Maren Urner

Wohin mit dem Zynismus? Oder die Frage nach den Werten

12. Februar 2016
12. Februar 2016

Wir werden oft gefragt: Welche Werte habt ihr? Wofür steht ihr? Werte. Ein Wort, das fast ein wenig altmodisch klingt. Ein wenig angestaubt und nach etwas, das wir in unserer modernen Zeit nicht unbedingt brauchen.

Entscheiden meine Werte darüber, welche Themen ich interessant und wichtig finde? Sind es die Werte eines Medienunternehmens, die darüber entscheiden, welche Form des Journalismus praktiziert wird, ob Werbung im Journalismus gut oder schlecht ist? Bestimmen die Werte eines Journalisten welche Fragen er stellt?

»Ambitioniert!«: Ehrlichkeit und Transparenz?

Wir glauben tatsächlich an die Werte Ehrlichkeit und Transparenz. Das mag naiv klingen, ist aber durchaus ernst gemeint. Wenn ich im Anschluss an unsere Veranstaltungen mit älteren Menschen über diese Haltung im persönlichen Gespräch spreche, ernte ich manchmal auch Blicke, die ich als eine Mischung aus Anerkennung und Sentimentalität wahrnehme. Anerkennung, weil wir »Jungen« uns Idealismus noch leisten können. Sentimentalität, weil das Gegenüber vielleicht kurz an die eigenen »wilden Zeiten« denkt, in denen Werte heiß diskutiert wurden. Und wenn man nicht für sie gekämpft hat, dann doch zumindest dafür eingesetzt.

»Das ist ambitioniert!«, sagen sie dann. Was genau? Werte zu haben? Oder das Ziel zu haben, dem Zynismus und Verdruss eine Gegenstimme bieten zu wollen? Bei der Idee hinter Perspective Daily ist Zynismus ein zentraler Begriff, vielleicht sogar eines unserer wichtigsten Motive: Wir argumentieren, dass die häufig gelernte Hilflosigkeit angesichts der vielen Herausforderungen und Probleme, vor denen wir lokal und global stehen, Menschen nicht selten zynisch werden lässt.

Zynismus blockiert Aktivität

Wenn ich zynisch bin, habe ich aufgegeben. Und vielleicht noch schlimmer: Ich habe auch andere aufgegeben, ihre Ideen und ihre Visionen. Ich erlaube mir und anderen nicht mehr, optimistisch zu sein – vor allem nicht in Zeiten der Krisen, in Zeiten, in denen Optimismus und Naivität gern synonym verwendet werden. Was ist eigentlich eine Krise? Gibt es da einen Schwellenwert, der überschritten sein muss, und alles davor oder darunter ist keine Krise?

Ich bin von Haus aus Pessimistin. Kein Scherz! Ich bin außerdem von Haus aus Neurowissenschaftlerin. Das bringt mit sich, dass ich fortwährend in Meta-Ebenen denke. Ich bin also einer dieser Menschen, die sich bei jeder Äußerung und jedem Verhalten fragen: Warum mache ich das? Was geht hier gerade vor? Selbstanalyse ist ja immer der erste Schritt zur Erkenntnis. So wie der Alkoholiker, der erkennt, dass er ein Alkoholproblem hat.

Haben Zyniker ein Zynismus-Problem? Ohne die ganz großen Fragen nach dem Sinn aufgreifen zu wollen, habe ich bei der ganzen Meta-Denkerei vor allem eines (für mich) gelernt: Zynismus bedeutet aufgeben. Und zwar so radikal, dass ich mich frage, mit welcher Motivation ein hart gesottener Zyniker morgens aufsteht. Denn wenn ich keine Chancen mehr für mich und die Ideen anderer Menschen sehe: Warum dann noch aufstehen und frühstücken? Diese Frage steht für die paradoxe Situation, der sich der Zyniker aussetzt.

Wovon lebt eine Idee?

Das Paradox begegnet uns manchmal auch bei unseren Veranstaltungen. Ein Beispiel: Ein Gast sehnt sich auf der einen Seite nach unabhängigem Journalismus, der frei von Werbung, frei von Drittinteressen und externen Geldgebern ist – auf der anderen Seite möchte er neue journalistische Projekte, die diesen Zielen entsprechen wollen, nicht mit Geld unterstützen, bevor das Produkt »fertig« ist. Wie soll das gehen? Da wären wir bei der Luft-und-Liebe-Frage.

Oder: Während unserer Veranstaltungen sprechen wir auch über den Zusammenhang zwischen einer vorwiegend negativen Berichterstattung, die beim Empfänger zu Zynismus, Passivität und der erwähnten gelernten Hilflosigkeit führen kann. Im Anschluss wird die Diskussion mit dem Publikum eröffnet und es wird die Frage gestellt: »Wie wollt ihr denn bitte positiv über die Flüchtlingskrise berichten?«

Das Schöne: Viele Menschen, die unsere Veranstaltungen besuchen, sind nicht zynisch. Sie wollen einen Journalismus, der auch fragt: Wie kann es weitergehen? Einen Journalismus, der auch Lösungen diskutiert und nicht nur Probleme beschreibt. Sie antworten auf die Fragen der Zyniker mit einem Leuchten in den Augen: Genau deren Denkweise ist das Problem! Es ist ein magisches Gefühl, diese Dynamik im Publikum zu spüren.

Ist Zynismus ein strukturelles Phänomen?

Ich weiß nicht, ob und in wie weit Zynismus und Kultur in Deutschland miteinander verknüpft sind. Vor einiger Zeit hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Journalistin zu der Frage, ob es in Deutschland zu wenig Pioniergeist, zu wenig »machen statt meckern« gäbe. Und wenn ja, woran das läge.

Sie erwähnte die Ellenbogenmentalität, die sie in vielen Redaktionen vorfinde und bezeichnete sie als strukturelles Problem, da viele Journalisten es von Anfang an gewohnt seien, sich als »Freie« (Mitarbeiter) durchzusetzen, und Teamwork (noch so ein fast altmodisches Wort) daher tatsächlich sehr problematisch sei. Erst als sie sich einem neuen, selbst organisierten journalistischen Projekt angeschlossen hatte, lernte sie, was Teamwork bedeuten könne.

Es macht Spaß sich selbst zu hinterfragen

Und so komme ich zurück zum Ausgangspunkt. Ja, ich habe Werte. Wir haben Werte bei Perspective Daily. Und darüber wollen wir sprechen. Zu unseren Werten gehört es, die eigene Haltung immer wieder zu hinterfragen, Selbstkritik zu üben. Das bedeutet, neue Erkenntnisse zu berücksichtigen und möglicherweise in das eigene Weltbild zu integrieren.

Genau das versuchen wir täglich bei Perspective Daily umzusetzen. Indem wir mit euch in Kontakt treten und eure konstruktive Kritik ernst nehmen. Und es ist einer unserer Werte, an Veränderung zu glauben: Vieles wird ständig besser, und vieles kann noch besser werden. Wenn wir darüber reden.

Beides möchten wir weitergeben: Den Wert des Sich-Selbst-Hinterfragens und die Fähigkeit, sich selbst Fehler einzugestehen, statt aufzuhören, es zu versuchen. Und manchmal, wenn das klappt, sehen wir im Gegenüber dieses kleine Glitzern in den Augen.

Wohin die Reise damit geht, werden wir sehen!

Titelbild: Steven Depolo - CC BY

 

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