Kommentar — 9 Minuten

Warum Darwin und Smith gegen Freihandel wären

14. März 2018
Themen:

Dass das Recht des Stärkeren und Egoismus die Wirtschaft voranbringen, ist nur die halbe Wahrheit. Denn die moderne Welt hat mit dem England des 18. Jahrhunderts nur noch wenig gemeinsam.



Wer heute die Zeitung aufschlägt, kann schnell zu dem Schluss kommen: Wo Menschen ihre Interessen aushandeln, läuft es auf ein Nullsummenspiel hinaus. Staaten boxen gegen Staaten, Firmen gegen Firmen, Familien gegen Familien. Jeder gegen jeden, der Stärkste siegt, und das ist letztlich gut für alle. So ist die Welt.

Hinter dieser Weltsicht, die oft eher eine Karikatur der Realität ist, steht allerdings eineJeder gegen jeden, der Stärkste siegt. So ist die Welt. sozialdarwinistische Dem Sozialdarwinismus zufolge lassen sich viele Prinzipien aus Darwins Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften übertragen. Vor allem die Vorstellung, dass der Wettbewerb die besten Eigenschaften belohnt und so zu besser angepassten Arten bzw. Gesellschaften führt, macht diese Argumentation bei Anhängern einer freien, unregulierten Wirtschaft beliebt. Denkweise, wie sie im angloamerikanischen Raum weit verbreitet ist. Sie beruht auf 3 Ikonen der angelsächsischen Geschichte: Adam Smith, David Ricardo und Charles Darwin.

Die 3 Briten aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben zweifelsfrei großartige gedanklich-politische Entdeckungen gemacht. Adam Smith als Urvater der modernen Wirtschaftswissenschaften, David Ricardo als geistiger Vater der heutigen Globalisierung und schließlich Charles Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie die Entstehung des Lebens und vieler menschlicher und tierischer Verhaltensweisen erklärte.

Das Verrückte ist nur, dass die 3 von heutigen Ökonomen systematisch falsch zitiert werden. Sie müssen immer dann herhalten, wenn es darum geht, den freien Markt gegen Eingriffe und Regeln zu verteidigen – und leisten so unfreiwillig Mehr dazu gibt es im Bericht »Wir sind dran« des Club of Rome Schützenhilfe für eine inhumane, naturzerstörende und langfristig katastrophale Politik.

Zugegeben, die Überlegungen von Smith, Ricardo und Darwin lassen sich nicht immer ganz leicht aufs Hier und Jetzt übertragen. Wenn sie aber schon ungefragt für unsere heutigen Debatten herhalten müssen, sollten wir die Deutungshoheit wenigstens nicht den Ausgrenzern überlassen. Also, immer der Reihe nach: Beginnen wir mit Adam Smith.

Adam Smith – Egoismus für eine bessere Gesellschaft?

Adam Smith – Quelle: wikicommons public domain

Er schrieb sie in seinem Hauptwerk »Wohlstand der Nationen« nieder (1776) Adam Smith hatte die großartige Eingebung, dass der Eigennutz des Bäckers und des Schneiders letztlich nicht nur den beiden, sondern der gesamten Gesellschaft nutzt. Beide strengen sich an, so die Idee, ihre Ware oder Dienstleistung so gut verkäuflich zu machen wie möglich, weil das in ihrem eigenen Interesse liegt. Sie boxen nicht gegeneinander, sondern handeln miteinander. Und sie tun es innerhalb eines rechtlichen und moralischen Rahmens. Die »unsichtbare Hand« – eine damals als göttlich angesehene Kraft – sorgt dafür, dass der Eigennutz aller das Gemeinwohl aller erhöht.

Wenn du die Lehren von Adam Smith bereits kennst, lies einfach weiter. Falls nicht, klicke hier und lies eine kurze Zusammenfassung der Redaktion.

Adam Smith machte seine Überlegungen an einem einfachen Beispiel deutlich: Wenn ein Bäcker Brot backt, um es anschließend zu verkaufen, denkt er in erster Linie daran, Geld zu verdienen. Da das Backen jedoch ein Handwerk ist, was nicht jeder in seinem Dorf beherrscht, sorgt er gleichzeitig dafür, dass andere Menschen etwas zu essen haben. So kauft der Schneider im Dorf jeden Tag Brot bei ihm ein.

Da der Bäcker jedoch außer seinem eigenen Handwerk nicht viel kann, ist er darauf angewiesen, sich mit seinem verdienten Geld andere Dienstleistungen zu kaufen. Zum Beispiel kann er sich beim Schneider seine Hose flicken lassen. Durch diesen Tausch kann sich jedes Mitglied einer Gemeinschaft auf das konzentrieren, was es am besten und produktivsten beherrscht.

Wichtig ist dabei die freie Berufswahl. Ist unser Bäcker nämlich der einzige im Dorf, gibt es ein Problem. Er kann seine Preise beliebig in die Höhe treiben. Das veranlasst jedoch andere in der Gemeinschaft dazu, sich das Handwerk selbst beizubringen und eigene Bäckereien zu eröffnen. Durch die Konkurrenz, die entsteht, fallen die Brotpreise. Und um sich von der Konkurrenz abzuheben, bieten die Bäckereien im Dorf nun nicht mehr nur Brot, sondern auch Baguette, Brezeln und Puddingschnecken an. So gewinnen sie neue Kunden und »versüßen« gleichzeitig dem Dorf den Alltag. So hat der Egoismus des Bäckers zu einem Vorteil für alle geführt: Viele Kunden für den Bäcker und ein vielfältiges, günstiges Sortiment für die Dorfbewohner.

