Die 5 besten Ideen, wie es ohne Wachstum weitergehen kann

Unsere 3 Gastautorinnen sind in der Postwachstumsbewegung aktiv – und verraten hier die wichtigsten Überlegungen, die uns beim Entwurf einer neuen Wirtschaft helfen können.

10. Januar 2019  7 Minuten

Von Monika Austaller, Ruth Fulterer und Leonie Sontheimer

Das ist der zweite Teil eines Doppelpacks über die Postwachstumsbewegung und ihre Ideen. Der erste Teil, der die Gründe gegen ein »Weiter so« beim Wachstum aufzählt, erschien gestern, du kannst ihn hier lesen.

Degrowth, auf Deutsch oft Postwachstum genannt, bedeutet nicht einfach, weniger zu wachsen. Es bedeutet vielmehr, Wirtschaft völlig neu zu denken und die Frage, ob die Wirtschaft dabei im klassischen Sinne wächst, einfach mal außen vor zu lassen.

Entstanden ist die Postwachstumsbewegung hier, im globalen Norden. 30 Jahre nachdem der Club of Rome im Jahr 1972 seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht hatte, fand der Degrowth-Gedanke nahrhaften Boden und breitete sich aus: In Frankreich, Italien und Spanien bildete sich Anfang der 2000er-Jahre eine kleine Bewegung wachstumskritischer Forscher und Aktivistinnen, die sich im Jahr 2008 zum ersten Mal in Paris zu einer Konferenz trafen.

Die Kernfrage der Bewegung: Wie muss Wirtschaft aussehen, damit sie allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht, ohne den Planeten zu zerstören?

Sie wird inzwischen alle 2 Jahre auf der internationalen Hier geht es zur Homepage der Degrowth-Bewegung (englisch) Degrowth-Konferenz diskutiert, im Jahr 2014 kamen über 3.000 interessierte Menschen in Leipzig zusammen. Theaterworkshops gehören bei den Konferenzen genauso dazu wie die Präsentation wissenschaftlicher Arbeiten.

Wie muss Wirtschaft aussehen, damit sie allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht? Die Veranstalter legten in Leipzig vor allem großen Wert auf die Integration verschiedener Bewegungen – Umweltschutz, Anti-Rassismus, Feminismus. So stellte die deutsche Ausgabe der Degrowth-Konferenz den Startschuss für ein breites deutsches Bündnis dar, das seitdem besteht. Die Anti-Kohle-Bewegung, Befürworter von Open-Source-Software, Die Männer werden die Welt nicht retten Feministinnen, Homepage der Transition Towns (englisch) Transition Towns, große Umweltorganisationen wie der BUND und Netzwerke wie Hier geht es zum Netzwerk Plurale Ökonomik Plurale Ökonomik sowie verbündete Bewegungen von anderen Kontinenten – sie alle arbeiten an Alternativen für unsere jetzige Wirtschaftsweise.

Zur Frage, wie eine Wirtschaft jenseits des Wachstumszwangs aussehen kann, geben sie keine fertige Antwort – aber es gibt eine Menge Ideen, in welche Richtung es gehen kann. Hier sind die 5 wichtigsten:

1. Die Erde und die Menschen zuerst

»Planet and people first« – Planet und Menschen zuerst! So lautet der simple Vorschlag von Die Ökonomin Kate Raworth ist bekannt für ihr Donut-Modell (englisch) Kate Raworth, Ökonomin aus Großbritannien, wenn man sie fragt, woran sich unsere Wirtschaft in Zukunft orientieren soll. In ihrem Buch »Donut-Ökonomie« plädiert sie für eine Generalüberholung der Wirtschaftswissenschaften.

Unsere heutigen Volkswirtschaften benötigen Wachstum, unabhängig davon, ob es den Menschen nutzt. Wir brauchen aber eine Wirtschaft, die den Menschen nutzt, unabhängig davon, ob sie wächst oder nicht. – Kate Raworth, Wirtschaftswissenschaftlerin in Cambridge und Oxford

Das langfristige Ziel müsse sein, die Bedürfnisse aller Menschen mit den Mitteln des Planeten zu befriedigen. Symbol dieses Ziels wurde der Donut. Im weichen, süßen Bereich des Teigs können sich die Gesellschaften aufhalten. An der inneren Grenze unterschreiten sie ihre eigenen Bedürfnisse, an der äußeren Grenze überlasten sie die Umwelt. Mit dieser Einstellung ist noch keine neue Wirtschaft erfunden. Aber sie gibt Orientierung für den nächsten Entwurf.

