Wetten: Du weißt nicht, wen ich mit diesem Bild zeigen will!

Denn du bist andere Bilder von Muslimen gewohnt. Das muss sich ändern!

Kommentar - 30. November 2018  4 Minuten

»Ihr zeigt jetzt aber nicht die Popos!«

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wütend der Journalist in der Redaktion vor 5 Jahren war. Gleich sollte sein Beitrag über das muslimische Freitagsgebet auf Sendung gehen. Was ihn so rasend machte, war das Vorschaubild für seinen Bericht, das hinter der Fernseh-Moderatorin erschien: Muslime beim Beten, von hinten fotografiert. Wer ein bisschen Vorstellungskraft besitzt, weiß, was man sieht, wenn sich 100 Männer vor einem nach vorne beugen.

Damals war ich schwer beeindruckt von der Reaktion des Reporters. Bei so viel Sensibilität im täglichen Medienbetrieb würden Muslime beim Gebet oder sonst wo bald nicht mehr hinterrücks abgebildet werden. Wer sich selbst davon überzeugen will, gibt in der Suchmaschine »Muslime beten« ein. Von wegen. Über dem ersten Bericht, den ich über die diesjährige Islamkonferenz lese, Gestern endete in Berlin die 4. Islamkonferenz, bei der sich in diesem Jahr die großen muslimischen Verbände, kleinere Vereine und Einzelpersonen trafen. Hier findest du die offizielle Homepage der Islamkonferenz Schwerpunkte waren das Miteinander von Muslimen und Nicht-Muslimen sowie die Finanzierung der Moscheegemeinden. prangt eine Frau mit Kopftuch vor dem Brandenburger Tor, den Rücken zur Kamera gedreht, als Symbolbild für Muslime in Deutschland.

Warum mich das so wütend macht?

Bei den meisten dieser Fotos bezweifle ich, dass die Models freiwillig mitmachen. Eine unangenehme Vorstellung, Der Pressekodex ist eine journalistisch-ethische Sammlung von Regeln, die der deutsche Presserat im Jahr 1973 beschlossen hat aber laut Pressekodex nicht verboten, solange die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden. Das größere Problem ist, dass diese Fotos Muslime in den Augen von Nicht-Muslimen gesichtslos, distanziert und fremd wirken lassen. Islam macht Mode: Ist das Kopftuch für alle da? Das Kopftuch, das in Deutschland längst ein Politikum ist, als einzige Charakteristik einer Muslimin zu präsentieren, führt unweigerlich dazu, dass Fremdbilder Das Fremdbild setzt sich aus der Wahrnehmung des Fremden zusammen, das heißt wie Menschen andere Menschen sehen, bewerten und wie sie sich ihnen gegenüber fühlen. Fremdbilder können sowohl negativ als auch positiv sein. wuchern. Erfahre hier mehr über das Fremde in deinem Kopf Das sind Bilder im Kopf, die bestimmen, wer dazugehört und wer eben nicht. Bei der immer wieder aufflammenden Debatte um Islam in Deutschland spielen sie eine entscheidende Rolle.

Medienwissenschaftler Kai Hafez analysiert die Entstehung von Islambildern in Presse, Radio und Fernsehen seit über 20 Jahren. Kai Hafez schrieb in der ZEIT: »Der Islam hat eine schlechte Presse«. Hier zeigt sich am Titelbild, dass auch gut recherchierte Artikel über Stereotype solche stereotypen Vorstellungen bedienen Er beobachtet, dass 60–80% der Berichte über Muslime negative Bezüge hätten. Meist war von Terrorismus und Gewalt die Rede. »Wenn etwas Negatives passiert, bestätigt das unsere Stereotype, und wenn etwas Positives passiert, dann denken wir gar nicht an einen Zusammenhang«, sagte Hafez im Telefoninterview. Das Phänomen, das Hafez beschreibt, ist als Confirmation Bias (Bestätigungsfehler bzw. Bestätigungstendenz) bekannt. Informationen, die unsere Erwartungen nicht bestätigen, werden anders wahrgenommen, ignoriert oder gleich wieder vergessen. Wenn im Libanon und in Afghanistan muslimische Männer und Frauen für die Gleichberechtigung auf die Straße gehen, ist das für uns eine Ausnahme. Die Regel sind anscheinend eher radikal-islamistische Gotteskrieger in Geländewagen, die mit Kalaschnikows über ihren Köpfen fuchteln. Die Folge: Die Individualität, die Eigenart des Menschen, wird nicht gesehen. Ein Dialog zwischen uns und dem »Anderen« wird erschwert. Neue Informationen werden von uns so ausgewählt und interpretiert, dass sie unsere Erwartungen erfüllen und so unser Weltbild bestätigen.

