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Maren Urner

Ignorieren wir Probleme oder ignorieren wir Fortschritte?

7. März 2016
7. März 2016

Stimmt unser Weltbild mit der Realität überein? Die täglichen Nachrichten sind voller Krieg und Elend, sorgen für Stress und lassen uns oft hilflos zurück. Das geht auch anders.

Schlagen wir die Zeitung auf, scheint die Sache klar zu sein: Der Welt geht es schlecht, wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Die Wirtschaft kriselt, das Klima gerät aus den Fugen und der Krieg klopft an Europas Tür.

Selbst »die Guten« scheinen nicht mehr an das Gute in der Welt zu glauben: Der aktuelle Jahresbericht von Amnesty International zum Download (englisch) Der aktuelle Bericht von Amnesty International spricht von einer »alarmierenden Verbreitung von Unvorhersehbarkeit und Straflosigkeit« in vielen Teilen der Welt: Die Zukunft scheint ungewisser denn je, statt Gerechtigkeit herrscht Willkür vor.

Die wichtigsten Daten zur weltweiten Flüchtlingslage (englisch) 59,5 Millionen Menschen sind laut der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) aktuell aus ihrer Heimat vertrieben. Der Klimawandel hat schon jetzt Einfluss auf unser Leben: Studie zum (möglichen) Einfluss des Klimawandels auf die weltweite Ernährungssicherheit (englisch, 2013) Ernteausfälle durch Unwetter und Überschwemmungen bedrohen vor allem ärmere Länder, wirken sich aber auch auf unseren Speiseplan aus. Städtenamen verändern ihre Bedeutung: Köln, Paris und Clausnitz stehen nicht mehr für Karneval, Liebe und einen kleinen Ort in Sachsen, sondern für sexuellen Missbrauch, Terroranschläge und Fremdenfeindlichkeit.

Geht es uns tatsächlich so schlecht? Wie haben sich zum Beispiel Alphabetisierung, Kindersterblichkeit und die Anzahl der Todesfälle durch Naturkatastrophen in den letzten Jahren entwickelt?

Ein kleiner Test mit 3 Fragen hilft dabei, das eigene Weltbild mit der Realität abzugleichen – und die eigenen Ergebnisse mit denen von rund 1.000 Deutschen zu vergleichen:

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Zu negatives Weltbild weltweit verbreitet

Die 3 Fragen sind Teil des sogenannten Alle Ergebnisse des Ignoranz-Tests in Deutschland (englisch, 2014) »Ignoranz-Tests« der schwedischen Gapminder-Stiftung. Insgesamt umfasst der Test 10 Fragen, die sich alle auf weltweite Entwicklungen beziehen.

Egal in welchem Land der Test bisher durchgeführt wurde, die Ergebnisse sind überall ähnlich: Auch in England, Norwegen, Schweden, den USA und Südafrika haben die Menschen Übersichtsseite mit allen Testergebnissen vom Ignoranz-Test (englisch) ein zu negatives Weltbild.

Der schwedische Gesundheitswissenschaftler und Mitgründer der Gapminder-Stiftung Die gemeinnützige Stiftung wurde 2005 von Hans Rosling, seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling gegründet. Hans Rosling kämpft gegen die beobachtete »verheerende Ignoranz gegenüber fakten-basierten Weltanschauungen«.

Hans Rosling in seinem Element – Quelle: Neil Fantom CC BY

Dafür sucht er zunächst nach den Ursachen – und wird in der Berichterstattung der Medien fündig:

Antwort der Gapminder-Stiftung auf die Frage: Woher kommt all die Ignoranz? (englisch) »Die meisten Menschen erklären sich die Welt, indem sie persönliche Erfahrungen verallgemeinern. In den Medien werden ‚berichtenswerte‘, ungewöhnliche Ereignisse übertrieben dargestellt und der Fokus liegt auf schnellen Veränderungen.«

Nur weil gefühlt jede Woche über zahlreiche Tote durch Naturkatastrophen berichtet wird, heißt das nicht, dass die tatsächliche Anzahl der Todesopfer steigt.

Wo kommt unsere Ignoranz her?

Worauf basieren unser Weltbild und unsere Einschätzungen? Unsere direkte Umgebung, die wir selbst und direkt wahrnehmen, schätzen wir meist realistisch ein: nicht zu gut und nicht zu schlecht. Das liegt daran, dass wir die Dinge selbst wahrnehmen, uns mit den betroffenen Menschen direkt austauschen.