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Funktionieren kann das aber nur, wenn es diesen einen gemeinsamen Rechtsrahmen auch wirklich gibt. Zur Zeit von Adam Smith war das britische Recht in der von ihm beschriebenen Welt unangefochten gültig.

Und heute?

Wenn Etikettenschwindler, Steuerhinterzieher oder andere Betrüger im Spiel sind und nicht entlarvt und gefasst werden, weil sie geographisch außerhalb des Rechtsrahmens operieren, etwa in einer »Ist Deutschland auch eine Steueroase?«, fragt Han Langeslag hier Steueroase, dann ist die »unsichtbare Hand« ziemlich machtlos.

Hilft der Schneider sich selbst, hilft er damit allen. Oder? – Quelle: Yücel Ünlü CC0

Heute gibt es den ständigen Wettkampf der Länder und der Rechtssysteme gegeneinander. Steuersenkungen Erst im vergangenen Herbst hat die amerikanische Regierung die Unternehmenssteuer von 35% auf 21% gesenkt. sind eine der schärfsten Waffen in diesem Kampf. Für Adam Smith wäre das ein Horror gewesen. Und trotzdem wird er ununterbrochen dafür in Anspruch genommen: Nicht nur, um den Egoismus des Bäckers und Schneiders in London zu rechtfertigen. Er muss auch geradestehen, wenn der anständige Textilbetrieb in London mit gewässervergiftenden und mit ausbeuterischen Löhnen operierenden Klitschen in Zehntausenden Kilometern Entfernung in Konkurrenz treten muss.

David Ricardo – Außenhandel lohnt sich, ohne Wenn und Aber?

David Ricardo – Quelle: wikicommons / Thomas Phillips public domain

Enden Adam Smiths Modelle dort, wo der jeweilige Rechtsrahmen aufhört, so Festgehalten hat er seine Überlegungen in »On the Principles of Political Economy, and Taxation« (englisch, 1817) ist David Ricardo für genau diese Außenwirtschaft zuständig. Für ihn war klar: Aufgrund komparativer Kostenvorteile – in der Regel niedrigere Produktionskosten – lohnt sich der grenzüberschreitende Verkehr von Kaufleuten und Gütern für alle Beteiligten. Kurz gesagt: Außenhandel lohnt sich immer. Das Kapital, zu seiner Zeit vor allem das von Produktionskapazitäten wie Fabriken, blieb in seinen Überlegungen immer am selben Ort.

Wenn du die Lehren von David Ricardo bereits kennst, lies einfach weiter. Falls du dir seine Überlegungen noch mal eben in Erinnerung rufen möchtest, klicke hier.

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Beim komparativen Kostenvorteil geht es um eine möglichst hohe Produktivität für beide Parteien eines Handels. Er gilt als einfaches Vorbild für den freien Handel zwischen Staaten.

Ein Beispiel: Deutschland braucht für die Produktion von 100 Litern Bier 60 Tage und für 100 Liter Wein 70 Tage. Portugal braucht für 100 Liter Bier 150 Tage und für 100 Liter Wein nur 40 Tage. Selbstverständlich ist es dann am besten, wenn sich beide Länder auf das konzentrieren, was am schnellsten geht, und anfangen, miteinander zu handeln. Deutschland produziert also 200 Liter Bier und benötigt dafür 120 Tage, und Portugal produziert 200 Liter Wein in 80 Tagen. Dann tauschen sie 100 Liter Wein gegen Bier. Würde jedes Land jeweils Wein und Bier selbst produzieren, bräuchte Deutschland 130 Tage und Portugal 190 Tage.

Die Gedanken David Ricardos gehen jedoch noch etwas weiter. Selbst wenn Portugal schneller Bier produzieren würde als Deutschland, sagen wir 100 Liter innerhalb von 50 Tagen, ist es immer noch sinnvoller, wenn es sich weiterhin vollkommen auf den Wein konzentriert. Denn würde es nun beide Getränke selbst herstellen, so bräuchte es noch immer 90 Tage – anstelle der 80 Tage, die es für die Produktion von 200 Litern Wein benötigt. Das nannte Ricardo einen komparativen Kostenvorteil.

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Ähnlich wie verschiedene Rechtsrahmen die Überlegungen von Adam Smith heute untergraben, verhält es sich auch mit Ricardos Postulat des ortsfesten Kapitals. Um Schräglagen und Verluste zu vermeiden, ist sein Verbleib in einem Land entscheidend, wie Er tut dies im Buch »Ecological Economics« (englisch, 2004) Herman Daly, Weltbank-Ökonom und Begründer der ökologischen Ökonomie, betont. Wandert das Kapital hingegen ebenfalls, verliert Ricardos Aussage ihre Gültigkeit.

Titelbild: pixabay - CC0

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