Ist es gesünder, wenn du wegschaust?

Krieg und Konflikt – manchmal fühlt es sich besser an, nicht hinzuschauen. Dabei hältst du viel mehr aus, als du glaubst, und kannst zugleich von deinem Mitgefühl profitieren.

14. Mai 2018  6 Minuten

Lauf die Straße entlang bis zum Kaufmannsladen / Denn da gibt’s die allerbesten Brötchen weit und breit / Kann am Tresen kurz mal lesen, was die Zeitung schreibt / Irgendwas von ’nem Großangriff / Unzählige Bomben auf kleine Stadt / Viele Menschen ums Leben gekommen / Und dem Erdboden gleich gemacht in nur einer Nacht / Ich zahle und verlasse den Bäcker / Hör noch den Nachrichtensprecher / Lage wieder mal dramatisch verschlechtert, heute fantastisches Wetter – Fettes Brot, An Tagen wie diesen

Ein Lied bleibt im Gedächtnis, wenn der Zuhörer am Ende sagt: »Kenn’ ich!« Mit Hier kannst du dir das Musikvideo anschauen (2005) »An Tagen wie diesen« hat die Hamburger Band Fettes Brot einem Gefühl Ausdruck verliehen, das fast jeder kennt: unsere Überforderung, wenn wir Krieg und Konflikt durch die Medien mitverfolgen.

Als Nahost-Journalistin muss ich schon aus Berufsgründen hinschauen, wenn Menschen leiden. Ich weiß: Krieg in Syrien, Was Menschen im Jemen helfen könnte, habe ich mich hier gefragt (2017) Kindersterben im Jemen und die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern Entlang der Grenze zwischen Gaza und Israel demonstrieren Palästinenser seit 6 Wochen gegen die andauernde Blockade des Gazastreifens durch Israel. Der »Great March of Return« (Marsch der Rückkehr) begann am »Tag des Bodens« am 30. März, an dem Palästinenser alljährlich der Enteignung der arabischen Bevölkerung gedenken. Die Proteste sollen bis zum 15. Mai andauern, ein Tag mit beidseitiger historischer Bedeutung: Israel feiert den 70. Jahrestag der Staatsgründung, während die Demonstranten an die »Nakba« (deutsch: den Tag »der Katastrophe«) erinnern, an dem etwa 700.000 Palästinenser aus dem heutigen israelischen Staatsgebiet fliehen mussten. Von Israels Seite begegnet man den Protesten mit einem erhöhten Militäraufgebot. Bisher kamen während der Proteste mehr als 30 Palästinenser ums Leben, mehr als 4.000 wurden verletzt. bekommen weniger Aufmerksamkeit als Themen, die vielleicht leichter zu verdauen und leichter zu verstehen sind.

Wir können uns fast überall über das Weltgeschehen informieren. Aber wollen wir das wirklich? – Quelle: Rawpixel CC0

Das Gefühl von Überforderung durch Nachrichten bilden wir uns nicht ein. Forscher an der Universität in South Carolina haben berechnet, dass uns täglich über Fernseher, Zeitung und Smartphone 5-mal mehr Informationsfülle Das Team um Dr. Martin Hildebrandt an der Universität in South Carolina schätzte die weltweite Menge an Informationen, die durch analoge und digitale Technologien gespeichert, gesendet und berechnet wurde. Der Untersuchungszeitraum endete im Jahr 2007. Hier findest du eine Kurzbeschreibung der Studie. erreicht als noch im Jahr 1986. Weil wir so auch mehr schlechten Nachrichten ausgeliefert sind, sollten wir wegschauen, um das überhaupt aushalten zu können – oder?

