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Interview 

Der Fußball ist kaputt. So sieht die WM aus, die ihn repariert

Wir lieben Fußball – können ihn aber nicht mehr richtig genießen. Um die 3 großen Spielverderber rauszuwerfen, brauchen wir die »Welt-WM«.

13. Juli 2018  6 Minuten

Schon seit unserer Kindheit lieben wir diesen Sport. Den Traum, selbst als Fußballprofi gegen Zinédine Zidane oder Roberto Carlos auf dem Platz zu stehen, haben wir zwar schon vor längerer Zeit aufgegeben, aber wenn die besten Fußballspieler um den Weltmeistertitel kämpfen, verfällt das Kind in uns wieder in Ekstase.

Offensichtlich sind wir damit nicht allein. Jeder siebte Mensch hat im Jahr 2014 das Finale der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft der Männer gesehen. Das geht aus den offiziellen Zuschauerzahlen der FIFA zur Fußball-Weltmeisterschaft der Herren 2014 in Brasilien hervor. Der Einfachheit halber wird im Text nachfolgend nur von der WM gesprochen anstatt von der WM der Herren. Das Drama von Maracanã sorgte in Deutschland für die unglaubliche Eine höhere Einschaltquote gab es vorher nicht (2014) Rekord-Einschaltquote von 86,3%. Selbstverständlich waren auch wir mit von der Partie. Und auch diesen Sonntag können die Werbetreibenden wieder fest damit rechnen, dass wir – zusammen mit einer Milliarde anderer Menschen – das Finalspiel einschalten werden.

Das Finale am Sonntag wird zwischen den Teams aus Frankreich und Kroatien ausgetragen. – Quelle: Tom Grimbert

Während der 90 Minuten wird fast alles andere zur Nebensache. Selbst das Wissen darum, dass die WM in Russland ein Riesengeschäft ist, an dem nur die Wenigsten verdienen und unter dem viele Menschen leiden müssen. Skandale um Menschenrechts-Verletzungen während der Vorbereitungen zur WM werden nicht nur Hier findest du ein Interview mit dem Generalsekretär von Amnesty International Deutschland über die Weltmeisterschaften in Russland und Qatar (2018) von Amnesty International kritisiert.

Ausbeutung und Amnesty International kritisiert die Ausbeutung von Arbeitsmigranten beim Bau der Stadien für die WM 2022 in Qatar und spricht in einigen Fällen sogar von Zwangsarbeit (2016) Arbeitssklaven, Ressourcenverschwendung und Zerstörung von Für die Weltmeisterschaft in Brasilien wurde ein Stadion mitten in den Dschungel gebaut (2014) Biotopen, Verschwendung von Steuergeldern und Hier findest du eine Chronologie der Korruptionsaffäre bei der FIFA (2017) korrupte Strukturen, an denen sich Großkonzerne und Einzelpersonen bereichern, die eigentlich schon genug Geld haben sollten – vieles von dem, was man nicht erst seit diesem Jahr in der Berichterstattung rund um die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft lesen kann, verdirbt einem geradezu die Freude an diesem sportlichen Highlight.

Wir müssen die Chancen einer Weltmeisterschaft nutzen!

Aber neben Milliarden Euro Einnahmen bringt ein Event wie die Fußball-Weltmeisterschaft vor allem Millionen fußballbegeisterter Menschen zusammen und Chancen zur positiven Veränderung mit sich, die sich sonst nur selten bieten. Deshalb ist ein Boykott für uns keine Option. Um die Chance, die eine Fußball-WM noch immer ist, sinnvoll zu nutzen, brauchen wir etwas Neues: Eine Weltmeisterschaft, die auf der ganzen Welt stattfindet – eine Welt-WM!

Jedes Spiel findet dabei in einer der beiden spielenden Nationen statt. Was das ändern soll?

Gegen Nationalismen!

