Interview 

»Ich weigere mich, mit meinen 20 Jahren anzuerkennen, dass wir nichts verändern können!«

8 junge Menschen haben ein Buch geschrieben, das eine Kampfansage an die ältere Generation ist – und gleichzeitig die Aufforderung, gemeinsam für die Zukunft zu kämpfen.

4. Dezember 2019  12 Minuten

Liebe Generation ›not gonna happen‹,

mit diesem Buch klagen wir euch an.

Wir sind die Kinder und Enkel*innen, die von euch gelernt haben. Ihr habt uns gesagt, wir müssten immer ehrlich sein. Ihr habt uns eingebläut, dass unser Handeln Konsequenzen hat. Wir sollten mutig sein, wenn andere sich verkriechen. Wir sollten füreinander einstehen und ein Miteinander gestalten. Wir sollten unsere Gegenüber ernst nehmen und ihre Kritik annehmen. Ihr wolltet, dass wir Überzeugungen entwickeln und auch nach diesen leben. Wir sollten lernen, Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir Fehler machen, so wurdet ihr nicht müde zu wiederholen, sollten wir sie gefälligst auch eingestehen und versuchen, sie auszubügeln. Auf diese Weise habt ihr uns vermittelt, was richtig und falsch ist und worauf es ankommt im Leben.

Wir haben uns all das zu Herzen genommen, und wir denken: Damit hattet ihr recht. Jetzt halten wir euch den Spiegel vor. Ihr habt uns die ganze Zeit etwas vorgemacht, habt nicht nach euren eigenen Regeln gelebt und tut es immer noch nicht. Stattdessen habt ihr ein Leben geführt, das so nur möglich war, wenn man die rücksichtslose Ausbeutung der Natur und unserer Zukunft hinnahm. Mit eurem Konsumverhalten habt ihr den ständigen Ressourcenraubbau befeuert und die Ausbeutung vieler zugunsten weniger in Kauf genommen. Das ist Wahnsinn – und es erschüttert uns. Aber wenn wir euch das vorhalten, nehmt ihr uns nicht ernst. Selbst bei Minimalzielen sagt ihr uns, das sei unrealistisch: Das ist doch zu viel. It’s not gonna happen. Dabei schaut ihr uns in die Augen, lächelt süffisant, manchmal auch selbstgefällig. Denn ihr habt ja die Welt verstanden. Wir denken: Nein. Habt ihr nicht. Wenn ihr ehrlich seid, habt ihr vor allem versagt.

[…]
Dieses Buch ist eine Mischung aus Kampfansage und Einladung, aus Aufschrei und Hilferufen. Ihr wollt wissen, was gerade in uns vorgeht? Ihr wollt uns verstehen? Ihr wollt endlich herausfinden, warum wir so wütend sind? Warum junge Menschen gerade wieder auf die Straße gehen? Hier ist eure Chance! Nur mit wenigen möchten wir brechen. Die meisten aus der Generation ›not gonna happen‹ wollen wir aufrütteln.

[…]
Weil wir überzeugt sind, dass bislang niemand einen Plan hat, machen wir jetzt einen. Wir bieten Mut, Begeisterung und Kraft, um diesen in die Tat umzusetzen. Wir machen euch das Angebot, anzufangen und voranzugehen, obwohl das eigentlich eure Aufgabe gewesen wäre.
– Der Jugendrat der »Generationen Stiftung«: »Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!«

OK Boomer, »OK Boomer« ist ein Internetmeme und eine Reaktion auf Kritik an jungen Menschen und ihrem vermeintlich unrealistischen Blick auf die Welt. Mit der Phrase wird auf Anschauungen und Aussagen der Generation der sogenannten »Babyboomer« reagiert, die in vielen westlichen Industrieländern an den Schaltstellen der Macht sitzt. Zu den »Boomern« gehören Menschen, die zwischen 1955 und 1969 geboren wurden, also zu Zeiten steigender Geburtenraten (»Babyboom«). Weltweit bekannt wurde das Meme über die Videoplattform »TikTok«. In einem Video lässt sich ein älterer Mann herablassend über die utopischen Ideale junger Leute aus, worauf zahlreiche User mit kreativen Clips reagierten, in die sie den Spruch »OK Boomer« einbauten. Auch die 25-jährige neuseeländische Politikerin Chlöe Swarbrick trug zur Bekanntheit des Memes bei. Während einer Rede im Parlament konterte sie die Zwischenrufe eines älteren Kritikers mit den Worten »OK Boomer«. »Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!« – das dachte sich ein 8-köpfiges Team junger Autorinnen und Autoren angesichts der ganz großen Herausforderungen dieser Zeit. Das Ergebnis ist Hier findest du das Buch des Jugendrats der »Generationen Stiftung« ein gleichnamiges Buch, das in der Woche nach der Veröffentlichung gleich auf Platz 3 der Spiegel -Bestsellerliste einstieg.

»Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!« ist Mitte November im »Blessing Verlag« erschienen. – Quelle: Blessing Verlag copyright

Darin geht es um die Klimakatastrophe, die kapitalistische Marktwirtschaft, Bildung, Digitalisierung und Demokratie; vor allem aber geht es um Zukunft und Gerechtigkeit. Oder besser gesagt: die Ungerechtigkeit, dass diejenigen nicht mitbestimmen dürfen, um deren Zukunft es ja geht – Kinder und Jugendliche.

Website der »Generationen Stiftung« Die Berliner Geschäftsstelle der Generationen Stiftung versprüht geschäftige Start-up-Atmosphäre. Minimalistische Einrichtung, gemütliche Sessel, in der Ecke liegt ein Reiserucksack, an den Wänden Kampagnenplakate in Neonfarben. Hier treffen wir Autorin Franziska Heinisch zum Interview. Sie ist Jahrgang 1999, studiert eigentlich Jura in Heidelberg, hat für die Arbeit am Buch aber ein Semester pausiert. Im Gespräch verrät sie uns, warum alle Menschen schon ab der Geburt ein Wahlrecht haben sollten, was sie an der SPD enttäuscht – und welche Emotionen einen am besten vorantragen, wenn man etwas bewegen will.

Katharina Wiegmann: In eurem Buch geht ihr die älteren Generationen ganz schön scharf an. Ist es wirklich eine gute Idee, jetzt auch noch einen Generationenkonflikt zu schüren?

Franziska Heinisch: Wir klagen ja nicht die gesamten Generationen vor uns an, sondern diejenigen, die uns immer erklären: »Wir haben die Welt verstanden und eure Ideen sind zu illusorisch!«, dann aber keinen Gegenentwurf präsentieren. Die so tun, als sei nichts veränderbar, die aber nie für Veränderung gestritten haben oder irgendwann damit aufgehört haben.

Und wir klagen natürlich die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft an. Die Menschen, die an den Stellschrauben der Gesellschaft sitzen und etwas verändern könnten, es aber nicht tun.

Katharina Wiegmann: Geht das nicht auch etwas höflicher?

Franziska Heinisch: Unsere höflichen Bitten sind zu lange wirkungslos geblieben.

Es wird sehr persönlich, wenn einem die Generationen der eigenen Kinder und Enkel vorwerfen: »Ihr nehmt unsere Zukunft weg!« Insofern hoffen wir, dass diese emotionale Anklage ein Motor sein kann, der zu einer Reaktion führt.

Und es bleibt ja nicht bei der Anklage. Wir sagen ja auch: »Wir brauchen euch! Deshalb schließt euch doch mit uns zusammen.« Ziel des Buches ist es eben nicht, dass es bei der Konfrontation bleibt, sondern wir wollen eine Generation werden, die es rückblickend eben gerade noch so geschafft hat.

Franziska Heinisch

Franziska Heinisch, geboren 1999, studiert in Heidelberg Jura. Im Jugendrat der »Generationen Stiftung« engagiert sie sich für Generationengerechtigkeit.

Bildquelle: Marco Pultke
Katharina Wiegmann: Was bedeutet Generationengerechtigkeit für dich?

