Kommentar — 4 Minuten

Worüber wir nach der Amokfahrt in Münster endlich sprechen sollten

9. April 2018
Themen:

»Wo bist du?« Nach dem Vorfall in meiner Heimatstadt erreichen mich im Minutentakt besorgte Nachfragen von Freunden und Familie. Während das Motiv des Täters noch unklar ist, merke ich, was hier falsch läuft.



Die Sonne blendet so sehr, dass ich das Display vom Smartphone kaum erkennen kann. Eigentlich will ich nur die Radtour an diesem ersten heißen Frühlingstag im Jahr genießen. Ich bin irgendwo zwischen Dülmen und Münster. Die Szene ist perfekt, wie aus einem Heimatfilm: Vögel zwitschern, die ersten Fohlen tollen über die Wiesen und die Zitronenfalter landen auf meinem Fahrradlenker. Und dann:

Wo bist du? Es gab einen Anschlag in Münster. Ein Auto ist in Menschen hineingefahren. 3 Tote, 30 Verletzte. – SMS, 30 Minuten nach dem Anschlag

Was?

So erfahre ich vom Vorfall in meiner Heimatstadt Münster, der jetzt die Nachrichten der Republik bestimmt. Im Minutentakt erreichen mich weitere besorgte Nachrichten von Freunden und Familie und bin damit nicht allein. Während ein Freund, der im Zentrum Münsters wohnt, sich noch über den Lärm der Helikopter ärgert, die an diesem Samstagnachmittag die Ruhe in seinem Garten stören, wundert sich ein anderer, warum sich eine Freundin aus den Niederlanden plötzlich um seine Gesundheit sorgt.

Zeitgleich nehmen die vorhersehbaren Wie sehr Stereotype unser Denken bestimmen, beschreibt Juliane Metzker hier Mutmaßungen zum Täterprofil in den Medien ihren Lauf: Bericht bei SPON kurz nach dem Vorfall in Münster »Die Behörden gehen offenbar von einem Anschlag aus.« ist bei Spiegel Online zu lesen, ARD-Terrorismusexperte Michael Stempfle warnt vor voreiligen Schlüssen die ARD interviewt ihren Terrorismusexperten.

Auf den Schock folgt ein mulmiges Gefühl, das sich trotz Frühlingssonne und Waldluft in meiner Magengegend ausbreitet und mir sagt: »Die nächsten Wochen werden sehr anstrengend und lähmend sein. Weil die Nation über nichts anderes als Terrorismus sprechen wird.« Ich bin nicht die Einzige, die erleichtert ist, als klar wird: Der Täter war kein Geflüchteter und hatte keine terroristischen Gründe für seine grauenhafte Tat. Nachdem die Identität des Täters von Münster offengelegt und nicht weiter von einem Terroranschlag ausgegangen wurde, fragten viele in den Sozialen Medien: Warum? Der Mann habe doch auch Menschen »terrorisiert«? Im deutschen Strafgesetzbuch sind terroristische Anschläge als eine »schwere staatsgefährdende Gewalttat« definiert. Dies bedeutet, dass der Täter die Intention haben muss, die Sicherheit des Staates zu beeinträchtigen. Diese Beweggründe sind im Fall des Täters von Münster nicht gegeben. Doch Terrorismus wird von Land zu Land anders definiert und gesetzlich verankert.

Und doch hoffe auch ich plötzlich, dass wir über den Vorfall in Münster noch lange reden werden. Warum? Weil er eine Chance ist, endlich das Wesentliche zu diskutieren.

Ist Münster im Schock?

Die Welt hängt an den Bildschirmen und lernt: So lautet der erste Satz in der Tagesschau zum Vorfall in Münster (2018) »An diesem Frühlingsabend ist Münster eine Stadt im Schock.«

Falsch! Es scheint eher umgekehrt: Die Welt, die auf Münster schaut, ist im Schock, während für die meisten Menschen in Münster der Alltag in Parks, Cafés und Straßen (einmal abgesehen vom direkten Umkreis des Unglücksorts) weitergeht.