Darum schaust du weg

Eine Million bedroht vom Hungertod nach Schätzungen der UNICEF / Während ich grad’ gesundes Obst zerhäcksel in der Moulinex. – Fettes Brot, An Tagen wie diesen

So viel Blut und Tod. Aber wir schalten nicht nur ab, weil wir »mehr« davon zu verarbeiten haben. Es gibt weitere Gründe:

  • Ganz weit weg: Es ergibt einen Unterschied, ob ein Anschlag im heimischen Münster oder im fernen Bagdad passiert. Warum das so ist, erklären dir Han Langeslag und Maren Urner hier Alles, was näher an einen heranreicht, wird oft als wichtiger empfunden.
  • Es ist kompliziert: Nahostkonflikt und Der Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen bringt den Nahen Osten wieder an die Schwelle eines großen Kriegs – hier findest du viele Gründe dafür Syrienkrieg – wer behält da noch den Überblick? Wenn viele Faktoren für das Leid von Menschen verantwortlich sind, fällt es uns als ferne Beobachter schwer, einzuordnen. Vor allem haben wir Probleme, Lars Hauch erklärt dir, warum es in Syrien mehr als einen Schuldigen gibt die Schuldfrage für uns zu beantworten. Es fehlt also an Orientierung.
  • Nichts Neues: Peter Dörrie hat sich angeschaut, wie man Kriegsherren den Geldhahn zudrehen kann »Da ist doch ständig Krieg.« So oder so ähnlich fällen viele Menschen ihr Urteil über konfliktreiche Regionen. Nachrichten zu einem neuen Anschlag oder Kämpfen bestätigen dann nur unser Weltbild und wir wenden uns ab. Gegenläufige Informationen ignorieren wir meist. Das Phänomen ist als Confirmation Bias (Bestätigungsfehler bzw. Bestätigungstendenz) bekannt. Vereinfacht bedeutet das: Neue Informationen werden von uns so ausgewählt und interpretiert, dass sie unsere Erwartungen erfüllen und so unser Weltbild bestätigen. Das Ergebnis: Informationen, die unsere Erwartungen nicht bestätigen, werden anders wahrgenommen, ignoriert oder gleich wieder vergessen. Wenn im Libanon und Afghanistan muslimische Männer und Frauen für die Gleichberechtigung auf die Straße gehen, ist das für uns eine Ausnahme. Die Regel sind anscheinend eher radikal-islamistische Gotteskrieger in Geländewagen, die mit Kalaschnikows über ihren Köpfen fuchteln. Die Folge: Die Individualität, die Eigenart des Menschen, wird nicht gesehen. Ein Dialog zwischen uns und dem »Anderen« wird erschwert.
  • Prädikat »unangenehm«: Das Vogel-Strauß-Prinzip – einfach mal den Kopf in den Sand stecken – erklärt der SZ-Journalist Sebastian Hermann hier (2017, Paywall) Vor allem unbequeme Informationen blenden wir einfach aus. Das funktioniert auch bei Themen, die uns direkt betreffen. Können beispielsweise Raucher zwischen »guten« oder »schlechten« Nachrichten zum geliebten Glimmstängel wählen, entscheiden sich die meisten für die »gute« Variante: »Rauchen führt nicht zu Krebs«. In der Psychologie spricht man von kognitiver Dissonanz, wenn unvereinbare Einstellungen, Verhaltensweisen und Gefühle aufeinandertreffen. Wir streben danach, diesen unangenehmen Spannungszustand zu lösen, da er unser konsistentes Selbstbild bedroht.
  • Schmerzen vermeiden: Je weniger wir in unserem Umfeld Gewalt erleben, desto mehr belasten uns Zum Artikel »Warum gibt es noch immer Krieg?« des Zukunftsinstituts Nachrichten über Kriege und Leid. Sie können sogar eine Art emotionalen Schmerz auslösen.
  • Kampf oder Flucht: Fast jeder hat in seinem Freundes- oder Verwandtenkreis diese eine Person, die kein Blut sehen kann. Beim Besuch im Krankenhaus steht ihr der Schweiß auf der Stirn. Jetzt bleiben mindestens 2 Möglichkeiten: »Flight or Fight« – Flucht oder Kampf. Entweder stellt man sich dem Blutkatheter oder man nimmt Reißaus. Die Angst davor, Blut zu sehen, ist meist größer als die tatsächliche Bedrohung. Solche Angst haben wir auch vor schlechten Nachrichten in der Welt und entscheiden uns deshalb oft für die Flucht.

