Dirk Walbrühl

Oh, Mann*Frau! Wie sag ich’s nur?

14. September 2016

Unsere Sprache bestimmt unser Denken. Glaubst du nicht? Dann lies selbst …

Ein Vater fuhr mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglückten. Der Vater starb an der Unfallstelle. Der Sohn wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und musste operiert werden. Ein diensthabendes Mitglied des ärztlichen Personals eilte in den OP, trat an den Operationstisch heran, auf dem der Junge lag, wurde kreidebleich und sagte: ›Ich bin nicht imstande zu operieren. Dies ist mein Sohn.‹

Wie kann das sein?

Des Rätsels Lösung ist einfach: Das »diensthabende Mitglied des ärztlichen Personals« ist die Mutter des verletzten Jungen. Warum fällt es uns dennoch so schwer, darauf zu kommen? Die Kurzgeschichte offenbart ein kulturelles Phänomen, das mit unserer Sprache eng verknüpft ist. Ist von einem »diensthabenden Mitglied des ärztlichen Personals« die Rede, gilt unser erster Gedanke dem Bild eines Mannes – nicht dem einer Frau.

Wenn ich als GermanistGermanistinGermanist*in auf einer Party versuche, über Sprachwandel zu sprechen, ernte ich meist nur genervte oder gelangweilte Blicke. Doch ein ganz bestimmtes Sprach-Thema, ja nur ein Wort, sorgt regelmäßig dafür, dass jede gemütliche Gesprächsrunde zu einer hitzigen Debatte wird: Gendern.

Das Mitdenken und Mitsprechen von Geschlechtern ist ein Reizthema, das polarisiert. Die 2 Dutzend E-Mails und Nachrichten, die wir seit dem Start von Perspective Daily vor gut 2 Monaten dazu erhalten haben, sprechen für sich.

Ich finde es traurig, dass ein Online-Magazin im Jahr 2016 nicht stärker gendert.

Wenn ihr Gendern einführt, habt ihr ein Mitglied weniger.

Wir geben euch LesernLeserinnenLeser*innen jetzt die Wahl: Lest diesen Text auf 3 verschiedene Arten und findet selbst heraus, wie das Geschlecht in der Sprache euer Denken beeinflusst!

Welches Geschlecht wählst du?

Bevor ich – abseits von Polemik und politischen Kampfbegriffen – das Für und Wider des Genderns beleuchte, muss ich 2 Begrifflichkeiten klären.

  • Gendern bedeutet, bei Begriffen mit Geschlecht eine möglichst neutrale Schreibweise zu wählen. So soll verhindert werden, dass der Leserdie Leserinder*die Leser*in den Begriff mit einem bestimmten Geschlecht assoziiert. Dafür können unterschiedliche Schreibweisen genutzt werden. Die Praxis des Genderns stammt aus der feministischen Linguistik.
  • Gender steht sowohl für das biologische Geschlecht als auch die soziale Kategorie, der wir uns zuordnen. Dazu gehört die psychologische Zugehörigkeit zu einer Geschlechtergruppe, z.B. Mann und Frau, aber auch Bigender, So nennt man Personen, die sich in ihrer sozialen Geschlechtsidentität zwischen Männlich und Weiblich bewegen, aber Elemente beider Geschlechter in sich vereinen. Trans Ausgeschrieben »Transgender«. So nennt man Personen, die sich mit ihrem ursprünglichen biologischen Geschlecht kaum oder gar nicht identifizieren und ihre soziale Geschlechterrolle anders ausleben. Eine Umwandlung des biologischen Geschlechts ist nicht nötig, um Trans zu sein. Das ist auch keine neuartige Erfindung: Zum Beispiel sind bei nordamerikanischen IndianerstämmenIndianerinnenstämmenIndianer*innenstämmen abweichende Geschlechterrollen als sogenannte »Two-Spirits« bekannt. und Inter. Menschen mit angeborenen Variationen der Geschlechtsmerkmale. Darunter fallen beispielsweise auch »Hermaphroditen« (auch »Zwitter« genannt). Diese Geschlechteridentität kann sich vom biologischen Geschlecht unterscheiden. Im Englischen ist die Unterscheidung deutlicher: Sex (körperliches Geschlecht) und Gender (Geschlechteridentität). Facebook ist mit einer Auswahlmöglichkeit von 60 Geschlechtern VorreiterVorreiterinVorreiter*in bei der Frage nach einer genauen Klassifizierung. Selbst in der Biologie gibt es jedoch mehr als Mann und Frau, z.B. Hermaphroditen, die nicht eindeutige körperliche Geschlechtermerkmale besitzen. In der Sprache gibt es meist eine männliche (»Autor«) und eine weibliche (»Autorin«) Form. Einige Sprachen, wie das Deutsche, haben zusätzlich noch einen neutralen Artikel, sodass einige Dinge kein Geschlecht haben, z.B. das Haus und das Schloss.

