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Dann machen wir’s eben selbst: Gute Klimapolitik gibt es ab 7,68 Euro

11. Januar 2018
Themen:

Die Große Koalition hat keine Lust auf Klimaschutz und will die deutschen Klimaziele für 2020 einkassieren. Dabei gibt’s den Erfolg im Sonderangebot.



Was für ein Signal. Bevor die wahrscheinlich neue Große Koalition Im Moment befinden sich die Parteien noch in Sondierungsgesprächen. Falls diese erfolgreich verlaufen, geht es in Koalitionsgespräche. Und wenn sie auch da zusammenfinden, könnte am Ende die dritte Große Koalition innerhalb der letzten 4 Legislaturperioden entstehen. auch nur ein Wort darüber verliert, was sie erreichen will, macht sie klar: »Der Spiegel« berichtete von den Sondierungsgesprächen »Klimaschutz versuchen wir erst gar nicht!« Viel deutlicher kann man die komplette Abwesenheit eines politischen Willens nicht ausdrücken. Das ist auch deshalb so traurig, weil es so viele gute Lösungen für den Klimawandel gibt.

Wenn die Politik diese Lösung ablehnt, können wir sie einfach selbst umsetzen. Wir geben aber nicht auf, sondern geben den Damen und Herren von CDU, CSU und SPD heute ein Werkzeug für den Klimaschutz an die Hand, wie es ihnen gefallen dürfte: günstig, effektiv, ohne irgendwelche »Verbote«, dafür elegant über den Geldbeutel. Das Beste an dieser Lösung: Wenn die Politik sie mal wieder dankend ablehnt, können wir sie einfach selbst umsetzen.

Du hast dich gerade entschieden, 15.000 Euro in einen neuen Kleinwagen zu investieren. Du hast dich dazu durchgerungen, 300 Euro zusätzlich für das gute Soundsystem hinzulegen, lässt dir auch die Ledersitze etwas mehr kosten und die Sitzheizung ist im Winter einfach der Hammer – wird gekauft. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du deinen Plan doch noch verwirfst und deinen Alltag künftig mit Bus, Bahn und Fahrrad bestreitest, weil beim Endpreis unerwartet noch 39 Euro dazukommen?

Wegen des EU-Emissionshandels bezahlen Kraftwerke für jede Tonne CO2, die sie ausstoßen. – Quelle: Wikimedia/Günter Hentschel copyright

39 Euro – so viel muss die Industrie derzeit bezahlen, um

5 Tonnen CO2 in die Luft zu blasen. Etwa Studie über den CO2-Ausstoß von Verbrennungs- und E-Autos (englisch, 2015) die Menge, die bei der Herstellung eines mittleren PKW anfällt. Dafür sorgt der 2003 von der EU beschlossene Emissionshandel. Das Beispiel mit dem Auto zeigt allerdings: Unser Verhalten wird der Emissionshandel so nicht ändern – und den Ausstoß folglich nicht nach unten treiben. Dafür sind die Kosten derzeit viel zu niedrig.

Die Frage ist also: Wie können wir sie nach oben bringen? Zum Beispiel indem jeder Deutsche – Eltern haften natürlich für ihre Kinder – genau 7,68 Euro lockermacht und davon ein CO2-Zertifikat kauft. Klingt nach einer machbaren Investition in die Zukunft. Wie das funktionieren soll? Spielen wir es Schritt für Schritt durch:

Wie funktioniert denn dieser Emissionshandel?

Das Prinzip des Emissionshandels ist folgendes: Wir wissen, wie viele Tonnen CO2 wir noch in die Atmosphäre pusten können, ohne die 2-Grad-Latte Wissenschaftler sind sich einig: Wir sollten die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius im Vergleich zum Klima vor Beginn der Industrialisierung begrenzen, um katastrophale Folgen einzudämmen – noch besser wären maximal 1,5 Grad Celsius. Hier (englisch) erklärt zum Beispiel die Weltbank, warum. Alle beschlossenen Maßnahmen stehen unter einer Unwirksamkeitsklausel: Wenn wir sie befolgen, ist es nur zu einem ver­än­der­lichen Prozentsatz sicher, ob die Maßnahmen wirklich zum angestrebten Klimaziel führen. zu reißen. Entsprechend geben wir für jede Tonne, die das Budget noch zulässt, ein Zertifikat aus, das es uns erlaubt, genau diese eine Tonne in die Atmosphäre zu pusten.Die Menge ist begrenzt und fest. Die Menge ist also begrenzt und fest. Du möchtest nun etwas bauen, wobei CO2 anfällt? Dann musst du das mit einem Zertifikat »bezahlen«, das du zuvor besorgt hast. Irgendwann sind alle Zertifikate verbraucht, niemand darf mehr CO2 emittieren – Ziel erreicht.

