PD Daily 

Denke an deine Nachbarn! So hilfst du anderen in diesen Zeiten

Du gehörst nicht zu einer Coronavirusrisikogruppe und willst mit anpacken? So geht es.

20. März 2020  4 Minuten

Dir macht das Coronavirus keine Angst. Du hast für eine eventuelle Quarantäne vorgesorgt, Es kursieren im Netz gerade diverse »Notfall«-Einkaufslisten, die meist übertrieben sind. Längere Lieferengpässe sind nicht zu erwarten. Was du derzeit aber wirklich mehr als normalerweise kaufen solltest: Seife (fettende Arztseife hilft bei häufigem Händewaschen), Medikamente, falls du sie regelmäßig einnehmen musst, Schmerz- und fiebersenkende Mittel, Haustiernahrung, Spezialnahrung für Babys, Allergiker oder Diabetiker. Die Website des Robert-Koch-Instituts hat die aktuellsten Informationen zur Coronavirus-Lage fühlst dich gut informiert und gehst davon aus, dass du das schon alles überstehen wirst?

Nicht allen geht es so dieser Tage. Ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen sind besonders vom Coronavirus bedroht. Für sie bedeutet schon der Gang zur Apotheke oder zum Supermarkt ein erhöhtes Risiko.

Wenn du dir keine Sorgen um dich selbst machen musst, ist deshalb jetzt die beste Zeit zu helfen. Und das geht am besten koordiniert, lokal und gemeinsam.

So bietest du Hilfe in deiner Stadt an

Wann helfe ich und wenn ja, wie vielen?

Nicht jeder, der helfen will, sollte das auch tun. Wer Kontakt mit Menschen mit Krankheitssymptomen hatte oder kürzlich in Risikogebieten war, sollte lieber daheimbleiben. Und wer Hilfe anbietet, sollte diese auf einzelne Personen beschränken. Denn auch beim Helfen gilt: Besser nicht mit zu vielen Menschen in Kontakt kommen. Denn je mehr Kontakte stattfinden, desto größer ist die Chance, dass das Virus sich doch über diesen Weg irgendwie verbreitet.

In der Krise zeigt das Internet, was es wirklich kann: nämlich fremde Personen zusammenbringen. In ganz Deutschland sprießen Coronahilfe-Gruppen in sozialen Medien wie Telegram oder Facebook aus dem Boden. Zum Beispiel in Hamburg, Münster, Dortmund, Berlin und Aachen. Eine Übersicht bietet die Website Diese Website listet deutschlandweit die aktiven Hilfsgruppen in sozialen Medien auf Solidarische Nachbarschaftshilfe.

Aktionen pro Stadtgebiet zu organisieren ist gut, denn so können sich Mitglieder untereinander absprechen, Zeit sparen und längere Fahrtwege vermeiden. Vor allem Studierende, deren Kurse ausfallen, oder Menschen, die gerade ihren Beruf nicht mehr ausüben können, bieten derzeit Unterstützung an. Und das wird derzeit wirklich gebraucht:

Da sich aufgrund der Epidemie ohnehin die Uni-Termine verschieben, hätte ich Zeit, um zu helfen. Egal ob Gassi mit dem Hund gehen oder auch auf die Kinder aufpassen, ich helfe gerne! – Julia W. in der Corona-Hilfe Münster

  • Einkaufshilfe: Volle Supermärkte stellen ein Risiko für gefährdete Gruppen dar. Zwar bieten manche Supermarktketten eigene Lieferdienste an, doch auch die dürften bald an ihre Belastungsgrenzen stoßen und kosten oft extra.

