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»Meine Festnahme war wichtig!«

Homosexualität ist in seinem Land strafbar. Trotzdem gründete Hadi Damien die Beirut Pride. Am Tag gegen Homophobie, erzählt er uns, wie große Veränderungen möglich sind – trotz hohen Risikos.

Interview - 17. Mai 2019  11 Minuten

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Welche Strategien gegen Homophobie sind erfolgreich – vor allem in Ländern, die Homosexuelle kriminalisieren?

Im Jahr 2019 ist Homosexualität noch in Die »International lesbian, gay, bisexual, trans and intersex association« veröffentlicht jedes Jahr eine Weltkarte mit den Ländern, die Homosexualität immer noch kriminalisieren, und denen, die es nicht tun (englisch) 68 von 198 Ländern dieser Welt illegal. Mit einer Ausnahme Die Ausnahme wäre Jordanien. Dort wird Homosexualität im Strafgesetzbuch nicht kriminalisiert. Doch Homosexuelle sehen sich dort immer noch starker gesellschaftlicher Diskriminierung ausgesetzt. Auch Ägypten ist laut der Weltkarte der ILGA ein Land, in dem Homosexualität »defacto illegal« ist. Im Jahr 2017 schwenkten Konzertbesucher der libanesischen Band Mashrou’ Leila die Regenbogenflagge und wurden daraufhin festgenommen. Nach Razzien im Anschluss wurden Dutzende Personen inhaftiert. Redaktionelle Anmerkung: In diesem Klapper stand zuerst der Golfstaat Bahrain als Ausnahme. Dort ist Homosexualität trotz Legalisierung aber immer noch strafbar, da die Polizei LGBTIQ+ immer noch aktiv verfolgt. gilt das für alle arabischsprachigen Nationen. Doch in dem kleinen Mittelmeerstaat Libanon machen Aktivisten, Lobbyisten und Anwälte seit Jahren Fortschritte im Kampf gegen die staatlich institutionalisierte Homophobie.

Vor knapp 2 Jahren schrieb ich einen Artikel darüber, dass Homosexuelle im Libanon bald keine Verbrecher mehr seien. Vor Ort erzählten mir Aktivisten von ihren Strategien. Wie sie heute beispielsweise mit der Polizei kooperieren, die noch Jahre zuvor Analtests Im Jahr 2012 nahm die Polizei 36 Männer in einem Beiruter Kino fest. Um ihnen homosexuelle Handlungen nachzuweisen, mussten sie eine Rektaluntersuchung über sich ergehen lassen. Ärzteorganisationen halten die erniedrigende Pseudopraxis, bei der ein eiförmiges Objekt anal eingeführt wird, für nutzlos, weil sie keinen Beleg für gleichgeschlechtlichen Verkehr liefere. Außerdem erklärten Menschenrechtsaktivisten wiederholt, dass diese Analtests gegen die UN-Antifolterkonvention verstoßen würden. Das libanesische Justizministerium verbot im Jahr 2012 die Rektaluntersuchung bei Verdacht auf homosexuelle Handlungen. an Männern zugelassen hatte, um sie des gleichgeschlechtlichen Sexualverkehrs zu überführen. Eine komplett unsinnige Foltermethode. Auch gibt es immer mehr Richter, die Homosexualität nicht mehr strafrechtlich verfolgen. Das können sie aber. Der Artikel 534 im libanesischen Strafgesetzbuch – übrigens ein Relikt aus der französischen Mandatszeit – kriminalisiert den »widernatürlichen Sexualverkehr«.

In diesem arabischen Land sind Homosexuelle bald keine Verbrecher mehrWeiterlesen

534 muss weg! Dafür setzt sich Hadi Damien, der Gründer der größten arabischen LGBTIQ+-Plattform LGBTIQ+ ist die Abkürzung der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender, Intersexual und Queer. Dieser Begriff bezeichnet Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen – wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Körpers. mit all seiner Kraft ein. Seit dem Jahr 2017 organisiert er auch die gleichnamige Klick dich hier zur Website von »Beirut Pride« (englisch/arabisch) Beirut Pride in Beirut mit Veranstaltungen, um homosexuelles Leben im Libanon sichtbar zu machen. Letztes Jahr wurde er währenddessen festgenommen. Im Interview erzählt er, warum seine Festnahme wichtig war, wie Lobbyarbeit allen Widrigkeiten zum Trotz möglich ist und wie schwule Araber fetischisiert werden.

»Meine Festnahme war wichtig«

Du hast letztes Jahr die zweite Beirut Pride organisiert. Dann wurdest du in Gewahrsam genommen. Wie kam es dazu?

