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7 Minuten

Schluss mit der Meinungsmache! So machen wir aus #MeTwo eine echte Rassismus-Debatte

7. August 2018
Themen:

Wir haben die ersten 39.000 Stimmen zu #MeTwo ausgewertet: In diesen 2 Bereichen spielt Rassismus eine besonders große Rolle.



»Sag mal, und ich mein’ das echt nicht böse oder so, aber warum stinken denn die dunklen Tweet von @MalcolmMusic Schwarzen immer so?!«

»Vielleicht sollten alle nicht betroffenen Menschen (…) mal schweigen und zuhören und reflektieren und Tweet von @tobttobsn ihr Bewusstsein schärfen.«

»Unter #metwo Tweet von @Kittypunk7 jammern Migranten (…)«

Seit 2 Wochen redet Deutschland über #MeTwo – ein Hashtag, unter dem in Sozialen Medien Tausende Menschen mit Migrationshintergrund Diskriminierung schildern, die Und so begann #MeTwo bei Perspective Daily – höre dir hier meinen Podcast mit Ali Can an sie erfahren haben. Und sie fordern ihre Mitmenschen dazu auf, sich endlich mit dem Schreckgespenst Rassismus auseinanderzusetzen. Denn den würden sie noch immer im Alltag spüren.

Was ist #MeTwo?

Ali Can rief #MeTwo bei Perspective Daily ins Leben. Die 2 im Hashtag – Two – drückt die 2 Identitäten aus, die er als Deutscher mit Migrationshintergrund in sich vereint. Nicht zu verwechseln mit dem Hashtag #MeToo – also »ich auch« –, unter dem im vergangenen Jahr weltweit Geschichten über Diskriminierung von und Gewalt an Frauen verbreitet worden sind.

Die Reaktionen auf die Berichte sind gespalten: Eine Seite unterstützt die Verfasser und will, dass ihnen zugehört wird. Die andere Seite relativiert deren Erfahrungen. Die meisten Deutschen bekommen von der Aktion nur über Dritte mit – Schaue dir hier den Bericht der Tagesschau über #MeTwo an (2018) in Abendnachrichten oder aus der Zeitung. Dort sehen und lesen sie, wie eine Rassismus-Debatte bereits eifrig von Politikern und Kommentatoren zerredet wird, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Doch statt mit Emotion und Meinung eine Debatte zu verhindern, können wir fragen: Wie kann die Sammlung von Erfahrungen überhaupt zu einer konstruktiven Debatte werden? Die Antwort darauf ist schmerzlich einfach: über Inhalte. Um den Anfang zu machen, habe ich mich mit dem Datenanalysten Hier findest du die Website von Luca Hammer Luca Hammer zusammengetan.

Wer schreibt unter #MeTwo?

Um die Inhalte zu besprechen, müssen wir erst einmal die Frage klären: Wer schreibt unter #MeTwo?

Was ist Twitter?

Über den Online-Kurznachrichtendienst können Nutzer, wie der Name schon sagt, kurze Beiträge mit maximal 280 Zeichen veröffentlichen. Der Name der Plattform leitet sich vom englischen Wort für »zwitschern« – to tweet – ab. Ein Retweet beschreibt das Teilen einer Kurznachricht.

Die Aktion zielte auf den Online-Kurznachrichtendienst Twitter ab, der über Hashtags funktioniert. In Deutschland wird der Dienst vor allem von Journalisten und Aktivisten genutzt. Insgesamt posteten dort an 7 Tagen 39.000 Accounts unter dem Hashtag. Das wäre in etwa so, als ob die Hälfte der Einwohner von Flensburg tweetet.

Die Mitte der Gesellschaft blickt also auf eine Blackbox, deren Inneres nur gefiltert durch Medien Warum Journalismus einfach nicht objektiv sein kann, erklären dir Maren Urner und Han Langeslag hier nach außen sickert. Wer dabei aber immer nur die Das ist leider keine Untertreibung. Hier eine Tweet-Sammlung im Onlinemagazin NEON (2018) »krassesten« Erfahrungsberichte vors Gesicht gehalten bekommt, hat keine Chance, einen Blick auf das große Ganze zu bekommen. Um uns den wirklichen Inhalten anzunähern, haben wir die Entwicklung des Hashtags auf Twitter ausgewertet.

So konnte #MeTwo groß werden

Am Dienstagabend, den 24. Juli 2018, forderten wir, Perspective Daily und Ali Can, auf Facebook und Twitter dazu auf, eigene Erfahrungen mit Diskriminierung Schaue dir hier den #MeTwo-Videoaufruf von Ali Can bei Perspective Daily an zu schildern.

Wie die #MeTwo-Tweets – also die Kurznachrichten – im Datenkosmos erscheinen, ähnelt Sternenbildern in einer klaren Nacht. Jeder einzelne Stern ist ein Nutzer, der sich mit einem anderen verbindet. Das passiert dann, wenn jemand eine Nachricht mit dem Hashtag #MeTwo postet und der andere sie teilt.

