Maren Urner

Ignorieren wir Probleme oder ignorieren wir Fortschritte?

7. März 2016
7. März 2016

Stimmt unser Weltbild mit der Realität überein? Die täglichen Nachrichten sind voller Krieg und Elend, sorgen für Stress und lassen uns oft hilflos zurück. Das geht auch anders.

Schlagen wir die Zeitung auf, scheint die Sache klar zu sein: Der Welt geht es schlecht, wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Die Wirtschaft kriselt, das Klima gerät aus den Fugen und der Krieg klopft an Europas Tür.

Selbst »die Guten« scheinen nicht mehr an das Gute in der Welt zu glauben: spricht von einer »alarmierenden Verbreitung von Unvorhersehbarkeit und Straflosigkeit« in vielen Teilen der Welt: Die Zukunft scheint ungewisser denn je, statt Gerechtigkeit herrscht Willkür vor.

sind laut der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) aktuell aus ihrer Heimat vertrieben. Der Klimawandel hat schon jetzt Einfluss auf unser Leben: Ernteausfälle durch Unwetter und Überschwemmungen Städtenamen verändern ihre Bedeutung: Köln, Paris und Clausnitz stehen nicht mehr für Karneval, Liebe und einen kleinen Ort in Sachsen, sondern für sexuellen Missbrauch, Terroranschläge und Fremdenfeindlichkeit.

Geht es uns tatsächlich so schlecht? Wie haben sich zum Beispiel Alphabetisierung, Kindersterblichkeit und die Anzahl der Todesfälle durch Naturkatastrophen in den letzten Jahren entwickelt?

Ein kleiner Test mit 3 Fragen hilft dabei, das eigene Weltbild mit der Realität abzugleichen – und die eigenen Ergebnisse mit denen von rund 1.000 Deutschen zu vergleichen:

Zu negatives Weltbild weltweit verbreitet

Die 3 Fragen sind Teil des sogenannten der schwedischen Gapminder-Stiftung. Insgesamt umfasst der Test 10 Fragen, die sich alle auf weltweite Entwicklungen beziehen.

Egal in welchem Land der Test bisher durchgeführt wurde, die Ergebnisse sind überall ähnlich: Auch in England, Norwegen, Schweden, den USA und Südafrika haben die Menschen

Der schwedische Gesundheitswissenschaftler und Mitgründer der kämpft gegen die beobachtete »verheerende Ignoranz gegenüber fakten-basierten Weltanschauungen«.

Hans Rosling in seinem Element – Quelle: Neil Fantom CC BY

Dafür sucht er zunächst nach den Ursachen – und wird in der Berichterstattung der Medien fündig:

»Die meisten Menschen erklären sich die Welt, indem sie persönliche Erfahrungen verallgemeinern. In den Medien werden ‚berichtenswerte‘, ungewöhnliche Ereignisse übertrieben dargestellt und

Nur weil gefühlt jede Woche über zahlreiche Tote durch Naturkatastrophen berichtet wird, heißt das nicht, dass die tatsächliche Anzahl der Todesopfer steigt.

Wo kommt unsere Ignoranz her?

Worauf basieren unser Weltbild und unsere Einschätzungen? Unsere direkte Umgebung, die wir selbst und direkt wahrnehmen, schätzen wir meist realistisch ein: nicht zu gut und nicht zu schlecht. Das liegt daran, dass wir die Dinge selbst wahrnehmen, uns mit den betroffenen Menschen direkt austauschen.

Für alles andere sind wir auf die Arbeit von Journalisten angewiesen: Alle Eindrücke, die wir nicht selbst und direkt wahrnehmen, erreichen uns durch den medialen Filter. Dabei werden »Fakten« stets durch die »Sensationsfilter« vieler Medien vorsortiert.

der Branche auf Einzelereignisse bemängelt auch der »Die Art und Weise, in der wir Nachrichten konsumieren, lässt sich ein wenig so beschreiben: Uns werden circa 40 Bücher immer wieder vorgelegt, wir dürfen aber immer nur einen Satz lesen – dann wird uns das Buch wieder weggenommen.«

Diese »Sätze« sind meist negativ – und dominieren Zeitung, Fernsehen, Radio und Online-Medien.