    Tipps: Engen sozialen Kontakt vermeiden und die Tüten mit Distanz an der Tür übergeben. Zur Transparenz immer den Kassenbon mitnehmen und abgeben, das schützt vor Unstimmigkeiten. Die Bezahlung klappt am besten digital über »PayPal«. Wie das Virus sich auf Oberflächen verbreiten kann, erkläre ich dir hier Natürlich nicht die Hände schütteln und auch nicht auf einen Kaffee mit reingehen. Dreiste Hamsterkauf-Einkaufslisten darf man auch ablehnen!
  • Kinderbetreuung: Was Eltern jetzt wissen sollten und welche Rechte sie haben, beschreibt die »Frankfurter Rundschau« (2020) Eltern, die nicht ins Homeoffice können, stehen bei geschlossenen Schulen und Kitas vor großen Organisationsproblemen. Hier wird aktuell oft Betreuung gebraucht, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist.

    Tipps: Auch wenn viele ältere Menschen gerade helfen wollen, gehören sie selbst zur Risikogruppe und sollten auch den direkten Kontakt mit Kindern meiden, weil diese Überträger sein können. Auch die gemeinsame Betreuung einer großen Gruppe von Kindern sollte vermieden werden – Kitas haben ja nicht umsonst geschlossen.
  • Hunde übernehmen: Kranke Personen können sich nicht um ihre Vierbeiner kümmern. Personen in Coronaquarantäne dürfen ihr Haus laut Erlass des Gesundheitsministeriums 14 Tage nicht verlassen – auch nicht für Haustiere. Besser ist es daher, sich für den Zeitraum voneinander zu trennen und eine fürsorgliche Pflege zu finden.

    Tipp: Gesunde Personen können problemlos selbst Gassi gehen. Sich in der freien Natur am Coronavirus anzustecken ist nahezu unmöglich, wenn man Begegnungen mit Menschen und vor allem Gruppen meidet.
  • Gute Informationen: Nicht immer bedeutet konkrete Hilfe auch ein Botengang. Die Coronahilfe-Gruppen im Internet sind gute Orte, um wertvolle Informationen über das Virus und Verhaltensmaßnahmen zu teilen und SWR3 klärt über einige Coronavirus-»Fake News« der letzten Woche auf (2020) kursierenden Fake News entschieden entgegenzutreten.

    Tipps: In Hilfsgruppen nach der Verfügbarkeit von Gütern in Supermärkten zu fragen ist eher kontraproduktiv. Dort kann man schließlich per Telefon selbst nachfragen. Und Posts über leere Supermarkt-Regale regen nur zu mehr Hamsterkäufen an.

Auch Online-Hilfegruppen brauchen Personen, die sie steuern und am Laufen halten. Administratoren werfen zum Beispiel Trolle raus, die einfach nur stören wollen. Auch die gibt es in solchen Gruppen immer wieder. Zum Beispiel wurde in der Coronahilfe-Münster-Gruppe ein neues Mitglied gelöscht, das sich einen Spaß machte und zu einem »Küsschen für alte Menschen«-Marathon aufrief. Offenbar nahm es die Pandemie nicht ernst und wollte sich über die Helfer lustig machen. Hier hilft auch keine Diskussion, die bindet nur Zeit und Kraft der freiwilligen Helfer. So jemand gehört einfach vor die digitale Tür gesetzt. Wer also selbst nicht vor die Tür kann, kann bei der Organisation digital mithelfen oder die Gruppen bekannter machen.

Werde jetzt Teil der helfenden Nachbarschaft

Bestehende Organisationen nutzen

Nachbarschaftshilfe ist nichts Neues. Auch vor dem Coronavirus existierten schon Vereine und Organisationen, die jetzt viel Erfahrung mitbringen (etwa der Kölner Verein »Kölsch Hätz«). Bevor du eine Hilfsgruppe für deinen Ort eröffnest, schaue also erst mal nach, ob es schon etwas gibt, wo du dich einfach anschließen kannst.

In ländlichen Gebieten ist das Organisieren einer zentralen Hilfsgruppe deutlich schwieriger als in Großstädten. Eine Alternative bietet das soziale Netzwerk Nebenan.de.