Die hitzigen Debatten zum Gendern enden meist schnell: Die einen können nicht nachvollziehen, wie wir im Jahr 2016 auf das Gendern verzichten können; die anderen verstehen die ganze Diskussion nicht, da jede Form des Genderns lediglich die Lesbarkeit störe.

Was spricht wirklich dafür und dagegen?

Männliche Geschlechterrollen assoziieren wir normalerweise nicht mit Kinderbuggys. Warum eigentlich nicht? – Quelle: Hortlander CC BY

These Nummer 1: »Gendern stärkt Gleichstellung«

Die Kurzgeschichte vom Einstieg verweist auf ein Ungleichgewicht in unserer Kultur: Bestimmte Berufe (z.B. Arzt, Polizist, PolitikerÄrztin, Polizistin, PolitikerinArzt*Ärztin, Polizist*in, Politiker*in) und Eigenschaften (z.B. zielstrebig, durchsetzungsstark, analytisch) assoziieren wir eher mit Männern, als mit Frauen. Diese Assoziationen betreffen hauptsächlich die gängigen heteronormativen Geschlechterrollen, also Personen, bei denen biologisches Geschlecht, soziale Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung gleichgesetzt sind. Hier geht es zur Übersicht der 3 Studien über Stellenausschreibungen (2014) Ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München zeigt, dass Frauen sich von Stellenausschreibungen für »männliche« Positionen oder solchen mit vielen »männlichen« Attributen abgeschreckt fühlen. Sprache kann also unser Verhalten beeinflussen Genauer gesagt beeinflussen Stereotypen das Verhalten. Sprache transportiert diese Stereotypen. – und über unsere berufliche Zukunft entscheiden.

Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf kommt die Idee des Genderns ins Spiel: Wenn Unternehmen das »Geschlecht mitdenken« und die Sprache bei Ausschreibungen anpassen, schrecken sie weibliche BewerberBewerberinnenBewerber*innen weniger ab. So trauen sich tatsächlich mehr Mädchen typisch »männliche Berufe« zu, wenn auch Dissertation der Freien Universität Berlin zum Einfluss von Geschlechterbewusster Sprache auf Vorstellungen von Gender-Stereotypen (englisch, 2012) eine weibliche Bezeichnung genannt wird, z.B. Ingenieurin oder Ingenieur. Dafür reicht es aus, systematisch in Bewerbungen beide Geschlechter zu nennen und zusätzlich auf die Wahl der gewünschten Eigenschaften zu achten.

Ein weniger ermutigendes Ergebnis der Studie: Trotz einer geschlechterbewussten Berufsbezeichnung bewerten wir klassisch »weibliche Berufe« als weniger wichtig und haben eine geringere Gehaltseinschätzung.

Fazit: Geschlechterbewusste Sprache betont, dass unterschiedliche Geschlechter verschiedene Tätigkeiten ausführen können und sollen. So können z.B. Berufe, die traditionell eher mit bestimmten Geschlechtern assoziiert werden, Anreiz und Zukunftschancen für andere Geschlechter bieten. Das ist im Sinne der beruflichen Gleichstellung der Geschlechter. Über die berufliche Perspektive hinaus gibt es zahlreiche andere Themenfelder, bei denen wir von Männern reden, aber alle Menschen meinen.