Hadi Damien: Ein paar Homophobe waren wohl nicht sehr glücklich darüber, dass in Beirut eine Pride stattfindet. Sie nahmen sich das Programm der dafür geplanten Events im Mai 2018 vor und schrieben es so um, dass unsere Veranstaltungen unmoralisch, sexuell aufgeladen und konspirativ wirkten. Sie benutzten auch beleidigende Worte wie »Schwuchtel«, »Kampflesbe«, »sexuelle Perversion«. Das gefälschte Programm schickten sie über Whatsapp an die Strafverfolgungsbehörden, die dann eine Razzia während der Beirut Pride durchführten, den laufenden Programmpunkt stoppten (es war eine Theaterlesung) und mich festnahmen. Ich wurde in Gewahrsam genommen und übernachtete auf der Polizeiwache. Ich bewies am nächsten Tag in einem Verhör, dass das Programm, das auf Whatsapp zirkulierte, nicht der Beirut Pride zugeschrieben werden konnte. Die Generalstaatsanwaltschaft Beirut entschied sich trotzdem dafür, alle weiteren Veranstaltungen der Beirut Pride 2018 zu untersagen. Der Generalstaatsanwalt ließ mich frei, bevor ein Strafverfahren gegen mich eingeleitet wurde. Übrigens: Die nächste Beirut Pride findet dieses Jahr vom 28. September bis zum 6. Oktober statt.

Hadi Damien im Gespräch während des Beirut Pride am 14. Mai 2017 auf der Station Beirut – Quelle: Sabrina Teggar copyright

Als ich dich vor diesem Interview auf den Vorfall angesprochen habe, hast du gesagt: »Meine Festnahme war wichtig« – was meintest du damit?

Hadi Damien: Sie hatten nicht einfach nur noch einen Homosexuellen verhaftet, sondern sich mit der größten LGBTIQ+-Plattform im arabischsprachigen Raum angelegt, über die in mehr als 16 Sprachen in 330 lokalen, regionalen und internationalen Medien berichtet wurde. Und wir haben diesen Vorfall zu unseren Gunsten genutzt. Zum Beispiel war es das erste Mal, dass sich Strafverfolgungsbeamte auf ein vernünftiges Gespräch über Homosexualität einließen. Sie alle hatten einen Schwulen erwartet nach einem Klischee, das unsere Medien über Jahre aufgebaut haben. Sie sagten sogar, dass sie »nicht erwartet hatten, dass ich so bin, wie ich bin«. Sie konnten sich also mal ganz individuell mit einem Homosexuellen auseinandersetzen. Während meiner Befragung erkannten sie, dass sie noch viel zu entdecken haben. Ihre Wahrnehmung geriet ins Wanken. Die Kommunikation verlief reibungslos, und sie erkannten, dass wir wie jeder andere Einwohner vollen Respekt und Schutz verdienen. Verstehen heißt aber noch nicht, dass sie sich auch dafür einsetzen werden.

Libanesische Künstler wie Khansa, Alexandre Paulikevitch, die beliebte Band Sieh dir hier das Video »Fasateen« von Mashrou’ Leila auf Youtube an (arabisch, 2010) Mashrou’ Leila sprechen sich öffentlich für die Rechte Homosexueller aus und männliche Bauchtänzer bekämpfen Geschlechterstereotypen. Hat dies Auswirkungen darauf, wie frei man als schwuler Mann im Libanon leben kann?

Hadi Damien: Khansa, Mashrou’ Leila und männliche Bauchtänzer wie Schau dir hier eine Performance des libanesischen Künstlers Alexandre Paulikevitch an (2012) Alexandre Paulikevitch, sind kulturelle Wenn nur alles so einfach wäre wie auf der Leinwand: Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Warum das unsere Realität total verdreht. Repräsentanten und erweitern den Raum für kulturelle Referenzen, in denen sich mehr und mehr Menschen wiederfinden. Wer sich nicht mit den heterosexuellen Narrativen identifiziert, dem können lokale, queere Künstler durch die gemeinsame Sprache eine Plattform bieten, um zu experimentieren und zu reflektieren. Ihre Arbeit geht gegen den Mainstream an, was vor allem die Jüngeren inspiriert. Darin kanalisiert sich Hoffnung, Kraft und Entschlossenheit. Wir werden scheitern, wenn sich junge Menschen alleingelassen fühlen, weil sie schwul, lesbisch, bi, trans*, intersexuell oder queer sind.

Die Lobby gegen Homophobie

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

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