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So schenkst du besser

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So schenkst du besser

5. Dezember 2018
Themen:

Keine Angst, das ist nicht der 100. Geschenk-Ratgeber. Stattdessen weißt du nach diesem Text, welcher Denkfehler dich (noch) daran hindert, besser zu schenken.



Vor mir liegt ein in braunes Papier eingeschlagenes Geschenk. Ich fühle etwas Weiches und friemele vorfreudig an dem Geschenkband. Meine Schwester rutscht aufgeregt auf ihrem Stuhl hin und her. Sekunden später probiere ich mit einem breiten Lächeln eine übergroße, hellblaue Jeans-Jacke an. Vor mehr als einem halben Jahr hatte ich meiner Schwester erzählt, dass ich gern so eine Jacke hätte. Als ich meinen Wunsch selbst schon lange vergessen hatte, stieß sie in einem Second-Hand-Laden in Amsterdam auf genau so eine Jacke – und musste an mich und meinen Wunsch denken. Seitdem trage ich – sobald die Temperaturen es zulassen – nichts anderes und freue mich immer wieder darüber.

Der Soziologe Holger Schwaiger im Interview über Geben und Gebenlassen (2015) Der Grundgedanke hinter Geschenken ist meist ein positiver. Trotzdem freuen wir uns nicht über jedes Geschenk gleichermaßen. Gibt es so etwas wie eine Erfolgsformel für »gutes Schenken«?

Schlechtes Gewissen oder Staubfänger: Ein Denkfehler ist schuld

Viele Geschenke sorgen für ein gequältes Lächeln, hinterlassen ein schlechtes Gewissen und enden als Staubfänger. Umfragen zeigen: Fast 50% aller US-Amerikaner tauschen mindestens Diese Studie zeigt, dass »Teilgeschenke« nicht als halbherzig oder weniger aufmerksam wahrgenommen werden (englisch, 2017) einmal im Jahr ein Geschenk um, knapp Diese Studie zeigt, dass wir uns mehr über Geschenke freuen, wenn der Schenkende den Gegenstand selbst auch besitzt (englisch, 2017, PDF) 40% geben zu, Geschenke weiter zu verschenken. Für Deutschland finden sich kaum Zahlen zu ungeliebten Geschenken. Die Tagesschau zitierte 2017 den Handelsverband Deutschland, der kurz nach Weihnachten dank der steigenden Beliebtheit von Gutscheinen mit einer geringeren Umtauschquote rechnete. Der Verband gab an, dass bis zu 5% der Geschenke umgetauscht werden, bei den Spielwaren liege die Quote deutlich höher.

Andere zu beschenken stellt uns oft gleich vor mehrere Dilemmata; es ist anstrengend, irritierend und führt im schlimmsten Fall zu verletzten Gefühlen. Der Jurist Rainer Erlinger, der unter der Kolumne »Die Gewissensfrage« im SZ-Magazin Leserfragen beantwortet, Rainer Erlinger über Schenken als Zwitterwesen in seiner Moralkolumne »Die Gewissensfrage« (2018) beschreibt das Geschenk gar als »Zwitterwesen«. Auf der einen Seite soll es eine reine Gabe sein, frei von Bedingungen. Auf der anderen Seite schwingen beim Schenken eben doch Erwartungen mit (und wenn es die Hoffnung auf Für diesem Text wirst du dankbar sein Begeisterung oder Dank ist).

Diesen praktischen und moralischen Zwickmühlen widmen sich mittlerweile auch Psychologen, die versuchen, das Schenken besser zu begreifen und so abzuleiten, wie wir zu besseren Schenkern werden. Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass wir in der Rolle des Schenkers häufig einem bestimmten Hier findest du unsere Reihe zum kritischen Denken Denkfehler unterliegen – der 3 Facetten hat. Und dem wir darum auf dreierlei Ebenen begegnen können: wissenschaftlich optimiertes Schenken also.

Viel hilft viel? – Quelle: Andrew Neel CC0

Das ist doch ein Wunschkonzert!