Für alles andere sind wir auf die Arbeit von Journalisten angewiesen: Alle Eindrücke, die wir nicht selbst und direkt wahrnehmen, erreichen uns durch den medialen Filter. Dabei werden »Fakten« stets durch die »Sensationsfilter« vieler Medien vorsortiert.

Link zum Buch von Alain de Botton: »Die Nachrichten: Eine Gebrauchsanweisung« Die Fokussierung der Branche auf Einzelereignisse bemängelt auch der Vortrag von Alain de Botton bei Google (englisch, 2014) Autor und Philosoph Alain de Botton. »Die Art und Weise, in der wir Nachrichten konsumieren, lässt sich ein wenig so beschreiben: Uns werden circa 40 Bücher immer wieder vorgelegt, wir dürfen aber immer nur einen Satz lesen – dann wird uns das Buch wieder weggenommen.«

Diese »Sätze« sind meist negativ – und dominieren Zeitung, Fernsehen, Radio und Online-Medien.

Schlechte Nachrichten bevorzugt: Wer ist am Negativ-Fokus vieler Medien schuld?

Die Tendenz zum Negativen haben Studie zur Überrepräsentation negativer Ereignisse in den (deutschen) Medien (2014) Studien nachgewiesen: Eine Untersuchung überregionaler, deutscher Tageszeitungen Der Schwerpunkt der Analyse lag auf der Zeitung DIE WELT. Weitere Stichproben stammen aus dem Handelsblatt, der Financial Times Deutschland, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau und der taz. zur wirtschaftlichen Berichterstattung etwa zeigt, dass auf jeden Artikel, der positiv über den deutschen Arbeitsmarkt berichtete, 5 bis 10 negative Artikel veröffentlicht wurden – und das, obwohl die Arbeitslosigkeit im untersuchten Zeitraum gefallen war. Die Arbeitslosigkeit sank von 9,3% im Dezember 2000 auf 7,3% im September 2008. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich nicht um eine graduelle Verbesserung handelt, sondern zunächst (bis März 2005) ein Anstieg der Arbeitslosenquote beobachtet wurde.

Der unter Medienmachern bekannte Slogan »Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten« und die vergleichbare englische Variante »If it bleeds, it leads« (deutsch: »Wenn es blutet, steht’s auf Seite 1.«) Nachdem der amerikanische Journalist Eric Pooley den Slogan 1989 im Artikel »Grins, Gore, and Videotape - The Trouble with Local TV News« in der New York Times verwendete wurde er zum Massen-Phänomen: Wenige Wochen später tauchte er in Kommentaren, Leserbriefen und Editorials auf. Im Artikel selbst kritisierte Pooley den Fokus lokaler Nachrichten auf Sensationsmeldungen. scheinen also befolgt zu werden. Woher kommt die Vorliebe für negative und Schreckens-Nachrichten?

Besser ängstlich und am Leben als fahrlässig und tot?

Theoretische Studie zur evolutionsbedingten Vorliebe für negative Nachrichten (englisch, 1996) Manche Wissenschaftler begründen die Neigung zum Schrecken mit der Evolution: In Zeiten von Säbelzahntigern und Mammuts konnte jede verpasste »negative Nachricht« das Überleben kosten – sie war eine lebensrettende Warnung.

Auch im 21. Jahrhundert steckt dieser Reflex noch in uns. Ist unsere Gesundheit oder gar unser Hab und Gut bedroht, können uns Warnungen vor Gefahren schließlich helfen, all das zu beschützen.

Sind wir deshalb am Ende sogar selber schuld? Haben wir die freie Wahl zwischen Nachrichten mit positivem und negativem Fokus, bevorzugen wir nachweislich häufig die weniger rosigen Themen mit einem Studie zur Vorliebe für negative und zynische Nachrichten (englisch, 2014) zynischen oder negativen Fokus. Das gilt zumindest für politische Nachrichten.

Ein weiterer möglicher Grund für den Hang zum Negativen: die Dominanz von Männern in den Medienhäusern. Studie zum Einfluss weiblicher Herausgeber und Redakteure auf die Themenauswahl (englisch, 2004) Tatsächlich publizieren Zeitungen mit überwiegend männlichen Herausgebern einen höheren Anteil an Nachrichten mit negativem Fokus.

Folge des Negativ-Fokus: Gelernte Hilflosigkeit

Unsere Gene machen uns also empfänglich für Gefahren und Bedrohungen. In unserer Medienwelt führt diese Vorliebe zu einem Fokus auf negative Nachrichten und damit zu einem verzerrten Weltbild bei uns. Und was ist jetzt das Problem daran?