Da die Zertifikate digital von den Offizielle Seite zum Emissionshandel der EU Behörden der EU ausgestellt und verwaltet werden, können sie nicht einfach nachgedruckt werden. Im Moment gilt der Handel mit einigen Ausnahmen für die Stromerzeugung und Zweige der Industrie innerhalb der EU.

Wenn im Laufe der Zeit die Zertifikate schwinden und es immer weniger Zertifikate gibt, steigt ihr Preis. Denn Autohersteller, Kraftwerke und Industrie wollen sich die Möglichkeit sichern, weiterhin zu produzieren, was ohne Zertifikate nicht geht. Dann passieren 2 Dinge:

  1. Wenn ein Zertifikat zum Beispiel einmal einen Preis von 150 Euro erreicht hat, dann überraschen beim Autokauf nicht mehr nur 39 Euro Klimazuschlag wie im Beispiel zu Beginn, sondern satte 750 Euro. Nun ja, denkst du, vielleicht kannst du auf die Sitzheizung und den Lederbezug doch verzichten. Steigt der Preis aber weiter, auf vielleicht 400 Euro, wird der PKW 2.000 Euro teurer. Da hilft es auch nicht mehr viel, wenn du noch auf das gute Radio verzichtest. Vielleicht doch ein E-Bike kaufen? Der Anreiz wächst, weniger zu verbrauchen.
  2. Das gilt nicht nur für Verbraucher, sondern auch für Hersteller: Dass Innovationen in der Autoindustrie längst überfällig sind, zeigen Han Langeslag und ich hier Vielleicht war Autobauer A schlau und hat längst ein Auto entwickelt, das in der Produktion statt 5 nur 2 Tonnen CO2 verursacht. Seine Kunden müssen keine 2.000 Euro, sondern nur 800 Euro Klimazuschlag bezahlen. Gleichzeitig kann Autohersteller A die übrigen 3 Zertifikate an Autohersteller B verkaufen, der nach wie vor viele Zertifikate einsetzen muss, um seine Produkte herzustellen. So holt Autobauer A die Ausgaben für die effizienteren Maschinen wieder rein – und verdient im besten Fall noch was daran. Der Anreiz, in effizientere Technologie zu investieren, die weniger Treibhausgase emittieren, wächst ebenfalls.

Die CO2-Emissionen in der EU sinken langsam

Die gesamten Treibhausgas-Emissionen innerhalb der EU in Millionen Tonnen (CO2-eq)

Quelle: European Environment Agency

Warum kostet das gerade 7,68 Euro?

Genau Hier gibt es die aktuellen Kurse der Emissions-Zertifikate (2018) so viel kostet aktuell das Recht, 1 Tonne CO2 in die Luft zu blasen. (Zum Vergleich: Wir Deutschen verursachen pro Kopf und Jahr rund 9 Tonnen CO2 oder vergleichbare Treibhausgase.) 7,68 Euro sind, wie wir oben gesehen haben, viel zu wenig, um uns dazu zu bringen, umweltfreundlicher zu produzieren oder einzukaufen.

Dass der Preis derzeit so niedrig ist, hat einen einfachen Grund: Im Moment gibt es viel zu viele Emissions-Zertifikate auf dem Markt, Beitrag in der ZEIT über die Reformen des Emissionshandels (2017) mehrere Milliarden Stück dümpeln ungenutzt auf der Börse herum. Das wiederum hat vor allem 2 Ursachen:

  1. Einerseits liegt es an einem speziellen Zusatz-Mechanismus, den sich Brüssel damals ausgedacht hat: dem Clean Development Mechanism (Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung). Damit können Firmen in Entwicklungsländern in saubere Technologien investieren, was dort zu CO2-Einsparungen führen soll. Im Gegenzug erhalten sie zusätzliche Emissions-Zertifikate, die sie in der EU einsetzen können, um zu produzieren, oder die sie verkaufen können. Sie dürfen also Emissionen aus armen Ländern in die EU verschieben, wo sie mit einer Tonne Emissionen höheren Gewinn erzielen können.

