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Haben Frauen wirklich weniger Interesse an Games?

Nein. Immer mehr Frauen wollen spielen – aber bei den Männern kommt das nicht an. So erobern Frauen das Gamepad.

3. Mai 2019  11 Minuten

Anfang April 5 Games, die uns etwas Einzigartiges beigebracht haben schrieb das Perspective-Daily-Team über digitale Spiele, die uns etwas Einzigartiges beigebracht haben. Da fiel einem Mitglied in den Diskussionen etwas auf:

Ist es Zufall, dass nur Männer ihre Lieblingsspiele vorgestellt haben, oder ist Computerspielen geschlechterspezifisch? – Jochen, PD-Mitglied

Ertappt. Während sich meist beide Geschlechter der Redaktion rege an Themen beteiligen, brachten sich die Frauen dieses Mal nicht ein. Zufall oder steckt mehr dahinter? Auch eine spontane Umfrage im Bekanntenkreis ergab dasselbe Ergebnis:

Eigentlich spiele ich nicht. Vielleicht mal ›The Sims‹ oder auf dem Handy. – Stefanie F.

Früher habe ich mit meinem Bruder gespielt. Heute ist das unter meinen Freundinnen einfach kein Thema mehr – da hat das Interesse aufgehört. – Gesa B.

Ich würde ja gern was zocken, doch das ist alles so brutal blutig. Waffen und Machomänner, da pass ich lieber. – Christine K.

Kann es tatsächlich sein, dass Games auch im Jahr 2019 noch ein »Jungsclub« sind, der viele Frauen abschreckt? Etwas spitzer gefragt: Haben digitale Spiele auch 5 Jahre nach dem Hashtag #Gamergate, Unter dem Hashtag #GamerGate diskutierten ab August 2014 diverse Personen der Spieleindustrie, Influencer und Gamer ein scheinbares Problem der Ausgewogenheit im Spielejournalismus. Obgleich es auch ernste medienkritische Stimmen gab, dominierten von Beginn an frauenfeindliche Stimmen und verwandelten die Debatte zu einer Belästigungskampagne gegen weibliche Perspektiven in der Spielebranche, unter anderem gegen die Entwicklerinnen Zoë Quinn und Brianna Wu sowie die Feministin Anita Sarkeesian. unter dem wütende Männer monatelang gegen weibliche Stimmen und Perspektiven im Gaming anschrieben, noch immer ein »Frauenproblem«?

Spoiler: Haben sie tatsächlich. Aber nicht mehr lange.

Ja, Frauen spielen – aber etwas anderes als Jungs

Schauen wir uns die Zahlen an. Fakt ist: Seit Jahren wächst der Anteil der Spielerinnen, auch hierzulande. Nach Die aktuellen Zahlen zu digitalen Spielen in Deutschland vom Verband der deutschen Spielebranche (2019) aktuellen Zahlen des Verbandes der deutschen Spielebranche nutzen in Deutschland fast so viele Frauen (48%) wie Männer (52%) digitale Spiele zur Unterhaltung. Das ist nur knapp unter dem Geschlechterverhältnis – 51% zu 49% für die Frauen. Eine gute Entwicklung, die beweist: Frauen wollen digital spielen.

Doch so einfach ist es nicht. Denn die Geschlechterunterschiede liegen in den Details: Warum etwa identifizieren sich Pew-Research-Center-Studie zu Gaming und Gamer (2015) 15% aller Männer als »Gamer«, aber nur 6% aller Frauen als »Gamerinnen«?

Die Spieleforscher des US-Beratungsunternehmens Quantic Foundry haben genauer hingesehen Die Ergebnisse der »Quantic Foundry«-Studie zur Geschlechterverteilung im Gaming (2017) und in einer Untersuchung aufgeschlüsselt, was Frauen wirklich digital spielen. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Tendenz:

Anteil von Frauen an Spielegenres

Anteil von Frauen an unterschiedlichen Spielegenres nach einer Quantic-Foundry-Studie mit 270.000 Befragten