Illustration: Tobias Kaiser

2. Reichtum umverteilen

Die gute Nachricht: Es ist genug für alle da. Prinzipiell gibt es die Ressourcen, um allen Menschen ein akzeptables Leben zu ermöglichen. Nur sind die im Moment sehr Darum brauchen wir dringend eine Neiddebatte ungerecht verteilt, sowohl global als auch national. Wenn die Gesellschaft sich entschließt, auf weiteres Wachstum zu verzichten, kommt sie um Umverteilung nicht herum:

Wir wissen, dass Gesellschaften in Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Kriminalität besser abschneiden, je gleicher – und nicht je reicher – sie sind. Als Gesellschaft könnten wir beschließen: Wir wollen nicht, dass es Billionäre gibt, solange Menschen verhungern. – Samuel Alexander, Dozent an der University of Melbourne und Co-Direktor des Simplicity Institutes Hier geht es zur Homepage von Samuel Alexander (englisch) Samuel Alexander schlägt vor, ein bedingungsloses Grundeinkommen mit einer Deckelung von Einkommen zu paaren, um unsere Gesellschaften gleicher zu machen.

Auf globaler Ebene wäre ein noch drastischerer Umbau nötig. Denn wir leben in einer Welt mit kolonialem Erbe. Hier im globalen Norden werden die Spielregeln für den gesamten Globus gemacht. Umweltverschmutzung und Ausbeutung wurden Stück für Stück dahin ausgelagert, wo wir sie nicht mehr sehen können. Um einen fairen Neustart zu ermöglichen, müssten die Länder des globalen Südens aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen befreit werden – zum Beispiel durch Schuldenschnitte und Technologietransfers.

3. Alternativen zum BIP erforschen

Möchten Ökonomen herausfinden, wie es den Menschen in Deutschland geht, blicken sie auf das Bruttoinlandsprodukt. Das zeigt allerdings nicht an, wie zufrieden die Menschen mit ihrem Leben und ihrer neuen Regierung sind und ob sie gute, sichere Produkte gekauft haben, sondern nur, wie viel Geld sie insgesamt für Produkte und Dienstleistungen ausgegeben haben. Deshalb fordert die Degrowth-Bewegung Alternativen, von denen eine der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) sein könnte.

Als Ausgangsgröße dient die Konsumausgabe der privaten Haushalte in Euro. Ähnlich wie das BIP geht der NWI also davon aus, dass es den Menschen etwas nützt, wenn sie Dinge oder Dienstleistungen kaufen. Auch der dritte Porsche, den sich eine Familie kauft, wird erst mal positiv gewertet.

Doch dann kommt ein Trick: Alle negativen Auswirkungen, die ein Porsche im Durchschnitt auf Umwelt und Menschen hat, werden gegen die Konsumausgabe aufgewogen. Abgase, die der Umwelt schaden, Autounfälle, die Kosten verursachen – aus vielen verschiedenen Faktoren entsteht eine Summe, die von der Konsumausgabe abgezogen wird. Ein zusätzlicher Euro nützt einem ärmeren Menschen mehr als einem reicheren. Ein Faktor ist auch die Einkommensungleichheit. Dorothee Rodenhäuser, eine der Expertinnen hinter dem NWI, begründet das so: »Es macht für die Gesellschaft einen Unterschied, ob alle gleich viel ausgeben können oder nicht. Denn ein zusätzlicher Euro nützt einem ärmeren Menschen mehr als einem reicheren«, erklärt Dorothee Rodenhäuser. Wenn die Einkommen der Gesellschaft stark auseinanderklaffen, wirkt sich das daher negativ auf den NWI aus.

Schaut man sich die Entwicklung der Lebenszufriedenheit in den letzten 30 Jahren an und legt die Kurven des BIP sowie des NWI darüber, erkennt man: Der NWI korreliert stärker mit der Lebenszufriedenheit als das BIP. Doch der NWI ist ein »work in progress«, wie Dorothee Rodenhäuser sagt. Sie und 3 Kollegen sind seit fast 10 Jahren damit beschäftigt, den NWI zu optimieren. Einen ersten Erfolg gibt es schon: Im Jahr 2017 wurde der Index in das regelmäßig vom Umweltbundesamt publizierte Der Indikatorenbericht des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2017 Berichtssystem »Daten zur Umwelt« aufgenommen.

4. Wo ein Wille, da ein Weg

Sprecher der Degrowth-Bewegung betonen immer wieder, dass die Transformation, die sie anstreben, nicht nur die Art und Weise des Wirtschaftens betrifft. Wir müssten auch unsere Art zu denken verändern, sagen sie. Nach dem Motto: »Wer etwas anders machen will, muss erst mal anders denken.« Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht: mentale Infrastrukturen. Gemeint sind Muster, in denen wir tagtäglich denken. Sie ziehen sich wie Autobahnen durch unseren Kopf – und führen auf ein Ziel zu: Wachstum.

Wie kann man diese in Asphalt gegossenen Muster durchschauen und Abzweigungen, Brücken oder Unterführungen anlegen, um ihnen zu entkommen?