»Dafür habe ich jetzt keinen Kopf!« Wer selbst ständig gestresst ist, kann schlechte Nachrichten nicht gut verarbeiten. – Quelle: Nik SHuliahin CC0

Stress, Angst und Schmerz – viele entscheiden sich deshalb bewusst dafür, häufiger abzuschalten. Doch erst wer hinschaut, kann handeln – in Form einer guten Tat, Geld spenden geht schnell. Aber wie und wo bringt es wirklich was? einer Spende oder einer größeren Aktion für Menschen in Not. Aber auch wer nicht so weit gehen möchte, sollte sich bewusst sein, dass wir in den kommenden Jahren nicht weniger Informationen ausgesetzt sein werden.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt wird sich weiter vernetzen und noch mehr Nachrichten wollen sich in unseren Alltag drängen. Wie viele Nachrichten täglich generiert werden, ist schwer zu messen. Das Software-Unternehmen Micro Focus hat das schnelle Datenwachstum im Internet untersucht. In der vor einem Jahr veröffentlichten Studie kommen die Analysten zu dem Ergebnis, dass 90% der Daten im Internet im Jahr 2016 erstellt wurden. Wissenschaftler der Universität in South Carolina schätzten, dass wir bereits im Jahr 2007 pro Tag mit einer Informationsmasse vergleichbar zu der Information aus 174 Tageszeitungen zurechtkommen mussten. Irgendwann wird es auch nicht mehr helfen, sich wie Robinson Crusoe auf die Offline-Insel zu retten. Denn sobald der Abenteurer zurückkehrt und seinen Computer startet, überrollt ihn die Informationsflut wieder.

Besser wäre es, das Hinschauen zu trainieren.

Auf der Offline-Insel kannst du dich erholen. Doch hilft dir das wirklich, besser mit schlechten Nachrichten umzugehen? – Quelle: Nathan Anderson CC0

Fühlst du wirklich nichts?

Was passiert, wenn der Freund Liebeskummer hat und hilfesuchend in unsere Arme fällt? Wir sind für ihn da. Die Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken des Gegenübers zu verstehen, nennen wir Empathie. Die einen sind besonders empathisch, bei anderen haben wir vielleicht manchmal das Gefühl: Da ist noch Nachholbedarf. Wissenschaftler haben mittlerweile verschiedene Formen von Empathie definiert, die über das bloße Mitleiden hinausgehen. Wissenschaftler unterscheiden die emotionale Empathie (das Mitgefühl), die kognitive Empathie, durch die wir Gefühle und Gedanken unseres Gegenübers nachvollziehen können, und die soziale Empathie, die uns kulturelle Codes erkennen lässt.

Denn wenn wir ehrlich zu uns sind, können wir gar nicht den Liebeskummer unseres Freundes mit-erleiden, sondern reagieren eher auf seine Situation. Dazu wechseln wir die Perspektive und fühlen uns in ihn ein. Nach vielen feuchten Taschentüchern und ein paar Flaschen Wein ziehen wir am Ende des Abends die Tür hinter uns zu. Vielleicht bleibt uns als Seelentröster am nächsten Morgen noch der Kater, aber den emotionalen Ballast des Verlassenen hat sich der Tröstende nicht aufgeladen.

Anschlagsort in Münster: Nach der Amokfahrt gedenken die Münsteraner den Opfern. – Quelle: Juliane Metzker copyright

Dass wir in der Lage sind weiterzumachen, auch wenn schlimme Ereignisse uns beschäftigen, hat jeder einzelne von uns schon mehrere Male in seinem Leben bewiesen. Zum Beispiel nach Anschlägen in Deutschland. Nachdem in Münster ein Kleinlasterfahrer am ersten heißen Tag des Jahres 2018 in eine Menschenmenge gerast war und 3 Wochen nach dem Anschlag erlag ein 74-jähriger Mann seinen Verletzungen im Krankenhaus 3 Menschen getötet hatte, fühlten viele mit den Angehörigen der Opfer. Dennoch ging das Leben für die Beobachter weiter. An diesem sonnigen Tag blieben viele Münsteraner auf den Wiesen und am städtischen Aasee sitzen.