These Nummer 2: »Gendern macht andere Geschlechter sichtbar«

Kommen wir zur Grammatik – keine Sorge, ich halte es kurz. Im Deutschen haben wir grammatikalisch gesehen ein generisches Maskulinum – das heißt: Weibliche Bezeichnungen wie »Autorin« und »Polizistin« stehen nur für weibliche Personen; männliche Bezeichnungen wie »Autor« und »Polizist« können hingegen auch weibliche Personen einschließen. In gewisser Weise ist das sprachlich ironisch, da genau andersherum die weibliche Form (Autorin) die männliche (Autor) häufig buchstabengenau beinhaltet. Der »Autor« kann also sowohl für männliche als auch weibliche Personen stehen. Beispiel: Franz Kafka und Ingeborg Bachmann sind Autoren ihrer jeweiligen Werke, aber nicht »Autorinnen« ihrer Werke.

Doch LinguistenLinguistinnenLinguist*innen Gendern ist auch unter SprachwissenschaftlernSprachwissenschaftlerinnenSprachwissenschaftler*innen ein strittiges Thema. So gibt es dort nicht umsonst den Kampfbegriff des »Maskulinguisten«der »Maskulinguistin«des*der »Maskulinguist*in«. betonen seit den 1970ern, Das ist das Ergebnis dieser Metastudie der Universität Bern (2008, englisch) dass männliche Formen nicht geschlechtsneutral verstanden werden, sondern stärker auf Männer als auf Frauen bezogen werden. Darin verbirgt sich auch die historische Wertung, dass das »Männliche« mehr wert sei, als das »Weibliche« – so wie in dieser linguistisch-historischen Untersuchung dargestellt. Das grammatische Geschlecht und das gesellschaftliche Geschlecht sind eben nicht voneinander getrennt, sondern miteinander verschränkt. Vor allem Kinder nehmen dadurch nicht-männliche Geschlechter weniger wahr und haben ein verzerrtes Weltbild, in dem das Männliche vorherrscht. So fassen wir eine Gruppe von 9 Leserinnen und einem Leser sprachlich zu 10 Lesern zusammen, trotz des Verhältnisses 9 zu 1.

Und was passiert, wenn wir den Spieß einfach umdrehen? Alles weiblich. Das zeigt ein Experiment der Uni Leipzig. Dort wurde im Jahr 2011 beschlossen, Grund war der spontane Vorschlag eines pragmatischen Physikprofessors, der damit einen andauernden Streit über umständliche Doppel-Nennungen (»Professor/Professorin«) beenden wollte. Die hatten vor allem die JuristenJuristinnenJurist*innen als hemmend bei der Lesbarkeit angemahnt. Selbst der Gleichstellungsbeauftragte der Universität, Georg Teichert, war überrascht. Rektorin Schücking verteidigte die Entscheidung nachträglich als Aspekt der Frauenförderung, um »die zahlreichen Frauen an der Universität Leipzig in der Grundordnung sichtbarer werden zu lassen.« in der Grundordnung nur noch die weibliche Form Der Spiegel-Artikel zur endgültigen Entscheidung (2013) zu verwenden und damit männliche Personen einzuschließen – quasi ein »generisches Femininum«. Das wird bis heute auch in anderen Hochschul-Texten verwendet, etwa im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft der Freien Universität Berlin: Hier könnt ihr die Leitlinien nachlesen Die Leitlinien richten sich vor allem an die betreuenden Hochschullehrerinnen.

