Inhalt

Alles, was dir über die Geschichte dieses Kontinents erzählt wird, ist falsch

Links zum Artikel

9 Minuten

Alles, was dir über die Geschichte dieses Kontinents erzählt wird, ist falsch

16. Mai 2019
Themen:

Steinreiche Könige, aufgeklärte Philosophen und wagemutige Entdecker gab es in Afrika schon lange vor Krösus, Kant und Kolumbus. Dass du davon nichts weißt, hat seine Gründe.



Es war einmal ein Mann, der soll der reichste Mensch gewesen sein, den die Welt jemals gesehen hat. Wenn du ihn dir vorstellst, was siehst du? Einen jung gebliebenen Start-up-Gründer, lässig in Jeans und Sneaker? Einen Industriebaron oder Aristokraten aus dem 19. Jahrhundert? Einen Kaiser oder Sultan, vielleicht sogar den sagenumwobenen König Krösus? Der letzte König Lydiens, in der heutigen Türkei gelegen, lebte im 6. Jahrhundert vor Christus und ist heute vor allem für seinen angeblich enormen Reichtum bekannt. Tatsächlich hielt sich sein Reichtum wohl in Grenzen, aber die Erfindung von geprägten Goldmünzen unter seiner Regentschaft, die mit seinem Antlitz verziert im ganzen Mittelmeerraum Verbreitung fanden, begründeten die Legenden um seinen sagenumwobenen Wohlstand.

Die wenigsten würden wohl den Namen Musa I. raten, den Mansa Der Titel Mansa kann mit »Eroberer« übersetzt werden und wurde von allen Herrschern des Malireichs geführt. Musa I. war der zehnte Mansa. von Mali. Wie groß das Vermögen des westafrikanischen Herrschers aus dem 14. Jahrhundert genau war, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber vieles spricht dafür, dass Beitrag der BBC über Mansa Musa (englisch, 2019) Musas Reichtum bis heute nicht übertroffen wurde.

Der Reichtum Mansa Musas

Schon vor der Thronbesteigung durch Musa I. kontrollierte das Malireich einen erheblichen Anteil der weltweiten Goldförderung. Die Goldfelder von Bambuk und Bure produzierten etwa 250–500 Tonnen Gold im Jahr, heute ein Wert von bis zu 33,4 Milliarden Euro. Auch der Handel mit Salz und Sklaven trug zum Reichtum des Malireichs bei. Musa I. unternahm im Jahr 1324 eine Pilgerreise nach Mekka mit einer Reisegesellschaft von 60.000 Menschen. Während seiner Passage entlang der Mittelmeerküste verschenkte er so viel Gold, dass er den Mittelmeerraum in eine mehrjährige Inflation gestürzt haben soll.

Mit großer Sicherheit kann man sagen, dass Musa I. eine der Im Block-Museum in Chicago läuft derzeit eine sehr interessante Ausstellung über die Sahel-Königreiche (Englisch) bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit und der Menschheitsgeschichte gewesen sein muss. Sein Reich war 3-mal so groß wie Frankreich, die von ihm gegründeten Universitäten Die Universität Sankoré in Timbuktu beherbergte in ihrer Blütezeit bis zu 25.000 Studierende und die umfangreichste Sammlung von Manuskripten seit dem Verlust der Bibliothek von Alexandria. und Gotteshäuser sind teilweise bis heute in Benutzung und die von ihm geförderten islamischen Gelehrten haben die Religion nachhaltig geprägt. Trotzdem sucht man Musas Namen auch in deutschen Geschichtsbüchern heute vergeblich. Im Lehrplan für die Qualifikations- und Oberstufe an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen wird Afrika beispielsweise genau einmal ausdrücklich erwähnt: im Kontext »europäischer Entdeckungen, Eroberungen oder Reisen« in der frühen Neuzeit. In Yuval Noah Hararis Bestseller »Eine kurze Geschichte der Menschheit« spielt der Kontinent zwischen der Auswanderung der ersten Homo sapiens und der Kolonialzeit praktisch keine Rolle. Warum?

Gezielter Geschichtsimperialismus

Dass sich Mansa Musas Bekanntheit mit der von König Krösus heutzutage nicht messen kann, ist weder Einzelfall noch Zufall. »Geschichte wird von den Siegern geschrieben«, so der britische Offizier und Premierminister Winston Churchill. Unser heutiges Geschichtsverständnis wurde gezielt entwickelt, um Kolonialismus und Sklavenhandel zu rechtfertigen. Afrikas Geschichte wurde reduziert, verfälscht und angeeignet, um die Dominanz Europas über Afrika zu ermöglichen.