Illustration: Tobias Kaiser

Harald Im Interview mit Perspective Daily sagt Harald Welzer: »80% der Menschen interessieren sich einen Scheiß für irgendwas und machen alles mit« Welzer hat mit dem Buch »Selbst Denken« im Jahr 2013 eine Anleitung dafür veröffentlicht. Die Lust auf Alternativen zu Konsum und Wachstum ist laut Harald Welzer bereits in den Wünschen, Hoffnungen und Werten eines jeden verankert.

Die Herausforderung ist, herkömmliche Logiken systematisch zu hinterfragen und auf den Kopf zu stellen. Dieselautos mit Elektroautos auszutauschen liegt nahe, geht aber ökologisch nicht weit genug. Die Kunst liegt darin, sich eine autofreie Stadt vorzustellen. Wie viel Platz wäre für Fahrräder, Bäume, Liegewiesen, Cafés und Fußballplätze! – Harald Welzer, »Selbst Denken!«

5. Postwachstum auf der politischen Agenda

Ein wichtiger Hebel für Veränderung liegt jenseits der Zivilgesellschaft – in den Händen der Politik. Doch was sagen Politiker aktuell zu den Alternativen? Wir haben die Parteiprogramme der Bundestagswahl 2017 durchsucht:

  • Die CDU Hier findest du das Wahlprogramm der CDU aus dem Jahr 2017(PDF) findet »dass die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum zentral für unseren künftigen Wohlstand ist.«
  • Die SPD Das Wahlprogramm der SPD aus dem Jahr 2017 (PDF) merkt an, dass ihre Wirtschaftspolitik »sowohl der ökonomischen und fiskalischen als auch der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit« verpflichtet ist. Sie versprach, die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Bundesregierung auf die 4 Ziele »Wachstum, solides Haushalten, soziale Gerechtigkeit und Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen« zu verpflichten.
  • Die AfD äußert sich in ihrem Programm nicht zum Wirtschaftswachstum.
  • Die FDP Zum Wahlprogramm der FDP aus dem Jahr 2017 geht es hier (PDF) hält an der Aussage fest, dass sich Ökologie und Wirtschaftswachstum nicht ausschließen müssen, und setzt auf »Blaues Wachstum«.
  • Die Linke Hier gibt es genauere Informationen über das Wahlprogramm der Linken aus dem Jahr 2017 (PDF) hält den sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft für dringend notwendig: »An die Stelle blinden Wachstums müssen gezielte, am Gemeinwohl und dem Bedarf der Bevölkerung orientierte Investitionen in den sozialen und ökologischen Umbau von Produktion und Dienstleistungen treten.«
  • Die Grünen Sieh dir hier das Wahlprogramm der Grünen aus dem Jahr 2017 an (PDF) sind die einzige der großen Parteien, die auf die Praxis des BIP eingehen und eine Alternative dazu vorschlagen: »Wir wollen zuallererst die Art, wie wir Wohlstand überhaupt messen, ändern. Wir schlagen dafür eine neue Form der Wirtschaftsberichterstattung vor. In den Zahlen des Bruttoinlandsproduktes (BIP), das bisher die zentrale Messgröße ist, bilden sich Lebensqualität und Wohlstand nicht wirklich gut ab. Auch die unbezahlte Sorgearbeit, die vor allem von Frauen geleistet wird und eine unverzichtbare Grundlage unseres Wohlstands bildet, wird derzeit nicht berücksichtigt. In unserem Jahreswohlstandsbericht werden neben ökonomischen auch ökologische und soziale Entwicklungen anhand messbarer Kriterien dargestellt. Auch bei öffentlichen Unternehmen sollte der Beitrag zum Gemeinwohl transparent werden.«
  • Zuletzt hat das Thema Postwachstum auch das Europäische Parlament erreicht. Im September luden Vertreterinnen von 5 Parteien zu einer Post-Growth-Konferenz nach Brüssel ein.

Wir haben uns in den letzten 50 Jahren an ein stetiges Wirtschaftswachstum gewöhnt. Dass das nicht ewig so weitergehen kann, ist gewiss. Was also tun? Auf dem Weg in die wachstumsfreie Gesellschaft gibt es noch viele Fragen zu beantworten. Das kann verunsichern. Es kann aber auch eine Chance sein, noch einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, was wir für ein gutes Leben brauchen, worauf wir verzichten können und wovon wir uns befreien möchten.

Das ist der zweite Teil eines Doppelpacks über die Postwachstumsbewegung und ihre Ideen. Der erste Teil, der die Gründe gegen ein »Weiter so« beim Wachstum aufzählt, erschien gestern, du kannst ihn hier lesen.

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

von Leonie Sontheimer 

Leonie Sontheimer sammelte bereits als 12-jährige Unterschriften gegen Walfang. Während ihres Studiums der Philosophie und Biologie kam sie vom Umweltschutz zur Postwachstumsbewegegung. Als Journalistin schreibt sie über die beiden wichtigsten Transformationen unserer Zeit: die digitale und die sozial-ökologische. Das Handwerk dazu hat sie an der Deutschen Journalistenschule in München gelernt.

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