Muss man nackt in den Alpen fasten, um zu sich selbst zu finden?

Sicher nicht. Aber ich habe es trotzdem ausprobiert.

25. Juli 2019  6 Minuten

Ich stehe allein in 1.600 Metern Höhe auf einer Lichtung an einer Bergkante. In meinem Rücken liegt ein einsamer Wanderweg, dahinter der Wald. Ich schaue ins Gebirgstal und sehe keine Menschenseele. Es ist der 3. Tag, an dem ich nichts gegessen habe. Mein genaues Zeitgefühl habe ich längst verloren. Eigentlich müsste es bald dämmern, dann soll ich mit einem Ritual den letzten Tag der Fasten- und Schweigezeit feiern.

Doch ich zweifle daran, was ich hier überhaupt tue: Selbstfindung und Fasten? In der Natur sein und mein Leben ordnen? Allein beim Wort »Ritual« dreht sich mir der Magen um. Aber vielleicht ist es auch der Durchfall, der mich quält.

Dabei bin ich extra in die italienischen Alpen gefahren, um an einem »Visionssuche«-Seminar teilzunehmen. Es soll mir dabei helfen, meinen Alltag zu vergessen und mich ganz auf mich selbst zu konzentrieren.

An diesem Abend bin ich in erster Linie frustriert und verunsichert. Ich beschließe, zu den anderen im Camp zurückzugehen. Ich breche ab, weil ich daran zweifle, dass das hier ein effektiver Weg ist, meine Richtung im Leben zu finden.

Ob ich überhaupt weitermachen will, weiß ich nicht. Was soll das alles bringen?

Warum sich Menschen auf Sinnsuche begeben

Das »Visionssuche«-Seminar findet jährlich für 3 Wochen in den italienischen Alpen statt. Organisiert wird es von der Die »Visionssuche« bei der BUNDjugend NRW BUNDjugend für 10–15 Teilnehmende, meist eher Jugendliche. In einem »Workcamp« bilden sie eine Gemeinschaft, lernen Selbstwahrnehmung und wie sie in der Natur zurechtkommen. Den Abschluss bildet eine »Solozeit« Diese Zeit verbringt man allein. Während der 4 Tage campieren die Teilnehmenden in der Natur in selbst gebauten Zelten aus Planen und Seilen, verzichten auf Nahrung, trinken nur Quellwasser und dürfen keinen Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. allein im Wald. Begleitet und geführt werden die Teilnehmenden von erfahrenen Gruppenleiterinnen. Meine »Visionssuche« wurde von 3 ausgebildeten »Visionssuche«-Leitenden begleitet, die zuvor mit Jugendgruppen gearbeitet haben, außerdem von einer Psychologin und einem Auszubildenden. Der Aufenthalt ist eine Mischung aus Camping, Naturerfahrung und Überlebenstraining. Und natürlich der Suche nach mehr – eine Sinnsuche.

Aber was hoffe ich dabei eigentlich zu finden?

Die kurze Antwort: Ich weiß es selbst nicht.

Die lange Antwort gibt mir später Tatjana Schnell. Die Psychologin arbeitet an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Empirische Sinnforschung und untersucht, wie Menschen ihrem Leben Sinn geben.

Sie weiß, was Menschen wie mich zu solchen Erfahrungen treibt:

Wenn ich auf Sinnsuche bin, heißt das, ich habe gerade kein stabiles Fundament. Deshalb fühlen sich Menschen in Phasen des Umbruchs oder der Krise im Leben dazu berufen – besonders häufig im Alter zwischen 20 und 30. – Tatjana Schnell, Psychologin

Tatsächlich sind viele der Teilnehmenden in den Alpen in dieser Altersspanne, auch ich. Doch während sie sich den »großen Fragen« stellen und ihren Lebensweg ändern wollen, verraten diese Suchenden dabei vor allem etwas über sich selbst, so die Psychologin. Es gehe bei Sinnsuche weniger um konkrete Antworten als darum, sich – vielleicht zum ersten Mal – wertfrei den aktuellen Zustand vor Augen zu führen. Darum, Warum Grübeln deine Probleme nicht löst, zeigt Katharina Ehmann die eigene Komfortzone zu verlassen und sich selbst wahrzunehmen.