So war Musa I. seinen europäischen Zeitgenossen durchaus ein Begriff. Er wird etwa auf dem Katalanischen Weltatlas, einem Meisterwerk der mittelalterlichen Kartographie, das ca. im Jahr 1375 für den französischen König Karl V. hergestellt wurde, prominent dargestellt und beschrieben.

Daouda Keïta und Salia Malé vom malischen Nationalmuseum in Bamako – Quelle: Peter Dörrie copyright

»Die ersten europäischen Kontakte mit Subsahara-Afrika waren noch von der Suche nach neuen Möglichkeiten geprägt«, erklärt Daouda Keïta, Direktor des malischen Nationalmuseums, bei einem Interview in der malischen Hauptstadt Bamako. Händler aus Portugal und anderen Ländern erkundeten die afrikanische Küste auf der Suche nach Handelspartnern und begegneten den lokalen Herrschern anfangs so, wie sie sich auch an den Höfen europäischer Könige verhalten hätten. Die Könige der afrikanischen Reiche Jolof, Kongo und Mutapa bekamen durch die Könige Portugals etwa eigene Wappen zuerkannt.

Erst die Notwendigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung und Sklavenhandel zu rechtfertigen, veränderte die europäische Perspektive auf den Nachbarkontinent.

»Das koloniale Projekt hat ein wenig positives Bild von Afrika produziert«, sagt Salia Malé, Leiter für Forschung des malischen Nationalmuseums. »Das Projekt der Sklaverei und der Kolonialisierung haben im kollektiven Bewusstsein des Westens ein Bild von Afrikanern geschaffen, das die Beziehungen immer noch beeinflusst.«

Sein Chef, Daouda Keïta, stimmt ihm zu: »Die Geschichtsschreibung wird von westlichen Quellen und Interpretationen dominiert. Und die sind entstanden, um die angeblich ›zivilisierende‹ Herrschaft europäischer Missionare und Kolonialverwalter zu rechtfertigen.«

Die afrikanische Entdeckung Amerikas?

Sind die Afrikaner Christoph Kolumbus bei der »Entdeckung« Amerikas zuvorgekommen? Mansa Abubakari II., der direkte Vorgänger Mansa Musas I., war besessen von der Idee, dass jenseits des Atlantiks Land zu finden sei. Eine von Abubakari II. entsandte Expedition mit 200 Schiffen scheiterte, nur ein einziges kehrte zurück. Abubakari II. ließ daraufhin eine zweite Expedition ausrüsten, die er selbst anführte. Auch diese Expedition verscholl. Ob Abubakari II. Amerika erreicht hat, ist nicht überliefert.

Afrika vor der Kolonialisierung ab dem 17. Jahrhundert als einen »unzivilisierten« Kontinent zu beschreiben und die Europäer als Heilsbringer, das passiert auch heute noch in Deutschland. Von Experten, die es eigentlich besser wissen sollten.

Schlimm waren die Sklaventransporte nach Nordamerika. Auf der anderen Seite hat die Kolonialzeit dazu beigetragen, den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen. Hier schreibe ich über Günter Nooke Günter Nooke, Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin

Schlimmer noch: Dank Jahrhunderten Der englische König Karl II. vergab im Jahr 1672 das Monopol für den Export von Sklaven aus Afrika an die Royal African Company. Im Jahr 1886 einigten sich die Mächte Europas auf der Berliner Konferenz auf die Regeln der Kolonialisierung und teilten bis zum Jahr 1914 fast den gesamten Kontinent untereinander auf. Erst im Jahr 1975 gaben mit Portugal und Spanien die letzten europäischen Kolonialmächte ihre Ansprüche in Afrika auf, auch wenn Spanien, Frankreich und Großbritannien kleinere Enklaven und Inseln bis heute als Überseeterritorien besetzt halten. kolonialer Indoktrinierung und an europäischen Vorbildern orientierten Bildungssystemen ist auch vielen Afrikanern ihre eigene Geschichte kaum bewusst. »Alle Gesellschaften benötigen Mythen, um ihre Entwicklung und die Art und Weise zu rechtfertigen, auf die sie sich ihre Zukunft aneignen«, schreibt der senegalesische Autor und Ökonom Felwine Sarr in »Afrotopia«. In diesem Sinne bestimmt unser aller Verständnis der Geschichte Afrikas auch die Zukunft des Kontinents. Höchste Zeit also für 3 neue Perspektiven:

Titelbild: wikicommons - gemeinfrei

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich


Weitere Themen

Du willst mehr lesen?

Jetzt Mitglied werden ›