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Warum immer mehr Unternehmen ihre Chefs abschaffen

11. April 2019
Themen:

Mitarbeiter wissen selbst am besten, worauf es bei ihrer Arbeit ankommt. Doch so viel Veränderung gefällt nicht allen.



Du hast da eine richtig tolle Idee. Sie bringt dein Unternehmen weiter, auch für die Kunden hat sie viele Vorteile. Das einzige Problem: dein Chef, der dich schon wieder ausbremst.

Oder du befolgst gewissenhaft alle Ansagen deines Vorgesetzten. Mit ihm kommst du gut klar, doch immer wieder grätscht die nächsthöhere Führungsebene rein, kassiert alles, was vorher beschlossen wurde; die ganze Arbeit umsonst. Diese Probleme kennen viele Unternehmen, sie kosten Zeit und Energie. Einige wollen das nun ändern. Selbstorganisation Der Gedanke der Selbstorganisation stammt aus der Systemtheorie und der Soziokratie. Er bedeutet im Kern, dass das, was eine Gruppe macht, aus ihr selbst heraus gestaltet wird, ohne Einflussnahme von außen. Im betrieblichen Kontext werden meist Ziele von anderen Firmenbereichen vorgegeben, die dann ein Team eigenverantwortlich umsetzt. In weitgehenderen Auslegungen kommen alle gestalterischen Maßnahmen aus der Gruppe selbst, eine Lenkung von außen geschieht durch das Interesse des Kunden an einem bestimmten Produkt. Die Soziokratie ist im Prinzip die Basis der heute viel zitierten Holokratie. heißt das Zauberwort, das mehr Mitbestimmung in den Arbeitsalltag bringen soll.

Urlaubsplanung unter Kollegen, Zusagen an den Kunden ohne Rückversicherung, neue Ideen einfach mal ausprobieren? Gefühlt die Hälfte der Kopfschmerzen im Arbeitsalltag fielen weg. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, Selbstorganisation zu leben. 2 davon habe ich mir angeschaut:

Einen Konzern, den jeder kennt und mit dem viele eine Hassliebe verbindet. Die »Verzögerungen im Betriebsablauf« haben bei den Kunden fast schon eine Art von bitter-süßem Kultstatus. Klar, dass die Bahn schon allein deswegen ein Interesse daran hat, unnötig lange Abstimmungswege zu vermeiden und darüber hinaus gern noch innovativer wäre – nicht nur bei den Verspätungsgründen. In der anderen Firma, der Alois Heiler GmbH, arbeitet der frühere Chef mit Hochdruck daran, sich auch noch als Inhaber selbst abzuschaffen. Stecken in diesen Firmen Lösungen für ein Arbeiten, das den Mitarbeitern weniger Stress und mehr Erfüllung bietet und sie so motivierter und produktiver macht?

Neue Wege auf alten Schienen

Die Deutsche Bahn ist zu spät, zu kaputt und jetzt musste sie auch noch verkünden, dass der Meldung auf »Spiegel Online« zum Gewinneinbruch der Deutschen Bahn (2019) Gewinn im Jahr 2018 um rund 30% gesunken ist. Sie ist aber auch ein Unternehmen, das neue Wege gehen will und das zuletzt immer wieder aufhorchen ließ, beim Meldung bei »Merkur« zum Wahlmodell, vereinbart zwischen der Gewerkschaft EVG und der Deutschen Bahn (2019) Lohn, aber auch bei der Einführung neuer Technik – so soll schon bald Künstliche Intelligenz dabei helfen, Aggressionen in Zügen selbstständig zu melden. Flexibel voranfahren, weg vom Image des alten Konzern-Kolosses. Wohin führen die neuen Wege im Bereich der Unternehmensorganisation? Stück für Stück werden seit Jahren Konzernsparten umgebaut, Agilität Die Idee der Agilität in Firmenteilen gibt es schon lange, durch die Digitalisierung hat sie jedoch einen höheren Stellenwert bekommen. Ursprünglich ging es dabei um die Idee, möglichst schnell auf Änderungen von Kundenwünschen reagieren zu können. Zuerst in der Industrie und später in der oft sehr komplexen Software-Entwicklung. Heutzutage werden ganze Unternehmen nach Maßstäben der Agilität umgebaut. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, in denen Teams anpassungsfähig und schnell auf Veränderungen von Anforderungen reagieren können. und Selbstorganisation gefördert. Etliche Führungskräfte werden dafür auf dem Papier entmachtet und in die Teams integriert. Der Gedanke dahinter: Wenn Mitarbeiter viele kleine Entscheidungen selbst treffen können, wird das Unternehmen flexibler und produktiver. Wenn kreative Köpfe einfach mal machen, ohne dass jemand hineinfunkt, der vielleicht nur stört, kommen dabei vielleicht mehr Innovationen heraus, die den Konzern weiterbringen.