Schlechte Nachrichten bevorzugt: Wer ist am Negativ-Fokus vieler Medien schuld?

nachgewiesen: zur wirtschaftlichen Berichterstattung etwa zeigt, dass auf jeden Artikel, der positiv über den deutschen Arbeitsmarkt berichtete, 5 bis 10 negative Artikel veröffentlicht wurden – und das, obwohl die Arbeitslosigkeit im untersuchten Zeitraum gefallen war. Die Arbeitslosigkeit sank von 9,3% im Dezember 2000 auf 7,3% im September 2008. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich nicht um eine graduelle Verbesserung handelt, sondern zunächst (bis März 2005) ein Anstieg der Arbeitslosenquote beobachtet wurde.

Der unter Medienmachern bekannte Slogan »Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten« und die vergleichbare englische Variante scheinen also befolgt zu werden. Woher kommt die Vorliebe für negative und Schreckens-Nachrichten?

Besser ängstlich und am Leben als fahrlässig und tot?

In Zeiten von Säbelzahntigern und Mammuts konnte jede verpasste »negative Nachricht« das Überleben kosten – sie war eine lebensrettende Warnung.

Auch im 21. Jahrhundert steckt dieser Reflex noch in uns. Ist unsere Gesundheit oder gar unser Hab und Gut bedroht, können uns Warnungen vor Gefahren schließlich helfen, all das zu beschützen.

Sind wir deshalb am Ende sogar selber schuld? Haben wir die freie Wahl zwischen Nachrichten mit positivem und negativem Fokus, bevorzugen wir nachweislich häufig die weniger rosigen Themen mit einem Das gilt zumindest für politische Nachrichten.

Ein weiterer möglicher Grund für den Hang zum Negativen: die Dominanz von Männern in den Medienhäusern. Tatsächlich publizieren Zeitungen mit überwiegend

Folge des Negativ-Fokus: Gelernte Hilflosigkeit

Unsere Gene machen uns also empfänglich für Gefahren und Bedrohungen. In unserer Medienwelt führt diese Vorliebe zu einem Fokus auf negative Nachrichten und damit zu einem verzerrten Weltbild bei uns. Und was ist jetzt das Problem daran?

Es beeinflusst unser Verhalten: Wenn beispielsweise alle von einer reden, bekommen wir Angst um unseren Job und geben weniger Geld aus. Die Folge: Der Konsum nimmt ab, die Rezession tritt tatsächlich ein.

Das ist nicht alles: Die regelrechte Bombardierung mit negativen Schlagzeilen kann langfristig zu gelernter Hilflosigkeit führen, einem psychischen Phänomen: Betroffene hören auf, sich gegen negative Einflüsse zu wehren –

Auf die Medien übertragen heißt das: Leser, Hörer und Zuschauer Sie werden zu tatenlosen Zuschauern, wenn vor ihren Augen und Ohren schlimme Dinge passieren und über solche berichtet wird. Im schlimmsten Fall entwickeln sie Depressionen.

Frustriert über die Berichterstattung wenden sich manche Menschen bewusst von der Nachrichten-Flut ab. In seinem Plädoyer nennt der Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli ganze für seine persönliche »Nachrichten-Diät«. Dobelli spricht sich nicht gegen jede Form der Berichterstattung aus, sondern gegen den News-Journalismus, der von den zahlreichen Zeitungen und Fernsehkanälen betrieben wird und sich auf kurze Beiträge beschränkt. Er ist für eine kritische Berichterstattung, die die Komplexität der Welt ans Licht bringt.

Was ist die Alternative?