Die Reaktionen auf das Experiment: Belustigung unter JournalistenJournalistinnenJournalist*innen, Empörung an der Hochschule. Die Aktion ist sicher gut gemeint, aber ebenfalls verzerrend. Das generische Femininum reduziert (zugunsten der Lesbarkeit) die Wahrnehmung aller nicht-femininen Geschlechter. Also quasi das gleiche Problem, nur in »blau«. Das Ziel, Männer, Frauen und andere Geschlechteridentitäten gleichermaßen anzusprechen oder zumindest sichtbar zu machen, wird so nicht erreicht. Eins hat das Experiment in Leipzig auf jeden Fall erreicht: Einen symbolischen Anstoß zu geben, um mehr Menschen für das eigentliche Dilemma zu sensibilisieren.

Fazit: Eine gleichmäßige Ansprache aller Geschlechter ist gar nicht so einfach. Die traditionelle Form der deutschen Sprache spricht Männer stärker an, neue Formen wollen andere Geschlechter sichtbar machen. Eine klare Lösung gibt es (noch) nicht.

These Nummer 3: »Gendern hindert den Lesefluss und das Verständnis«

Sprache ist nicht in Stein gemeißelt. Sie entwickelt sich ständig und passt sich sozialer Entwicklung an – Eine Einleitung in das Thema des Germanistischen Seminars Düsseldorf (2004) Sprachwandel nennt das der Linguistdie Linguistinder*die Linguist*in. Auch der Duden ist kein starres Regelwerk, sondern bildet nur die aktuelle Sprache ab. So werden die Wörter »Fräulein« und »Neger« heute ganz anders verstanden als vor 60 Jahren. Doch wie müsste sich unsere Sprache verändern, um allen Geschlechtern gerecht zu werden? Genau hier kommen wir zum Thema der hitzigen Debatten: das Gendern oder die Frage nach dem »Wie«.

Mindestens 5 Möglichkeiten habe ich beobachtet:

  1. Paarform: In öffentlichen Dokumenten hat sich zur Vorbeugung von Diskriminierung die Zweifachnennung Das Bundesministerium für Familie, SeniorenSeniorinnenSenior*innen, Frauen und Jugend zu Gleichstellung und »Gender Mainstreaming« (2016) durchgesetzt (»Politikerinnen und Politiker«), quasi die sprachliche Realisierung des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann. Auf europapolitischer Ebene ist die Ausrichtung auf »Gender Mainstreaming« im Amsterdamer Vertrag (1999) und Lissaboner Vertrag (2008) über die Arbeitsweise der Europäischen Union festgeschrieben. Diese Sprachregelungen betreffen damit die öffentliche Kommunikation der EU. Doch die Konstruktionen verlängern den Text und durchsetzen ihn mit »und« oder Bindestrichen. In der Aussprache ist die Regelung über Bindestrich aber nicht möglich, hier werden dann beide Geschlechter genannt (»Liebe Brüder und Schwestern«); rechtsverbindlich geregelt werden kann sowieso nur die geschriebene Amtssprache.

  2. Alternierendes Geschlecht: Eine kreative Gendern-Alternative ist die Idee eines alternierenden Geschlechts in Texten. Dabei wird regelmäßig (etwa jeden Absatz oder jede Seite) das Geschlecht gewechselt. Auf einer Seite werden »Leser« angesprochen, auf der nächsten »Leserinnen«. Die Regelmäßigkeit beugt Diskriminierung vor. Die Kritik: Dabei verliert sich unter Umständen der grammatische Bezug und Übergangsstellen könnten missverständlich werden.

  3. Binnen-I: Bei dieser Variante werden 2 Formen aneinandergereiht und durch ein großgeschriebenes »I« verbunden, zum Beispiel: FeministIn. Damit ist sowohl der männliche Feminist als auch die weibliche Feministin gemeint. Das Problem: Alleine das »I« markiert die männliche Form, schnell gelesenen wirkt es wie das grammatisch weibliche Geschlecht – oder ein Tippfehler. Außerdem sind alle anderen Geschlechter nicht mit einbezogen. Argumentiert man nun, diese seien dabei »doch mit gemeint«, hätten wir auch gleich beim generischem Maskulinum bleiben können – es sei ja dieselbe Idee nur in in »rosa«. Hier könnte man nun Verhältnismäßigkeit anmerken. Etwa 40.000-80.000 Intersexuelle leben schätzungsweise derzeit in Deutschland (Die Zahl ist schwer zu belegen, da es keine verlässlichen statistischen Erhebungen gibt.) Zum Vergleich: In Deutschland leben 41.662.000 Frauen und 40.514.000 Männer (Stand 2015). Intersexuelle tauchen rechtlich nicht als drittes Geschlecht auf. Erst im Juni waren vier Intersexuelle am Bundesgerichtshof gescheitert, ein solches in Deutschland zu etablieren.

