Bernhard Eickenberg und Maren Urner

Darf sich ein Journalist mit einer Sache gemein machen?

11. März 2016
11. März 2016

»Ein guter Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten!« Dieses oft beschworene Zitat vom 1995 verstorbenen Moderator der Tagesthemen Hanns Joachim Friedrichs ist ein Eckpfeiler der deutschen Journalismus-Kultur geworden. Ein wie in Stein gemeißeltes Dogma, das nur selten zur Diskussion gestellt wird.

Hans Joachim Friedrichs – Quelle: NDR/Drischel

Als Vertreter des Konstruktiven Journalismus begegnet es uns besonders häufig. Meist in Verbindung mit dem Vorwurf, die eigene Neutralität aufzugeben, wenn wir auch Lösungen diskutieren. Unsere Antwort: Es liegen gleich 2 Missverständnisse vor.

Auf unsere Einstellung zur Frage nach Neutralität im Journalismus werden wir an anderer Stelle eingehen. Hier soll es vor allem um das zweite Missverständnis gehen: Hat Friedrichs die oft zitierte Aussage tatsächlich gemacht?

Ein kurzer Fakten-Check

1995 trafen sich die beiden Spiegel-Redakteure Jürgen Leinemann und Cordt Schnibben mit dem totkranken Friedrichs zum Interview. Das Interview war lang und lässt sich nicht in 2 Minuten lesen. Friedrichs hatte viel zu erzählen von seinem Leben als Journalist, als Kriegsreporter und seiner Arbeit für die BBC. Auf der Suche nach der viel zitierten Aussage stellen wir fest: So, wie es gern zitiert wird, hat Friedrichs es nie gesagt. Hier die entsprechende Stelle, an der Friedrichs über seine Aufgabe als Fernsehsprecher redet:

SPIEGEL: Haben Sie solche Bilder auch schon früher nachts heimgesucht?

Friedrichs: Nein, aber ich bin schon mal nachts aufgewacht und hab' Angst gehabt, wenn ich da Schreckensmeldungen verbreite von einem furchtbaren Erdbeben in Armenien und ich rufe zur Hilfe auf und tue selbst nichts. Da hab' ich denen 20 000 Mark geschickt.

SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?

Friedrichs: Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab' es gemacht, und ich hab' es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab' ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.

Wir halten fest: Friedrichs sprach nicht davon, dass ein Journalist keine Haltung zu seinem Thema haben dürfe. Stattdessen erklärte er, dass ein Fernsehmoderator angesichts der häufig emotional aufwühlenden Ereignisse gelassen und ruhig bleiben müsse, auch im Angesicht von Schreckensmeldungen und Katastrophenberichten. Die von ihm angesprochene, notwendige Distanz scheint eher dem Selbstschutz zu dienen als sich auf eine notwendige Neutralität zu beziehen.

»Auf irgendeinen Notstand aufmerksam machen und helfen, den zu lindern.«

War Friedrichs selbst ein Journalist, der seine Haltung und seine Berichterstattung klar trennte? Im Interview finden sich Andeutungen, die das Gegenteil nahelegen:

SPIEGEL: Haben Sie selbst sich jemals mächtig gefühlt? Haben Sie etwas beeinflussen können?

Friedrichs: Mensch, was wir dann alles gemacht hätten. Also - im politischen Sinne sicher nicht, allenfalls im sozialen Sinne. Da konnte man vielleicht auf irgendeinen Notstand aufmerksam machen und helfen, den zu lindern.

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie Ihren Moderatoren-Job - in einem überparteilichen Sinne - politisch verstanden. Sogar Ihre Naturfilme »Wunderbare Welt« bezeichnen Sie als Beiträge zur politischen Bildung der Menschen in diesem Lande. […]

Friedrichs: […]

SPIEGEL: Was ist daran politisch?

Friedrichs: Die Sendung hat eine grüne Botschaft: Wenn der Mensch sich weiter so bemüht, dann kriegt er das auch noch kaputt. […]

Es ging ihm bei seiner Arbeit als Journalist offenbar auch darum, auf Notstände, seien sie sozialer, gesellschaftlicher oder ökologischer Natur, aufmerksam zu machen und bei der Linderung dieser zu helfen.

Wie er sich wohl zum Konstruktivem Journalismus geäußert hätte, wenn er heute, mehr als 20 Jahre nach diesem Interview, noch am Leben wäre? Wir haben da so eine Ahnung …

Herzlichen Dank an den NDR für die Bereitstellung des Bildmaterials.

Titelbild: Unsplash - CC0

 

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