Machen wir den Test: Musliminnen ohne Kopftuch sind eine Ausnahme? Richtig? Falsch!

Nur 25% der deutschen Musliminnen tragen Kopftuch

Eine repräsentative Erhebung im Auftrag des Exzellenzclusters »Religion und Politik« der Universität Münster unter 1.201 Türkeistämmigen ergab, dass nur 31% der Frauen ein Kopftuch in der Öffentlichkeit tragen. In Deutschland lebten im Jahr 2015 laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2,9 Millionen Türkeistämmige. Von ihnen bezeichnen sich ca. 80% als Muslime. Die Prozentzahlen stammen aus einer Expertise der Friedrich-Ebert-Stiftung (2012) Unter allen Musliminnen in Deutschland sollen es im Jahr 2012 gerade einmal 25% gewesen sein. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, das Kopftuch zu verstecken, weil stereotype Vorstellungen daran hängen. Islam in Deutschland aber immer nur als Kopftuch abzubilden, zeigt nur 1/4 der Realität.

Dass sich starre Rollen und religiöse Fremdheit in der Darstellung wiederfinden, bringen unter anderen Plattformen wie die Neuen Deutschen Medienmacher (NDM) und der Mediendienst Integration Die Neuen Deutschen Medienmacher bieten Glossare und weiteres Infomaterial für Journalisten, die kultur- und religionssensibler berichten wollen. Der Mediendienst Integration bietet einen Newsletter an, in dem wöchentlich auf Veranstaltungen und Publikationen rund um die Themen Flucht, Integration und Islam hingewiesen wird. zur Sprache. Wer Muslime in Deutschland realistisch abbilden will, könnte also wissen, wie es nicht geht. Aber wie geht es?

Heute keine Vorstellung im Kopfkino

Ich bin keine Muslimin. Und in unserer kleinen Redaktion arbeiten bis dato keine Journalisten muslimischen Glaubens. An der Repräsentation und Diversität in Medienhäusern muss sich etwas ändern, denn nur so vollzieht sich ein Perspektivwechsel im Journalismus. Wer die Diskussion nicht im redaktionellen Rahmen führen kann, hat viele Möglichkeiten, sich die Perspektiven von außerhalb bei muslimischen Gemeinden, Mediendiensten oder freien Journalisten zu holen.

Nach dem Bild für diesen Artikel habe ich 4 Stunden gesucht. Ich kenne keinen (Bild-)Redakteur, der jedes Mal so viel Zeit hat, um ein passendes Foto auszuwählen. Nun habe ich mich für ein Bild entschieden, das eine alltägliche Straßenszene zeigt. Wer in diesem Bild nun Muslim ist oder nicht, ist schwer festzustellen. Zur Transparenz: Dass 2 Frauen mit Kopftuch über den Zebrastreifen gehen, fiel mir erst später auf.

Wie werden eigentlich Gläubige anderer Religionen – Christen und Juden in unseren Medien dargestellt? Bei Letzteren finde ich in Datenbänken etliche Fotos, die der Darstellung von Muslimen ähneln. Das Kopftuch wird dort zur Kippa, der religiösen Kopfbedeckung von männlichen Juden. Auch das schafft Distanz. Gut, dass die Katholiken ihren Papst haben, denn der taucht bei der Bildersuche häufig auf.

Im Allgemeinen werden Christen eher durch religiöses Personal oder im Rahmen von Gottesdiensten repräsentiert. Die Symbolbilder für christliche Gläubige außerhalb religiöser Anlässe sind rar gesiedelt. Und da zeigt sich der Unterschied. Wir müssen uns gar nicht mehr »den Christen« im Alltag vorstellen, weil es ihn als Einheitsmodell nicht gibt. Das gilt in der Realität genauso für Muslime. Daran sollten wir denken, wenn wir das nächste Mal ein Kopftuch von hinten im Fernsehen, Internet und in der Zeitung sehen.

Titelbild: Jacek Dylag - CC0

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

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