  4. Gender-Gap: Um alle Geschlechter in der Sprache kenntlich zu machen, dient die »Geschlechter-Lücke« Der Beschluss des Bundesvorstandes BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (2015) (die Grünen nutzen die Schreibweise seit 2015). Konkret würde aus Forschern dann Forscher_innen. Statt einem Unterstrich lässt sich auch ein Sternchen verwenden. Genauer aus diesem Aufsatz von Steffen Kitty Herrmann (2003) Das stammt aus der Queer-Theorie Eine US-amerikanische Kulturtheorie aus den 90er-Jahren, die den Zusammenhang zwischen biologischem Geschlecht, Geschlechterrollen und sexueller Orientierung kritisch untersucht. Dabei werden traditionelle Identitätsmuster von Geschlecht und Sexualität historisch eingeordnet und relativiert. und symbolisiert alle anderen Geschlechter zwischen Männlich und Weiblich. Gerade diese »dritten Geschlechter« finden im deutschsprachigen Raum kaum Gehör oder Anerkennung Zum Vergleich: Australien bietet seit 2011 eine dritte Option auf dem Pass an: unbestimmt (oder X). Nepal führte dies 2015 ein (O für »other«). Bangladesh erkennt seit 2014 Transvestiten im Pass an (sogenannte Hijra). 2014 folgte Indien mit Regelungen für Schulanmeldungen und Universitäten. In Deutschland kann seit 2013 das Feld des Geschlechts im Geburtenregister frei gelassen werden. Ein drittes Geschlecht als Option ist rechtlich jedoch nicht vorgesehen. – anders als zum Beispiel das transsexuelle Geschlecht der Kathoeys Hier ein Bericht der Huffington Post in Thailand. An eine Grenze stößt diese Form bei zusammengesetzten Wörtern aus mehreren genderbaren Substantiven; wie Verbraucherschützer (Verbraucher*innen-Schützer*innen)Verbraucherschützerinnen (Verbraucherschützer)Verbraucher*innen-Schützer*innen (Verbraucherschützer). Außerdem bleibt bei einem Unterstrich die Hervorhebung der maskulinen Form; der Gender-Stern ist zudem in Programmiersprachen häufig mit einer Funktion versehen und ein Einsatz in Online-Artikeln und Foren damit stark eingeschränkt.

  5. Neue Form: Die vielleicht extremste Variante schlägt die Genderforscherin Lann Hornscheidt der Berliner Humboldt-Universität Hier ein Bericht der FAZ über die Idee vor: Eine ganz neue Sprachform. Sie selbst gibt ein erstes Beispiel in ihrer Berufsbezeichnung »Professx« (Plural »Professxs«). Das X erinnert an politische Kampfansagen etwa in der Bürgerrechtsbewegung der USA. Der Bürgerrechtsführer des radikalen Flügels, Malcolm Little, nannte sich Malcolm X. Damit würden die Texte nicht unbedingt lesbarer, aber wenigstens kürzer. Das klingt befremdlich, doch völlig abwegig ist das nicht: Erst 2015 nahm das Standardwörterbuch Schwedens ein drittes, geschlechtsneutrales Hier der Spiegel-Bericht dazu (2015) Personalpronomen auf. Das Ziel: Die Sprache vereinfachen und nicht nur in den Kategorien »Männlich« und »Weiblich« denken.

