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Alle regen sich gerade über den deutschen Afrikabeauftragten auf. Zu Recht!

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Kommentar — 9 Minuten

Alle regen sich gerade über den deutschen Afrikabeauftragten auf. Zu Recht!

11. Oktober 2018
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Der persönliche Afrikaexperte der Bundeskanzlerin sympathisiert in einem Interview mit dem Kolonialismus und offenbart, dass er keine Ahnung hat. Eine konstruktive Antwort.



Man sollte meinen, der Mann weiß, wovon er spricht. Seit dem Jahr 2010 ist Informationen zum Aufgabenfeld des Afrikabeauftragten bietet das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Günter Nooke persönlicher Afrikabeauftragter von Bundeskanzlerin Merkel, da würde man sich von ihm einen gut informierten, differenzierten und sensiblen Umgang mit den drängenden Fragen der Afrikapolitik wünschen. Mit Migration, Demokratisierung, Entwicklung und Klimaschutz überschneiden sich wichtige Interessen Deutschlands und der 54 afrikanischen Staaten. Überschneidungen, auf denen eine gute, hoffnungsstiftende Zusammenarbeit basieren könnte.

Günter Nooke. Der DDR-Oppositionelle trat 1996 in die CDU ein. 1998 bis 2005 war er Mitglied des Bundestags, 2006 wurde er zum Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechte ernannt. 2010 wechselte er auf das Amt des Afrikabeauftragten. – Quelle: dpa copyright

In einem Das Interview mit Günter Nooke in der B.Z. (2018) kürzlich erschienenen Interview mit der B.Z. ist davon bei Nooke leider nicht nur nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Jede von Nookes Antworten auf die – zugegebenermaßen recht naiven – Fragen ist uninformierter, unrealistischer und unmenschlicher als die zuvor. Zeit, ein paar Dinge zurechtzurücken und Herrn Nooke und damit der Bundesregierung ein paar Anregungen für einen konstruktiven Umgang mit Afrika zu geben.

Fakten? Wer braucht die schon?

»Viele tragen sich mit dem Gedanken auszuwandern. Fast immer ist das Traumziel Europa. Die wenigsten Migranten aus Afrika sind Flüchtlinge. Die meisten suchen ein besseres Leben.« – Günter Nooke

Nooke scheint sich Donald Trump zum Vorbild genommen zu haben, der mit pathologischer Uninformiertheit und Fake News politisch gut fährt. »Fast immer ist das Traumziel Europa«, sagt er über afrikanische Migranten. Fakt ist: Das World Economic Forum hat einen guten Blogbeitrag zu dem Thema (englisch, 2018) Die absolute Mehrheit der Afrikaner will nicht migrieren und die, die es doch tun, wandern mehrheitlich in ein anderes afrikanisches Land aus. Auch unter den Wunschzielen Die Organisation Afrobarometer hat zum Thema Migration ein ausführliches Dossier mit repräsentativen Umfragewerten (englisch, 2018) liegt Europa abgeschlagen auf dem zweiten Platz hinter afrikanischen Zielländern und nur unwesentlich vor Nordamerika.

Afrika sei »anders«, erklärt der Afrikakenner Nooke und führt das tiefsinnig auf »Clan-Strukturen, die Rolle von Stammesführern, die Vielzahl der Ethnien und tradierten Verhaltensweisen« zurück. Beweisstück A: die zeugungsfreudigen Nigrer, die angeblich 7,3 Kinder pro Frau kriegen und gerne 11 Kinder hätten. Dass Nookes Zahl vermutlich aus dem Jahr 2015 stammt und die Fertilitätsrate im Niger wie ein Stein fällt – geschenkt. Nooke bezieht sich vermutlich auf Daten der United Nations Population Division und hat entweder den Wert aus dem Jahr 2014 (7,338 Kinder pro Frau) abgerundet, oder den aus dem Jahr 2015 (7,29) aufgerundet. Im Jahr 2016 hatte Niger laut diesen Daten noch eine Fertilitätsrate von 7,239. Das CIA World Factbook schätzt die Fertilitätsrate für das Jahr 2017 auf 6,49, wobei es sich dabei vermutlich auf eine andere Datengrundlage stützt. Nicht jeder kann sich jährlich mit neuen Statistiken versorgen, die das eigene Weltbild infrage stellen.

