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Und nun zur Klimakrise: Wie ein Crowdfunding-Projekt die Tagesschau umbauen will

Jeden Werktag um kurz vor 20 Uhr informiert die ARD über die Entwicklungen an der Börse. Das ist nur für wenige relevant, sagt die Initiative »Klima vor acht« – und fordert, stattdessen ein Klimaupdate auszustrahlen.

11. September 2020  4 Minuten

Die wichtigste deutsche Nachrichtensendung, die Tagesschau, ist ein Mosaik aus kleinen Bausteinchen, das die gemeinsame Lebenswirklichkeit der Menschen in Deutschland abbilden soll. Und in vielen Fällen gelingt das: Das Begrüßungssteinchen fängt die Korrektheit unserer Sprache und Denkweise ein. Das Wetterberichtsteinchen diktiert uns, ob wir am nächsten Morgen die luftigen, die warmen oder die regendichten Klamotten aus dem Schrank holen.

Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau!

Und all die anderen Steinchen informieren uns, wie viel unsere Mehrwertsteuer sinkt, wie viele Waren wir wieder ins Ausland verkauft haben und wie hoch der FC Bayern gewonnen hat. So war es früher, als wir die Sendung abends auf Opas Schoß verfolgten, und so ist es heute, wenn wir die Sendung durchs Tablet ins Bett streamen.

Doch da ist auch das Börse-vor-acht-Steinchen. Eine Handvoll Minuten, noch bevor es richtig losgeht mit Pauken und Streichern, in denen uns das Auf und Ab dieser bekannten Frankfurter Anzeigetafel erklärt wird. Weil auch das, so die Überlegung, eine gewisse Wichtigkeit für uns alle hat.

Der Mathematiker und Philosoph Norman Schumann arbeitet als Datenanalyst und hat nun das Crowdfunding für »Klima vor acht« mit ins Leben gerufen. – Quelle: Lars Michael Bollweg

Doch sind Börsenwerte in einem Land, in dem gerade mal jeder Sechste Aktien hält, wirklich ein so wichtiges, verbindendes Element, dass sie diesen prominenten Sendeplatz und all diese Aufmerksamkeit verdienen?

Nein, sagt die Initiative »Klima vor acht«. An dieser Stelle wäre es deutlich wichtiger, über den Klimawandel zu berichten. »Denn die Klimakrise geht uns alle etwas an!«, sagt Norman Schumann, einer der Mitinitiatoren.

Deshalb hat sich die Initiative Auf die Frage, wer alles zum Team gehört, sagt der Mitinitiator Norman Schumann: »Wir sind rund 16 Leute, von denen einige Teil der Klimabewegung sind, etwa Fridays for Future, BUND oder Grüne, und andere nicht.« Auch Perspective-Daily-Gründerin Maren Urner ist Teil der Initiative, alle Mitglieder findest du hier. zum Ziel gesetzt, die Rundfunksender dazu zu bewegen, die Klimaberichterstattung »zentraler und aufmerksamkeitswirksamer« im Programm zu positionieren. Und ein sehr guter Slot dafür sei eben die »boerse vor acht«:

Die gängigen Sendungen zum Klimawandel sind umfangreiche Dokus, die meistens so gegen 22:30 Uhr oder 23:30 Uhr laufen. Die erreichen vor allem ein Publikum, das sich ohnehin schon sehr für das Thema interessiert. Deshalb gehört die Klimafrage in die Primetime, denn die Klimakrise geht uns alle etwas an! Die Folgen dieser Krise sehen wir schon heute, und sie werden uns und unsere Kinder und Kindeskinder noch für Jahrzehnte begleiten. Jetzt, da sind sich die Klimawissenschaftler einig, haben wir noch die Chance, die schlimmsten Folgen abzuwenden. Und da stehen an allererster Stelle die Informationen: Was hat es auf sich mit dem Klima, was können wir tun? Diese Informationen müssen einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Menschen, die sich da sonst nicht so für interessieren, die vielleicht nicht wissen, was zum Beispiel ein Kipppunkt ist und warum diese Kipppunkte so kritisch sind. – Norman Schumann, Mitinitiator von »Klima vor acht«