Der vielbeschworene »Krieg der Geschlechter« ist eher eine andauernde Debatte in Forschung und Medien. Man sollte da nicht übertreiben. – Quelle: Kristofher Muñoz CC BY

Eines haben alle konkreten Vorschläge zum Gendern von Texten gemeinsam: Sie sind ungewohnt und hindern zunächst den Lesefluss. Vor allem für Kinder mit Sprachdefiziten oder MigrantenMigrantinnenMigrant*innen sind gegenderte Texte schwerer zugänglich. Gerade Kinder sind ein starkes Reizthema in der Gender-Debatte. Dabei geht es gar nicht um eine »Frühsexualisierung«, sondern um Gender als Hilfe für PädagogenPädagoginnenPädagog*innen als Betrachtungsweise natürlicher frühsexueller Verhaltens- und Spielmuster. Gender als Thema findet sich dort eher in der Bildsprache zum Aufbrechen von Rollenbildern, etwa LKW-fahrenden Frauen in Kinderbüchern. Hier ein Interview mit dem Nono-Verlag zu diesem Thema. Außerdem tragen polarisierende und sensationshungrige Berichte und Beiträge in den sozialen Medien zu einer Skepsis gegenüber dem Thema bei. Gerade konservative Kreise verschließen sich teilweise vollständig dem Thema Gendern und laufen so Gefahr, auch Geschlechtergerechtigkeit zu vernachlässigen.

Die Suche nach einer gangbaren, geschlechterneutralen Form ist in Deutschland nicht abgeschlossen. Der Rat der deutschen Rechtschreibung etwa betont bei seinen Überlegungen zum Binnen-I: »Seine Verbreitung [ist] nicht so allgemein gebräuchlich, dass es ins Rechtschreibregelwerk aufgenommen werden müsste. Das kann sich im Lauf der Zeit freilich ändern (und der Rechtschreibrat wird das beobachten).« Dabei hat er sicher noch die Rechtschreibreform von 1996 im Hinterkopf, die in der deutschen Bevölkerung auf breiten Widerstand stieß.

Der Schriftsteller In Die Aura der Wörter (2002) Rainer Kunze formulierte es so:

Wird man also ständig mit Wörtern konfrontiert, deren Aura zerstört ist, weil sie zerschnitten sind […], weil sie so, wie sie jetzt geschrieben werden, anders klingen […], dann ist die Wahrnehmung dieser Zerstörung jedes mal ein Mikrotrauma, eine winzige psychische Läsion, was auf die Dauer entweder zu Sprachdesensibilisierung, Abstumpfung und Resignation oder zu zunehmend unfreundlicheren Gefühlen denen gegenüber führt, die das alles ohne Not verursacht haben.

Fazit: Sprache verändert sich ständig und wurde auch in der Vergangenheit aktiv modifiziert. Eine Reform der Sprache von oben stellt aber einen Eingriff der Beziehung eines Leserseiner Leserineines*einer Leser*in zu seiner Sprache da und kann entfremden. Es gibt zahlreiche Arten zu gendern, die alle Vor- und Nachteile haben.

Kann Gendern die Welt verändern?