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»Die Gesellschaften dort funktionieren anders. Das hat mit Clan-Strukturen zu tun, der Rolle von Stammesführern, der Vielzahl an Ethnien und tradierten Verhaltensweisen. In Niger bekommen die Frauen im Schnitt 7,3 Kinder, die Männer hätten gern 11!« – Günter Nooke

Was er verschweigt: Die nigrische Fertilitätsrate ist der Extremfall, nicht die Norm für den Kontinent. Die durchschnittliche Fertilitätsrate lag im Jahr 2016 für Subsahara-Afrika bei 4,8 und für Nordafrika und den Mittleren Osten bei 2,8 Kindern pro Frau. Tatsächlich bekommt die durchschnittliche Afrikanerin etwa 4 Kinder, Tendenz fallend und mit erheblicher Varianz zwischen einzelnen Ländern. Das Bevölkerungswachstum Afrikas ist ohne Frage eine große Herausforderung für die Politiker des Kontinents. Mit »tradierten Verhaltensweisen« hat das aber wenig zu tun, Dieser Artikel bei »The Conversation« hätte Herrn Nooke bei einer Google-Suche auffallen können: »Why African families are larger than those of other continents« (englisch, 2017) sondern mit den fehlenden sozialen Sicherungsnetzen, dem mangelnden Zugang zu Verhütungsmitteln und einer hohen Kindersterblichkeit.

Auch ansonsten sind Nookes Antworten mit Unwahrheiten und Ungenauigkeiten gespickt. »Die wenigsten Migranten aus Afrika sind Flüchtlinge.« Falsch, denn die Mehrheit der afrikanischen Antragssteller auf Asyl haben in den letzten Jahren einen Schutzstatus zuerkannt bekommen. In den Jahren 2015–2017 resultierten 53% aller entschiedenen Asylanträge von Afrikanern in Deutschland in einem Asyl-, Flüchtlings- oder anderem Schutzstatus. Diese Schutzquote ist in den letzten Jahren stark rückläufig, vermutlich aufgrund politischer Vorgaben aus dem Innenministerium.

»Nigeria fördert seit 50 Jahren Öl, hat aber keine einzige funktionierende Raffinerie. Rohöl raffinieren oder Plastikstühle herstellen könnte man auch vor Ort. Stahlwerke, Aluminiumwerke – könnte es alles geben.« – Günter Nooke

»Nigeria fördert seit 50 Jahren Öl, hat aber keine einzige funktionierende Raffinerie.« Falsch, es gibt in Nigeria 4 staatliche Raffinerien, die zwar unter jahrzehntelanger Vernachlässigung leiden, Eine Studie von PwC hat Details zu Nigerias Raffineriesektor (englisch, 2017, PDF) aber trotzdem etwa 20% des nationalen Bedarfs an raffinierten Erdölprodukten decken.

»Die ganzen Straßenhändler und landwirtschaftlichen Familienbetriebe zahlen ja keine Steuern.« Falsch, denn Straßenhändler zahlen natürlich Importsteuern und in vielen Ländern auch Gebühren an die lokale Gemeinde, landwirtschaftliche Produkte werden beim Export besteuert und der Vertrieb von Düngern und Saatgut ist in vielen afrikanischen Ländern ein staatliches Monopol. Anders als Nooke behauptet, spielen sich auch nicht »80 bis 90%« der Wirtschaft im informellen Sektor ab, sondern Der Internationale Währungsfonds hat zur Größe der informellen Wirtschaft in Afrika eine aktuelle Studie (englisch, 2017, PDF) je nach Land zwischen 20 und 65%.

»Man muss Chinas Aktivitäten natürlich beobachten, weil durch die Verschuldung der Afrikaner Abhängigkeiten entstehen.« Dass auch Schulden entstehen, wenn man sich Geld im Westen leiht, ist Günter Nooke offenbar entgangen. Warum sich Afrika für chinesische Straßen und Gleise begeistert, erkläre ich hier Als Mitglied von Perspective Daily wäre er da besser informiert.

