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Warum die »Bekämpfung von Fluchtursachen« nicht so funktioniert, wie sich das alle vorstellen

Und was wirklich hilft.

6. September 2019  4 Minuten

Das Wort »Fluchtursachenbekämpfung« darf heutzutage in keiner Rede und keinem Beitrag über Migration und Jedes Jahr reisen Tausende junger Menschen nach Afrika, Asien und anderswo, um dort freiwillig zu arbeiten. Hilft das vor Ort? Entwicklungszusammenarbeit fehlen. Peter Dörrie räumt hier mit 5 Irrtümern über die »Flüchtlingskrise« in Europa auf Spätestens seit 2015 scheint es auch einen Grundpfeiler der deutschen Außenpolitik zu bilden. Ganze 7 Mal kommen Varianten des Begriffs im Koalitionsvertrag vor, gefolgt von Forderungen nach Hier findest du den Koalitionsvertrag als PDF (2018) »mehr Mitteln für Entwicklungszusammenarbeit« und neuen »Zukunftsperspektiven«.

Dabei meinen die Politiker meist nicht nur Fluchtursachen im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention, Laut der Genfer Flüchtlingskonvention sind Flüchtlinge all jene, die »aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung« die Heimat verlassen. Für Migration gibt es keine einheitliche Definition von offizieller Stelle. »Migrant« ist auch kein Fachwort im deutschen Aufenthaltsrecht. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass Migranten ihre Heimatländer freiwillig aus familiären oder beruflichen Gründen verlassen. Mehr Informationen zu Begrifflichkeiten rund um Flucht, Migration und Zuwanderung findest du in diesem Glossar der Konrad-Adenauer-Stiftung. also Gewalt und Verfolgung; sie haben vor allem auch Die Diskussion, wer Migrant ist und wer nicht, polarisierte schon bei der Entwicklung des Migrationspakts wirtschaftliche Entwicklung im Kopf.

Aber reicht es aus, wenn sich die Perspektiven in den Herkunftsländern verbessern, damit weniger Menschen irregulär migrieren müssen? Frei nach dem Motto: Je mehr Geld jemand hat, desto seltener verlässt er seine Heimat.

So einfach funktioniert das nicht – aus 2 Gründen.

1. So sieht der Migrationsbuckel aus

Der erste ist der sogenannte »Migrationsbuckel«, den es zu bezwingen gilt. US-amerikanische Ökonomen haben dafür folgende Frage gestellt: Wie hängt der Anteil der Bevölkerung eines Landes, der nicht (mehr) innerhalb des Heimatlandes lebt, mit der Wirtschaftskraft des Landes zusammen? Um eine Antwort zu erhalten, haben sie Bevölkerungsstatistiken der Vereinten Nationen und der Weltbank aus 6 Jahrzehnten und mehr als 150 Ländern ausgewertet.

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick überraschend: Die meisten Migranten kommen nicht aus sehr armen, sondern aus sich wirtschaftlich entwickelnden Ländern.

Bei den ärmsten Ländern ist der Anteil der Migranten am niedrigsten – aus einem einfachen Grund: Viele können sich eine Auswanderung schlicht nicht leisten. Der Anteil der Migranten steigt dann in Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 8.000–10.000 US-Dollar pro Jahr. In diesem Bereich liegen beispielsweise die Ukraine oder Marokko. Danach fällt der Migrationsanteil wieder ab.

Wie entsteht der Migrationsbuckel?

Die Grafik zeigt den Migrationsbuckel mit Daten aus dem Jahr 2000. Die Auswanderungsquote eines Landes beschreibt das Verhältnis zwischen den Menschen, die im Land geboren wurden, aber außerhalb wohnen, und der Gesamtbevölkerung. In Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen unter 2.000 US-Dollar ist die Auswanderungsquote nur ein Drittel so hoch wie in Ländern mit einem Einkommen ab 5.000 US-Dollar. Ab einem Einkommen von 8.000 US-Dollar zeichnet sich wieder ein Rückgang der Migration ab.