    Nun war es für viele Firmen sehr günstig und einfach, solche Verbesserungen – zum Beispiel Recyclinganlagen für Kühlschränke – in Entwicklungsländern einzuführen, niedrigen Löhnen und Nebenkosten sei Dank. Eine Studie der EU zeigt, dass 85% der zugelassenen Projekte in den Entwicklungsländern nicht zu Einsparungen, sondern zu einem Mehrausstoß führten (englisch, 2017) Wie sich herausstellte, wären viele der Maßnahmen ohnehin umgesetzt worden oder erreichten ihre Ziele kaum. Ganz legal, aber ohne Mehrwert fürs Klima, wurde es so zu einem guten Geschäft, die Zertifikate anzuhäufen.

  2. Andererseits wurde während der Wirtschaftskrise 2007 und 2008 sehr viel weniger produziert als erwartet. Beitrag in der ZEIT über die Ursachen der günstigen Zertifikate (2012) Dadurch entstanden auch weniger Treibhausgase und viele eingeplante Zertifikate blieben ungenutzt.

Das Problem an den niedrigen Preisen ist, dass sie es uns erlauben, wichtige Aufgaben auf die lange Bank zu schieben. Man könnte sagen: Sie verleiten die Wirtschaft zur Maren Urner und Han Langeslag erklären, warum wir diese Entscheidung nicht mehr aufschieben können Prokrastination. Sie verzichtet jetzt auf dringend nötige Innovationen, weil der Anreiz zum Sparen fehlt. Wenn die Preise dann anziehen – was sie früher oder später gewiss tun werden –, wird die Zeit knapp, um schnell genug umzustellen. Die Preise könnten explodieren und es den Betrieben unmöglich machen, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Die niedrigen Preise verleiten die Wirtschaft zur Prokrastination. Wahrscheinlich würde die Politik reagieren und eingreifen, um das Schlimmste zu verhindern, zum Beispiel indem sie zusätzliche Zertifikate ins Rennen bringt. Die Folge wären mehr Emissionen. Um wirksam zu werden, müssten die Preise schon bald bei 50 US-Dollar (rund 42 Euro) ankommen und bis zum Jahr 2050 auf über 400 US-Dollar (rund 335 Euro) ansteigen, sagen Wissenschaftler des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung.

Aktuell gibt es über 3 Milliarden Zertifikate, die nicht gebraucht werden. Ist der Aufkauf von knapp 83 Millionen Zertifikaten – so viele Deutsche gibt es derzeit – nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Das Recycling von Kühlschränken war für deutsche Firmen lange sehr attraktiv – denn im Gegenzug konnten sie hierzulande umso mehr emittieren. – Quelle: Pixabay CC0

Ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

»Nein«, sagt Manuel Frondel, der am RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und an der Ruhr-Universität Bochum erforscht, wie sich Klima und Wirtschaft gegenseitig beeinflussen. »Das ist wohl nicht so leicht zu verstehen, aber so tickt der Markt. Das Signal der Verknappung würde genügen, um die Preise anzuheben.« Er hält allerdings weniger davon, dass jeder von uns selbst investiert, und fordert stattdessen, dass die Regierung zur Erreichung des nationalen Klimaschutzzieles ab dem Jahr 2020 immer die Mengen an Zertifikaten aufkauft und vernichtet, um die sie das Ziel verfehlt hat. »Das müsste sich natürlich über Jahre hinweg wiederholen«, sagt Manuel Frondel.

Wenn 2020 wie zu erwarten etwa 100 Millionen Zertifikate fehlen, entspräche das beim aktuellen Kurs rund 768 Millionen Euro. Kein Pappenstiel – aber eine überschaubare Summe im Vergleich zu anderen Ich habe darüber geschrieben, wie der Staat unser klimaschädliches Verhalten subventioniert milliardenschweren Subventionen, die Innovationen zum Teil auch noch ausbremsen, anstatt sie zu fördern.

Was tun wir mit den Zertifikaten, wenn wir sie gekauft haben?