Kommen wir zur unausgesprochenen, zentralen Idee hinter der Praxis des Genderns in der Sprache. Das Ziel ist dabei nicht weniger, als die Welt zu verändern, oder wenigstens das Denken der sprechenden Menschen. Zumindest bei der Wahrnehmung von Stellenausschreibungen scheint das ja der Fall zu sein. Aber wie weit kann Sprache unsere Wahrnehmung wirklich beeinflussen? BefürworterBefürworterinnenBefürworter*innen der These nennen an dieser Stelle gern die sogenannte Sapir-Whorf-Hypothese: In den 1950er Jahren untersuchte der US-amerikanische Linguist Benjamin Whorf die Sprache der Hopi-IndianerIndianerinnenIndianer*innen. Sein Ergebnis: Sie haben keine Möglichkeit, Zeit auszudrücken und sind darum nicht in der Lage, zeitliche Einheiten zu denken. Die Schlussfolgerung: Unsere Sprache bestimmt unser Weltbild; Genauer geht es um Sprachliche Relativität, also die Idee, dass Bedeutungsunterschiede zwischen verwandten Begriffen in einer Sprache beliebig sind und nur für diese Sprache gelten. Die semantische Struktur einer Sprache limitiert die Möglichkeiten der Erfahrung und Betrachtung der Welt. wenn wir Sprache verändern, erweitert sich auch unser Denken. Das Problem an dieser Idee: Die Grundlagen der Hypothese sind mittlerweile widerlegt. Die Hopi-IndianerIndianerinnenIndianer*innen haben sehr wohl Möglichkeiten, Zeit auszudrücken. Nur konnte Whorf diese nicht wissen, da er nicht direkt an Stammesangehörigen vor Ort forschte, sondern nur an einem Experten in New York. Neue empirische Forschungen Etwa diese Studie zu Mandarin und Thai (englisch, 2012) relativieren die extreme Sapir-Whorf-Hypothese. So gibt es tatsächlich Beeinflussungen der (Struktur von) Sprache auf das Denken; doch diese sind eben nicht zwingend. Sprache ist kein Käfig unserer Gedanken, dem wir nicht entkommen können. Aber Worte sind die Leitplanken, innerhalb derer wir uns vorrangig bewegen.

Auf das Gendern bezogen bedeutet das: Gendern als Sprach-Praxis kann theoretisch tatsächlich dabei helfen, ein Umdenken in der Gesellschaft zu fördern und andere Geschlechter mitzudenken. Doch das geht auch ohne Sprache, einfach dadurch, dass wir anfangen, diese Geschlechter mitzudenken und uns über sie zu informieren. Eine nachhaltige Veränderung kann schon bei der eigenen Wahrnehmung anfangen.

Gendern oder nicht Gendern ist damit eine Gretchenfrage, die jedes Medium (ja sogar jeder Sprecherjede Sprecherinjede*r Sprecher*in) für sich selbst beantworten muss. Das heißt natürlich nicht, dass damit die ganze Geschlechterforschung Und ihre Analyse von Aspekten des menschlichen »Geschlechtes« als kulturelle Konstruktion. willkürlich oder unwissenschaftlich ist und auf den Prüfstand gehört, Ein Plädoyer im Deutschlandradio gegen Gender-Bashing (2016) wie PopulistenPopulistinnenPopulist*innen gerne aus Unverständnis ableiten. Gendern ist nicht nur aktivistische »Notwehr« in einem feministisch beschworenen und durch Medien aufgebauschten Hier eine Kolumne von Margarete Stokowski auf Spiegel Online zum Thema (2016) »Krieg der Geschlechter«. Auf der anderen Seite ist es auch keine allumfassende Lösung auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter.

Ein solides Fazit zieht hier die Universität Leipzig nach ihrem Experiment mit dem generischen Femininum. 3 Jahre nach Einführung bilanziert der Gleichstellungsbeauftragte Georg Teichert im Deutschlandfunk:

»Ich weiß nicht, ob da ein tiefgreifendes Verständnis für Gleichstellungsfragen entstanden ist, da würde ich eher kritisch sein, aber zumindest ist auch bei sehr vielen konservativen Einrichtungen ein Bewusstsein dafür entstanden, was man mit Sprache machen kann und dass Sprache auch Bewusstsein Im Rückblick des Deutschlandradio Kultur (2016) bildet.«

Und nun? Was bedeutet das für Perspective Daily?

Auch wir hatten während der Entstehung von Perspective Daily eine längere Diskussion – wenn auch nicht so hitzig, wie meine Party-Gespräche – zum Thema Gendern. Teil des Ergebnisses ist dieser Text, mit dem wir über das Tool für das Thema des Geschlechterbewusstseins sensibilisieren möchten.

Was wir uns sonst noch überlegt haben, erfährst du in den Diskussionen.

Titelbild: Mario Purisic - CC0

 

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