Erster Schritt: Erklären und einordnen

Die Medien abschaffen? Weder die News-Abstinenzler noch Initiativen wie Gapminder kämen auf die absurde Idee, das zu fordern. Stattdessen plädieren sie für eine andere Art der Berichterstattung – und die ist nicht mal neu.

Eine Berichterstattung, die erklärt. Die komplexe Zusammenhänge anschaulich verdeutlicht. Die nicht beim Nennen von Problemen stoppt, sondern auch Lösungen diskutiert. Die langfristige – häufig positive – Entwicklungen und Beispiele aus der Geschichte mit aufgreift.

Dann bekommen Fragen wie die nach der weltweiten Kindersterblichkeit und der Alphabetisierung eine andere Wendung. Eine Wendung weg von der pauschalisierenden »Früher war alles besser«-Floskel, die irgendwo zwischen Nostalgie und Missmut schwebt.

Wie sieht zum Beispiel eine kurze, einordnende Darstellung von Kindersterblichkeit und Alphabetisierung aus?

Kindersterblichkeit:

Vor knapp 180 Jahren erreichten von 1.000 in geborenen Kindern fast die Hälfte (474) das 5. Lebensjahr nicht. Im Jahr 1865 waren es sogar mehr als die Hälfte (539).

Die größte Herausforderung bei der Messung solcher Faktoren ist der Zugang zu verlässlichen Daten. Verschiedene Quellen nutzen nicht selten unterschiedliche Standards, zum Beispiel bei der Messung von Armut und dem Verschieben von Landesgrenzen. Das führt natürlich zu unterschiedlichen Ergebnissen. Für die Kindersterblichkeit liegen vergleichsweise gute Daten vor – wenn auch nicht für alle Regionen und Jahre.

Quelle: Gapminder-Stiftung (verschiedene Quellen) –

Lese- und Schreibfähigkeit:

Für uns ist es selbstverständlich lesen und schreiben zu können. Die Definition der Lese- und Schreibfähigkeit stammt von der UNESCO aus dem Jahr 1985: Diese schließt jeden ein, der in der Lage ist, einen kurzen, einfachen Text über sein eigenes Leben zu lesen und zu schreiben. Vor circa 200 Jahren war das noch anders: Nur jeder 8. Mensch konnte ein Buch lesen und einen Brief schreiben. Süd- und Südost-Asien und der Mittlere Osten (alle circa 75%) weltweit die Ausnahme.

Quelle: Our World in Data (verschiedene Quellen) –

Warum ist Bildung so wichtig? Je höher das Bildungsniveau einer Gesellschaft, desto wichtiger werden Wissenschaft und Kreativität. Dieser Zusammenhang wurde Die beiden Sozialhistoriker Buringh und Van Zanden haben die Lese- und Schreibfähigkeit von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis 1800 für 10 europäische Länder rekonstruiert. Ihre Ergebnisse zeigen, wie die Anzahl gebildeter Menschen in Europa der Entwicklung moderner Gesellschaften vorausgeht.

Und das hat wiederum Die Fähigkeit lesen und schreiben zu können, gibt uns Kontrolle über unser Leben. Und eröffnet uns die Welt zahlreicher Freizeitaktivitäten, vom Lesen einer Spielanleitung hin zum Besuch im Museum oder Zoo. Indirekt steht eine höhere Bildungsrate in der Bevölkerung mit niedrigerer Kriminalität, höherer politischer Stabilität und besserer Gesundheit in Verbindung.

Konstruktiver Journalismus für eine vollständigere Berichterstattung

Wie gut der lösungsorientierter und konstruktiver Journalismus funktionieren kann, zeigen vor allem internationale Projekte. Zum Beispiel in Seit Dezember letzten Jahres gibt es sogar einen Lehrstuhl in den Niederlanden – besetzt von der Dänin Cathrine Gyldensted.

