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Die globale Finanzelite? Das bist du!

Armut tötet mehr Menschen als Corona. Mit dieser einfachen Formel könnten wir alle etwas daran ändern.

1. September 2020  4 Minuten

Seit dem Jahr 1990 hat sich die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, von 1,9 Milliarden auf 736 Millionen (2015) mehr als halbiert. Wem das zu verdanken ist? Der freien Marktwirtschaft natürlich! Wer Kritik am Kapitalismus übt, kann fast sicher sein, diese Erfolgsgeschichte um die Ohren gehauen zu bekommen.

Philip Alston hält allerdings nichts von diesem optimistischen Narrativ. In einem Guardian – »Covid-19 has revealed a pre-existing pandemic of poverty that benefits the rich« (englisch, 2020) Kommentar im englischen Guardian kritisiert der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte diese Erzählung, die unter anderem von der US-Regierung und der Weltbank verbreitet wird, als Weltbank – »Decline of global Extreme Poverty continues but has slowed« (englisch, 2018) »höchst irreführend«.

Sie basiere einzig und allein auf einem fragwürdigen Maßstab, den Im dritten Teil meiner Serie zum Neoliberalismus geht es unter anderem auch um die Rolle von Weltbank und IWF die Weltbank selbst festgelegt hat: dem Grenzwert für extreme Armut, der bei 1,90 Dollar pro Tag liegt. Dieser Wert sei fehlerhaft, werde weitgehend missverstanden und ergebe ein trügerisch positives Bild des Ist-Zustands im Kampf gegen Armut.

Der dramatische Rückgang ist nur mit einem skandalös unambitionierten Maßstab möglich, der darauf abzielt, einen lediglich miserablen Lebensunterhalt zu sichern. […] Er verschleiert die Armut unter Frauen und denjenigen, die in offiziellen Umfragen oft ausgeschlossen werden, wie etwa Wanderarbeiter und Flüchtlinge. Ein großer Teil des angekündigten Rückgangs ist auf steigende Einkommen in einem einzigen Land, China, zurückzuführen. – Philip Alston

Die Ärmsten der Armen sind also auch in den letzten 30 Jahren arm geblieben – trotz der von vielen Politker:innen und Ökonom:innen verkündeten Heilsgeschichte des Kapitalismus.

Gerade jetzt in der Coronakrise hat diese Armut dramatische Folgen, sie kostet Leben, die mit minimalen finanziellen Mitteln zu retten gewesen wären. Und zwar auf eine Art und Weise, über die wir in den Medien wenig hören und sehen: In der Pandemie könnte sich die Zahl der Malariatoten verdoppeln, schreibt das Ärzteblatt (2020) Einiges deutet darauf hin, dass im Jahr 2020 nicht etwa Corona für die meisten vermeidbaren Todesfälle verantwortlich sein wird, sondern Malaria Gastautorin Sarah Emminghaus über die Bekämpfung von Tuberkulose und Tuberkulose.

Um die Infektionspandemie zu bekämpfen, müssen wir also die Armutspandemie bekämpfen, die schon sehr viel länger grassiert als Covid-19. Nur wie?

Eigentlich hätte die Menschheit den Pandemien dieser Welt eine Menge entgegenzusetzen – vorausgesetzt, dass diejenigen, die am meisten von unserem kapitalistischen System profitieren, ihren Der Amazon-Gründer und reichste Mensch der Welt Jeff Bezoz hatte zuletzt kurzzeitig die Marke von 200 Milliarden Dollar geknackt Reichtum mit den Ärmsten teilen würden.

Gemeint sind damit vor allen Dingen … wir.

Eine (un-)bequeme Wahrheit: Die oberen 10%, das sind wir

Die astronomischen Vermögen der 2.000 Menschen auf der Das Forbes-Magazin führt eine ständig aktualisierte Millardär:innenliste (englisch) Forbes-Milliardär:innenliste ist nur eine Form des Reichtums.

Schon »normale« Arbeitseinkommen in Deutschland, die wir oft vielleicht sogar als mager empfinden, machen uns zu reichen Menschen – wenn wir uns international vergleichen. Doch dazu müssen wir erst einmal ein einheitliches Maß finden. Wie geht das?

Einkommen besteht für die meisten Menschen in erster Linie aus Lohn oder Gehalt (sprich: Arbeitseinkommen), für einige wenige aber auch aus Zinsen, Renditen Hier fordert mein Kollege Peter Dörrie, dass sein Immobilienbesitz enteignet werden sollte oder auch Mieteinkünften (sprich: Kapitalerträge). Wollen wir sinnvoll vergleichen, ziehen wir dann Steuern und Abgaben ab (sprich: Nettoeinkommen) und nehmen das Ergebnis mal 12, um das Nettojahreseinkommen zu erhalten.

Da es aber einen großen Unterschied ergibt, ob eine Person ihr Einkommen für sich allein hat oder es bei Alleinverdienenden für Partner:in und 5 Kinder reichen muss, rechnet man in der Forschung meist mit dem Nettohaushaltseinkommen.

Ein einfaches Beispiel: Herr Musterfrau ist Single und verdient als Angestellter den Medianlohn, der in Deutschland bei rund 2.500 Euro brutto liegt. Ihm bleiben davon nach Steuern und Abgaben ungefähr 1.700 Euro im Monat Hier schreibe ich, warum du wirklich zu viele Steuern zahlst oder 20.400 Euro im Jahr. »Gar nicht mal so üppig«, mag er sich nun denken.

Als Herr Musterfrau sein Nettohaushaltseinkommen dann in den Rechner des Internetportals Hier geht es zum Rechner (englisch) »How Rich Am I?« (»Wie reich bin ich?«) eintippt, um herauszufinden, wie er im weltweiten Vergleich dasteht, erlebt er eine große Überraschung: Nur 5,7% der Weltbevölkerung verdienen mehr als er. Sein verfügbares Haushaltseinkommen übersteigt den globalen Median fast um das 10-Fache:

Reicher, als wir denken

Alleinlebende, die in Deutschland den Medianlohn von 2.500 Euro brutto verdienen, zählen nach Steuern und Abgaben im internationalen Vergleich zu den oberen 10%.

Quelle: How Rich Am I?

Der Rechner wird von der bereits im Jahr 2009 an der Universität Oxford gegründeten Initiative Hier geht es zur Website von »Giving what we can« »Giving what we can« (»Geben, was wir können«) betrieben, die Menschen dazu ermutigen will, ihren eigenen Reichtum als solchen anzuerkennen – um dann etwas davon an Menschen abzugeben, Eine kurze Übersicht über die Initiative (englisch, PDF) die es weniger gut getroffen haben. Die inzwischen 5.000 Mitglieder auf der ganzen Welt haben sich dazu verpflichtet, 10% ihres verfügbaren Einkommens zu spenden.

Aber nicht irgendwie: Um möglichst vielen Menschen mit ihrem Zehnten helfen zu können, orientieren sie sich strikt an den Prinzipien des Effektiven Altruismus, der auf wissenschaftlicher Basis errechnet, wo eine Spende den größtmöglichen Effekt erzielt. Herr Musterfrau könnte mit 10% seines Einkommens etwa 353 Moskitonetze zum Schutz vor Malaria sowie 1.808 Behandlungen gegen Parasiten finanzieren, die vor allem bei Kindern im globalen Süden zu Symptomen wie Durchfall führen und so den Schulbesuch verhindern. Und das jedes Jahr aufs Neue.

Die Rechnung zeigt: Allein mit dem Finger auf »die da oben« zu deuten wird der Realität nicht gerecht. Die meisten von uns sind – global gesehen – selbst ein Teil der oberen 10%. Zumindest dann, wenn wir von Einkommen reden. Setzen wir einen Teil davon effizient ein, können auch wir eine Menge erreichen – natürlich ohne das superreiche 1% aus den Augen zu verlieren.

Wenn du noch mehr über Effektiven Altruismus erfahren willst, findest du in diesem Text eine Menge weiterer Informationen:

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

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