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Bei dieser Marke bist du der Chef

Bio, regional oder fair? Oder doch alles auf einmal? Bei dieser Firma entscheidest du per Online-Voting, was ins Supermarktregal wandert und wie es produziert wird. Kann das funktionieren?

17. Dezember 2019  3 Minuten

Vor dem Griff ins Milchregal steht immer eine Entscheidung: bio oder nicht-bio? Weide oder Stall? Fair? Aber wenn ja, für wen: die Kuh oder die Bauern? Und geht auch beides? Was in deinem Einkaufswagen landet, entscheidest du. Michael Kopatz darüber, wie wir die Welt verbessern können, ohne ständig daran zu denken Wie produziert wird, entscheiden andere. Wie wäre es, wenn du plötzlich selbst bestimmen könntest, unter welchen Bedingungen Milch produziert wird?

Nicolas Barthelmé möchte genau das: die Verbraucher einbeziehen. Der gebürtige Franzose lebt seit Langem in Deutschland und hat früher für einen Käsehersteller gearbeitet. Jetzt, mit Mitte 40, hat er im hessischen Eltville eine Firma gegründet, die mit einem angegliederten Verein die Verbraucher an sich binden will. »Du bist hier der Chef!« heißt die Marke des Unternehmens, die etwa im April 2020 in deutsche Supermarktregale kommen soll.

Die Idee: Grundnahrungsmittel sollen möglichst nachhaltiger und fairer sein als das übliche Angebot, vor allem aber auch mehr Transparenz zulassen. Die Käuferinnen bestimmen gemeinsam, wie der jeweilige bäuerliche Betrieb das Produkt herstellt.

Als Erstes will Nicolas Barthelmé mit »Du bist hier der Chef!« Milch in die Läden bringen. »Mit der Milch können wir viele der Themen angehen, die für unsere Initiative wichtig sind: Umweltschutz, Biodiversität, Tierwohl, Vergütung für die Landwirte«, sagt er. Deswegen sei das Produkt gut geeignet für den Anfang. Fragebogen zur Milch bei »Du bist hier der Chef!« Per Online-Fragebogen können potenzielle Käuferinnen ab sofort bestimmen, wie genau die Milch produziert werden soll. Es geht um die Verpackung, ob der Einsatz von Pestiziden beim Weidegras okay ist, bio oder nicht-bio, die Bezahlung der Produzenten und woher die Futtermittel für die Kühe kommen könnten – an insgesamt 8 Stellschrauben können die Befragten drehen. Der Preis ändert sich je nach Präferenz, die Spanne reicht von 73 Cent bis 1,46 Euro pro Liter.

»Wir geben nur 2 Dinge vor: dass es keine Fütterung mit Gentechnik und keine Anbindehaltung geben darf«, sagt Nicolas Barthelmé. Wichtig sei ihm, dass sich die Milch deutlich von den existierenden Angeboten unterscheide und dass die Produzenten besser bezahlt werden als von den großen Molkereien. Wenn das nicht der Fall sei, komme die Milch auch nicht ins Regal. Und noch etwas hat er sich vorgenommen:

Wir wollen einem Produzenten immer die komplette Produktion abnehmen. Es geht darum, dass sich für Bauern und deren Mitarbeiter wirklich etwas durch die Zusammenarbeit ändert. – Nicolas Barthelmé, Verbrauchermarke »Du bist hier der Chef!« Das gilt vor allem für die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen. Wenn sie verschiedenen Betrieben immer nur kleinere Mengen abnähmen, blieben diese von anderen Abnehmern abhängig und könnten die Vorstellungen von »Du bist hier der Chef!« nicht konsequent umsetzen. Wenn die Initiative den Betrieben nur kleine Mengen abnehmen, spüren die Betriebe nicht unbedingt die preisliche Veränderung. Wenn aber die vollständige Produktion besser bezahlt wird, können die Betriebe besser planen und neu investieren, sagt Barthelmé. »Du bist hier der Chef« garantiert die Preise, die durch die Verbraucher gewählt wurden, für 3 Jahre. Bei der Verpackung gibt es 3 Auswahlmöglichkeiten: Entweder besteht nur der Karton der Milchtüte aus nachwachsenden Rohstoffen oder der Karton und der Kunststoff. Bei der 3. Variante Unternehmer Frederik v. Paepcke über klimaneutrale Firmen und Produkte wird der CO2-Ausstoß der Verpackungsproduktion kompensiert.

Mindestens 5.000 Teilnehmer und Teilnahmerinnen sollen mitmachen, ab dieser Zahl rechnet Nicolas Barthelmé mit einem aussagekräftigen Ergebnis – und ausreichend potenziellen Käuferinnen. Abhängig vom Ergebnis wird Nicolas Barthelmé die passenden Produzenten aussuchen, wahrscheinlich schon Mitte Januar. Wer möchte, kann zusätzlich dem Verein von »Du bist hier der Chef!« beitreten, die Aufnahmegebühr liegt bei einem Euro. Vereinsmitglieder dürfen bei Gesprächen mit den Bauern und den Supermarktketten dabei sein und bekommen so einen noch tieferen Einblick.

Eier, Säfte, Mehl: Das Angebot der großen französischen Schwester umfasst schon 25 Produkte. Auch hier hat alles mit der Milch begonnen. – Quelle: C'est qui le patron?! La Marque du Consommateur copyright

Die Idee der »Verbrauchermarke« kommt ursprünglich aus Frankreich. 2016 wurde hier die Initiative Website von »C’est qui le patron?!« »C’est qui le patron?!« gegründet, deren Produkte bereits in mehr als 12.000 Geschäften zu finden sind. Die Verbrauchermarken sehen sich als eine internationale Bewegung, die weit über Frankreich und Deutschland hinausschwappen soll – in 5 weiteren Ländern gibt es den Ansatz schon, darunter Marokko und Griechenland.

Für Nicolas Barthelmé und seine deutsche Marke soll die Milch nur der Anfang sein. Eine neue Umfrage ist bereits online – dieses Mal geht es darum, welches Produkt nach der Milch kommen soll. 10 Vorschläge gibt es zur Auswahl, eigene Ideen sind willkommen. Denn genau darum geht es bei Nicolas Barthelmés Idee ja: Die Verbraucher sollen sich endlich Gedanken darüber machen, was sie eigentlich wollen.

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Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Konsum   Nachhaltigkeit   Essen  

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