Doch dazu bin ich am Tag meiner Niederlage im Wald noch nicht bereit. Dafür spüre ich auf andere Weise eine Wirkung des BUNDjugend-Seminars: Das Erleben in der Natur zwingt mich dazu, meine körperlichen Grenzen auszuloten. Ohne den Schutz des Alltags mit all seinen Ablenkungen durch Hier zeigt dir Gastautor Lutz Bergmann Wege zum besseren Umgang mit deinem Smartphone auf Smartphones, Termine und Gewohnheiten muss ich mich hier all den Unsicherheiten, Ängsten und Gefühlen in mir stellen.

Ich habe die schützenden Hüllen der Zivilisation abgestreift – wortwörtlich.

Illustration: Mirella Kahnert

Wie nackig im Wald sein mir geholfen hat

Am Tag darauf befinde ich mich wieder allein im Wald. Ich habe einen Rucksack dabei, aber bis auf die Unterhose bin ich nackt. Unter meinen Füßen spüre ich den weichen, moosigen Waldboden, an meinem Körper jede Brise und auch die ersten Regentropfen.

Meine Sinne sind geschärft und meine Gedanken drehen sich um die Fragestellung, mit der ich in den Wald geschickt wurde: Was bedeutet Schutz eigentlich für mich?

Da grollt der erste Donner durch die Berge – ein Gewitter. »Ich möchte hier doch nicht draufgehen!«, denke ich und suche nach Schutz unter den Bäumen. Einzelne Bäume sind bei Gewitter ein Risiko als Zuflucht, da sie wahrscheinlicher vom Blitz getroffen werden. Dann zucken Blitze über den Horizont und ich merke deutlich, dass ich mittendrin stecke in meiner Selbsterfahrung. Ich wollte mich meinen Ängsten stellen.

Aber muss man sich dafür überhaupt in so eine Extremsituation begeben?

Die kurze Antwort: Verdammt, ja!

Für die Psychologin Tatjana Schnell Maren Urner fragt: Macht deine Arbeit Sinn? ist es der Alltag, der einem Veränderungsprozess im Weg steht, »weil wir so eingebunden sind in Notwendigkeiten oder Möglichkeiten der Berieselung.«

Deshalb fühlten sich Sinnsuchende vor allem zu Reisen oder Wanderungen hingezogen, erklärt sie – auch wenn man dabei nicht gleich nackt durch Alpenwälder laufen muss:

In gewisser Weise hat man das bei anderen Reisen wie dem Pilgern auch, dieses Ausgesetztsein. Es führt dazu, dass man an seine körperlichen Grenzen kommt und dadurch die Möglichkeit hat, das Bewusstsein zu verändern oder seine Weltanschauungen zu überprüfen. – Tatjana Schnell, Psychologin

Neu ist das nicht – ganz im Gegenteil. Tatjana Schnell nennt es »eine Art Übergangsritual«, das in vielen Kulturen bekannt ist und dort einen wichtigen Lebensabschnitt markiert. Vielleicht haben moderne Gesellschaften dieses Bedürfnis nach Übergangsritualen nur verlernt.

Doch dieser Gedanke hilft mir wenig, als ich zitternd unter einem Baum inmitten eines Alpengewitters stehe. Wonach suche ich hier?

Illustration: Mirella Kahnert

Warum Sinnsuche im Trend ist – und wo sie wirklich hilft

Fest steht: Ich bin nicht der einzige Suchende. Die Suche nach Sinn ist voll im Trend. Ein »Visionssuche«-Seminar ist bei Weitem nicht das einzige Angebot: Macht uns Meditation zu Egoisten? Ein Pro & Contra Meditationsreisen, Klostergänge, Sabbaticals, Reisen auf dem Jakobsweg oder auch das Interesse an Ratgeberliteratur zeigen, dass da ein Bedürfnis ist.

Der Anthropologe Benjamin Berend glaubt, dass der Trend zur Sinnsuche mit Veränderungen Maren Urner fordert: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang! einer sich beschleunigenden Informationsgesellschaft zusammenhängt, was auch der Boom von Forschungsfeldern wie der Positiven Psychologie zeigt. Die »Positive Psychologie« beschäftigt sich damit, das Leben eines Menschen zu verbessern, statt nur ein Symptom zu lindern oder eine Krankheit zu heilen. Statt also nur einen negativen Zustand ausgleichen zu wollen, möchte die »Positive Psychologie« zudem neutrale Zustände verbessern.