Franziska Heinisch: »Heute nicht auf Kosten von morgen, hier nicht auf Kosten von anderswo«, damit lässt es sich zusammenfassen. Wir müssen mit unserem heutigen Handeln die Zukunft sichern und dürfen sie nicht antasten. Und wir haben auch Verantwortung für die Dinge, In diesem Artikel erklären dir Maren Urner und Han Langeslag, wie wenig es braucht, damit uns die anderen egal sind die in anderen Teilen der Erde passieren. Das zusammen ist Nachhaltigkeit und dementsprechend eben auch Generationengerechtigkeit.

Katharina Wiegmann: Gleich im ersten Kapitel geht es um die Klimakrise. Dafür gab es dieses Jahr viel Aufmerksamkeit, Bewegungen wie Fridays for Future und Scientists for Future haben schon vor euch konkrete Forderungen an die Bundesregierung formuliert. Viele Leute wissen, was passieren muss. Warum sollte man euer Buch trotzdem noch lesen?

Franziska Heinisch: Weil über das Klima immer noch so gesprochen wird, als könne man das Problem lösen, ohne andere Handlungsfelder zu berühren.

Wir brauchen eine völlige In diesem Artikel von Leonie Sontheimer erfährst du die 5 besten Gründe, warum wir uns vom Wachstumszwang verabschieden sollten Umstrukturierung unserer Wirtschaftsweise, weil wir Raubbau an den Ressourcen begehen und unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten forcieren. Das geht nicht.

Deshalb müssen wir fragen: Wie bekommen wir es hin, dass unsere Gesellschaft die notwendigen Änderungen verkraftet? Das geht nur, wenn man soziale Gerechtigkeit Katharina Wiegmann dachte, sie weiß, wie Demokratie funktioniert. Bis zu diesem Experiment und Demokratie neu denkt.

Katharina Wiegmann: Euer Plan klingt eigentlich schon ein bisschen nach Wahlprogramm – habt ihr darüber nachgedacht, eine Partei zu gründen?

Franziska Heinisch: Wir wollen natürlich, dass unser Plan für alle Parteien zum Wahlprogramm wird. Aber selbst eine Partei zu gründen und dann mit dieser Partei zu versuchen, die Themen zu etablieren, das dauert einfach zu lang. Die Forderungen, die wir für die Klimapolitik haben, beziehen sich auf dieses und nächstes Jahr, vielleicht noch auf das Jahr 2021. Bis dahin wären wir ja allein mit dem Wahlkampf und der Etablierung der Partei beschäftigt.

Stattdessen versuchen wir, auf alle so viel Druck auszuüben, dass die Parteien, die schon da sind, und die Mandate, die schon besetzt sind, einen Anschub in die richtige Richtung bekommen.

Felix Austen: Du bist Mitglied in der SPD. Warum ausgerechnet in dieser Partei?

Franziska Heinisch: Die SPD-Mitgliedschaft war für mich der Versuch herauszufinden, ob man etwas von innen heraus verändern kann. Meine Mitgliedschaft war nie eine Mitgliedschaft aus Fantum. Aber ich glaube, dass die SPD die Partei ist, die sich für eine sozial-ökologische Transformation gerade am meisten bewegen müsste. Sie nimmt einen wichtigen Platz im politischen Spektrum ein, aber wird dem im Moment überhaupt nicht gerecht. Die Wut darüber war der Grund einzutreten, ich dachte, ich kann nicht immer nur von außen meckern.

Und ich wurde massiv enttäuscht. Mein Fazit ist: Von innen heraus kann man da nichts verändern. Deshalb haben wir das Buch geschrieben. Wir wollen damit jetzt direkt ganz oben anklopfen.
Die Autorinnen und Autoren bei der Buchpremiere am 18. November in Berlin – Quelle: Generationen Stiftung copyright

»Wir fordern ein Wahlrecht ab der Geburt!«

Katharina Wiegmann: Ihr fordert, das Wahlalter auf 14 Jahre abzusenken. Glaubst du wirklich, dass viele jüngere Menschen wählen gehen würden, wenn sie die Möglichkeit bekämen – und dass sie eine wohlüberlegte Wahlentscheidung treffen könnten?