Quelle: Perspective Daily copyright

Am Donnerstagmorgen geschah dann der bildsprachliche Urknall im Twitter-Universum. Der Journalist Malcolm Ohanwe veröffentlichte 5 Tweets, in denen er beschrieb, wie er in der Schule und bei der Arbeit aufgrund seiner Hautfarbe und seiner Herkunft diskriminiert wurde. Im Interview sagte er: »Das Hashtag gab es bereits 2 Tage lang. Das Facebook-Video von Ali hatte ich gesehen. Doch bis dahin war noch nicht viel passiert. Deshalb dachte ich: Okay, ich habe eine kleine Reichweite auf Twitter und poste einmal 5 krasse Storys und schaue, was passiert. Denn ich weiß, dass Aktivisten aus dem Bereich mir auf Twitter folgen.«

Und damit lag er richtig. In den folgenden Stunden kamen Dutzende Nachrichten von Betroffenen dazu, die über Twitter miteinander vernetzt und teilweise in der Antirassismus-Arbeit aktiv sind. Darunter war Ash, mit der ich bereits über Und so begann #MeTwo bei Perspective Daily – höre dir hier meinen Podcast mit Ash an ihre Posts gesprochen habe. Sie will aber anonym bleiben, weil sie hassbedingte Übergriffe fürchtet. Einer ihrer ersten Tweets erzählt, wie sich eine Lehrerin ihrem Bruder gegenüber rassistisch äußert.

In der Grundschule hat die Lehrerin meinem Bruder (7 Jahre alt) ständig gesagt, dass er entweder adoptiert ist oder einen anderen Vater hat als ich. Mein Bruder ist light-skinned und hat eine andere Augenfarbe als ich #metwo – Ash

Diese Kerngruppe von Aktivisten war für die Weiterverbreitung des Hashtags entscheidend. In den darauffolgenden Stunden wurden Tausende Tweets geteilt und kommentiert. Medienunternehmen sorgten für mehr Reichweite. Dadurch wuchs eine Blase – englisch: Bubble –, die aufgrund der meistgeteilten Accounts politisch zwischen links und Mitte schwankt.

Quelle: Perspective Daily copyright

Am Abend kommen die Hater

Um ca. 17 Uhr am Nachmittag hatte #MeTwo andere Hashtags, mit denen Nutzer sich thematisch austauschen, darunter #Hitze, von Platz 1 der deutschen Trends verdrängt. Das heißt: Die Frequenz, mit der zu diesem Zeitpunkt mit #MeTwo getweetet wurde, war größer als die aller anderen Hashtags. Die Resonanz darauf größtenteils positiv.

Per Privatnachricht kamen Todesdrohungen

Ab den frühen Abendstunden und vor allem in der Nacht, berichtet Ash, sei die Stimmung zum ersten Mal gekippt. Sie und andere Aktivisten erhielten mehr und mehr Nachrichten von Accounts, die sich über die Aktion lustig machten oder sie verbal attackierten. Per Privatnachricht kamen Todesdrohungen.

Auch die Datensammlung zeigt, dass bis 18 Uhr eine weitere Bubble wächst. Einer der Ausgangspunkte war der Twitteraccount Jayne Doe. Wer auf CSI oder andere US-amerikanische Krimiserien steht, weiß, dass der Name (dessen korrekte Schreibweise »Jane Doe« ist) als Platzhalter für unidentifizierte Personen, aber auch für fiktive Parteien im Rechtssystem eingesetzt wird. Bei Jayne Doe handelt es sich also um ein Pseudonym, was auch das Profilbild zu diesem Zeitpunkt, ein Foto der Schauspielerin Elle Fanning, nahelegt.

Quelle: Perspective Daily copyright

Weitere anonyme Accounts schalten sich dazu, wie der unter dem Pseudonym Paul Gärtner, die sich zynisch über die Erfahrungsberichte unter #MeTwo äußern. Was viele dieser Accounts verbindet: Sie haben meist nur ein paar Dutzend oder Hunderte Follower, sind erst seit kurzer Zeit aktiv, doch ihre Reichweite ist dafür überproportional hoch. Das lässt darauf schließen, dass ein aktives Netzwerk dahintersteht. Welche politische Richtung diese Bubble verfolgt, kann, wie auch für die erste Blase, nicht zu 100% gesagt werden. Denn die Dokumentation zeigt nur, welche Nutzer sich gegenseitig retweeten. In der Blase sind aber auch Hass und rechte Hetze vertreten.

In unserer Untersuchung tummeln sich in der rechts dargestellten Bubble innerhalb von 4 Tagen knapp 17% der beteiligten Accounts. Inhaltlich lieferten sie selbst wenig Neues, sondern reagierten überwiegend abwertend auf die Erfahrungsberichte. Häufig wurde den Verfassern der #MeTwo-Storys vorgehalten, dass es sich dabei nicht um rassistisch motivierte Diskriminierung handele, es keinen strukturellen Rassismus in Deutschland gebe und man nur »jammern« wolle. Doch die Daten der 55%, die der #MeTwo-Aktion positiv gegenüberstehen, sprechen eine ganz andere Sprache – sie zeigen uns, warum und welche Inhalte relevant sind.