Ganz entscheidend ist aber, dass wir mit den Zertifikaten nach dem Kauf tun, was wir mit vielen Einkäufen machen: Wir vernichten sie. Das hilft dem Klima doppelt:

  1. Jedes Zertifikat, das vernichtet wird, bedeutet eine Tonne CO2, die niemals in die Atmosphäre tritt.
  2. Der wesentlich größere Nutzen liegt aber darin, dass zuerst der Kauf und dann erneut die Vernichtung wichtige Signale der Verknappung sind und die Preise in die Höhe steigen. Hohe Preise führen im besten Fall, wie wir vorhin anhand der Autoindustrie gesehen haben, zu Investitionen in sauberere Technologien. Und darin liegt der eigentliche Sinn des Emissionshandels.

In Deutschland werden die Emissionszertifikate an der Energiebörse EEX in Leipzig gehandelt. – Quelle: EEX copyright

Ist das Problem gelöst, wenn wir diese Stücke aus dem Markt kaufen?

Manuel Frondel ist überzeugt, dass der jährliche Aufkauf von 100 Millionen Zertifikaten einen spürbaren Effekt hätte. Andere Länder könnten folgen. Auch die EU selbst hat in den vergangenen Jahren immer wieder Zertifikate aus dem Topf genommen und weitere Verknappung für die Zukunft beschlossen. Zu wenig, kritisieren Umweltgruppen, und der Kurs gibt ihnen Recht. Am Schluss ist entscheidend, dass möglichst wenig CO2 in der Atmosphäre landet. Die letzten Beschlüsse vom Dezember, Zuvor war beschlossen worden, 900 Millionen Zertifikate zu entziehen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder in den Markt zu werfen. Nun wurde beschlossen, die zuvor entnommenen Zertifikate erst dann wieder in Umlauf zu bringen, wenn die Preise eine bestimmte Marke knacken. die die Zertifikate noch knapper werden lassen, sorgten gerade mal für einen feinen Anstieg im Kurs, der von rund 5 Euro auf die aktuellen 7,68 Euro kletterte. Wie erwähnt wären wohl mindestens 35 Euro nötig, um eine Wirkung zu erzielen.

Wichtig ist auch, die Grenzen des Emissionshandels zu berücksichtigen: Derzeit umfasst er nur rund 45% der Emissionen innerhalb der EU. Damit die Klimaziele erreicht werden, müssen auch andere Bereiche wie die Landwirtschaft und der Verkehr, Achtung: Nicht mit dem Autobeispiel verwechseln. Dabei geht es um die Emissionen, die während der Produktion des Autos anfallen, was nicht dem Verkehr zugerechnet wird. Verkehrsemissionen sind die Emissionen, die beim Fahren anfallen. die bisher kaum vom Emissionshandel erfasst werden, eine ähnliche Entwicklung nehmen.

Deshalb sind 2 weitere Maßnahmen im Gespräch, um die Klimaemissionen zu verteuern und so zu senken:

  1. Ein CO2-Mindestpreis: Viele Wissenschaftler fordern, einen Mindestpreis für Zertifikate einzuführen. Könnte der Kurs zum Beispiel nicht unter 30 oder 50 Euro fallen, bestünde unabhängig davon, wie viele Zertifikate unterwegs sind, ein gewisser Druck, Emissionen einzusparen.
  2. Damit sich aber auch in anderen Bereichen – Landwirtschaft, Verkehr – etwas tut, fordern Manuel Frondel und viele seiner Kollegen, den Emissionshandel auszuweiten oder eine Frederik v. Paepcke ist überzeugt, dass es ohne die CO2-Steuer nicht geht CO2-Steuer einzuführen, also einen festen Preis für jede Tonne.

»Jedes finanzielle Werkzeug, das Emissionen teurer macht, hilft, diese zu reduzieren«, sagt er. »Deshalb sollten wir weiter am Emissionshandel festhalten, ihn ausbauen, aber auch an der CO2-Steuer dranbleiben.« Denn am Schluss ist es nicht entscheidend, ob wir das Ziel nun knapp erreicht oder verfehlt haben – sondern dass möglichst wenig CO2 in der Atmosphäre landet.

Wem die Zukunft die 7,68 Euro nicht wert sind, der sollte das Geld aus einem anderen Grund investieren: Die Chancen stehen gut, dass die Zertifikate früher oder später viele Hundert Euro wert sind. Sie sind also eine heiße Geldanlage – den guten Effekt fürs Klima gibt es gratis dazu.

Titelbild: rawpixel.com - CC0

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