Ich dachte, ich weiß, wie Demokratie funktioniert. Bis zu diesem Experiment

Jetzt ist mir klar: Wenn ich mit anderen Menschen Probleme lösen will, muss ich raus aus dem argumentativen Kampfmodus.

19. Februar 2019  9 Minuten

Mein Experiment beginnt mit einer kleinen Enttäuschung. Moderatorin Tina hatte mich und die anderen Workshop-Teilnehmer darum gebeten, ein aktuelles Thema, das wir gern diskutieren würden, auf einem Blatt Papier zu notieren. Ich überlege nicht lange und schreibe »§ 219a« auf meinen Zettel – das ist der Paragraf im Strafgesetzbuch, der ein Hier kommentiere ich: Dein Bauch gehört immer noch nicht dir (wenn du eine Frau bist) »Werbeverbot« für Schwangerschaftsabbrüche vorsieht.

Meine erste Lektion in Sachen Dialog-Demokratie: Es geht hier nicht um mich und meine Meinung.

Mich treibt das um – die anderen offenbar nicht so sehr. Als wir abstimmen und uns in kleinen Gruppen um die Zettel mit den Vorschlägen zusammenfinden, interessiert sich sonst niemand für die Abtreibungsdebatte. Stattdessen finden sich Mehrheiten für Themen wie Integration, Sterbehilfe, Klimaschutz oder Demokratiereform.

Das ist die erste Lektion in Sachen Dialog-Demokratie: Es geht hier nicht um mich und meine Meinung. Ich lasse mir meine Enttäuschung nicht anmerken und stelle mich, nur innerlich ein bisschen schmollend, zur Integrationsgruppe.

Wie rund 70 andere Menschen bin ich der Einladung von Website von Es geht LOS! Es geht LOS! gefolgt, einer Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, Bürgerräte in Deutschland zu etablieren.

Es geht LOS!

Es geht LOS! ist eine junge Initiative des Vereins Demokratie Innovation e. V. um Ilan Siebert (links) und Katharina Liesenberg (rechts). Die Mitglieder sind »unternehmerisch arbeitende Menschen mit Hintergrund in Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft« und verstehen sich als partei- und lobbyunabhängig. Ihr Ziel: institutionalisierte Bürgerräte auf Bundesebene in Deutschland.

Bildquelle: Raphael Janzer

Wir sind heute Teil eines Experimentierlabors zur Umsetzung dieser Idee: Im Jahr 2020 sollen 100 per Losverfahren bestimmte Bürgerinnen und Bürger aus allen Gesellschaftsgruppen über mehrere Wochenenden zusammenkommen, um gemeinsam Entscheidungen oder Positionen zu kontroversen Zukunftsthemen zu erarbeiten.

Titelbild: Raphael Janzer - copyright

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin und Philosophin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.

Themen:  Politik   Demokratie  

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