Franziska Heinisch: Absolut! Wir fordern sogar ein Wahlrecht ab der Geburt. Ab 14 Jahren wird man im Wählerverzeichnis automatisch geführt, jüngere Menschen können die Aufnahme beantragen. Für andere Grundrechte – und das Wahlrecht ist ja ein Grundrecht – gibt es auch keine Überprüfung, ob ich die entsprechend wahrnehmen kann. Ich genieße Meinungsfreiheit, obwohl niemand jemals überprüft, ob ich in der Lage dazu bin, mir eine fundierte Meinung zu bilden.

Ältere Menschen gehen sicher auch massenhaft an die Urnen, ohne sich gründlich informiert zu haben. Und wenn viele ältere Menschen ihr Wahlrecht nicht in Anspruch nehmen, sagen wir ja auch nicht: »Gut, dann nehmen wir es ihnen jetzt weg.«

Katharina Wiegmann: Welche Konsequenzen hätte eine Herabsetzung des Wahlalters?

Franziska Heinisch: Man sollte nicht einfach nur das Wahlalter herabsetzen, um dann sagen zu können: »Schaut mal, was das für Probleme schafft!« Denn natürlich wählen auch junge Leute die AfD. Damit verbunden müssen andere Maßnahmen umgesetzt werden. Man muss sehr früh demokratische Erfahrungen und Die Welt geht unter und du willst nicht nur zuschauen? In diesem Artikel verrät dir Katharina Ehmann, wie du dranbleibst Selbstwirksamkeitserfahrungen schaffen, indem ganz junge Menschen schon in der Kita und in Schulen in Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden und eine Stimme bekommen. Politik muss so kommuniziert werden, dass sie für jeden verständlich ist.

Selbst wenn man nicht genau versteht, wie die CO2-Bepreisung funktionieren soll, kann man sich dafür entscheiden, Klimaschutz wählen zu wollen. Und dann müssen Parteien eben überzeugend und verständlich argumentieren, inwiefern sie Lösungen anbieten.

Felix Austen: Inwiefern glaubst du, dass bei den Regierungsparteien Kalkül dahintersteckt, diese Forderung nicht ernsthaft zu diskutieren? Haben sie vielleicht Angst, dass ihre Wahlergebnisse dann noch mal wesentlich schlechter ausfallen würden?

Franziska Heinisch: Ich weiß nicht, ob ich Kalkül unterstellen würde. Der Anteil junger Menschen bleibt marginal. Wenn sie Wahlen gewinnen wollen, müssen Parteien auf ältere Leute setzen und für die ist die Forderung, das Wahlalter herabzusetzen, natürlich nicht sehr attraktiv, weil es sie nicht betrifft. Deshalb liegt der Fokus ja momentan so sehr auf Maßnahmen, die besonders für ältere Menschen interessant sind.

Katharina Wiegmann: Ihr fordert außerdem eine Ombudsperson im Parlament, die als Vermittlerin dient, wenn der Verdacht im Raum steht, dass mit einer geplanten oder beschlossenen Maßnahme gegen das Prinzip der Generationengerechtigkeit verstoßen würde.

Franziska Heinisch: Die Interessen von jungen Menschen sind in der Politik nicht wahnsinnig gut repräsentiert – und der Faktor Zukunft spielt in unserer Demokratie allein dadurch, wie sie rein rechtlich ausgestaltet ist, keine besonders große Rolle. Noch viel schlimmer sieht es mit Blick auf die Interessen zukünftiger Generationen aus. Es gibt keine Ansprechperson mit entsprechenden Handlungsmöglichkeiten, die Generationengerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit tatsächlich durchsetzen könnte.

Ich kann mich nicht auf Grundrechte berufen, wenn die Klimaziele nicht eingehalten werden. Genauso wenig kann ich mich als junge Person auf Grundrechte berufen, wenn andere, nicht zukunftsfähige Entscheidungen getroffen werden. Und eine Person, die noch gar nicht da ist, kann sich erst recht nicht auf irgendetwas berufen. Gleichzeitig ist es absolut notwendig, dass wir über die nächsten Legislaturperioden hinaus denken und mindestens mal das Jahr 2100 in den Blick nehmen.
Franziska Heinisch im Büro der »Generationen Stiftung« in Berlin – Quelle: Felix Austen copyright
Katharina Wiegmann: Wie genau soll die Ombudsperson dabei helfen, den Faktor Zukunft im demokratischen Prozess zu etablieren?