Für den Konstruktiven Journalismus gilt: Das Diskutieren bereits umgesetzter Lösungen und möglicher neuer Ansätze gehört zu einer vollständigeren Beschreibung der Realität. Nehmen wir an, der Journalismus sei ein Werkzeugkasten mit Hammer, Schraubenzieher und Säge. Dann ist der Konstruktive Journalismus einfach ein zusätzliches Werkzeug neben den anderen. Zusätzlich zu den klassischen W-Fragen – Was?, Wer?, Wie?, Wann? und Wo? – stellt er auch die Fragen: Warum? und Wie kann es weitergehen?

Quelle: Martin Abegglen CC BY

Ist das nicht Kampagnen-Journalismus? Wird so nicht nur über Positives berichtet? Fragen, mit denen Vertreter des Konstruktiven Journalismus gern konfrontiert werden. Eine lösungsorientierte Berichterstattung ist natürlich nicht objektiv und neutral. Aber problemorientierte Berichterstattung ist das ebenso wenig. Denn Objektivität im Journalismus ist ein Mythos. Sobald ich ein Thema aus der Fülle aller Themen auswähle, bin ich subjektiv, wähle manches aus und verschweige anderes.

Mehr noch: Die meisten »Fakten« ergeben isoliert wenig Sinn. Der Kontext und die Fragen, die ein Journalist stellt, ordnen die Situation ein. Wenn zum Beispiel Griechenland im Vergleich mit anderen Industrieländern als Meister der Schwarzarbeit beschrieben wird, mag das faktisch stimmen. Die Frage ist: Hat diese scheinbar neutrale Information noch dieselbe Bedeutung, wenn auch erwähnt wird,

Was Bienen mit Lösungen zu tun haben

Der Konstruktive Journalismus sammelt international nicht nur stetig neue Anhänger, sondern inspiriert auch Wissenschaftler: Sie untersuchen Auswirkungen einer konstruktiven Berichterstattung auf die Medien-Konsumenten.

Der direkte Vergleich zwischen Artikeln, die Lösungen diskutieren und solchen, die es nicht tun, zeigt: Die Beiträge mit Lösungen steigern das Interesse am Thema und das Gefühl, mehr vom Thema verstanden zu haben. Leser haben außerdem ein höheres Bedürfnis, die lösungsorientierten Texte mit anderen Menschen zu teilen und

Je ängstlicher, trauriger und besorgter ein Text die Leser macht,

Konkret heißt das: Kriegsgeschehnisse und das Verschwinden der Bienen allein führen zu einer geringeren Handlungsbereitschaft als das zusätzliche Erwähnen von Friedensgesprächen und Lösungen für die Rückkehr der Bienen.

Ein weiteres Ergebnis: Denn online

Eine mögliche Erklärung: Gegenüber Freunden und Kollegen wollen wir lieber der Überbringer von positiven Nachrichten sein. Es geht um Anerkennung. Und die bekommen wir eher, wenn wir Aufbauendes und beeindruckende Nachrichten überbringen.

Ja, die Welt ist nicht rosa-rot!

Ja, wir stehen vor großen Herausforderungen: Klimawandel, Ressourcen-Knappheit, Fremdenfeindlichkeit und Ungleichheit. Und ja, nicht alles wandelt sich ständig zum Positiven. Aber: Deshalb den Kopf in den Sand stecken?

Das hilft niemandem weiter. Wenn wir den Glauben an mögliche Verbesserung verlieren, bleiben wir zynisch und passiv zurück. Konstruktiver Journalismus steht genau für diesen Glauben. Für den Glauben, dass sich Dinge zum Guten verändern können, wenn wir uns dafür einsetzen und Lösungen diskutieren.

Und das Beste daran: Sich gemeinsam mit anderen neugierigen Menschen für eine bessere Zukunft einzusetzen, kann auch noch Spaß machen.

Titelbild: Glen Noble - CC0

 

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