Es beeinflusst unser Verhalten: Wenn beispielsweise alle von einer Rezession Generell ist von einer Rezession die Rede, wenn das gesamtwirtschaftliche Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt. Wie lange dies der Fall sein muss, ist nicht eindeutig festgelegt. In der Europäischen Union gilt: Folgen 2 Quartale mit einem negativen Wachstum (verglichen mit den Werten des Vorjahres) aufeinander, liegt eine Rezession vor. reden, bekommen wir Angst um unseren Job und geben weniger Geld aus. Die Folge: Der Konsum nimmt ab, die Rezession tritt tatsächlich ein.

Das ist nicht alles: Die regelrechte Bombardierung mit negativen Schlagzeilen kann langfristig zu gelernter Hilflosigkeit führen, einem psychischen Phänomen: Betroffene hören auf, sich gegen negative Einflüsse zu wehren – selbst wenn die Möglichkeit dazu besteht. Die ersten Studien zu gelernter Hilflosigkeit wurden bereits 1967 vom US-Psychologen Martin Seligman durchgeführt. Mäuse und Hunde wurden wiederholt negativen Reizen wie kleinen Elektroschocks ausgesetzt, denen sie nicht entkommen konnten. Die Tiere erkannten dies und gaben nach einiger Zeit auf: Sie versuchten nicht mehr den Elektroschocks zu entkommen. Das galt jedoch auch, wenn sich die Situation änderte und ein Entkommen wieder möglich war. Die Tiere hatten aufgegeben und »gelernt«, hilflos zu sein. Seligman ist der bekannteste Verfechter der Positiven Psychologie, dem Teilbereich der Psychologie, der sich auf Wohlergehen und Gesundheit fokussiert, statt auf Leiden und Krankheit.

Auf die Medien übertragen heißt das: Artikel in Psychology Today zur Bedeutung und den Folgen negativer Nachrichten (englisch, 2014) Leser, Hörer und Zuschauer »lernen« angesichts der überwältigenden Anzahl negativer Nachrichten, diese nicht kontrollieren zu können. Sie werden zu tatenlosen Zuschauern, wenn vor ihren Augen und Ohren schlimme Dinge passieren und über solche berichtet wird. Im schlimmsten Fall entwickeln sie Depressionen.

Frustriert über die Berichterstattung wenden sich manche Menschen bewusst von der Nachrichten-Flut ab. In seinem Plädoyer „Vergessen Sie die News!“ von Rolf Dobelli (2014) »Vergessen Sie die News« nennt der Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli ganze 15 Gründe Dazu gehören: Schlechte Nachrichten förderten Stress und Hilflosigkeit bis hin zu verringerter Aufmerksamkeitsfähigkeit. Ebenso auf der Liste: Medienkonsumenten tendierten dazu, sich Irrglauben und Weltanschauungen anzueignen, die nicht der Realität entsprächen. für seine persönliche »Nachrichten-Diät«. Dobelli spricht sich nicht gegen jede Form der Berichterstattung aus, sondern gegen den News-Journalismus, der von den zahlreichen Zeitungen und Fernsehkanälen betrieben wird und sich auf kurze Beiträge beschränkt. Er ist für eine kritische Berichterstattung, die die Komplexität der Welt ans Licht bringt.

Was ist die Alternative?

Erster Schritt: Erklären und einordnen

Die Medien abschaffen? Weder die News-Abstinenzler noch Initiativen wie Gapminder kämen auf die absurde Idee, das zu fordern. Stattdessen plädieren sie für eine andere Art der Berichterstattung – und die ist nicht mal neu.

Eine Berichterstattung, die erklärt. Die komplexe Zusammenhänge anschaulich verdeutlicht. Die nicht beim Nennen von Problemen stoppt, sondern auch Lösungen diskutiert. Die langfristige – häufig positive – Entwicklungen und Beispiele aus der Geschichte mit aufgreift.

Dann bekommen Fragen wie die nach der weltweiten Kindersterblichkeit und der Alphabetisierung eine andere Wendung. Eine Wendung weg von der pauschalisierenden »Früher war alles besser«-Floskel, die irgendwo zwischen Nostalgie und Missmut schwebt.

Wie sieht zum Beispiel eine kurze, einordnende Darstellung von Kindersterblichkeit und Alphabetisierung aus?