Franziska Heinisch: Die Ombudsperson kann jeder anrufen, der das Prinzip der Generationengerechtigkeit verletzt sieht. Die Ombudsperson schreibt dann ein Gutachten und leitet gegebenenfalls weitere Prozesse ein. Es gibt zum Beispiel die Idee, dass man das Quorum im Parlament für nicht generationengerechte Vorhaben erhöht. Gleichzeitig könnte man die Sache weitergeben an den Lies hier ein Interview von Felix Austen mit Maja Göpel, der Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung oder einen Parlamentsausschuss. Aber erst mal braucht es eine Ansprechperson, die auf Alarmzeichen reagiert.

Felix Austen: Mich hat diese Forderung ein bisschen an das Prinzip der Klimanotstände erinnert, die verschiedene Städte ausgerufen haben – dort gibt es jetzt auch Leute, die das Thema bei Entscheidungen einfach immer mitdenken, ohne dass daraus gleich eine Verbindlichkeit entsteht. Ist das vergleichbar?

Franziska Heinisch: Es geht natürlich ein Stück weit um Symbolik, aber wir wollen schon, dass es verbindlich wird. Es sollen nicht nur Gutachten geschrieben, sondern es soll ein ganzer Prozess verbindlich etabliert werden. Der Klimanotstand bringt bei klimafeindlichen Maßnahmen Rechtfertigungsdruck mit sich. Man muss erklären, warum genau das jetzt gemacht wird. Bei allen anderen Zukunftsthemen ist das gerade weniger der Fall. Die Parteien müssen sehr wenig argumentieren, wie sich Maßnahmen in den nächsten 50 Jahren entwickeln. Beim Thema Rente sprechen alle von 2020 oder 2035, aber niemand mag so richtig darüber sprechen, wie es denn eigentlich ist, wenn meine Generation mal in Rente geht – oder eure.

Katharina Wiegmann: Ihr wollt außerdem die Rolle des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung stärken …

Franziska Heinisch: Gerade beim Klima ist es verheerend, dass wissenschaftlich klar ist, was schiefläuft und was passieren müsste. Ein gestärkter Beirat wäre eine Möglichkeit, Handlungsempfehlungen noch näher an die Politik heranzutragen.

All die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen sind wie kleine Inseln, auf denen man Generationengerechtigkeit in politische Prozesse einpflanzen könnte. Die verschiedenen Maßnahmen müssen zusammenspielen, um Veränderung zu bewirken. Nur eine Ombudsperson oder nur ein gestärkter Wissenschaftlicher Beirat allein bringt niemandem etwas.
Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber und Maja Göpel, die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, unterstützen die Forderungen der jugendlichen Autorinnen und Autoren. – Quelle: Generationen Stiftung copyright
Katharina Wiegmann: Mit den Klimaprotesten von Fridays for Future oder Juliane Metzker und Katharina Wiegmann waren bei Protesten von »Extinction Rebellion« dabei – hier kannst du nachlesen, was sie erlebt haben Extinction Rebellion sind in diesem Jahr auch viele Emotionen an die Oberfläche gekommen. Welche Gefühle treiben Bewegungen am vielversprechendsten voran? Wut und Verzweiflung? Oder geht es nicht ohne Hoffnung und einen Funken Optimismus?

Franziska Heinisch: Im ersten Moment sind Wut und Ärger ein guter Motor, um wirklich aktiv zu sein. Wenn es aber bei Wut bleibt und die Verzweiflung immer größer wird, weil die Veränderung ausbleibt, besteht die Gefahr, dass die Energie wieder versackt. Ich glaube, dieses Problem hatten schon Generationen vor uns. Sie dachten oft, sie hätten einen großen Meilenstein erreicht, und 5 Jahre später hat sich gezeigt, dass sich eigentlich nichts verändert hat. Dann wird man natürlich still und denkt sich: »Das ist nicht meine Verantwortung, ich kann ja eh nichts machen.«

Deshalb ist dieses Buch für uns der Versuch, an diese Wut und an die Verzweiflung etwas anzuschließen. Denn ehrlicherweise ging es uns im Schreibprozess oft so: Wir haben die ganzen schlechten Nachrichten gelesen, die wissenschaftlichen Berichte zum Klima, wie es um die Wirtschaftslage steht. Wir haben gesehen, dass immer noch Menschen verhungern. Und dann sitzt man da und fühlt, wie alle Energie aus einem herausgezogen wird. Ich weigere mich aber, mit meinen 20 Jahren anzuerkennen, dass die Welt ein riesiger Schlamassel ist und dass wir nichts verändern können. Unser Ziel mit dem Buch ist es, an die Wut etwas anzuschließen, was Hoffnung gibt.