Regierungen rund um den Globus nutzen die Großveranstaltung als Bühne, um sich vor internationalem Publikum als die perfekten Gastgeber zu präsentieren und ihr Image aufzupolieren. Egal Auch die Bundesrepublik Deutschland hat mit der WM 2006 internationales Prestige gewonnen (2010) ob Diktatur oder Demokratie: Die Führungsriege eines Landes kurbelt mit einer WM nicht nur den Hier findest du eine Studie über den positiven Einfluss der WM 2002 auf den Tourismus in Südkorea (englisch, 2005, Paywall) Tourismus, sondern auch die Beliebtheitswerte Dass Mega-Sport-Events eine nationale Euphorie auslösen können, zeigt diese Studie über die WM 2010 in Südafrika (englisch, 2014, Paywall) in der eigenen Bevölkerung und im Ausland an. Selbst die schlimmsten Regime können sich plötzlich weltoffen zeigen, was in der Geschichtsforschung spätestens seit den Zur Wirkung der Olympischen Spiele in Berlin im Jahr 1936 hat unter anderem Oliver Hilmes ein Buch geschrieben (2016) Olympischen Spielen der Nazis im Jahr 1936 in Berlin bekannt ist, wohl aber auch schon über Sportveranstaltungen im alten Rom oder Griechenland gesagt werden kann.

Die Liebe zum Fußball kennt keine Grenzen. – Quelle: Tom Grimbert CC0

Noch nie haben wir die WM eingeschaltet, weil wir deutsche Staatsbürger sind, sondern immer, weil wir Fußball sehen wollen. Die Sportler besitzen nur zufälligerweise den gleichen Pass. In ihren Vereinen spielen sie meist mit internationalen Stars zusammen, ohne dass nationale oder kulturelle Unterschiede sie behindern würden.

Ob wir uns David Ehl fragt sich, ob es in Ordnung ist, in autokratische regierten Ländern Urlaub zu machen. von Regierungen instrumentalisieren lassen oder durch den Sport die Erkenntnis gewinnen, dass wir Gemeinsamkeiten mit Menschen auf der ganzen Welt teilen, Unsere Texte zur Themenreihe »Kritisches Denken« findest du hier hängt von uns Zuschauern ab. Wir entscheiden, ob wir über die Leistung einer Mannschaft, die Regierung einer Nation oder die Kultur eines Landes diskutieren und wie wir uns von der Debatte beeinflussen lassen.

Der leidenschaftliche Einsatz der Iraner, die taktische Disziplin der Südkoreaner oder das geniale Umschaltspiel der Belgier sind sportliche Höchstleistungen, die Menschen auf dem Rasen erbringen. Hier können die Sportler stellvertretend für ein ganzes Land Sympathien erspielen und Island hat dank des sympathischen Auftritts seiner Herren-Fußball-Nationalmannschaft deutlich mehr Touristen zu verzeichnen (2016) potenzielle Besucher aus dem Ausland für andere Kulturen faszinieren. Die Weltmeisterschaft bringt nicht nur Sportler, sondern auch uns Zuschauer zusammen.

Eine Welt-WM könnte mithilfe des Sports den kulturellen Austausch fördern, ohne einer selbstgefälligen Gastgeber-Regierung das Rampenlicht zu überlassen. Stattdessen besuchen die Fußballfans im Turnierverlauf unterschiedliche Länder, je nachdem, wer ihnen als Gegner zugelost wird und wer das Heimrecht bekommt. Aus der Weltmeisterschaft könnte ein riesiges Welt-Fußball-Fest werden. So rückt auch wieder der Fußball in den Fokus. Fußball, der sich nicht von nationalen Grenzen aufhalten lässt.

Gegen die Umweltzerstörung!

Millionen Fans aus aller Welt in nur einem Land zu beherbergen, ist ein riesiger logistischer Aufwand. Häufig werden zu diesem Zweck neue Vor der WM 2014 in Brasilien wurden mehr als 5 Milliarden Euro in Hotels investiert (2013) Hotels für Milliardenbeträge gebaut, in denen nach dem Großevent viele Betten leer bleiben. Bei einer Welt-WM könnten die Fußballtouristen durch die bereits vorhandene Infrastruktur aufgefangen werden, statt riesige Flächen für Neubauprojekte zu betonieren.

Was nach Gigantomanie klingt, könnte die Umwelt schonen.

