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Haben Frauen im Sozialismus den besseren Sex?

Wenn Frauen gleichberechtigt sind, ist mehr los in den Betten. Ob Kapitalismus Frauen einschränkt, diskutiere ich mit einer, die beide Systeme erlebt hat.

Essay - 30. Januar 2019  9 Minuten

Hatten Frauen im Sozialismus den besseren Sex? Kristen Ghodsee meint: Ja. Im letzten Jahr hat sie in den USA ein Buch mit dieser provokanten These veröffentlicht, der im Mutterland des Kapitalismus schon fast etwas Blasphemisches anhaftet. Während des Kalten Kriegs lösten in den USA die Kommunisten die Nationalsozialisten als Feindbild Nummer 1 ab; bis heute ist »Sozialist« für viele Amerikaner in erster Linie ein Schimpfwort. Dabei geht es Kristen Ghodsee nicht nur um den Akt an sich, sondern auch um alles, was irgendwie damit zusammenhängt: Kinder, Karriere, vor allem aber ökonomische Abhängigkeiten.

Nun plädiert die Professorin für Russische und Osteuropäische Studien an der University of Pennsylvania in ihrem Buch zwar nicht für eine Rückkehr zum Staatssozialismus. Vielmehr greift sie Ideen auf, die in den europäischen Wohlfahrtsstaaten längst Common Sense sind: Mutterschutz, Kinderbetreuung, soziale Absicherung bei Krankheit und im Alter. Aber sie macht etwas, das mit Blick auf die DDR auch im wiedervereinigten Deutschland ein Tabu bleibt. Sie überlegt, ob im Kapitalismus etwas grundsätzlich schiefläuft im Verhältnis von Männern und Frauen – und ob es in den Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang Ansätze zur Gleichstellung gab, die man sich noch heute gewinnbringend abschauen könnte.

Kristen R. Ghodsee forscht seit mehr als 30 Jahren zu den Lebenswelten in Sozialismus und Post-Sozialismus in Osteuropa. Ihr Buch »Why Women Have Better Sex Under Socialism (And Other Arguments for Economic Independence)«, auf Deutsch: »Warum Frauen im Sozialismus den besseren Sex haben (und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit)«, erschien im Jahr 2018. –

Ich bin Mitte der 1980er-Jahre in Westdeutschland geboren. Die einzige Gesellschaftsordnung, die ich kenne, ist die soziale Marktwirtschaft, ein durch den Wohlfahrtsstaat gezügelter Kapitalismus. Wie Frauen im staatlich verordneten Sozialismus gefühlt haben, kann ich mir nur durch Literatur und Erzählungen erschließen – und durch Gespräche mit Frauen, die die DDR noch erlebt haben.

Mich interessiert, was sie über Kristen Ghodsees Buch, über Frauen und ihre Stellung im Sozialismus und Kapitalismus denken. Über eine Freundin lerne ich Sonja T. Sonja möchte in diesem Text nicht mit vollem Namen genannt werden. Er ist der Redaktion bekannt. kennen. Sie arbeitet in einem Museum, ist 1958 in Sachsen geboren, seit vielen Jahren lebt sie in Berlin, erst im Ost-, heute im Westteil der Stadt. An einem klirrend kalten Sonntag im Januar sitzen wir mit Ingwertee in ihrem Wohnzimmer und sprechen über die 3 wichtigsten Thesen der amerikanischen Wissenschaftlerin.

Titelbild: Thorpe Mayes - CC0

von Katharina Wiegmann 

Katharina interessiert sich dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist. Bei Perspective Daily schreibt sie über Menschen und Ideen, die den Status quo herausfordern. Katharina hat Politikwissenschaft und Philosophie in München und Prag studiert, inklusive kurzer Ausflüge in die Soziologie und Geschichtswissenschaft.

Themen:  Osteuropa   Gesellschaft   Gerechtigkeit  

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