Cornelius Fischer hat BWL und Kunstgeschichte studiert und anschließend als Berater gearbeitet. Seit 2006 ist er im DB-Konzern beschäftigt. – Quelle: Alexandra Winkler / Deutsche Bahn copyright

Cornelius Fischer ist Teil des Thinktanks »Digitalisierung und Technik«, Der Thinktank ist am Verantwortungsbereich der DB-Vorständin für Digitalisierung und Technik, Sabina Jeschke, angedockt. Sie ist seit Anfang 2018 im Amt. der die Veränderungsprozesse bei der Deutschen Bahn AG überblickt und vorantreibt. Dazu gehören auch neue Organisationsmethoden. Zusätzlich zu mehreren großen Umbauprozessen in ganzen Unternehmen des Konzerns, arbeiten bereits mehr als 150 Teams mit jeweils etwa 100 Mitarbeitern bei der Bahn nach neuen Methoden und weitgehend ohne formale Hierarchien. Dabei greifen sie auf Methoden wie Scrum oder Holokratie zurück.

Scrum

Scrum ist eine Methode aus der Software-Entwicklung. Die Unternehmensseite besteht aus dem Auftraggeber (Product-Owner), einem Koordinator (Scrum-Master), der das Team von außen unterstützt, und einem hierarchielosen Entwicklungsteam unterschiedlicher Spezialisten. Die Idealvorstellung ist, durch Kooperation statt durch Anweisungen ans Ziel zu kommen.

»Selbstorganisation verändert sehr stark die Art und Weise, wie wir führen«, sagt Fischer. »Sie bringt das, was wir klassischerweise als Demokratie bezeichnen, in die ja eher ›tyrannisch‹ organisierten Wirtschaftsunternehmen ein. Die Macht der Führungskräfte, insbesondere in Blue-Chip-Unternehmen, Als Blue Chips werden besonders wertvolle Unternehmen bezeichnet. Ursprünglich kommt der Begriff aus den USA, heutzutage werden aber sehr wertvolle Unternehmen weltweit so bezeichnet. Sie wurden nach den wertvollsten Chips beim Pokern in Casinos bezeichnet. In Deutschland gehören die DAX-Unternehmen in diese Kategorie, also BMW, Deutsche Bank, SAP und andere. nimmt zum Teil Ausmaße an, die man heute im privaten Kontext gar nicht mehr akzeptieren würde. Mit der Selbstorganisation ziehen wir das quasi wieder nach.«

Mitarbeiter des IT-Unternehmens DB Systel bei einem Workshop zum internen Transformationsprozess. – Quelle: DB Systel GmbH copyright

Eine Regionaltochter der DB AG, die Südostbayernbahn, hat vor einigen Jahren den Anfang gemacht, der Anstoß kam von oben. In sogenannten »Experimentierräumen« haben Teams neue Arbeitsmethoden getestet. Heute bekommen die verschiedenen Teams der Südostbayernbahn grobe Vorgaben und können selbst entscheiden, wie sie diese Ziele erreichen wollen. Die Firma wollte weg von Abteilungsleitern, die den anderen einfach Ansagen machen, hin zu schnellen Entscheidungen einzelner oder ergiebigen Diskussionen im Team über das richtige Vorgehen. Doch Demokratie hat im Konzern auch klare Grenzen: Wenn Selbstorganisation der Angestellten ihre Produktivität oder Innovationskraft steigert, hat sie größere Chancen, eingeführt zu werden; wenn die Firmenlenker aber der Meinung sind, dass bestimmte Aufgaben besser mit straffen Hierarchien funktionieren, dann bleibt es mitunter auch dabei.

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

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