Was zunächst nach Gigantomanie und noch mehr unnötigen Flugmeilen klingt, könnte sich als Zugewinn für die Umwelt erweisen: Da pro Spiel nur die Hälfte der Fans ihr Heimatland verlassen müsste, könnte auch der damit einhergehende Flugverkehr verringert werden. Und bedenkt man, dass in den riesigen Gastgeberländern (diesmal Russland, in 8 Jahren Kanada, Mexiko und die USA) teilweise ebenfalls Tausende Kilometer zwischen 2 Spielstätten liegen, könnten auch die Distanzen schrumpfen. Das Halbfinale zwischen Frankreich und Belgien jedenfalls hätte bei einer Welt-WM für die meisten Fans in Auto-Reichweite gelegen.

Das wohl größte Umwelt-Desaster vieler Weltmeisterschaften ist aber der Bau der Fußballstadien. Sowohl im brasilianischen Dschungel als auch in der Wüste Qatars leiden Mensch und Natur unter diesem Wahnsinn. Biotope werden unter Spielstätten, Parkplätzen und Zugangswegen begraben. Nicht zu vergessen die Regionen, in denen die notwendigen Rohstoffe abgebaut werden und die häufig Wie ein nachhaltigerer Umgang mit natürlichen Ressourcen aussehen kann, erkläre ich (Felix Austen) in diesem Artikel an den Folgen des Raubbaus leiden. Eine Welt-WM macht diesen Unsinn komplett unnötig. Stattdessen könnten Städte die riesigen Summen in den langfristig sinnvollen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs oder nachhaltige Formen der Energieerzeugung investieren, um die Austragungsorte für die Zukunft zu gestalten.

Gegen Verschwendung und Korruption!

Rund 30 Milliarden Euro investiert der russische Staat rund um die Die tatsächlichen Kosten für die WM 2018 haben die geplanten Ausgaben wohl schon längst überschritten (2014) WM 2018. Das ist fast doppelt so viel wie dem deutschen Bundesministerium für Gesundheit in einem Jahr zur Laut eigenen Informationen verfügt das Bundesministerium für Gesundheit im Jahr 2017 über ein Budget von 17,6 Milliarden Euro (2017) Verfügung stehen. Statt das Geld jedoch für fundamentale Interessen der eigenen Bevölkerung auszugeben, verpuffen Unsummen durch den Bau viel zu teurer Prestigeobjekte. Schätzungen zufolge sind allein durch Korruption in Verbindung mit dem Bau von Stadien in Russland für die bis dato teuerste WM aller Zeiten Hier findest du ein Interview mit Matthias Fett, der zu den Auswirkungen einer Fußball-Weltmeisterschaft promoviert, über Kosten und Korruption bei der WM in Russland (2018) über 1 Milliarde Euro verschwunden.

Wer am Ende den Pokal gewinnt, ist nicht unbedingt der größte Gewinner der WM. – Quelle: wikimedia CC0

Der Emir von Qatar will für die WM 2022 sogar 50 Milliarden Euro ausgeben. Einen Großteil davon wird mit Sicherheit das deutsche Bauunternehmen Hochtief einstreichen, in das der Staatsfonds von Qatar nach der WM-Vergabe mit einem Mehr Informationen zur Frage, warum deutsche Baufirmen zu den größten Profiteuren der WM-Vergabe nach Qatar zählen, findest du hier (2010) Anteil von 9,1% eingestiegen ist. Wirtschaftliche Interessen scheinen bei der Weltmeisterschaft eine immer größere Rolle zu spielen. Für offizielle Sponsoren der WM werden Aufgrund des Sponsorings einer Großbrauerei wurde für die WM 2014 das Alkoholverbot in brasilianischen Fußballstadien aufgehoben, das Gewalt im Stadion verhindern sollte (2014) sogar Gesetze in den Gastgeberländern geändert.

