8 Minuten

Stell’ dir vor, es ist Krieg und du schaust zu

22. September 2016
Themen:

Blutverschmierte Kinder vor der Kamera haben bisher niemanden dazu bewegt, das Massensterben in Syrien zu beenden. Kann die Dokumentation »Die Weißhelme« über freiwillige Helfer in Aleppo noch etwas am Blutvergießen ändern?



Schwarzer Bildschirm. Das Röhren einer herabdonnernden Bombe ertönt. Dann der Einschlag. Ein paar Sekunden später erklingen gedämpft die Sirenen von Krankenwagen, Menschen rufen, schreien und erst jetzt beginnt das Video dazu. Es sind verwackelte Aufnahmen von einem Gebäude in Trümmern. 2 Männer rennen mit einer Trage in den Hauseingang. Im Inneren zeichnen sich im grauen Dunst die Umrisse von Helfern ab, die Kinder aus dem Haus tragen. Sekunden später donnert es wieder durch die Luft und vor der Kameralinse bersten die Wände.

Ortswechsel: Ein junger Mann spielt mit seiner 2-jährigen Tochter. Für sie knipst Khalid Fardi das Licht an seinem weißen Schutzhelm an und aus. Dann muss er los, zum Einsatz. Er küsst das kleine Mädchen zum Abschied. Sie heißt »Amal« – ihr Name bedeutet auf Arabisch »Hoffnung«. Khalid Fardi ist Mitglied der Hier geht es zur Internetseite der Weißhelme (englisch) Weißhelme in der syrischen Stadt Aleppo. Eine Gruppe von über 3.000 Freiwilligen, die in den vergangenen 4 Jahren laut eigenen Angaben knapp 60.000 Menschen in Syrien aus den Trümmern gerettet haben.

»Meine Familie ist mir sehr wichtig. Bei jedem Rettungseinsatz denke ich an sie.« – Khalid Fardi

Mit diesen beiden Szenen eröffnet die Netflix-Dokumentation Die US-amerikanische Plattform für Video-on-Demand verleiht nicht nur Filme, sondern produziert seit 2011 eigene Serien und Dokumentationen. »Die Weißhelme« sind eine von 4 Dokumentationen, die dieses Jahr erscheinen werden. »Die Weißhelme«. Seit dem 13. September 2016 ist sie online. In 40 Minuten zeigt die Dokumentation gnadenlos, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod in Aleppos Rebellengebieten ist. Die Aufnahmen entstanden größtenteils in der Türkei beim Rettungstraining der Weißhelme. Die filmische Dokumentation der Ereignisse in Aleppo stammt von den freiwilligen Helfern selbst.

Wir sehen eine Stadt im Krieg und Menschen, die noch in ihr leben. Es gibt viele Ebenen, auf denen solch ein Film besprochen werden kann: politisch, gesellschaftlich, inszenatorisch, um nur einige zu nennen. Der Zuschauer aus der Ferne hat aber meist weder einen Zugang zu der Situation vor Ort noch war er bei der Produktion anwesend. Was kann er also mitnehmen, außer dem bleiernen Gefühl der Hilflosigkeit? Welche Botschaft und Funktion kommunizieren diese Bilder aus dem Krieg?

Die Hintergründe

Seit 2012 fliegt das syrische Regime Bombenangriffe auf die Stellungen der bewaffneten Opposition in Aleppo. In diesen Gebieten leben aber nicht nur Kämpfer, sondern auch noch Zehntausende von Zivilisten. Die Stiftung Wissenschaft und Politik liefert Hintergrundinformationen zum russischen Militäreinsatz. Vor einem Jahr begannen russische Bomber mit den Luftangriffen. Eine 7-tägige Feuerpause ging gerade zu Ende, als Bomben am Montag einen UN-Hilfskonvoi zerstörten. Das syrische und russische Regime streiten ab, dass sie den Luftangriff auf den Konvoi ausgeführt haben. Die UN stellen vorläufig alle Hilfstransporte in Syrien ein, um zunächst die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu überprüfen. Dennoch wollen sich die Vereinten Nationen nicht aus dem Bürgerkriegsland zurückziehen. Die Bilanz des Krieges bis heute: Das sagte der Archäologe Mamoun Fansa von den »Freunden der Altstadt von Aleppo« im Interview Bis zu 70% der Altstadt von Aleppo sind zerstört und über 400.000 Menschen kamen laut den Vereinten Nationen in Syrien ums Leben.

»Der Kampfgeist unter den Weißhelmen ist immer stark. Wir sind immer bereit, auf Vorfälle zu reagieren.« – Abu Omar

Es hätten noch mehr Tote sein können, gäbe es nicht Hilfsorganisationen wie die Weißhelme. Die zivilen Ersthelfer, Männer und Frauen, sind nach Bombenangriffen zur Stelle, um Menschen aus den Trümmern zu bergen. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurden sie durch ihre Nominierung für den Friedensnobelpreis 2016. Medienberichten zufolge wurden die White Helmets für den Friedensnobelpreis nominiert. Klarheit darüber gibt es aufgrund des Nominierungsverfahrens nicht: Das Norwegian Nobel Commitee, das die Preisträger aus den Vorschlägen auswählt, veröffentlicht vorab keine Liste der Nominierten. Seitdem stehen sie stark im Fokus der Berichterstattung über Syrien.

Jetzt sind sie sogar die Protagonisten einer Netflix-Dokumentation des britischen Regisseurs Orlando von Einsiedel. Mit seinen Dokus aus Afghanistan, Nigeria und Äthiopien wurde er bekannt. 2015 war er mit »Virunga« für den Oscar nominiert. Dabei begleiteten Orlando von Einsiedel und sein Produktionsteam 3 Parkwächter im Kongo, die das Reservat der Berggorillas vor bewaffneten Wilderern schützen. »Die Weißhelme« ist seine erste Kriegsdokumentation.

Die Weißhelme beim Training in der Türkei: Dieser Teil der Dokumentation hebt sich bildinszenatorisch von den Filmaufnahmen in Aleppo ab, da das Produktionsteam mit dem Regisseur Orlando von Einsiedel vor Ort sein konnte – Quelle: Netflix copyright

»Alles Propaganda!«

Die Dokumentation wurde in 190 Länder und 21 Sprachen veröffentlicht. Die ersten Reaktionen darauf sind gespalten: Die Huffington Post hat sich in Internetforen umgeschaut und bespricht die Propagandavorwürfe gegen die Weißhelme (englisch) Der Trauer und Entrüstung auf der einen Seite steht der Vorwurf »Alles nur Propaganda!« gegenüber.

Vor allem die Tatsache, dass die Weißhelme in den Rebellengebieten agieren, rief viele Kritiker auf den Plan. Sie behaupten, die Freiwilligen stünden Terroristengruppen nahe. Tatsächlich arbeiten die Weißhelme in Gebieten, in denen auch Anhänger der radikal-islamistischen Nusra-Front vermutet werden. Diese hat sich erst im August 2016 von der al-Qaida losgesagt. Die Nusra-Front wurde vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als Terrororganisation eingestuft. Im Juli 2016 sagte sich ihr Anführer Abu Mohammad al-Dschaulani in einer Videobotschaft von dem Terrornetzwerk al-Qaida los und benannte die Gruppe in »Jabat Fatah al-Sham« um. Medien stuften das als einen Imagewechsel zugunsten der bewaffneten Opposition ein. Denn die Nusra-Front kämpft in weiten Teilen der Rebellengebiete mit der moderaten Freien Syrischen Armee. Obwohl sie eine radikal-islamistische Ideologie vertritt, kooperiert sie nicht mit dem selbsternannten Islamischen Staat. Diese Unvereinbarkeit lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass sich die Nusra-Front hauptsächlich aus Syrern zusammensetzt und nationale Interessen verfolgt, während der IS mit ausländischen Kämpfern nationale Grenzen verwischen möchte. Wie beeinflussbar die Rebellen von radikal-islamistischen Ideologien sind, bespricht dieser »Qantara«-Artikel Seit 2012 hat die Nusra-Front auch Teile der bewaffneten Opposition islamisiert.

»Ich fand es besser, humanitäre Hilfe zu leisten, als bewaffnet zu sein. Besser ein Leben retten als eines nehmen.« – Mohammad Farah

Die Dokumentation konzentriert sich sehr auf die persönlichen Beweggründe der Männer, für die Weißhelme zu arbeiten. Wer die Gruppe finanziert und in der Türkei trainiert, erläutert die Dokumentation nicht. Tatsächlich gründete der ehemalige britische Infanterieoffizier James Le Mesurier die Weißhelme 2013. Aktuell unterstützt er sie weiterhin mit seiner Hier geht es zur Internetseite der Nichtregierungs-Organisation (englisch) niederländischen Nichtregierungs-Organisation (NGO) »Mayday Rescue«, deren Finanzierung und Abhängigkeit nicht transparent ist.

Die internationale Verschränkung der Freiwilligen öffnet Tür und Tor für Spekulationen. Dabei lassen sich Propaganda und Krieg nicht voneinander trennen: »Kriege sind Sondersituationen, in denen eine allgemeine propagandistische Kommunikationslage sich noch einmal ganz stark zuspitzt. Es wird mit Techniken gearbeitet, wo Wahrheit und Lüge sehr eng miteinander verwoben sind«, stellt Medienprofessor Kai Hafez Professor Kai Hafez ist einer der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen/Kommunikationskulturen. Er forscht unter anderem zu den politischen Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt, zur medialen Darstellung von Muslimen im Westen, zur Auslandsberichterstattung und zu Medienstrategien im Nahen Osten. von der Universität Erfurt klar. Manipulationen von Akteuren, die in Verbindung mit Kriegsparteien stehen, können also erst nach einem Krieg genau untersucht werden. Dafür müssen die Kampfhandlungen aber erst einmal beendet werden.

»Das ist keine Fiktion!«

Die Frage nach der Propaganda setzt einen sehr nüchternen Umgang mit der Kriegsdokumentation voraus. Die humanitäre Katastrophe in Syrien tritt dabei in den Hintergrund.

Wie schwer ist es, der Außenwelt Bilder vom Krieg zu zeigen? Eine Dokumentarfilmerin, die sich ebenfalls Propagandavorwürfe anhören musste, ist die Libanesin Carol Mansour. Ihre Dokumentation Der Trailer zu Carol Mansours Kriegsdokumentation; Achtung: Gewalttätige Darstellungen (englisch) »A Summer Not to Forget« (»Ein Sommer, der nicht vergessen werden sollte«) zeigt die Auswirkungen des Israel-Libanon-Krieges 2006 im Libanon. Die Ereignisse damals: Nachdem die libanesische Hisbollah-Miliz 2 israelische Soldaten entführt hatte, flog Israel für 34 Tage Luftangriffe auf von der Hisbollah dominierte Regionen. Und sie bombardierte den Beiruter Flughafen und Seehäfen im ganzen Land. Die NGO Human Rights Watch spricht von 1.109 Kriegsopfern im Libanon (englisch) Über 1.000 Zivilisten und Kämpfer kamen ums Leben.

Carol Mansour: »Im Krieg wurde ich fast verrückt, also nahm ich meine Kamera und begann zu filmen, was ich sah.« – Quelle: Forward Film Production/ Carol Mansour copyright

»Das ist keine Fiktion«, stellte Carol Mansour zu Anfang ihrer Doku klar. Denn wie in »Die Weißhelme« zeigte sie die zivilen Opfer des Krieges ungefiltert: Frauen, Männer und Kinder, tot oder schwer verwundet. »Die Bilder waren so voller Gewalt, dass ich mich dazu gezwungen sah, zu sagen: Das ist keine Fiktion, das ist die Realität«, erklärt sie heute im Interview.

10 Jahre nach den Ereignissen fragt sie sich, ob diese Bilder überhaupt noch eine Wirkung haben: »Wir sind so unsensibel geworden. Hoffentlich ist das nicht überall so. Aber ich glaube, da wir jeden Tag Zugang zu solchen Bildern haben, haben wir uns daran gewöhnt.«

Dabei spricht Carol Mansour auch über die Bilder aus Syrien. Eines der eindrücklichsten Fotos der letzten Monate war das des 4-jährigen Omran, den ebenfalls die Weißhelme in Aleppo aus einem bombardierten Gebäude retteten. Schnell wurde der Junge zur Ikone des Syrienkrieges, millionenfach in sozialen Netzwerken geteilt und in fast jeder Nachrichtensendung weltweit präsentiert. Sie nannten ihn »Eine Erinnerung an den Schrecken des Krieges« und »Das Napalm-Kind seiner Generation«. Die Titel stammen von englischen Artikeln des Sendernetzwerks CNN und der Onlineseite NEW YORK DAILY NEWS. Omrans Foto wird hier mit dem ikonischen Bild des Vietnamkriegs verglichen, das 1972 nach einer Napalm-Attacke aufgenommen wurde. Es zeigt, wie die damals 9-jährige Phan Thi Kim Puc nackt und schreiend die Straße nahe der Stadt Trang Bang in Vietnam hinunterrennt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier sprach sich damals für eine Luftbrücke aus Kurz sprachen Politiker, auch in Deutschland, sogar über eine Luftbrücke für humanitäre Hilfe. Dann verstummten sie wieder.

Eine Zukunft für Syrien

Vor allem die ikonischen Bilder geben wenig Mut. Zeigen sie doch nur, was in Syrien nicht möglich ist, nämlich die Gewalt endlich zu beenden. Eine andere Perspektive nimmt die Dokumentation über die Weißhelme ein. Mit jedem geretteten Menschenleben beweisen sie, was im Zusammenhang mit dem Syrienkrieg fast unmöglich scheint: Eine Zukunft für Syrien, in der diese Menschen eines Tages leben werden.

Ein Beispiel ist eine Geschichte, die uns in Aleppo passierte. 2 Fassbomben wurden über al-Ansari abgeworfen. Von der ersten wurde eine Reihe von Menschen verletzt, doch von der zweiten wurden sehr viele getötet. – Mohammad Farah

Wir gingen in das Gebiet. Es war wie ein kleines Dorf aus 10 Häusern und alle Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht. – Khalid Fardi

Ich dachte, ich würde unter dem Schutt nach einem toten Baby suchen. Doch Ehre sei Gott. Es war uns nicht bestimmt, das Gebiet zu verlassen, ohne etwas zu hören. Als ich ein Baby hörte … hatte ich ein unbeschreibliches Gefühl. (…) Nach 16 Stunden unter dem Schutt lebte ein Baby noch, das keinen Monat alt war … unter dem Staub … unter der Decke, die über ihm eingestürzt war … – Abu Omar

Wir nannten es das ›Wunderbaby‹. – Mohammad Farah

Bei ihrem Training in der Türkei treffen die Weißhelme das »Wunderbaby«, 2 Jahre nach seiner Rettung, wieder – Quelle: Netflix copyright

Die Rettung und das Motiv geben Hoffnung – zumindest den Zuschauern, die sich für diese Botschaft öffnen. Natürlich prallt in den Diskussionen über die Weißhelme der Wunsch nach mehr Information auf pure Emotion. Dabei vergessen beide Seiten: Die perfekte Geschichte aus dem Krieg, die die Weltöffentlichkeit überzeugt, endlich eine Lösung für den Syrienkrieg zu fordern – es kann sie nicht geben.

Die Funktion einer Dokumentation ist es, einen Teil der Geschichte zu dokumentieren. Im besten Falle übertreibt sie nicht, aber das kann der Zuschauer aus der Ferne nicht beurteilen. Den Krieg kann er allein auch nicht beenden. Aber die Hoffnung, versinnbildlicht durch die Weißhelme, kann innerhalb und außerhalb Syriens konstruktiv sein. Leben zu retten ist menschlich und konstruktiv, in welchem Kontext es auch immer geschieht. Denn es zeigt, dass es eine Zukunft für diese geretteten Syrer geben soll. Davon ausgehend könnten konkrete Visionen und Vorschläge für die Zukunft Syriens ein entscheidender Hebel sein, um den Krieg zu beenden.

Anmerkungen der Redaktion: Am 22. September 2016 wurde bestätigt, dass »Die Weißhelme« den alternativen Nobelpreis erhalten werden. Am 26. Februar 2017 erhielt die Dokumentation »Die Weißhelme« einen Oscar in der Kategorie »Documentary (Short Subject)«.

Titelbild: Screenshot aus der Netflix-Dokumentation »Die Weißhelme« - Netflix - copyright

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.


Weitere Artikel für dich


Weitere Themen

Diesen Artikel schenkt dir Perspective Daily.

Jetzt Mitglied werden ›