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»Aber auch Afrika hat seinen Teil zum Klimawandel beigetragen. Große Teile des Regenwaldes sind verschwunden und wurden für Feuerholz genutzt. Das geht bis heute so weiter ohne ausreichende Aufforstung.« Klar, Entwaldung ist schlimm, aber was Herr Nooke hier versucht, ist eine dreiste Verdrehung der Realität. Deutschlands 83 Millionen Einwohner Die Weltbank bietet Statistiken zu den CO2-Emissionen aller Länder (englisch) emittierten bis zum Jahr 1998 pro Jahr mehr CO2 als der gesamte afrikanische Kontinent mit seinen damals gut 800 Millionen Bewohnern. Und zwar seit Beginn der Industrialisierung. Die Verantwortung für den Klimawandel könnte klarer nicht verteilt sein. Heute emittieren 1,2 Milliarden Afrikaner etwa 1,4 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. Deutschlands 82 Millionen Einwohner emittieren etwa 700 Millionen Tonnen, also etwa die Hälfte eines gesamten Kontinents.

Als die Kolonialisierung noch Ordnung schaffte

So weit, so inkompetent, aber in dieser Bundesregierung ist Fachkenntnis für Männer mit Doppelvokalen im Nachnamen scheinbar kein Einstellungskriterium. Siehe im Duden unter »sich etwas an-Maaßen (Hans-Georg)«. Die großen Klopper holt Nooke dann in seiner Antwort auf die obligatorische Frage nach den Folgen der Kolonialzeit raus. »Schlimm« sei der Sklavenhandel gewesen, andererseits hätten die Kolonialherren aber doch dazu beigetragen, »den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen.«

»Es gibt schon Nachwirkungen. Schlimm waren die Sklaventransporte nach Nordamerika. Auf der anderen Seite hat die Kolonialzeit dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Experten, auch Afrikaner, sagen: Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.« – Günter Nooke

Klar, die Erbmonarchien Europas, in denen Menschen ohne Adelstitel nichts und Frauen schon gar nichts zu melden hatten, haben den Schwarzen damals so richtig gezeigt, wo der zivilisatorische Hammer hängt. Die bis zu 13 Millionen Kongolesen, die durch belgische Kolonialsoldaten in den Jahren 1885–1908 umgebracht oder systematisch verstümmelt wurden, waren für die Auflösung ihrer »archaischen Strukturen« sicher genauso dankbar wie die bis zu 65.000 Opfer des Genozids der deutschen Kolonialverwaltung an den Herero im heutigen Namibia. Mangels verlässlicher Zensusdaten kann die Zahl der Opfer der Kolonialzeit, einschließlich des Sklavenhandels und diverser Massenmorde, nur geschätzt werden. Unter Forschern gehen die Meinungen weit auseinander, die Zahl der direkt durch Kolonialadministrationen umgebrachten Afrikaner dürfte aber in jedem Fall in die Millionen gehen.

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Völlig unironisch beklagt sich Nooke dann noch über den mangelnden Handel und die schlechte Infrastruktur für den innerafrikanischen Warenaustausch. Als ob es nicht die europäischen Kolonialmächte gewesen sind, die die Transportinfrastruktur und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der meisten afrikanischen Staaten allein auf den Export billiger Rohstoffe zugeschnitten haben. Die Worte »Neokolonialismus«, Eine Wortschöpfung von Ghanas erstem Präsidenten Kwame Nkrumah. Sie beschreibt die fortgesetzte Unterwerfung ehemaliger Kolonien durch Kapitalismus, Globalisierung und kulturellen Imperialismus anstatt direkter militärischer und politischer Kontrolle. »Françafrique« Das Wort beschreibt die Beziehungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien nach der formellen Unabhängigkeit. Die französische Regierung übte über Jahrzehnte erheblichen und direkten politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluss in Afrika aus. Teile dieses Systems bestehen bis heute fort. oder »Strukturanpassungsprogramm« Im Zuge der Wirtschafts- und Schuldenkrise vieler afrikanischer Staaten in den 1980er- und 1990er-Jahren zwang der Internationale Währungsfonds mit politischer Unterstützung des Westens viele afrikanische Länder zu einer radikalen Liberalisierung ihrer Wirtschaft und fiskaler Austerität mit teils katastrophalen Auswirkungen. scheint unser Afrikaspezialist der Nation nicht zu kennen.

