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Wetten, dass wir eine Million Tonnen CO2 einsparen können?

Bis zur Klimakonferenz 2021 in Glasgow will ein Verein diese Wette gewinnen. Wie das gelingen soll, erklärt Initiator Michael Bilharz.

29. September 2020 –  4 Minuten

Erinnerst du dich an die Fernsehshow »Wetten, dass …?«? Da gab es manchmal diese Stadtwetten, wobei plötzlich 500 nackte Bürger:innen das Wappen ihrer Stadt nachbilden wollten. Oder einen Donauwalzer tanzten. Es waren die absurdesten Ideen, aber die Leute haben motiviert mitgemacht. Es ging ja schließlich darum, eine Wette zu gewinnen (und vielleicht darum, im Fernsehen zu glänzen).

Das Prinzip einer Massenwette hat sich nun der Dessauer Verein »3 fürs Klima« zu eigen gemacht – für den Klimaschutz. Dass die Klimakrise drängt, zeigen aktuell beispielsweise die Bilder der Brände in Kalifornien. Aber auch In diesem Text berichtet beispielsweise Ahmed Hezam über Überschwemmungen im Jemenandernorts macht sich die Erderhitzung immer bemerkbarer. Umso bitterer ist es, dass die UN-Klimakonferenz in Glasgow aufgrund der Coronapandemie auf November 2021 verschoben wurde. Ursprünglich war die 10-tägige Konferenz für November 2020 geplant. Im April fiel dann die Entscheidung, dass der Termin verschoben wird. Bei der Tagung sollte diskutiert werden, wie einzelne Staaten ihre nationalen Ziele verbessern können, um das Pariser Klimaabkommen aus dem Jahr 2015 einzuhalten.

Aus Sorge, dass sich damit auch der internationale Klimaschutz verzögert, entstand die Idee für die Wette: Sie soll Bürger:innen animieren, selbst loszulegen und der Politik so zu signalisieren, dass sie das Abkommen von Paris einhalten wollen.

Eine Million Tonnen CO2 sparen – wie kann das funktionieren?

Eine Million Tonnen CO2 möchten die Initiator:innen der Klimawette bis November 2021 einsparen. Damit das klappt, sollen eine Million Menschen je 25 Euro Das ist der Preis, der ab 2021 in Deutschland für eine Tonne CO2 gilt. Festgelegt hat ihn die Bundesregierung im Rahmen des Klimaschutzprogramms. Etwa 25 Euro kostet derzeit auch eine Tonne CO2 im Europäischen Emissionshandelssystem (ETS). In anderen Ländern, wie zum Beispiel in Schweden, liegt der CO2-Preis bereits bei mehr als 100 Euro pro Tonne. Bei der Klimawette geht maximal ein Euro an die Initiative. an ein Klimaschutzprojekt spenden und ihren eigenen CO2-Ausstoß minimieren. Der Verein stellt dafür 6 Kompensationsprojekte zur Auswahl, 5 davon im globalen Süden, Dabei handelt es sich um das Projekt Compensators, das Benjamin Fuchs hier erklärteines in Europa. Alle Projekte sind gemeinnützig und durch »The Gold Standard« zertifiziert, der von einer Schweizer Non-Profit-Zertifizierungsorganisation kontrolliert wird. Berechtigt zur Zertifizierung durch »The Gold Standard« sind nur Projekte, die nachweislich zur Reduktion von Treibhausgasen führen und gleichzeitig gut für die lokale Umwelt und soziale Belange der Bevölkerung sind. Mitte September ging die Wette offiziell los. Wettpate und Wettpatin können alle jederzeit werden.

Michael Bilharz, einer der Initiatoren, beschäftigt sich beim Umweltbundesamt seit 10 Jahren mit nachhaltigem Konsum.

Mit unserer Klimawette wollen wir es schaffen, dass die vielen Tropfen auf den heißen Stein zu einer großen Welle werden und der Politik signalisieren: Die Bürger und Bürgerinnen wollen Klimaschutz. – Michael Bilharz, Mitinitiator der Klimawette

Er glaubt, dass es für den Klimaschutz einen Dreiklang braucht:

  1. Den eigenen CO2-Fußabdruck reduzieren.
  2. Die restlichen CO2-Emissionen kompensieren.
  3. Den CO2-Handabdruck vergrößern, indem Menschen einander mitnehmen auf dem Weg zur klimaneutralen Gesellschaft.