Herkömmliche Orientierungsmuster sind dabei in westlichen Zivilisationen auf dem Rückzug: etwa Religion oder Diese PD-Autor*innen finden: Neue Traditionen braucht das Land! Traditionen. Kaum jemand lässt sich sein Handeln von Gott und den 10 Geboten vorgeben, und kaum jemand übernimmt noch den Job der Eltern als vorgestanzten Lebensweg. So stoßen gerade Jugendliche nach der klar strukturierten Schulzeit auf eine neue Herausforderung: Wie findet man einen Lebensweg, wenn so wenig vorgegeben ist? Hierbei kann ein wenig angeleitete Sinnsuche helfen.

Die Psychologin Tatjana Schnell geht sogar noch einen Schritt weiter: Selbst gewählte Auszeiten mehrmals im Leben erscheinen ihr sinnvoll.

Vor oder nach einer beruflichen Umorientierung, einer Trennung oder vielleicht auch einem Umzug kann es hilfreich sein, sich zunächst klarzumachen, welche Ziele man verfolgen möchte und welche Intention hinter der Veränderung im Leben steht. – Tatjana Schnell, Psychologin

Warum dein Lebenslauf mehr Luft zum Atmen braucht, erklärt Stefan Boes Wer diese Pausen wahrnimmt, für den kommen dann Sinnsuchen ins Spiel – so wie für mich. Das Gute daran: Auf einer organisierten Sinnsuche ist man mit seinen Erfahrungen nie allein. Und gerade die Gemeinschaft hat mir den Halt gegeben, nach dem ich gesucht habe.

Illustration: Mirella Kahnert

Was ich in den Alpen an neuem Sinn gefunden habe

Am Abend sitze ich im Camp mit den anderen im Kreis. Das Gewitter steckt mir noch in den Knochen, als die Ersten beginnen, über ihren Tag zu sprechen – jeder darf ausreden, Zuhören ist mehr als nur still sein. Wie es richtig geht, erklärt Katharina Ehmann niemand wird unterbrochen. Alles andere ist erlaubt.

Damit sollen wir ganz bei uns selbst ankommen und in der Gruppe unsere eigene und die persönlichen Geschichten der anderen besser kennenlernen. Marleen erzählt, diese Reise sei schon ihre zweite »Visionssuche«. Jannis teilt offen seine Sorgen darüber mit, dass das alles hier doch eine Sekte sei.

Dann bin ich an der Reihe. Ich fühle meine Emotionen hochkommen, bevor ich überhaupt sprechen kann. Unter Tränen teile ich meine Erlebnisse der Gruppe mit. Ich bin ehrlich zu mir selbst. Die anderen akzeptieren das. Während der Sternenhimmel über dem Camp erwacht, spüre ich zum ersten Mal hier oben Halt in mir.

Was habe ich dabei gelernt?

Die kurze Antwort: mich zu verändern.

Die lange Antwort: Die »Visionssuche« war für mich eine Herausforderung. Ich habe mich der Natur gestellt und im grollenden Donner unter Bäumen ausgeharrt.

Wenn man immer seine eingefahrenen Routinen geht, sich in der Komfortzone aufhält und nicht dem Neuen aussetzt: Woher sollen dann die Wachstumsimpulse kommen? – Benjamin Berend, Anthropologe

Ich habe Ängste abgelegt und Fehler eingestanden. Ich habe akzeptiert, dass wir Menschen nicht perfekt sein können. Und ich habe in der Natur der Alpen gelernt, dass ich mehr bin als mein Selbstbild oder meine Gewohnheiten – und noch mehr werden kann.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Pascal Kornatz 
ascal Kornatz hat Ende 2018 und Anfang 2019 Perspective Daily mit einem Praktikum unterstützt. Er studiert Germanistik im Master in Bonn. Der theoretischen Last des Studiums setzt er allerlei Praxis entgegen: Neben der Visionssuche hat er zum Beispiel auf einem Bauernhof einen Freiwilligendienst absolviert, gibt ökologische Jugendseminare und eröffnet mit Freunden dieses Jahr in Dortmund den Unverpackt-Ort »Frau Lose«.
Themen:  Psychologie   Gesellschaft  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich