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Essay 

Macht uns die Krise zu besseren Menschen?

Bei Katastrophen können wir zeigen, was wirklich in uns steckt. Wie retten wir das Gute in den Alltag danach?

20. April 2020  8 Minuten

Fühlst du dich gerade manchmal wie im Film? Überprüfen wir diese Aussage einmal. Katastrophenfilme folgen meist einer simplen Dramaturgie: Das Unheil entfaltet sich vor aller Augen – ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch, eine Pandemie. Unsicherheit und Angst machen sich breit. Menschen gönnen einander nichts mehr. Und am Ende heißt es meist: Die Starken und Guten überleben, während alle anderen panisch in ihren Untergang rennen.

In diesem Film leben wir heute zum Glück nicht. Denn statt mit Panik und Rücksichtslosigkeit reagieren die meisten Menschen auf die aktuelle weltweite Krise mit Solidarität und Hilfsbereitschaft. Egal wo wir hinschauen, sehen wir ähnliche Bilder: In der Türkei spielt ein Musiker für Senior:innen auf dem Balkon, in New York versorgen Restaurants das Krankenhauspersonal, in Kolumbien verbreiten Polizist:innen gute Laune mit Tanzeinlagen. Alle Beispiele auf einem Blick: Ein 25-jähriger Student der Agrarwirtschaft spielt auf seiner Gitarre für Menschen, die älter als 65 Jahre sind. Sie dürfen in der Türkei momentan nicht mehr vor die Tür. Ein deutscher Arzt in New York berichtet über die Hilfsbereitschaft in der momentan von der Coronakrise am härtesten getroffenen Stadt weltweit. In Kolumbien bringt die Polizei die Menschen ins Schwitzen. Polizist:innen tanzen auf der Straße Zumba und laden jede:n ein, mitzumachen. Überall helfen Nachbar:innen einander bei Einkäufen und werden Gelder gesammelt, Auch dein Lieblingsladen leidet gerade in der Coronakrise. Benjamin Fuchs beschreibt, wie du helfen kannst um Besitzer:innen von Buchläden, Cafés und kleinen Boutiquen vor dem finanziellen Ruin zu bewahren.

Dass Hilfsbereitschaft und Han Langeslag beschreibt die Prinzipien des Effektiven Altruismus Altruismus in Zeiten von Corona überwiegen, Hier findest du die Studie »Die SARS-CoV-2-Pandemie aus Sicht der Bevölkerung« (2020, PDF) war auch das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Katastrophenforschungsstelle der FU Berlin. So gaben 70% der Befragten an, anderen Hilfe angeboten zu haben. 95% waren bereit, sich zum »Wohle der Allgemeinheit und besonders gefährdeter Menschen einzuschränken«.

Macht uns die Krise zu besseren Menschen? Und wenn ja: Was bleibt davon übrig, wenn wir wieder zum Alltag übergehen?

Die Katastrophe als Hintertür

Die Britin Jamie Aldridge ist 13 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und der Tante Weihnachten auf Sri Lanka verbringt. Am Morgen fährt die Familie mit einem Fischer zum Schnorcheln hinaus aufs Meer. So entkommen sie der ersten meterhohen Welle des Tsunamis, der am 26. Dezember 2004 mit voller Wucht auf die Küsten des Indischen Ozeans prallt und Hunderttausende Menschenleben kosten wird.

Leblose Körper im Wasser

Als das Boot nach ein paar Stunden in den Hafen zurückkehrt, treiben Fernseher, Tische und andere Haushaltsgegenstände vorbei – Jamie Aldridge entdeckt auch leblose Körper im Wasser. Als sie anlegen, rennt die Familie auf die Hauptstraße – Jamie mit nackten Füßen. Ein Mann stoppt sie und gibt ihr seine Schuhe. Andere Einheimische bitten die verstörte Familie in ihr Haus. Doch gerade als sie sich hinsetzen und ausruhen wollen, schiebt sich die nächste Welle an Land. Die Helfer:innen handeln schnell und weisen der Familie den Weg in die Berge – und in Sicherheit.

Das gewaltige Unterwasserbeben, das den Tsunami am zweiten Weihnachtstag vor 16 Jahren auslöste, gehört zu den größten Naturkatastrophen des 21. Jahrhunderts. Und es finden sich viele 10 Jahre nach dem Tsunami erzählen Überlebende wie Jamie Aldridge ihre Geschichten in »The Guardian« (englisch, 2014) Geschichten wie die der jungen Touristin Jamie Aldridge, die von der Zerstörung und der Angst in diesen Stunden berichten. Aber in ihnen findet sich eben auch das: Erzählungen von Es gibt Gründe, warum du anderen (nicht) hilfst. Hier habe ich sie aufgeschrieben Hilfsbereitschaft und Solidarität.

»Am 18. April 1906 um 05:12 Uhr morgens erschütterte ein Erdbeben San Francisco eine Minute lang. Gebäude […] stürzten ein, bekamen Risse oder verschoben sich, Schornsteine brachen ab, Wasser- und Gasleitungen zerbarsten, Straßenbahnschienen verkrümmten und sogar Grabsteine kippten um. […] Danach brachen Feuer aus.« Aus Rebecca Solnits »A Paradise Built in Hell« – Quelle: The U.S. National Archives CC0

Wie das Paradies in der Hölle entsteht: Das Buch gibt es bislang nur in englischer Sprache In ihrem Buch »A Paradise Built in Hell« aus dem Jahr 2009, das noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, recherchierte die Essayistin Rebecca Solnit, was Katastrophen wie das Erdbeben 1906 in San Francisco oder der Hurrikan Katrina in New Orleans im Jahr 2005 mit Menschen machen. Nach Gesprächen mit vielen Zeitzeugen und der Suche in Archiven kommt sie zu einer provokanten These:

So schrecklich ein Desaster auch ist, manchmal öffnet sich dadurch eine Hintertür zum Paradies. In dem wir die sind, die wir schon immer sein wollten, die Arbeit leisten, die wir schon immer leisten wollten, und für unsere Schwestern und Brüder da sind. – Rebecca Solnit

Bei Katastrophen tendieren wir dazu, erst einmal nur das Grausame, das Verheeren zu sehen. Aber wir stehen auch an einem Scheideweg: Hinter uns liegt die vermeintliche Normalität. Vor uns schlängeln sich Wie du sicher mit deiner Unsicherheit umgehst, erkläre ich dir hier unsichere Pfade, die wir vorher nie freiwillig betreten hätten. Um uns darauf voranzutasten, sind wir gezwungen, uns umzuorientieren und neu zu definieren, was uns wirklich wichtig ist.

Rebecca Solnit begreift das als Chance: Denn bei und nach Katastrophen können wir erleben, wer wir wirklich sein möchten. Wann immer wir helfen wollten – jetzt können wir helfen. Wenn wir schon immer mutiger sein wollten, können wir jetzt Stärke beweisen, die nicht nur uns selbst voranbringt.

Nach dem verheerenden Tsunami im Indischen Ozean erreichte die staatliche Hilfe nicht sofort alle Orte. Deshalb nahmen es Überlebende in den ersten Tagen selbst in die Hand, anderen zu helfen. Wenige Stunden nach der Katastrophe, so berichteten Tourist:innen auf Sri Lanka, wurde in buddhistischen Tempeln Essen ausgeteilt. Lies hier den Bericht »Impact of the tsunami response on local and national capacities« der »Tsunami Evaluation Coalition« der UN (englisch, 2006, PDF) In den indonesischen Bergen fanden sich Gruppen zusammen, die sich selbst mit Kokosnüssen und Früchten versorgten. Wessen Haus noch stand, der nahm Gestrandete auf, bis Hilfsorganisationen zu den Orten durchdringen konnten.

Gesellschaften scheinen bei Desastern solidarischer zu funktionieren

Ähnliche Formen der Solidarität sieht Solnit nach Naturkatastrophen in der Industrienation USA, auf die sie sich in ihrem Buch konzentriert. Doch egal ob dort oder woanders, Gesellschaften scheinen bei Desastern solidarischer zu funktionieren. Das spüren wir auch jetzt in der Coronakrise. Um andere zu schützen, bleiben wir zu Hause, halten Abstand und bieten Unterstützung an. Nicht nur weil es verordnet ist, sondern weil wir ernsthaft helfen wollen.

Es sind Zeiten wie diese, in denen wir merken, wie vernetzt wir Menschen eigentlich sind. Dass das Überleben längst nicht nur von einem selbst abhängt. Wir erfahren eine neue Dimension des einander Brauchens.

Vor allem in Ländern wie Deutschland, in denen viele Menschen in Wohlstand leben, scheint es, als könnten wir uns an der aktuellen Hilfsbereitschaft gar nicht sattsehen. Weil sie für uns so fremd geworden ist?

Solnit schreibt dazu: »Die positiven Emotionen, die in solch aussichtslosen Situationen zum Vorschein kommen, zeigen, dass wir uns nach sozialen Verbindungen und sinnvoller Arbeit sehnen. […] Das System unserer Wirtschaft und Gesellschaft verhindert es jedoch, dieses Ziel zu erreichen.«

Blick auf das Flüchtlingslager, San Francisco 1906: »Etwa 3.000 Menschen waren gestorben, mindestens die Hälfte der Stadt war obdachlos. […] Sobald die Zeitungen wieder gedruckt wurden, veröffentlichten sie lange Listen mit vermissten Personen und Lagern, in denen man Angehörige finden konnten. Trotzdem oder gerade deswegen blieben die Menschen zum größten Teil ruhig und zuversichtlich.« Aus Rebecca Solnits »A Paradise Built in Hell« – Quelle: NPS CC0

Was die Philosophin in der Krise beobachtet, ist die ungeahnte Fähigkeit von Gesellschaften, Hilfen dezentral zu organisieren. Es braucht Essen, also werden Suppenküchen eingerichtet wie nach dem Erdbeben in San Francisco im Jahr 1906. Es braucht Unterkünfte, also öffnen Menschen ihre Häuser oder bauen Lager, um anderen ein Dach über den Kopf zu geben.

Hier findest du eine qualitative Studie zur Widerstandsfähigkeit liberischer Gemeinschaften in der Ebola-Epidemie (englisch, 2019, PDF) Als die Ebola-Epidemie in Liberia ausgebrochen war und Hilfsorganisation nicht bis in die entlegensten Dörfer vordringen konnten, nahmen es die Einheimischen selbst in die Hand, Kranke zu isolieren und sie mitunter in Tagesmärschen zum nächsten Krankenhaus zu bringen.

Mit Blick auf diese Beispiele lehrt uns diese Krise 2 wichtige Dinge:

  1. Eine andere Gesellschaft ist möglich.
  2. Menschen sind nicht das Problem.

Das wahre Problem sieht Rebecca Solnit in etablierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen, die Egoismus sowie Individualismus bestärken und mehr noch, auf dem Prinzip der persönlichen Bereicherung aufbauen. Damit beschreibt sie die Welt, in der wir leben.

Es war kein Zufall, dass in den ersten Wochen des Kontaktverbots in Europa ausgerechnet Triggerwarnung: Hier findest du den Trailer für »Der Schacht«. Kein Film für schwache Nerven der Horrorfilm »Der Schacht« an die Spitze der Charts des Streaminganbieters Netflix schoss. Darin findet sich ein junger Mann in einem dystopischen Gefängnis wieder, in dem die Insassen in einer Art Turm auf Plattformen festgehalten werden. Einmal am Tag fährt eine reich gedeckte Tafel mit Essen von oben nach unten durch die Etagen. Weil sich die auf den oberen Plattformen ihre Bäuche vollschlagen, bleibt weiter unten im Schacht nichts mehr übrig. Die Menschen dort verhungern oder gehen aufeinander los.

Der Film zeigt nicht, dass der Mensch im Grunde schlecht ist – er zeigt, dass ein System ihn dazu erzieht.

»Krise nach der Krise«

Wenn das so ist – was ist mit den Berichten über Hamsterkäufe und von Personen, die andere anhusten und behaupten, mit Corona infiziert zu sein? Solnit nennt diese Wahrnehmung des Schlechten die »Krise nach der Krise«. Lies hier, wie negative Nachrichten unser Weltbild beeinflussen Negative Nachrichten haben es bei Katastrophen leichter, Aufmerksamkeit zu bekommen, und können dazu führen, dass das Misstrauen in einer Gesellschaft wächst.

Manchmal können Schreckensmeldungen sogar Menschenleben kosten. Solnit beschreibt in ihrem Buch, wie Gerüchte über Morde nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans die Runde machten – viele davon waren nicht wahr. Lies dazu den Essay von Rebecca Solnit »Four years on, Katrina remains cursed by rumour, cliche, lies and racism« (englisch, 2009) Dennoch entschied die damalige Gouverneurin, Hilfen für die Überlebenden herunterzufahren und stattdessen Truppen in der Stadt patrouillieren zu lassen, um für Ordnung zu sorgen.

San Francisco, 1906: »An ihrem dritten Tag im Flüchtlingslager nähte [Anna Amelia Houlshouser] Decken, Teppiche und Laken zu einem Zelt zusammen, das 22 Menschen, darunter 13 Kinder, beherbergen konnte, und startete eine kleine Suppenküche. […] Die Küche begann zu wachsen, und bald ernährte sie 200–300 Menschen. Sie war kein Opfer, sondern eine Bezwingerin der Katastrophe.« Aus Rebecca Solnits »A Paradise Built in Hell« – public domain

Was bleibt

Macht uns die Krise also zu besseren Menschen oder nicht?

Vielleicht ist die geeignetere Frage an dieser Stelle: Wie gestalten wir solidarischere Systeme, die das Beste im Menschen zum Vorschein bringen – auch über die Krisensolidarität hinaus?

Die im Jahr 2012 verstorbene Politologin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat ihr berufliches Leben der Suche nach einer Antwort gewidmet. Lies dazu Katharina Wiegmanns Artikel »Du hast genug vom Kapitalismus? Wie Wirtschaft jenseits von Markt und Staat funktioniert« Auf zahlreichen Forschungsreisen in der ganzen Welt beobachtete sie, wie gemeinschaftlich geführte Institutionen Menschen nicht nur zusammenbringen können, sondern auch erfolgreicher machen. Ostroms Forschung inspiriert bis heute Menschen auf der ganzen Welt, die daran glauben, dass das auf Konkurrenz und ständigem Wachstum basierende Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell nicht alternativlos ist. Sie gründen solidarische Landwirtschaften, Supermarkt-Kooperativen oder schreiben Open-Source-Software.

Wir müssen alle umdenken und aktiv werden, wenn wir eine starke solidarische Gesellschaft schaffen wollen. Denn Hilfsbereitschaft überlassen wir sonst dem Staat. Dann darf sich aber auch niemand wundern, wenn dieser die Bedingungen – und die Grenzen – festlegt. Wo diese Hilfsbereitschaft an ihre Grenzen stößt, zeigt sich aktuell im Streit über die Evakuierung der griechischen Flüchtlingslager sowie in der Entscheidung, Tausende Erntehelfer:innen trotz Infektionsgefahr nach Deutschland einzufliegen.

Lies dazu Bregmans Essay »Don’t forget: disasters and crises bring out the best in people« (englisch, 2020) »Nichts ist sicher, aber diese Krise kann uns helfen. Durch sie wächst unser Bewusstsein für Abhängigkeit, Gemeinschaft und Solidarität«, schreibt der niederländische De Correspondent-Journalist Rutger Bregmann, der in seinem aktuellen Essay Rebecca Solnits Gedanken neu aufgelegt hat.

Eines ist aber vielleicht doch sicher – die Krise hat uns bereits viele Lektionen erteilt. Eine der simpelsten, aber effektivsten ist: Je mehr wir an das Wohl der anderen denken, umso mehr helfen wir uns allen.

Titelbild: sjb3949 - CC0

von Juliane Metzker 
Juliane schlägt den journalistischen Bogen zu Südwestasien und Nordafrika. Sie studierte Islamwissenschaften und arbeitete als freie Journalistin im Libanon. Durch die Konfrontation mit außereuropäischen Perspektiven ist ihr zurück in Deutschland klar geworden: Zwischen Berlin und Beirut liegen gerade einmal 4.000 Kilometer. Das ist weniger Distanz als gedacht.
Themen:  Gesellschaft  

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