Dass bei diesen Mega-Deals zur WM-Vergabe nach wie vor der eine oder andere Geldkoffer für Funktionäre und Politiker unter dem Tisch den Besitzer wechselt, Neben anderen wurde der FIFA-Funktionär Jack Warner aufgrund nachgewiesener Korruption in mehreren Fällen gesperrt – laut »Spiegel Online« war er auch in die Affäre zur WM-Vergabe nach Deutschland im Jahr 2006 verwickelt (2015) ist belegt und stößt sogar Aufgrund der Schmiergeldzahlungen an FIFA-Funktionäre ermittelt auch das FBI wegen Korruption (englisch, 2015) FBI-Ermittlungen an. Mit einer Welt-WM ohne neue Stadien bekämpft man nicht nur die Verschwendung von Steuergeldern, sondern die damit zusammenhängende Korruption gleich mit. Getreu dem Motto: Wenn Gelegenheit Diebe macht – streichen wir die Gelegenheiten!

Endlich wieder Fußball

In diesem Zug könnte man auch über eine weitere Änderung des Turnierverlaufs nachdenken, wie es Zur WM 2026 soll die Teilnehmerzahl von 32 auf 48 Teams vergrößert und in 3er-Gruppen gespielt werden (2017) die FIFA zur WM 2026 bereits plant. Würde die WM auf 64 Teams erweitert, Traditionell nehmen an einer WM 32 Nationen teil. Ab dem Jahr 2026, wenn die WM in Kanada, Mexiko und den USA stattfinden wird, werden es 48 Länder sein. könnte es statt mit einer Gruppenphase direkt im K.-o.-System losgehen. Viele Spiele gewinnen dadurch an Spannung und auch für Underdogs vergrößern sich die Chancen, in die nächste Runde einzuziehen. Maximal müsste eine Mannschaft dann 6 Spiele bestreiten, um den Pokal zu gewinnen. Das Team, das in der FIFA-Weltrangliste die niedrigere Position besetzt, könnte das Heimrecht erhalten. Das Finale könnte dann im Land der Gewinnermannschaft der letzten WM stattfinden.

Die Weltmeisterschaft muss sich verändern!

Bislang ist die FIFA die Erfüllung ihres Versprechens schuldig geblieben, mit der unabhängigen Hier stellt die FIFA ihre Ethikkommission vor (englisch, Stand 2018) Ethikkommission hart gegen Korruption vorzugehen. Einzelne Personen, die verschiedener Vergehen überführt wurden, hat die Ethikkommission gesperrt. Doch damit die Fußball-Weltmeisterschaft den Idealen von gegenseitigem Respekt und Fairplay, die sie so gern in die Höhe hält, auch selbst gerecht wird, muss sie sich verändern.

Eine Welt-WM kann ein guter Schritt in diese Richtung sein. Wenn die Skandale neben dem Platz aufhören, kann sich der Blick wieder auf das sportliche Drama fokussieren, das sich zwischen 22 Menschen auf dem Grün abspielt. Wir und Millionen anderer Fans wollen den Fußball zurückhaben, den wir lieben. Ohne Gewalt, Gier und Korruption!

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Bei großen Veranstaltungen wie der WM kommen Fußballromantiker nur selten auf ihre Kosten. – Quelle: Isaiah Rustad CC0

Titelbild: Stephen Leonardi - CC0

von Gerrit Bresch 

Gerrit Bresch studiert Politikwissenschaften und Philosophie in Münster. Er will gesellschaftliche Verhältnisse besser verstehen und ist überzeugt, dass wir eine positive Vision für die Zukunft entwickeln müssen. Nach seinem Praktikum in unserer Redaktion im Zeitraum April–Juni 2018 wird er weiterhin für Perspective Daily als Gastautor schreiben. Er liebt Fußball, seit er 3 Jahre alt ist.


von Felix Austen 

Der Physiker Felix mag Hafermilch und fährt gern Rad. Er weiß aber auch, dass noch etwas mehr dazugehört, um die Welt vor der Klimakatastrophe und dem Ökokollaps zu bewahren. Deshalb schreibt er über Menschen, Ideen und Technik, die uns und der Umwelt eine Zukunft sichern können. Davon gibt es zum Glück jede Menge!

Themen:  Nachhaltigkeit   Gesellschaft   Geld  

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