20 Minuten nach der Amokfahrt wirkt die Wiese am Aasee in Münster wie an jedem anderen Frühlingstag. – Quelle: Juliane Metzker copyright

Münster ist gerade der »lebende Beweis« für einen Review-Studie zum Zusammenhang zwischen der Katastrophen-Berichterstattung und den psychischen Folgen (englisch, 2015) gut erforschten Zusammenhang zwischen Medien und Stresswahrnehmung. Genau wie nach dem Bombenanschlag beim Boston-Marathon 2013 sind die Menschen, die davon aus den Medien erfahren, betroffener und Studie zur Rolle der Medien beim gefühlten Stress nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon (englisch, 2014) gestresster als diejenigen, die selbst in der Nähe des Tatorts waren.

Und während die Welt die Spekulationen »live« an den Bildschirmen mitverfolgt, Kommentar in der Süddeutschen Zeitung zum Vorfall in Münster (2018) ob ein Ali oder ein Jens am Steuer des Vans saß, passieren natürlich Fehler. Da heißt der Täter Jens R. in den englischsprachigen Medien plötzlich Jens Handeln, weil aus dem Verb »handeln« ein Nachname gedichtet wird:

Die Terrorismusexperten konnten ihre Koffer wieder packen – schließlich wurden sie DIE WeLT berichtet über einen verhinderten Terroranschlag beim Berliner Halbmarathon (2018) beim Halbmarathon in Berlin einen Tag später wieder gebraucht. Auch der Medienzirkus wird wohl bald weiterziehen. Die wohl wichtigste Erkenntnis ist kaum mehr wert als eine nahezu herablassende Randnotiz: »Der Täter war psychisch labil.«

Lasst uns über Gefühle reden!

Ein Schwächling also. Einer, der nicht klarkam mit dem Leben. Aber kein Terrorist. Also zurück zum Tagesgeschehen.

Die Frage nach der Motivation des Täters von Münster offenbart ein gesellschaftliches Thema, über das wir viel häufiger reden sollten: Das Buch »Rampage – The Social Roots of School Shootings« geht darauf zum Beispiel näher ein (englisch, 2004) Es sind Gefühle wie Einsamkeit, Wut und Rache, die bei so vielen Straftaten und Anschlägen eine grundlegende Rolle spielen.

Doch wer psychisch labil oder gar krank ist, gilt gemeinhin als Versager. Über Depressionen sprechen wir und die Medien mit den immer gleichen Bildern; Stattdessen sollten wir bei Depression diese Bilder im Kopf haben, sagt Gastautorin Maria Müller Menschen, die ratlos in einer dunklen Zimmerecke sitzen. Obwohl wir ganz selbstverständlich zur Zahn- und Diabetesvorsorge gehen, So könnte eine »Psycho-Prophylaxe« aussehen würde die Idee einer »Psycho-Prophylaxe« im besten Fall wohl nur belächelt werden. Warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen, erläutert Frederik v. Paepcke hier Statt uns auf die aktuelle Farbe der Terrorwarnstufe zu konzentrieren, sollten wir uns lieber fragen, wie viele Menschen sich hoffnungslos, abgehängt und machtlos fühlen.

Das Zitat stammt aus diesem Beitrag bei Welt.de (2018) Der Mann hatte in der Vergangenheit schon einmal geäußert, Suizid zu begehen. Dieser sollte spektakulär sein.

Datenbank zu amerikanischen Massenschießereien bei Mother Jones (englisch, 1982-2018) Meist sind es Männer, die wegen solcher Gefühle zum Amokläufer oder Selbstmordattentäter werden. Nicht weil sie die schlechteren Menschen sind, sondern weil wir als Gesellschaft einen Begriff der Männlichkeit pflegen, der keine Schwäche, Was hilft am besten gegen die Angst? Angst und Unsicherheit zulässt. Genau das ist mir in den letzten Wochen bei meiner Recherche zur Frage, wo Gewalt herkommt, klargeworden Kleine Vorankündigung: Der Artikel dazu erscheint morgen hier bei Perspective Daily. – und offenbart sich am aktuellen Beispiel in eindringlicher Form. Und ich frage mich, wie viele Menschen da draußen über ähnliche Taten nachdenken oder sie gar planen.

Darum hoffe ich, dass wir die Chance nutzen, um mehr über das psychische Wohlergehen unserer Gesellschaft zu sprechen. Und so die Prävention psychischer Krankheiten verbessern können – und damit hoffentlich auch Gewalttäter gar nicht erst zu solchen werden zu lassen. Egal ob ein potenzieller Täter Deutscher oder Geflüchteter, Christ oder Muslim ist.

Titelbild: Juliane Metzker - copyright

 

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