Kindersterblichkeit:

Daten von Gapminder aus verschiedenen Quellen wie dem Human Mortality Database (englisch) Vor knapp 180 Jahren erreichten von 1.000 in Deutschland Für die Jahre 1816 bis 1871 werden dabei Daten von den 32 Gebieten berücksichtigt, die innerhalb der deutschen Grenzen von 1914 (ohne Elsass-Lothringen) liegen. Preußen repräsentiert mit 50,7% der Geburten (1841/50) die Hälfte des Bezugsgebiets. geborenen Kindern fast die Hälfte (474) das 5. Lebensjahr nicht. Im Jahr 1865 waren es sogar mehr als die Hälfte (539). Zum Vergleich: 1950 starben nur noch 61 von 1.000 Kindern und 2015 nur noch 4.

Die größte Herausforderung bei der Messung solcher Faktoren ist der Zugang zu verlässlichen Daten. Verschiedene Quellen nutzen nicht selten unterschiedliche Standards, zum Beispiel bei der Messung von Armut und dem Verschieben von Landesgrenzen. Das führt natürlich zu unterschiedlichen Ergebnissen. Für die Kindersterblichkeit liegen vergleichsweise gute Daten vor – wenn auch nicht für alle Regionen und Jahre.

Quelle: Gapminder-Stiftung (verschiedene Quellen) –

Lese- und Schreibfähigkeit:

Für uns ist es selbstverständlich lesen und schreiben zu können. Die Definition der Lese- und Schreibfähigkeit stammt von der UNESCO aus dem Jahr 1985: Diese schließt jeden ein, der in der Lage ist, einen kurzen, einfachen Text über sein eigenes Leben zu lesen und zu schreiben. Vor circa 200 Jahren war das noch anders: Nur jeder 8. Mensch konnte ein Buch lesen und einen Brief schreiben. Heute bilden Afrika (64% Alphabetenrate) Zwischen den 54 Ländern Afrikas gibt es große Unterschiede, sowohl kulturell als auch wirtschaftlich. Mit mehr als 1,1 Milliarden Menschen ist Afrika nach Asien der bevölkerungsreichste Kontinent. , Süd- und Südost-Asien und der Mittlere Osten (alle circa 75%) weltweit die Ausnahme.

Quelle: Our World in Data (verschiedene Quellen) –

Warum ist Bildung so wichtig? Je höher das Bildungsniveau einer Gesellschaft, desto wichtiger werden Wissenschaft und Kreativität. Studie zur Verbreitung von Büchern und Bildung ab dem 6. Jahrhundert (englisch, 2009) Dieser Zusammenhang wurde beispielsweise für die frühen europäischen Gesellschaften untersucht und belegt. Die beiden Sozialhistoriker Buringh und Van Zanden haben die Lese- und Schreibfähigkeit von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis 1800 für 10 europäische Länder rekonstruiert. Ihre Ergebnisse zeigen, wie die Anzahl gebildeter Menschen in Europa der Entwicklung moderner Gesellschaften vorausgeht.

Bericht der OECD zur Frage des weltweiten Wohlergehens seit 1820 (englisch, 2014) Und das hat wiederum Einfluss auf unser Wohlbefinden: direkt und indirekt. Die Fähigkeit lesen und schreiben zu können, gibt uns Kontrolle über unser Leben. Und eröffnet uns die Welt zahlreicher Freizeitaktivitäten, vom Lesen einer Spielanleitung hin zum Besuch im Museum oder Zoo. Indirekt steht eine höhere Bildungsrate in der Bevölkerung mit niedrigerer Kriminalität, höherer politischer Stabilität und besserer Gesundheit in Verbindung.

Konstruktiver Journalismus für eine vollständigere Berichterstattung

Wie gut der lösungsorientierter und konstruktiver Journalismus funktionieren kann, zeigen vor allem internationale Projekte. Zum Beispiel in Schweden, den Niederlanden und Großbritannien. Zu den Vorreitern zählen das schwedische Fernsehen (SVT) und Radio (SR), die dänische Rundfunkanstalt (DR), das niederländische Online-Medium De Correspondent, das britische Magazin Positive News, die Reporters d'Espoirs in Frankreich und das Solution Journalism Network in den USA. Seit Dezember letzten Jahres gibt es sogar einen Lehrstuhl in den Niederlanden – besetzt von der Dänin Cathrine Gyldensted.

Für den Konstruktiven Journalismus gilt: Das Diskutieren bereits umgesetzter Lösungen und möglicher neuer Ansätze gehört zu einer vollständigeren Beschreibung der Realität. Nehmen wir an, der Journalismus sei ein Werkzeugkasten mit Hammer, Schraubenzieher und Säge. Dann ist der Konstruktive Journalismus einfach ein zusätzliches Werkzeug neben den anderen. Zusätzlich zu den klassischen W-Fragen – Was?, Wer?, Wie?, Wann? und Wo? – stellt er auch die Fragen: Warum? und Wie kann es weitergehen?