Die Studien zum Schenken zeigen, dass wir als Schenker unsere eigene Perspektive nur schwer verlassen können. Wir nehmen uns und das, was wir erreichen wollen, zu wichtig. Psychologen sprechen dabei von der Eine der ersten Studien, die zeigt, wie der »egocentric bias« unsere Einschätzung über Normalverhalten beeinflusst (englisch, 1976, PDF) egozentrischen Verzerrung. Dieses Video veranschaulicht die egozentrische Verzerrung bei Kindern (englisch, 2007) Im Laufe unseres Lebens lernen wir zwar, uns (mehr oder weniger gut) dasgehirn.info erklärt die sogenannte »Theory of Mind«, unsere Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer hineinzuversetzen (2011) in die Position anderer Menschen hineinzuversetzen, doch jeder Perspektivwechsel Diese Studie zeigt, dass uns Perspektivwechsel anstrengen (englisch, 2010, PDF) ist anstrengend und raubt uns Energie. Selbst wenn wir beide Rollen – die des Schenkers und die des Beschenkten – kennen, wird das nicht besser.

Als Schenker dreht sich alles um den Moment der Übergabe. Wir wollen begeistern, überraschen, besonders aufmerksam und großzügig wirken. Ein weiterer Denkfehler passiert uns beim Thema Geld, wie diese Studie (englisch, PDF) zeigt: Viele Schenkende glauben, dass teure Geschenke besser ankommen, weil sie deren materiellen Wert mit dem emotionalen gleichsetzen. Doch der Geschenk-Preis wirkte sich in der Studie nicht positiv auf die Wertschätzung durch die Beschenkten aus. Das kann dazu führen, dass wir Geschenke, die explizit gewünscht wurden, Hier entwickeln Forscher ein Konzept zum Verständnis für Fehler beim Schenken (englisch, 2016, Paywall) eher für unpersönlich und langweilig halten. Einen Wunsch zu erfüllen ist doch bequem und vorhersehbar. Diese Überzeugung muss der Beschenkte nicht teilen, wie auch die Studienautoren berichten: »Tatsächlich berichten Geschenk-Empfänger eher, dass Geschenke, die sie sich gewünscht haben, Die Studie »Give them what they want: The Benefits of Explicitness in Gift Exchange« (englisch, 2011, PDF) von mehr Aufmerksamkeit zeugen als solche, die sie sich nicht gewünscht haben.«

Werden meine Wünsche erfüllt – ob explizit geäußert oder feinfühlig aus Gesprächen herausgehört –, fühle ich mich gesehen und wertgeschätzt. Es lohnt sich also, aktiv nachzufragen, was die Mutter sich wünscht (und was sie auf keinen Fall braucht) oder ihr zumindest immer mal wieder gut zuzuhören. Und selbst offen zu äußern, worüber wir uns freuen würden. Auch wenn die Überraschung dann vielleicht ganz ausbleibt, entsteht etwas anderes: Vorfreude.

Selbstlos schenken

Weil wir den Moment des Schenkens überbewerten und wieder uns selbst darin zu wichtig nehmen, stellen wir uns weniger vor, wie viel Freude das Geschenk dem Beschenkten später machen wird – wenn wir nicht immer dabei sind. Wie meine Freundin auf das Geschenk reagiert, erlebe ich live. Dass sie den Mixer jeden Tag benutzt, das Buch überhaupt nicht mehr aus der Hand legt oder dank der Laufschuhe wieder regelmäßiger joggen geht, kann ich nicht (so gut) sehen.

Schenken dient mehr oder weniger unbewusst auch der Selbstdarstellung. – Quelle: Kira auf der Heide CC0
Als Schenkende haben wir mehr vom spontanen Freudentaumel als von den stillen, kleinen Glücksmomenten, die das Geschenk im Alltag des anderen auslöst oder begleitet.

Hinzu kommt das menschliche, aber nicht ganz selbstlose Bedürfnis, das Schenken als Gelegenheit zur Selbstdarstellung zu nutzen: »So aufmerksam, kreativ, großzügig … bin ich! So nah sind wir uns.« Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass wohlmeinende Schenker unpassendere Geschenke für die Menschen auswählen, die ihnen am nächsten stehen. Ihr Bedürfnis, sich selbst und der besonderen Beziehung zum Beschenkten Ausdruck zu verleihen, übersteigt das Ziel, Die Studie »Ask and You Shall (Not) Receive: Choosing Between a Gift Registry Gift and Free Choice« (englisch, 2011, PDF) den Empfänger zufriedenzustellen.