Die Idee von »Klima vor acht« ist nicht neu: Schon Ende vergangenen Jahres gab es auf der Plattform change.org eine Petition mit der Forderung, die Börsensendung durch eine Klimasendung zu ersetzen. Im April erneuerte dann eine Blogbeitrag der Grannies for Future, der eine Klima-vor-acht-Sendung fordertGrannies-for-Future-Gruppe die Forderung, und auch die Aktivist:innen von Extinction Rebellion Der NDR berichtet darüber, wie Klimaaktivist:innen seine eigene Zufahrt blockieren, um ihn zu mehr Klimaberichterstattung zu drängenblockierten im Juni den NDR in Hamburg mit diesem Anliegen als Teil ihrer Forderungen.

Bisher habe man von der ARD eher Argumente dagegen gehört, sagt Norman Schumann: Die Kürze des Sendeplatzes werde dem Thema nicht gerecht; außerdem berichtete der Sender ja schon übers Klima. »Da haben wir gedacht, wir zeigen mal, wie so eine Folge aussehen könnte, um der Forderung mehr Substanz zu verleihen«, so Schumann.

Und so startete die Gruppe Anfang September ein Hier geht es zum Crowdfunding auf StartnextCrowdfunding, um Geld für die Produktion erster Folgen zu sammeln:

Unser erstes Fundingziel waren 10.000 Euro, dafür können wir eine Pilotfolge produzieren. Unser zweites Ziel waren 20.000 Euro, dafür können wir dann die erste Staffel aus 6 Folgen produzieren. Das erste Ziel hatten wir nach 50 Minuten erreicht, das zweite nach etwas mehr als 3 1/2 Stunden. Das zeigt ja, was für ein starkes Interesse daran besteht. – Norman Schumann

So wird im Herbst also die erste Staffel produziert, bestehend aus 6 Folgen. Darin solle nicht nur über die teilweise beängstigenden Fakten und Hintergründe des Klimawandels berichtet werden, sondern im Sinne des Lies hier, wie wir den Konstruktiven Journalismus definiert haben.Konstruktiven Journalismus auch Lösungen und Handlungsoptionen aufgezeigt werden. Es zeichne sich ab, dass ein bekanntes Moderator:innen-Gesicht die Sendungen moderiere, wenn auch noch nichts final beschlossen sei. Ob die ARD, sollte sie auf die Forderungen letztlich eingehen, die Folgen dann direkt ausstrahlt oder eigene Folgen produziere, steht derzeit nicht fest. In jedem Fall werden sie im Internet frei zugänglich sein.

Doch letztlich gehe es der Initiative nicht einzig und allein darum, gerade »boerse vor acht« zu ersetzen, sondern auch andere Medien dazu zu bewegen, die Klimakrise prominenter zu platzieren: »Das geht alle Medien etwas an, nicht nur die öffentlich-rechtlichen, sondern auch die privaten, Zeitungen, Radiosender.«

Die Klimakrise verbindet uns alle und wird für den Rest unseres Lebens Bestandteil unserer geteilten Lebenswirklichkeit sein – die Anforderungen an ein Mosaiksteinchen erfüllt sie also.

Hier kannst du dir das Intro der Tagesschau im Wandel der Zeit anhören (1952–2020).

Titelbild: DesertEagle - CC BY

von Felix Austen 
Der Physiker Felix begrüßt den Trend zu Hafermilch und fährt gern Rad. Er weiß aber auch, dass das nicht genügen wird, um die Welt vor der Klimakatastrophe und dem Ökokollaps zu bewahren. Deshalb schreibt er über Menschen, Ideen und Technik, die eine Zukunft ermöglichen. Davon gibt es zum Glück jede Menge!
Themen:  Deutschland   Journalismus   Klima  

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