denselben Vierteln wohnen wie die Einheimischen. Jemand hat uns gesagt, dass wir wie Einheimische reisen sollen. Natürlich wollen wir billigen Urlaub – und Ferienwohnungen sind billiger als Hotels. Aber ich glaube nicht, dass das der einzige Grund ist. – Xavier Font, Professor für nachhaltigen Tourismus

Wer muss jetzt handeln?

Länder und Städte geben gesetzliche Rahmenbedingungen vor. Tourismusagenturen entscheiden, wie sich Reiseziele auf dem Markt positionieren. Einzelne Anbieter kümmern sich um das Entertainment und reagieren damit auf die Nachfrage der Touristen – also auch auf deine. Und schließlich haben noch die Bewohner ein Wörtchen mitzureden, die wiederum mit ihrem Kreuz am Wahltag darüber entscheiden, wer für sie die Rahmenbedingungen regelt. Wenn wir nach der Verantwortung für einen guten Tourismus fragen: Haben wir es mit einem Henne-Ei-Problem zu tun?

Xavier Font hält es mit Spider-Man: »Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.« Je wichtiger eine Organisation sei, umso mehr Verantwortung habe sie, den Anfang zu machen. »Wir haben nur eine Regierung und nur eine Tourismusagentur. Dann gibt es die großen Reiseveranstalter und Millionen von Touristen. Ich glaube daran, dass die positiv auf einen nachhaltigeren Tourismus reagieren, Maren Urner und Han Langeslag wissen, wie wir die Welt auf einen besseren Kurs stupsen können wenn wir ihnen die Wahl einfach und angenehm machen.«

Sowohl Xavier Font aus Barcelona als auch Stephen Hodes aus Amsterdam glauben daran, dass Städte vor allem eines brauchen: eine Vision und einen integrierten Plan, der zuerst die Interessen der Anwohner berücksichtigt.

Das entlässt dich aber nicht aus der Verantwortung.

»Der Tourist muss sich seinen Einfluss auf die lokalen Communities bewusstmachen«, sagt Stephen Hodes.

In meinem Universum ist der ideale Tourist ein Entdecker. Jemand, der wissen will, wie andere Menschen leben und was ihre Werte sind. – Stephen Hodes, Gründer von »Amsterdam in Progress«

Und vielleicht lässt sich das abseits der ausgetretenen Pfade ja viel besser erfahren. In Utrecht, Belgrad oder Pilsen soll es auch ganz schön sein.

Titelbild: Pexels - CC0

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie fragt sich: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.

Themen:  Urbanes Leben   Europa   Konsum  

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