Quelle: Martin Abegglen CC BY

Ist das nicht Kampagnen-Journalismus? Wird so nicht nur über Positives berichtet? Fragen, mit denen Vertreter des Konstruktiven Journalismus gern konfrontiert werden. Eine lösungsorientierte Berichterstattung ist natürlich nicht objektiv und neutral. Aber problemorientierte Berichterstattung ist das ebenso wenig. Denn Objektivität im Journalismus ist ein Mythos. Sobald ich ein Thema aus der Fülle aller Themen auswähle, bin ich subjektiv, wähle manches aus und verschweige anderes.

Mehr noch: Die meisten »Fakten« ergeben isoliert wenig Sinn. Der Kontext und die Fragen, die ein Journalist stellt, ordnen die Situation ein. Wenn zum Beispiel Griechenland im Vergleich mit anderen Industrieländern als Meister der Schwarzarbeit beschrieben wird, mag das faktisch stimmen. Die Frage ist: Hat diese scheinbar neutrale Information noch dieselbe Bedeutung, wenn auch erwähnt wird, Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung e.V. zur Schattenwirtschaft (2016) dass Griechenland in den letzten 12 Jahren ebenfalls führend bei der Bekämpfung der Schwarzarbeit war?

Was Bienen mit Lösungen zu tun haben

Der Konstruktive Journalismus sammelt international nicht nur stetig neue Anhänger, sondern inspiriert auch Wissenschaftler: Sie untersuchen Auswirkungen einer konstruktiven Berichterstattung auf die Medien-Konsumenten.

Der direkte Vergleich zwischen Artikeln, die Lösungen diskutieren und solchen, die es nicht tun, zeigt: Die Beiträge mit Lösungen steigern das Interesse am Thema und das Gefühl, mehr vom Thema verstanden zu haben. Leser haben außerdem ein höheres Bedürfnis, die lösungsorientierten Texte mit anderen Menschen zu teilen und Untersuchung des Solutions Journalism Network zur Wirkung lösungsorientierter Texte (englisch, 2014) fühlen sich nach dem Lesen optimistischer.

Zusammenfassung der Ergebnisse zu lösungsorientierten Texten (englisch, 2015) Je ängstlicher, trauriger und besorgter ein Text die Leser macht, desto geringer ist die Bereitschaft Geld zu spenden, sich umweltfreundlicher zu verhalten und den eigenen Standpunkt zu vertreten.

Konkret heißt das: Kriegsgeschehnisse und das Verschwinden der Bienen allein führen zu einer geringeren Handlungsbereitschaft als das zusätzliche Erwähnen von Friedensgesprächen und Lösungen für die Rückkehr der Bienen.

Studie zur Viralität von Nachrichten in Sozialen Netzwerken (englisch, 2011) Ein weiteres Ergebnis: In Sozialen Netzwerken scheinen unsere Gene und damit die Vorliebe für negative Inhalte nicht ganz so wichtig. Denn online verbreiten sich positive Inhalte besser als negative. Dieser Effekt ist teilweise durch den Grad der Erregung bestimmt: Inhalte, die starke positive oder negative Emotionen wie Ehrfurcht oder Angst hervorrufen, werden häufiger geteilt, als solche, die eher deaktivierend sind.

Eine mögliche Erklärung: Gegenüber Freunden und Kollegen wollen wir lieber der Überbringer von positiven Nachrichten sein. Es geht um Anerkennung. Und die bekommen wir eher, wenn wir Aufbauendes und beeindruckende Nachrichten überbringen.

Ja, die Welt ist nicht rosa-rot!

Ja, wir stehen vor großen Herausforderungen: Klimawandel, Ressourcen-Knappheit, Fremdenfeindlichkeit und Ungleichheit. Und ja, nicht alles wandelt sich ständig zum Positiven. Aber: Deshalb den Kopf in den Sand stecken?

Das hilft niemandem weiter. Wenn wir den Glauben an mögliche Verbesserung verlieren, bleiben wir zynisch und passiv zurück. Konstruktiver Journalismus steht genau für diesen Glauben. Für den Glauben, dass sich Dinge zum Guten verändern können, wenn wir uns dafür einsetzen und Lösungen diskutieren.

Und das Beste daran: Sich gemeinsam mit anderen neugierigen Menschen für eine bessere Zukunft einzusetzen, kann auch noch Spaß machen.

Titelbild: Glen Noble - CC0

 

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