Mit Hashtags die Welt verändern? Das muss kein Traum bleiben

Das weiß Ali Can, der im letzten Jahr #MeTwo startete. Jetzt schreibt er ein Buch – auch für die, die noch nicht kapieren, wie Rassismus funktioniert.

24. Juli 2019  6 Minuten

Es fing an mit einem Foto. Darauf zu sehen sind 2 Männer, die ein Fußballtrikot in die Kamera halten. Der junge Mann links strahlt stolz, der rechte schaut streng und staatstragend. Die Männer sind Mesut Özil, ehemaliger deutscher Fußballnationalspieler, und Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Präsident. Das Bild entstand vor der WM 2018. Darauf folgte ein Shitstorm, der sich nach dem WM-Aus der Nationalelf noch einmal aufblähte: Özil wurde on- und offline rassistisch beschimpft und Aus der BILD: »Kosmos Özil. Er pilgerte nach Mekka und liebt eine Miss Türkei« (2018) medial zum Exoten gemacht.

In den Augen von Grindel Reinhard Grindel war bis April 2019 Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren. Lies hier das ganze Statement im Wortlaut (2018) Mesut Özils Statement zum Austritt aus der Nationalelf

Der Sozialaktivist Ali Can fühlte sich an viele Situationen in seinem Leben erinnert, in denen er selbst auf einen Aspekt seiner Identität reduziert wurde. Und er wusste: In Deutschland geht es vielen anderen auch so. Mit dem Hashtag #MeTwo rief er Betroffene vor genau einem Jahr dazu auf, ihre Rassismuserfahrungen öffentlich zu machen.

In der ersten Woche nach dem Start des Hashtags auf Twitter Über den Online-Kurznachrichtendienst können Nutzer kurze Beiträge mit maximal 280 Zeichen veröffentlichen. Der Name der Plattform leitet sich vom englischen Wort für »zwitschern« – »to tweet« – ab. Ein Retweet beschreibt das Teilen einer Kurznachricht. nahmen mehr als 40.000 Nutzer an der Debatte über Rassismus teil, Die Informationen stammen von CorrelAid, einem Netzwerk aus Datenanalyst*innen. Für ein Datenprojekt haben sie sich mit der Entwicklung von Hashtag MeTwo in sozialen Medien beschäftigt über 100.000 Tweets kamen in diesem Zeitraum zusammen. Medien berichteten weltweit, es folgten jede Menge Podiumsdiskussionen zum Thema Alltagsrassismus. #MeTwo war auch zu Gast bei der Digitalkonferenz re:publica in Berlin. Ein Fazit des Panels: Es bewegt sich etwas, es muss sich aber noch vieles daran ändern, Schaut euch hier die ganze Podiumsdiskussion an (2019) wie unsere Gesellschaft mit Rassismus umgeht.

Im Interview zieht Ali Can nach einem Jahr #MeTwo Bilanz.

Können soziale Medien die Realität verändern?

\interview

Was hat #MeTwo bewirkt?
Ali Can: #MeTwo hat einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass sich der Diskurs über Rassismus weiterentwickelt hat. Das erste Mal haben wir, die von Rassismus betroffen sind, wochenlang die Aufmerksamkeit auf uns gezogen und berichtet, wie es uns geht, Und so begann Hashtag MeTwo bei Perspective Daily – höre dir hier meinen Podcast mit Ali Can an was da mit uns passiert. Das Konstruktive dabei war, dass die Mehrheitsgesellschaft nicht nur unsere Geschichten, sondern auch den Wunsch gelesen hat, dass wir uns in Deutschland zugehörig fühlen möchten.

Titelbild: re:publica - CC BY-SA

von Juliane Metzker 

Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Münster und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.

Themen:  Deutschland   Aktivismus   Gesellschaft  

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