Eine Debatte braucht Inhalte

Eine Debatte braucht Inhalte. Und die haben wir uns angeschaut – unter den gut 55% der Nutzer, die dem #MeTwo-Aufruf gefolgt waren. Da sich Menschen dazu äußern sollen, wie sie diskriminiert wurden, haben wir uns gefragt: In welchen Lebenssituationen passiert das? Und steckt dahinter ein System?

Schule: Den Begriff Schule fanden wir in insgesamt 14.343 Tweets. Der reichweitenstärkste Tweet, der 1.540-mal geteilt wurde, stammte von der Chefredakteurin des Splash! Magazins Miriam Davoudvandi, die in der Grundschule trotz bester Noten keine direkte Empfehlung für das Gymnasium bekommen hatte.

In den 10 reichweitenstärksten Tweets, die Situationen mit Betroffenen wiedergaben, fiel auf, dass in 6 Fällen von Lehrern und Lehrerinnen die Rede war. Häufig ging es dabei um Perspektiven und Sprache, die sie mit Bezug auf den Schüler mit Migrationshintergrund problematisierten, obwohl kein offensichtliches Leistungsdefizit vorlag. In nur 2 Fällen waren es Mitschüler, die ein anderes Kind wegen seiner Herkunft hänselten. Die Tweets von folgenden Accounts haben wir ausgewertet: @labiledeutsche, @HasnainKazim, @mary005111, Hebaro2, @missanphan, @Pfanddose, @hrt17, @Livenitup_DE, @MelisaErkurt, @D_Demircioglu

Dass Rassismus den Fuß fest in der Tür von Schulen hat, zeigte eine im Mai 2018 veröffentlichte Studie der Universität Mannheim. Die Forscher des Fachbereichs Psychologie gingen der Frage nach, warum Schüler mit Migrationshintergrund auf Gymnasien unterrepräsentiert seien. In einem Experiment korrigierten Lehramtsstudenten Diktate. Obwohl sich die Fehleranzahl nicht unterschied, gaben die meisten den Schülern mit nicht deutsch klingenden Hier findest du die gesamte Studie »(Biased) Grading of Students’ Performance: Students’ Names, Performance Level, and Implicit Attitudes« (englisch, 2018) Namen schlechtere Noten.

Eltern: 13.906 Tweets nannten den Begriff Eltern, Vater, Mutter oder Kind. In einem der reichweitenstärksten Tweets berichtete der Journalist und Künstler Shahak Shapira.

Knapp die Hälfte der 10 reichweitenstärksten Tweets drehte sich tatsächlich um Diskriminierung der eigenen Eltern. In einem Fall ging es um die Diskriminierung von Sprachkenntnissen. In 2 anderen Tweets darum, dass staatliche Behörden bei Diskriminierung und Gewaltandrohung nicht einschritten oder selbst diskriminierten. In 6 Tweets schrieben Eltern über die Diskriminierung ihrer Kinder, in denen Rassismus direkter zur Sprache kam. Die Tweets von folgenden Accounts haben wir ausgewertet: @labiledeutsche, @ShahakShapira, @AnushkaOpa, @HasnainKazim, @yasyueksel, @SoSumbu, @missanphan, @modekoerper, @hrt17, @HaticeAkyuen

Rassismus an Schulen und Rassismus als Generationenfrage sind 2 Themen, die wir uns bei Perspective Daily genau anschauen wollen.

Dazu kommen Recherchefragen, für die unsere Methode zu ungenau war. Zum Beispiel fanden wir in 4.447 Tweets das Wort »Arbeit«. Bei der Auswertung stellten wir aber fest, dass der Begriff in den reichweitenstärksten Beiträgen nicht Diskriminierung am Arbeitsplatz beschrieb. Denn die Suche sammelte auch Begriffe wie »Arbeiterkind«, »Gastarbeiter« und »Klassenarbeit«. Trotzdem gab es Beiträge, die Benachteiligungen bei der Jobsuche direkt ansprachen.

Auch die Intersektionalität – also die Überschneidung von mehreren Diskriminierungsformen – konnte unsere Methode nicht offenlegen. Was nicht dagegen spricht, sich dem Thema in Zukunft anzunähern. Es gibt zum Beispiel Tweets, die gleichzeitig frauenfeindlich und rassistisch sind.

Wie geht es weiter?

Wir halten die Finger nicht still und machen weiter. Auf unserem Weg wollen wir weitere Bereiche untersuchen, in denen wir strukturellen Rassismus vermuten, und immer fragen: Welche Lösungsansätze könnte es geben oder gibt es schon?

Und das fragen wir auch dich:

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