Quelle: Institute for the Study of Labor

Was bedeutet das konkret für die Entwicklungszusammenarbeit? Der einfachste Schluss wäre: Mehr Geld für arme Länder führt zu mehr Migration. Statistisch gesehen belegt das der Migrationsbuckel – doch der Gedanke greift zu kurz und blendet die vielschichtigen Gründe aus, aus denen Menschen ihre Heimat verlassen. Und im schlimmsten Fall kann der Migrationsbuckel so von rechten Kräften missbraucht werden, um gegen die Zahlung dringend benötigter Hilfsgelder zu argumentieren.

2. Menschen fliehen nicht für Geld

Damit wären wir beim zweiten Grund, warum wirtschaftliche Entwicklung allein viele Menschen nicht daran hindert, zu migrieren: Mehr Gründe dafür, warum man aus dem Migrationsbuckel keine simplen Strategien ableiten sollte, erfährst du hier (2017, PDF) Armut ist gerade bei irregulärer Migration nicht allein die Ursache für Flucht.

Menschen wandern aus Ländern des globalen Südens aus, in denen ein demografischer Wandel stattfindet und gleichzeitig Bildungschancen steigen. Also dort, wo mehr junge, teilweise ausgebildete Menschen nach beruflichen Perspektiven suchen, die sie nicht finden werden. Weitere Treiber können Korruption, fragile Staatlichkeit, fehlende Rechtsstaatlichkeit und Eigentlich wollte Isa aus seinem gewalttätigen Umfeld fliehen. Doch er blieb, weil er eine Chance bekam Menschenrechtsverletzungen sein. Ab einem Bruttoinlandsprodukt, das höher als 10.000 US-Dollar ist, zeigt der Migrationsbuckel, dass mehr Menschen in ihren Ländern bleiben.

Geberstaaten müssen sich klarmachen, dass Entwicklungszusammenarbeit allein kein Hebel für Migration sein kann. Es geht vielmehr darum, Migration so zu regulieren, dass sie sicher, regulär und geordnet passieren kann. Davon haben nämlich alle Seiten mehr und vor allem jene, die ihr Leben riskieren. Diese 4 Dinge können dabei helfen:

1. Reguläre Migration nach Europa

Es wird immer Menschen aus dem globalen Süden geben, die nach Europa einwandern. Deshalb sollten sichere Wege gefördert werden. Davon könnten alle Seiten profitieren. Für Migranten ist es die Chance auf einen wirtschaftlichen Aufstieg, von dem auch europäische Länder mit Fachkräftemangel profitieren können.

Erfahre hier mehr darüber, wie sichere Wege nach Europa gestaltet werden können:

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2. Migration innerhalb von Ländern und Kontinenten

Wenn Menschen ihre Heimat verlassen, dann zieht es sie in den seltensten Fällen auf einen anderen Kontinent. In den allermeisten Fällen bleiben sie in ihrem Heimatland oder ziehen in benachbarte Länder. Auch diese Art von Migration sollte mehr Unterstützung finden.

3. Förderung von »Good Governance«

Hier findest du die Forschungsergebnisse: »Targeted Foreign Aid and International Migration: Is Development-Promotion an Effective Immigration Policy?« (englisch, 2017, PDF) Amerikanische Forschungsergebnisse legen nahe, dass »Good Governance«, also gute Regierungsführung, einen großen Einfluss auf Migration hat. Wenn die staatlichen Strukturen stabil sind, unterstützt das die Menschen vor Ort. Um die zu erreichen, muss die Vernetzung auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene gestärkt werden.

4. Familien vor Schocks bewahren

Die wenigsten Menschen im globalen Süden verfügen über eine ausreichende Kranken- und Sozialversicherung oder über große Ersparnisse. Wenn der Job weg ist, der Sturm das Haus zerstört oder die Ernte ausfällt, brechen Lebensgrundlagen weg. Vor solchen Schocks müssen Familien geschützt werden – beispielsweise durch günstige Versicherungen oder Programme, die bei Arbeitslosigkeit helfen.

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Titelbild: Franck V. - CC0

von David Wünschel 

David Wünschel macht seinen Master in »Development Studies«. Nebenbei schreibt er über Nachhaltigkeit und auf seinem Blog »Fernweh nach Welt« über das Reisen.

Themen:  Frieden & Krieg   Flucht   Europa  

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