»Flugscham« ist kein Modewort – die Schweden fliegen wirklich weniger

Vor ein paar Monaten wurde viel über Flugscham diskutiert, den schwedischen Trend zum klimafreundlichen Reisen. Jetzt gibt es erstmals Zahlen, die ihn belegen.

PD Daily - 11. Juni 2019  3 Minuten

Chile ist von Europa aus betrachtet verdammt weit weg. Wer dorthin reisen will, kommt wohl kaum um eine Flugreise herum, es sei denn … man lässt wochenlange Strapazen über sich ergehen. Genau das hat Greta Thunberg im Dezember vor, wenn sie per Schiff den Atlantik queren und einmal über den amerikanischen Kontinent fahren will, um an der dpa-Meldung bei Welt.de zu Greta Thunbergs Plan, erst ein Jahr später aufs Gymnasium zu gehen und zu Wasser bzw. Land nach Chile zu reisen (2019) Weltklimakonferenz in Chile teilzunehmen. Die 16-Jährige ist inzwischen wohl die bekannteste Klimaschutz-Aktivistin des Planeten und hat schon ziemlich lange Bahnfahrten auf sich genommen, um den Mächtigen der Welt die gebotene Eile beim Klimaschutz abzuverlangen.

Aber Greta Thunberg ist bei Weitem nicht die einzige Schwedin, die dem Klima zuliebe auf Flugreisen verzichtet: Vor ein paar Monaten berichteten viele internationalen Medien, Ich habe anhand von Daten berechnet, welches Potenzial allein eine Inlandsflugscham in Deutschland hätte auch PD, über einen schwedischen Trend namens »flygskam« (schwedisch: »Flugscham«). Verbunden mit diesem Schlagwort wird die klimaschädlichste Art des Reisens gesellschaftlich geächtet und das eigene Klimabewusstsein mit dem Hashtag #jagstannarpåmarken (schwedisch: »Ich bleib am Boden«) zur Schau gestellt. Schöne Posts sind das eine, aber jetzt gibt es erstmals seit dem Hype um »Flygskam« harte Zahlen. Sie belegen, dass Flugscham nicht nur ein leeres Versprechen ist, sondern dass die Schweden auch tatsächlich eher am Boden bleiben.

Im April 2019 traten knapp über 1 Million Menschen einen Flug innerhalb Schwedens an – das sind satte 15% weniger als ein Jahr zuvor. In sämtlichen Fluggastdaten der schwedischen Luftfahrtbehörde Swedavia zum 1. Quartal 2019 (schwedisch, PDF) Daten der schwedischen Luftfahrtbehörde Swedavia für das erste Quartal ist ein Rückgang der Flüge im Vergleich mit dem Jahr 2018 zu erkennen. Und das, obwohl viele Schweden von Jahr zu Jahr mehr reisen. In der Umfrage, die ich im Absatz drunter erwähne, gaben 22% der Befragten an, dass sich ihr Reiseaufkommen in den vergangenen 3 Jahren erhöht hat.

Der große Gewinner ist die Bahn. Die nationale schwedische Pressemitteilung der schwedischen Eisenbahn SJ zum Flygskam-Effekt (schwedisch, 2019) Eisenbahngesellschaft SJ verzeichnete im vergangenen Jahr 31,8 Millionen Fahrgäste, das sind 1,5 Millionen mehr als im Jahr 2017. Und im ersten Quartal 2019 gab es noch mal ein Plus um weitere 8%, der Aufwärtstrend hält also an. Dazu passen die Ergebnisse einer Umfrage, Die repräsentative Umfrage mit 1.000 Teilnehmenden wurde im März 2019 durchgeführt. Einige Ergebnisse hat die SJ in einer Pressemitteilung (schwedisch) veröffentlicht. die das schwedische Meinungsforschungsinstitut Sifo im Auftrag der SJ durchgeführt hat. Darin hat sich gegenüber dem Herbst 2017 der Anteil der Reisenden fast verdoppelt, die lieber den Zug wählen als das Flugzeug. In der aktuellen Umfrage gaben 37% an, den Zug im Gegensatz zum Flugzeug zu bevorzugen – vor anderthalb Jahren lag dieser Wert bei 20%. Beim Auto ist derselbe Trend etwas schwächer, geht aber in die gleiche Richtung: 27% bevorzugten in diesem Frühjahr den Zug gegenüber dem Auto – im Gegensatz zu 20% im Herbst 2017. Die Umfrage besagt auch, dass 8 von 10 Schweden glauben, dass sie mit ihrem individuellen Verhalten etwas für das Klima tun können.

So planen Schwed*innen ihre Urlaubsreise

In den Umfragen lässt sich ein deutlicher Schwenk erkennen, mit welchem Verkehrsmittel die Schwed*innen immer häufiger in den Sommerurlaub fahren – und mit welchem lieber nicht mehr.

Quelle: Sifo / SJ

In Deutschland hingegen vermeldeten die hiesigen Flughäfen 2018 einen neuen Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts zur Passagierentwicklung im Luftverkehr 2018 (2019) Passagierrekord von 122,6 Millionen und einen Zuwachs um 4,2%. Immerhin ist das Plus im Eisenbahn-Fernverkehr mit 4,4% noch ein bisschen dicker, trotz der zahlreichen Verzögerungen im Betriebsablauf Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts zur Passagierentwicklung im Eisenbahn-Fernverkehr 2018 (2019) nutzten 149 Millionen Menschen ICE- und IC-Züge. Und ein zweiter Blick in die Flugstatistik offenbart, dass vor allem die Verbindungen ins europäische Ausland häufiger gebucht wurden (+6,1%). Auf inländischen Strecken ging die Nachfrage sogar leicht zurück Das Minus liegt aber nur im Nachkommastellenbereich: Im Jahr 2018 wurden 23,5 Millionen Fluggäste inländisch befördert – im Gegensatz zu 23,7 Millionen im Vorjahr. – vielleicht ist das also doch schon ein winziger Flugscham-Effekt auch in Deutschland.

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Titelbild: W - CC0

von David Ehl 

Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

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