Ein Migrantenparadies in der Wüste

»Die Regierungen dürfen sich nicht damit zufriedengeben, dass ihre Bürger das Land verlassen und Geld aus dem Ausland schicken. […] Die Ärmsten kommen ja gar nicht weg. Diejenigen, die das Geld für die Schlepper haben, sind die besser Ausgebildeten, die das Land eigentlich voranbringen könnten. Deshalb ist es auch moralisch fragwürdig, wenn wir alle aufnehmen wollen.« – Günter Nooke

Dass er nicht lösungsorientiert denkt, kann man Herrn Nooke allerdings nicht vorwerfen. Die Probleme Afrikas – Migration, mangelndes Wirtschaftswachstum, geringe Produktivität, um nur einige zu nennen – will er durch einen großen Wurf lösen. Nookes geniale Idee: Anstatt afrikanische Migranten nach Europa zu holen – laut Nooke »moralisch fragwürdig« –, sollen sie an Orte zurückgebracht werden, an denen sie »beschützt sind, Ausbildung und Arbeit finden«. Und weil afrikanische Regierungen bekanntlich zu korrupt und unfähig sind, diese Bedingungen in ihren Ländern zu schaffen, muss man ihnen eben einen Teil ihres Landes wegnehmen.

Nooke schweben »Wirtschaftssonderzonen« vor, Städte »auf neuem Gelände, mit klaren Regeln und Strukturen«, für die afrikanische Staaten »gegen Pacht ein Stück territoriale Hoheit aufgeben«. Deutlicher kann man wohl nicht sagen, dass man den Kontinent und 99% seiner Bewohner für gescheitert hält. Da dürfte auch Donald Trump nicken, für den die meisten afrikanischen Staaten ja »shithole countries« sind.

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Das Konzept stammt nicht von Nooke selbst, In diesem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Paul Romer seine Idee (2018) sondern ist durch den frisch gekürten Nobelpreisträger Paul Romer bekannt geworden. Romers »Freistädte« sind der feuchte Traum eines jeden Neoliberalen. Allerdings nur in der Theorie, denn selbst wenn Nookes Vision Realität würde – bisher haben alle afrikanischen Staaten einer erneuten Kolonialisierung gegenüber dankend abgewunken –, würde das die grundlegenden Probleme der Staaten nicht lösen. Tiefgreifende Reformen wären trotzdem weiter nötig, »Experten« wie Nooke hätten aber schöne Leuchtturmprojekte, an denen sie sich erfreuen könnten.

Tatsächlich gibt es für die unterschiedlichen Probleme unterschiedlicher afrikanischer Länder eine ganze Reihe von Lösungen. Hier entsteht die Technik für die andere Hälfte der Welt Erneuerbare Energien und dezentrale Stromnetze zum Beispiel. Hier frage ich: Was würde passieren, wenn wir armen Menschen Geld geben, damit sie nicht mehr arm sind? Bedingungslose Grundeinkommen und lokale IT-Innovationen.

Können wir Armut nicht einfach abschaffen?Weiterlesen

Deutschland könnte ganz konkret nationale Aktionspläne gegen Unter diesen Krankheiten leidet jeder fünfte Mensch vernachlässigte Tropenkrankheiten finanzieren oder sicherstellen, dass von uns Wie wir mit smarten Waffen richtig handeln können exportierte Kriegswaffen nicht mehr in die Hände von Kriegsverbrechern fallen. Oder auch die Migration nach Europa erleichtern, denn Migranten überweisen 3-mal so viel Geld in ihre Entwicklungsländer zurück, wie die reichen Staaten Entwicklungshilfe leisten.

Unter diesen Krankheiten leidet jeder fünfte MenschWeiterlesen

Es ist alles da. Man müsste nur seine Arbeit machen als Afrikabeauftragter. Ist aber schwierig, wenn man so viel im heißen Afrika sein muss. Hat wohl »mit dem Klima zu tun. Bei 35 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit ist die Arbeitsproduktivität eine andere.«

Titelbild: Tetbirt Salim - CC0

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