Es verbindet auch Nachbarn im Dorf und der Region. Hier treffen Hilfegesuche also direkt auf Menschen in Laufreichweite. Posts werden direkt in »Angebot« und »Suche« unterteilt. Da Nebenan.de schon seit 2015 existiert, Die Zahlen zu »Nebenan.de« nach eigenen Aussagen sind mittlerweile 1,5 Millionen Deutsche auf der Plattform aktiv und haben bereits Nachbarschafts-Netzwerke gebildet, auf die sie sich jetzt verlassen können. Die »Nebenan.de«-App für Android Eine App für Android-Smartphones oder Die »Nebenan.de«-App für Apple-Geräte iPhones erleichtert die Bedienung.

Eine Alternative ist die Plattform Wirhelfen, die einzelne Hilfsangebote ganz ohne Anmeldung auf einer interaktiven Karte sammelt – Die Plattform »Wirhelfen« sammelt online Hilfsangebote aktuell über 1.000 deutschlandweit. Weitere Portale wie Zur Website der Corona-App in Entwicklung von »Helpunity« Helpunity, das als App auch Unternehmen mit Personalengpässen ansprechen soll, sind gerade in der Entwicklung. Und manche Städte nehmen die Nachbarschaftshilfe sogar selbst in die Hand und bauen Die Nachbarschaftshilfe NRW ist eine freie Bürgerplattform für Hilfsgesuche und -angebote eigene Bürgerplattformen auf.

Doch all diese Hilfsgruppen haben ein gemeinsames Problem – sie sind digital. Und gerade ältere Menschen, also die hilfsbedürftigen Risikogruppen, sind eher offline. Die aktuellen Zahlen im »Digital-Index« beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2019) So sind 21% der 60–69-Jährigen nicht im Netz, bei über 70-Jährigen sind sogar 55% ohne Internetzugang. Dazu fand eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung erst 2019 heraus, Die Ergebnisse der Studie der Bertelsmann Stiftung zu »Silver Surfern« (2019) dass sich viele Silver Surfer online nicht sicher fühlen und Angeboten von Fremden im Internet eher misstrauen. Doch gerade sie bleiben in sozialer Isolation mit vielen Fragen und Sorgen allein.

Was also tun?

Die Antwort: Die Lebenswelten der älteren Menschen mitdenken und offline Hilfe anbieten. Zum Beispiel mit einem Zettel im Treppenhaus oder einem Einwurf im Briefkasten und der eigenen Telefonnummer. Die sind schnell gedruckt und mittlerweile gibt es sie auch als Vorlage, zum Beispiel beim Projekt Gegen-den-Virus.de, das die Hilfsangebote in einfacher Sprache auch auf Russisch und Türkisch übersetzt hat.

Lade hier eine Vorlage für Nachbarschaftshilfe herunter.

Mit diesem Post begann in Österreich der Hashtag »Nachbarschaftschallenge«, unter dem bei Twitter über aktuelle Hilfsangebote und Plattformen informiert wird.

Du gehörst zur Risikogruppe und brauchst Hilfe? Dann wähle diese Nummer

Ein sicherer Weg, ältere Menschen zu erreichen, ist immer noch das Telefon. Das dachten sich auch die Initiatoren der Hotline für Corona-Hilfe. Alle Informationen zur Telefon-Hotline auf »Gemeinschaft.Online« Dort können Menschen bundesweit Unterstützung finden, wenn sie wegen des Coronavirus in Quarantäne oder als Teil einer Risikogruppe daheimbleiben müssen und dabei auf Probleme stoßen.

Anrufer werden registriert und an örtliche Hilfsstellen weitergeleitet oder direkt an verifizierte Hilfsangebote aus den Onlineportalen wie nebenan.de vermittelt. Dahinter steht eine Gemeinschaftsarbeit von ehrenamtlichen Initiativen von Netzwerk von Silbernetz e. V., Wege aus der Einsamkeit, Nebenan.de e. V. bis zu Jugend Hackt.

Du brauchst wegen des Coronavirus Hilfe? Dann rufe jetzt diese Nummer an: 071729340048.

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Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Urbanes Leben   Internet   Gesellschaft  

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