Juliane Metzker / Menschen, die bewegen

»Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?«

12. Februar 2018

Ob Karnevalsmuffel oder nicht – wenn’s koschere Kamellen gegen Antisemitismus und Islamophobie regnet, lohnt es sich, die Hände aufzuhalten.

In Düsseldorf sind Juden und Muslime ziemlich beste Freunde – und das ist keine Selbstverständlichkeit. Während sich muslimische und jüdische Gemeinden andernorts misstrauen, spielen die Düsseldorfer Imame und Rabbiner zusammen Fußball und trinken Tee gegen Populisten. An diesem Rosenmontag fährt sogar Dalinc Dereköy, Vorstandvorsitzender des Kreises der Düsseldorfer Muslime (KDDM), Der Kreis der Düsseldorfer Muslime ist ein weltlicher Arbeitskreis aller 33 Moscheegemeinden in Düsseldorf und geht nicht, wie in einem Interview in der Rheinischen Post falsch dargestellt, auf eine Initiative der Polizei zurück. Vertreter der muslimischen Gemeinden sitzen seit 2002 an einem runden Tisch mit der Polizei, um Sicherheitsthemen zu besprechen. Unabhängig davon wurde 2012 der KDDM als eine kulturelle Einrichtung und Interessenvertretung der Düsseldorfer Muslime gegründet. auf dem Karnevalswagen der jüdischen Gemeinde Der Künstler Jaques Tilly hat den Karnevalswagen gebaut. Seine provokanten Wagen machten letztes Jahr internationale Schlagzeilen. Darauf zu sehen waren beispielsweise Donald Trump, der die Freiheitsstatur missbraucht, oder die britische Premierministern Theresa May, die sich eine Pistole mit der Aufschrift »Brexit« in den Mund schiebt. mit.

»Hier in Düsseldorf leben wir auf einer kleinen Insel der Glückseligkeit«, kommentiert Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor Hier findest du die Website der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf der jüdischen Gemeinde, die gute Beziehung. Ihn und Dereköy verbindet eine tiefe Freundschaft, in der es auch manchmal knallt. Ich habe mit den beiden über jüdische Jecken, Anfeindungen zwischen Juden und Muslimen und ihren Kampf gegen die Katharina Wiegmann schreibt hier darüber, warum sich Europa verändern muss. Europafeindlichkeit gesprochen. Und darüber, wie der eine den anderen vor Karneval hereinlegte.

Michael Szentei-Heise (63) blickt vom ersten Karnevalswagen der jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Am Rosenmontag werden 24 weitere Gäste mit ihm dort oben stehen, unter ihnen auch Joachim Stamp, der stellvertretende NRW-Ministerpräsident. – Quelle: Juliane Metzker copyright

Herr Szentei-Heise, warum ist auf dem ersten jüdischen Karnevalswagen in der Geschichte der Dichter Heinrich Heine abgebildet?
Michael Szentei-Heise: Auf dem Karnevalszug 2017 gab es mehrere Wagen, die das Luther-Jahr – 500 Jahre Reformation – zum Thema hatten. Ein weiterer zeigte dann Heinrich Heine. Da habe ich mich gefragt: Wieso klauen die unseren Heine? Heinrich Heine wurde 1797 in Düsseldorf geboren. Sein Vater nannte ihn Harry. Er erlebte in seiner Jugend die systematische Diskriminierung von Juden und ließ sich daher nach seinem Jura-Examen protestantisch taufen. Er erhoffte sich von diesem Schritt mehr Akzeptanz unter anderen Kulturschaffenden, musste aber feststellen, dass viele nicht über seine Herkunft hinwegsehen konnten. Das können wir auch. Heine ist ja nicht nur der berühmteste Sohn Düsseldorfs, er ist auch der berühmteste jüdische Sohn der Stadt.

Wie ernst ist Ihnen der Anspruch auf Heine?

Michael Szentei-Heise: Die Stadt Düsseldorf hat ein Problem damit, dass Heine Jude war – ich verweise auf den 15 Jahre andauernden Streit zur Benennung der Heinrich-Heine-Universität. Bevor die Universität Düsseldorf zur Heinrich-Heine-Universität umbenannt wurde, gab es über 20 Jahre hinweg 4 verschiedene Anläufe, die Namensänderung durchzusetzen. Die verantwortlichen Hochschulgremien blockierten jedoch die Umbenennung. Die Gründe dafür wurden in der Öffentlichkeit unterschiedlich wahrgenommen. Viele dachten, es ginge darum, das Mitspracherecht der Studierenden klein zu halten. Es gab aber auch Vorwürfe von Antisemitismus, allen voran von der »Bürgerinitiative Heinrich-Heine-Universität«, die sich im Laufe der politischen Debatte rund um die Namensgebung bildete. Wir haben ein Problem damit, dass er später zum Christentum konvertierte. Also befinden wir uns mit unserem Anspruch in allerbester Gesellschaft – selbstverständlich mit einem Augenzwinkern.

Herr Szentei-Heise, Sie wollten unbedingt auch den Vorstand des Kreises der Düsseldorfer Muslime, Dalinc Dereköy, auf Ihrem Karnevalswagen haben …

Michael Szentei-Heise: Ich habe ihn da ein bisschen reingelegt. Ich rief ihn an und fragte: Sag mal Dalinc, hast du am 12. Februar schon etwas vor? Als er »nein« antwortete, hatte ich ihn und sagte: »Prima, dann hast du jetzt etwas vor.«

Dalinc Dereköy (39) ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender des Kreises der Düsseldorfer Muslime. – Quelle: Dalinc Dereköy copyright

Wie haben sie reagiert, als sie feststellten, dass Sie sich einen Platz auf dem Karnevalswagen gesichert hatten?

Dalinc Dereköy: Ich habe gelacht und mir gedacht – ja, mein Gott, das mache ich mit. Ich ging davon aus, dass dort ein paar Tausend Menschen feiern werden. Als ich aber erfuhr, dass eine Million zum Umzug kommen werden, dachte ich: Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?

Entgegen Ihrer DNA als Düsseldorfer Jong, Herr Dereköy, sind Sie kein begeisterter Karnevalist?

Dalinc Dereköy: Ich würde nicht auf jeden Karnevalswagen steigen. Wenn der Vorstandsvorsitzende des KDDM mit der jüdischen Gemeinde mitfährt, ist das ein besonderes Signal der Unterstützung und ein Zeichen dafür, dass die Zeiten sich geändert haben. In der Vergangenheit waren Juden vom Karneval ausgeschlossen.

Titelbild: dpa - copyright

 

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Werde jetzt Mitglied!

Als Mitglied erhältst du deine tägliche Dosis neuer Perspektiven:
Statt Nachrichtenflut ein Beitrag pro Tag - verständlich, zukunftsorientiert, werbefrei!



Du bist bereits Mitglied? Dann melde dich hier an.

Du willst mehr lesen?

Jetzt Mitglied werden ›