Genau dieses Bedürfnis kann auch zur sogenannten Überindividualisierung führen. Die äußert sich dann zum Beispiel darin, dass wir auf keinen Fall Mama und Oma dieselben Kuschelpantoffeln schenken wollen. Das wäre ja einfallslos. Wir greifen also zu unterschiedlichen Geschenken, die »ganz gut« passen, statt zu den gleichen oder ähnlichen Geschenken, über die sich beide Die Studie zur »Überindividualisierung« beim Schenken (englisch, 2014, PDF) tatsächlich sehr freuen würden.

Aus der Sicht des Beschenkten steht der Moment des Schenkens viel weniger im Vordergrund. Ihm geht es primär um den langfristigen Nutzen und damit um eine Antwort auf die Frage: »Was werde ich aus dem Geschenk ziehen, jetzt, wo es mir gehört?« Ein gutes Geschenk macht immer wieder Freude, erleichtert oder verbessert ein Hobby beziehungsweise die Arbeit oder verschönert ganz einfach den Alltag. Daran sollten wir als Schenker bei der Geschenkplanung denken, statt stundenlang darüber zu grübeln, was das Geschenk über uns aussagt.

Geschenkte Erlebnisse festigen die Beziehung – selbst dann, wenn wir nicht gemeinsam auf das Konzert gehen. – Quelle: Go to Seth Reese's profile Seth Reese CC0

Ich schenke dir ein Erlebnis!

Der gemeinsame Ausflug ins Museum, Konzertkarten oder ein Tag Kurzurlaub: Viele Schenker gehen davon aus, dass Erlebnisgeschenke mit mehr Mühe und Aufwand für den Beschenkten einhergehen. Schließlich muss der Saunagutschein ja (rechtzeitig) eingelöst, der gemeinsame Ausstellungsbesuch zeitlich miteinander abgestimmt, die Hinfahrt zum Konzert geplant werden. Und während die meisten Schenkenden annehmen, dass ein nicht-materielles Geschenk genauso viel Freude bereitet wie ein materielles, sieht das auf der Seite der Beschenkten ganz anders aus: Hier findest du die Studie »Experiential Gifts Foster Stronger Relationships than Material Gifts« (englisch, 2017, PDF) Geschenkte Erlebnisse festigen die Beziehung – selbst dann, wenn wir nicht gemeinsam auf das Konzert gehen – und sorgen beim Beschenkten für mehr positive Gefühle als Materielles.

Wir können den »Erlebniswert« eines Geschenks betonen.

Natürlich haben auch Gegenstände das Potenzial, uns schöne(re) Erfahrungen zu bescheren. So können wir durch ein bestimmtes Framing Der Framing-Effekt (auf Deutsch »Einrahmungseffekt«) erklärt, dass die sprachliche Einrahmung oder Präsentation eines Arguments eine wichtige Rolle spielt: Unterschiedliche Formulierungen vom gleichen Inhalt können unser Verhalten unterschiedlich beeinflussen. So macht es zum Beispiel für die Akzeptanz von Maßnahmen gegen den Klimawandel einen Unterschied, ob von »Steuern« oder »CO2-Ausgleich« gesprochen wird. den »Erlebniswert« eines Gegenstands betonen. Schreiben wir als Schenker in die Karte zum Pullover, dass er perfekt für kuschelige Abende an grauen Tagen ist, oder merken an, dass wir uns den Tee selbst häufig an kalten Abenden kochen und mit Keksen genießen, betonen wir den »Erlebniswert« vom eigentlich rein Materiellen. Das bringt uns dem Beschenkten näher und färbt positiv auf das Geschenk ab.

Zeit statt Zeug

Ob Zeitschriften-Abo, Gesellschaftsspiel oder Jeans-Jacke: Auch der Maren Urner über »Ökorexie« Umweltaspekt spielt beim Schenken für viele Menschen eine große Rolle. Davon zeugen unzählige Selbstmach-Anleitungen oder Kampagnen wie Die Homepage von »Zeit statt Zeug« »Zeit statt Zeug«. Die Forschungserkenntnisse zum Schenken verraten, dass gutes und nachhaltiges Schenken zusammengehen: Die meisten Menschen wünschen sich vor allem gemeinsame Zeit und Erlebnisse, von denen sie noch lange zehren können.

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier!

Titelbild: Kira auf der Heide - CC0

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