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In Deutschland gibt es keine Mindestrente. Dieser Professor will das ändern

Unser Rentensystem ist nicht zukunftssicher. Die »1.000-Euro-Rente« soll die Staatskasse entlasten und gleichzeitig jedem ein auskömmliches Leben im Alter ermöglichen.

17. Oktober 2018  11 Minuten

Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Vielleicht verbringen wir einen güldenen Lebensabend mit einem Gläschen Riesling auf dem Balkon. Vielleicht müssen wir aber auch jeden Euro und jeden Kryptocoin 2-mal umdrehen, weil uns Globalisierung und Automatisierung unsere Jobs genommen haben und unsere Rente entsprechend mickrig ist.

Diese Sorge haben immerhin 4 von 10 Deutschen – zumindest bejahten 39% der Teilnehmer der jüngsten »Ängste in Deutschland«-Umfrage Ängste R+V Versicherungen: Die Ängste der Deutschen (2018) vor einem sinkenden Lebensstandard im Alter. Die Bundesregierung hat gerade versprochen, dass die Renten bis zum Jahr 2025 nicht unter 48% des früheren Durchschnittsgehalts sinken. Ein Mindestlohnempfänger würde so auf rund 500 Euro Rente kommen – das ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.

Könnte man den Rentnern von morgen nicht eine staatliche Mindestrente garantieren? Könnte man nicht auch das Pferd von hinten aufzäumen und den Rentnern von morgen statt so einer Quote eine staatliche Mindestrente garantieren? Eine Art Peter Dörrie über den größten Feldversuch zum bedingungslosen Grundeinkommen bedingungsloses Grundeinkommen für Rentner, die lange genug eingezahlt haben? Länder wie die Schweiz machen das längst, In der Schweiz gibt es schon lange eine Mindestrente. Derzeit liegt sie bei 1.175 Franken (1.025 Euro). und auch für Deutschland haben Fachleute schon einmal ein Konzept für eine garantierte Mindestrente vorgelegt, die sogar noch den Staatshaushalt entlasten und vom demografischen Wandel unabhängig sein soll. Die »1.000-Euro-Rente« nennt der Berliner Rechtsprofessor Hans-Peter Schwintowski seinen Plan. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, wie das genau funktioniert, und sämtliche Parteien im Bundestag gefragt, wie es mit der politischen Umsetzbarkeit aussieht.

Die Rente von morgen wird schon heute zum Problem

Die Geschichte unseres Rentensystems in seiner heutigen Form beginnt im Jahr 1957 mit Bundeskanzler Konrad Adenauer. Mit dem Versprechen einer üppigen Rente trat er den Wahlkampf zu seiner dritten Amtszeit an und erreichte damit für die Union »Die Welt« über die Geschichte unseres Rentensystems (2013) sogar die absolute Mehrheit – heute schafft sie die nicht mal mehr in Bayern. Der Tagesspiegel über die Sozialpolitik der späten Adenauer-Jahre (2013) Der Slogan »Wohlstand für alle« brachte damals tatsächlich Rentensteigerungen um 60%. Die Kassen waren aber auch ein Jahrzehnt nach dem Krieg noch ziemlich leer, sodass die Regierung für diese soziale Wohltat nicht sofort Geld zurücklegen konnte. Also beschloss Adenauers Regierung: Das Geld, das die Jüngeren in die Rentenkassen einzahlten, sollte nicht bis zu deren Ruhestand angelegt, sondern sofort an die Älteren ausbezahlt werden. Und wenn sie eines Tages selbst in Rente gehen würden, würde die Generation ihrer Kinder dafür zahlen. Auf diesem Generationenvertrag (Umlagefinanzierung) fußt unser Rentensystem bis heute.

Mit Illustrationen von Konstantin Schulze für Perspective Daily

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

Themen:  Gesellschaft   Gerechtigkeit   Geld  

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