Viele Menschen unterschätzen ihre Strapazier- und Empathiefähigkeit und ermahnen sich daher dazu, wegzuschauen. Denn sie glauben, der Belastung nicht standhalten zu können. Empathie können sie noch für Menschen aufbringen, die örtlich und kulturell nah sind, aber nicht mehr für die, die weit weg leiden. Meine Bilder, deine Bilder – hier erfährst du etwas über das Fremde in deinem Kopf Fremdsein ist erwiesenermaßen ein Empathie-Killer.

Im Empathie-Fitnesscenter

Seh’ ein Kind, in dessen traurigen Augen ’ne Fliege sitzt / Weiß, dass das echt grausam ist, doch Scheiße Mann, ich fühle nix! – Fettes Brot, An Tagen wie diesen

Wer zu viele schlechte Nachrichten sieht, stumpft mit der Zeit ab, heißt es im Volksmund. Stimmt das?

Den Ruf, abgestumpft und kalt zu sein, haben Berufsgruppen, die oft mit dem Leid anderer konfrontiert sind. Allen voran Ärzte. Wie sonst könnten sie nach dem Tod eines Patienten weitermachen? In der Realität müssen auch Ärzte ihre Empathie professionell nutzen, und zwar bei Menschen, die ihnen zunächst fremd sind.

Es geht nicht um gefühlsseliges Mitfühlen, sondern um das einfühlende Verstehen oder verständnisvolle Sich-Einfühlen. Entscheidend ist das Spannungsfeld zwischen Han Langeslag fragt: Ist das »rational« oder kann das weg? dem rationalen Verständnis dessen, was den anderen Menschen bewegt, und der emotionalen Versenkung in die Vorstellungs- und Gefühlswelt des Patienten. Hier findest du den ganzen Artikel über Empathie im Ärzteblatt (2014) Werner Heppt im Ärzteblatt

Empathie lässt sich also trainieren, wenn wir hinschauen. Auch das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit bei schlechten Nachrichten wirkt sich viel weniger auf uns selbst aus, als wir häufig behaupten. Hilflosigkeit verringert das Selbstwertgefühl erst, Hier findest du eine Power-Point-Präsentation zur »Erlernten Hilflosigkeit« (2005) wenn wir uns selbst schuldig fühlen.

»Mitgefühl stärkt Körper wie Seele, macht physisch robuster, physisch stärker und stimuliert nebenbei das Immunsystem«, schreibt der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens und hat dafür über Hier findest du Werner Bartens Buch »Empathie – Weshalb einfühlsame Menschen gesund und glücklich sind« (2017) 200 Studien zur Empathie ausgewertet. Unsere Fähigkeit hierfür nimmt ab, wenn wir selbst gestresst im Hamsterrad laufen, und nimmt zu, wenn Menschen für uns da sind.

Mit Blick auf die weltweiten Herausforderungen – Krieg, Konflikt und Klimawandel – ist es höchstwahrscheinlich »gesünder«, öfter aktiv hinzuschauen und mit anderen darüber zu kommunizieren. Das haben wir im großen Stil nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA gemacht. Am Küchentisch, in der Schule, auf der Arbeit wurden die Ereignisse zusammen aufgearbeitet. Diese Art von Austausch schützt davor, mit gesehenem Leid allein zu bleiben – für uns, die hinschauen, und für jene, die hoffen, dass wir hinschauen.

Dies ist der erste Teil der Reihe, die unseren Umgang mit Menschen in Not reflektiert und von Diskussionen unserer Mitgliedern inspiriert wurde. Im nächsten Artikel schreibe ich über das Helfen. Wenn du Themenvorschläge oder offene Fragen hast, die dich in dem Zusammenhang interessieren, schreib mir eine E-Mail (juliane@perspective-daily.de). Als Mitglied kannst du auch direkt im Diskussionsforum kommentieren.

Titelbild: Niklas Hamann - CC0

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

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