Michael Bilharz

Michael Bilharz arbeitet beim Umweltbundesamt und ist Sprecher des Vereins »3 fürs Klima«, der die Klimawette ins Leben gerufen hat.

Bildquelle: Martin Groß

Wir haben Michael Bilharz gefragt, wie genau er die Klimawette gewinnen möchte:

Wenn wir davon ausgehen, dass jede:r Deutsche pro Jahr etwa Laut Umweltbundesamt verursacht jede:r Deutsche 10,4 Tonnen Treibhausgase pro Jahr (2018)10 Tonnen CO2 verursacht und dass 25 Euro eine Tonne kompensieren können, warum zahlen wir dann nicht einfach je 250 Euro pro Person pro Jahr und sind fein raus?
Michael Bilharz: Es geht uns nicht darum, fein raus zu sein. Aber man muss die Realität sehen: Es gibt viele gut verdienende Menschen in Deutschland, die umweltbewusst sind. Ihr CO2-Fußabdruck ist aber Liegt dein CO2-Ausstoß unter oder über dem Durchschnitt? Hier kannst du es berechnen.nicht kleiner als der des Durchschnitts. Wir werden nicht alle dazu bringen, ihr Auto stehen zu lassen, um CO2 zu sparen. Aber wir müssen unsere Emissionen verringern. Die Zeit drängt. Also sollten wir die Möglichkeiten nutzen, die es heute schon gibt: Kompensationsprojekte, die mit wenig Geld tonnenweise CO2 einsparen. Und gleichzeitig sollen unsere Wettpaten und Wettpatinnen auch bei sich selbst CO2 einsparen.
Und wie?
Michael Bilharz: Die »Big Points«, also die Maßnahmen, mit denen ich tonnenweise CO2 einsparen kann, sind auf individueller Ebene: mehr pflanzliche Kost, Ökostrom und Ökogas, ein grünes Bankkonto und der Verzicht auf ein eigenes Auto. Wir haben auf unserer Seite 9 »Quick-Tipps« Auf der Website der Kampagne gibt es Tipps für weniger CO2-Ausstoß sowie monatliche Challengesaufgelistet, die fast jeder und jede in weniger als 30 Minuten umsetzen kann und die trotzdem langfristig wirken.
Ihre Kampagne setzt auf individuelles Handeln, weil »die Politik« zu lange braucht. Kann individuelles Verhalten das Handeln des Staates ersetzen?
Michael Bilharz: Niemand will und kann das Handeln des Staates ersetzen. Wir brauchen einen früheren Kohleausstieg, wir brauchen viele weitere politische Maßnahmen und ambitioniertere Ziele für die deutsche Klimaschutzpolitik. Das Umweltbundesamt sagt inzwischen, dass es nötig wäre, 70% Emissionen bis 2030 einzusparen, und nicht 55%, wie Ursula von der Leyen diese Woche vorgeschlagen hat.

Aber der Staat kann auch nicht den Beitrag von uns Bürgerinnen und Bürgern ersetzen. Wir kaufen die Autos. Wir essen das Fleisch. Wir fliegen in den Urlaub. Und wir haben die Möglichkeit, heute schon tonnenweise CO2-Ausstoß zu vermeiden – bei uns selbst und bei anderen. Meistens geschieht das aber bei uns zu Hause, ohne dass die Öffentlichkeit es mitbekommt. Mit unserer Klimawette wollen wir es schaffen, dass die vielen Tropfen auf den heißen Stein zu einer großen Welle werden und der Politik signalisieren: Die Bürger wollen Klimaschutz.
Mit wem und worum wetten Sie eigentlich?
Michael Bilharz: Wir wetten mit allen: Staaten, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern. Alle können und müssen beim Klimaschutz noch eine Schippe oben drauflegen. Es geht darum, das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten. Diese Wette dürfen wir nicht verlieren.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

von Leonie Sontheimer 
Leonie Sontheimer sammelte bereits als 12-Jährige Unterschriften gegen Walfang. Während ihres Studiums der Philosophie und Biologie kam sie vom Umweltschutz zur Postwachstumsbewegegung. Als Journalistin schreibt sie über die beiden wichtigsten Transformationen unserer Zeit: die digitale und die sozial-ökologische. Das Handwerk dazu hat sie an der Deutschen Journalistenschule in München gelernt.
Themen:  Klima   Aktivismus  

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