Felix Austen: Ihr schneidet im Buch viele Themen an, die Teil des Konflikts um Generationengerechtigkeit sind: Klimawandel, Wirtschaft, Bildung … Alles ist miteinander verzahnt, was für viele Leute vielleicht schwer zu verstehen ist und auch die politische Umsetzung schwieriger macht. Der Wandel, der da auf uns zukommen soll, scheint überwältigend. Gerade konservative Parteien machen es sich leicht, indem sie den Klimawandel als Thema zwar anerkennen, ansonsten aber weitermachen wollen wie bisher. Wie geht ihr damit um?

Franziska Heinisch: Ich glaube, das ist ein Teil der Ehrlichkeit, die wir einfordern: dass das natürlich ein Kraftakt wird. Aber dass es noch ein viel größerer Kraftakt wird, wenn wir jetzt nichts machen und uns mutlos wegducken. Ich glaube, dass viele Menschen vor ihren Zeitungen und Laptops sitzen, Nachrichten lesen und sich denken: »Irgendwie liegt alles im Argen, wie soll man das nur alles lösen?« Warum wir deshalb mehr Konstruktiven Journalismus brauchen, haben David Ehl und Maren Urner hier aufgeschrieben Es ist diese diffuse Angst, dass es zu viel zu tun gibt und man nicht weiß, wo man anfangen soll.

Unser Buch ist der Versuch, die Problemlagen einfach mal zu sortieren. Wir hoffen, dass das Buch nicht abschreckt, sondern dass es eine Struktur gibt, in der man über Probleme nachdenken kann und Begründungszusammenhänge klar werden. Zum Beispiel: Frieden ist nicht nur einfach so eine gute Sache, sondern Krieg ist auch furchtbar schlecht fürs Klima.

Katharina Wiegmann: Ihr seid ein Team aus 8 Autorinnen und Autoren. Da gab es doch bestimmt Diskussionen über die Schwerpunktsetzungen – bei welchen Themen wurde es besonders kontrovers?

Franziska Heinisch: Bei den Themen, die insgesamt besonders kontrovers diskutiert werden: Wie etabliert man eine vernünftige Art zu wirtschaften, die anders funktioniert als bisher? Wie groß müssen die Umbrüche dafür sein? Das ist ja selbst unter Experten und Wissenschaftlern umstritten. Es war hilfreich, dass die Zukunft der Maßstab war, an dem am Ende alles gemessen wurde, was wir aufgeschrieben haben. Klar war, dass Wirtschaft eine große Priorität hat – aber welche Maßnahmen getroffen werden müssen und wie stark sie eingreifen dürfen, das ist natürlich Ansichtssache.

Wir haben uns im Kleinen in einen politischen Prozess begeben, indem wir zwar das gleiche Ziel hatten, aber ganz unterschiedliche Ansichten darüber, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Dass wir uns am Ende auf eine Version geeinigt haben, ist der Beweis dafür, dass das grundsätzlich möglich ist. Wenn es zu 8 möglich ist, wird es mit 700 Beteiligten sicherlich schwierig – Im deutschen Bundestag sitzen derzeit 709 Abgeordnete. aber es ist immer noch machbar.

Titelbild: Marco Pultke - copyright

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie fragt sich: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.


von Felix Austen 

Der Physiker Felix begrüßt den Trend zu Hafermilch und fährt gern Rad. Er weiß aber auch, dass das nicht genügen wird, um die Welt vor der Klimakatastrophe und dem Ökokollaps zu bewahren. Deshalb schreibt er über Menschen, Ideen und Technik, die eine Zukunft ermöglichen. Davon gibt es zum Glück jede Menge!

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