Quelle: Quantic Foundry

Frauen zocken am liebsten Simulationsspiele wie The Sims »Die Sims« erschienen erstmalig im Jahr 2000 und sind mit 175 Millionen verkauften Exemplaren die am häufigsten verkaufte Computerspielreihe weltweit. Sie folgen dabei dem einfachen Spielprinzip, Häuser zu bauen, diese einzurichten und deren Bewohner, genannt »Sims«, zu versorgen. Ein finales Spielziel gibt es dabei nicht. Der Spieler hat die Aufgabe, für das Wohlbefinden der Sims zu sorgen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen und ihren Lebenslauf und ihre Beziehungen zu anderen Sims zu beeinflussen. oder Smartphone-Gelegenheitsspiele wie Bejewled Eine Reihe von Puzzlespielen, die zunächst für Browser veröffentlicht wurden. Bei diesen muss die Spielerin durch das Tauschen von benachbarten Kristallen auf einem Spielbrett eine Reihe von gleichfarbigen Kristallen erzeugen, die sich dann auflösen und Platz für neue machen. Nur eine kleine Anzahl interessierte sich für die Genres, die regelmäßig die Verkaufscharts und Best-of-Listen anführen und das sind, was wohl vielen beim Wort »Games« sofort in den Sinn kommt: Die Absatzzahlen der Games-Wirtschaft für das Jahr 2018 zeigen: Sportspiele und Shooter stehen ganz oben Sportspiele und Shooter. Anders formuliert: Der »Jungsclub« dominiert diesen Bereich.

Wie kann das sein?

Sabine Hahn hat einen Erklärungsansatz. Die Medienwissenschaftlerin schrieb ihre Dissertation über Gender und Gaming: Frauen im Fokus der Games-Industrie bei buch7 Gender und Gaming: Frauen im Fokus der Games-Industrie und arbeitete als Business Managerin bei Electronic Arts (EA), einem der weltweit größten Publisher für digitale Spiele. Sie liest aus den Zahlen die unterschiedlichen Tendenzen von Männern und Frauen beim Zocken: »Da scheint sich ein Stereotyp zu bestätigen – Frauen spielen eher kooperativ, Männer eher kompetitiv. Frauen erfreuen sich an Kreativität und Ästhetik, sie wollen etwas aufbauen. Männer hingegen haben vor allem Spaß an Adrenalin, Action und Abenteuer.«

Dass genau diese Action- und Sportspiele ganz oben in den Verkaufscharts rangieren, zeigt aber auch, dass Frauen noch immer weniger Eine ausführliche Analyse von Polygon, warum Games-Marketing traditionell vor allem auf Jungs abzielt (englisch, 2013) in die Zielgruppe der Marketingabteilungen fallen. Mehr noch, es scheint auch so, dass das Angebot an Games für sie insgesamt kleiner ausfällt.

Motivation bei digitalen Spielen: Männer

Was motiviert Männer und Frauen dazu, digitale Spiele zur Unterhaltung zu nutzen? Die 5 meistgenannten Gründe belegen: durchaus unterschiedliche Dinge.

Quelle: Quantic Foundry

Motivation bei digitalen Spielen: Frauen

Frauen motiviert etwas anderes als Männer.

Quelle: Quantic Foundry

»Die weibliche Zielgruppe wurde in der Spieleindustrie lange Zeit nicht ernst genug genommen«, analysiert Hahn. »Ich denke da etwa an das erfolgreiche Gartenbau-Simulationsspiel Das Garten-Simulationsspiel Miramagia Miramagia mit einer 90% weiblichen Zielgruppe. Vielleicht würden das 9 von 10 Männern belächeln. Doch das ist eine ernsthafte Gaming-Community mit sehr loyalen und aktiven Spielerinnen.«

Doch Hahn warnt auch vor einer Verallgemeinerung: »Es gibt kein Spiel, das nur für Männer oder Frauen ist. Und es gibt sicher auch Gamerinnen, die sich gegen diese Zuschreibungen wehren und die einfach einen Shooter spielen wollen.« Allerdings zeigen die Zahlen: Sie sind ganz klar in der Minderheit.

Daher kann es keine Lösung sein, darauf zu hoffen, dass sich nur mehr Frauen an männliche Spielgewohnheiten anpassen – oder eben bei den »Jungsclub-Genres« außen vor bleiben.


Wie reagieren Nicht-Gamerinnen auf digitale Spiele für Männer? Dazu habe ich unsere 3 Praktikantinnen gefragt, die folgende Spiele noch nie gespielt haben: das Westernepos »Red Dead Redemption«, das Kickerspiel »FIFA 2018« und den Ego-Shooter »Doom«

Um die Mehrheit der Frauen abzuholen, braucht es vor allem mehr und bessere Angebote. Das heißt auch, die Spieleindustrie muss sich ändern. Die gute Nachricht: Das tut sie bereits.

Neue Heldinnen braucht die Spielewelt

Titelbild: Andre Hunter - CC0

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Internet   Gesellschaft   Psychologie  

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