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PD Daily 

Bio für alle: ein kleiner Siegel-Guide für deinen Einkauf

Du hast den Überblick im Siegeldschungel verloren? In diesem Text erfährst du, welche Bio-Siegel dir auch im Discounter den Weg zu einer nachhaltigeren Ernährung weisen.

12. März 2021 –  6 Minuten

Hirnforscher Ernst Pöppel im Interview mit der Wirtschaftswoche (2008)Rund 20.000 Entscheidungen treffen wir laut Hirnforschung tagtäglich, die meisten davon unbewusst. Bei der Arbeit, im Privatleben und auch beim Lebensmittelkauf bleibt im Normalfall also nicht viel Zeit, die einzelnen Möglichkeiten genau abzuwägen. Im Supermarkt fällt die Wahl so meist spontan auf das Produkt, bei dem wir ein gutes Gefühl haben – weil es günstig ist, wir die Qualität hoch einschätzen oder weil es nachhaltig produziert aussieht.

Hunderte verschiedene Siegel ringen dabei um unsere Aufmerksamkeit und wollen die Wahl vermeintlich einfacher machen. Auch in unserer DBU-Umfrage gaben viele Mitglieder an, verlässliche Siegel würden ihnen beim Einkaufen das Gefühl geben, eine gute Entscheidung zu treffen.

Immer mehr Deutsche greifen dabei zu Gesünder, nachhaltiger, umweltfreundlicher? Felix Austen erklärt, in welchen Bereichen bio die Nase vorn hatbiologisch statt konventionell angebauten Lebensmitteln: Von 2019 auf 2020 ist deren Umsatz von 12,26 auf 14,99 Milliarden Euro gestiegen. Insgesamt macht das zwar nur einen Hier findest du die Branchenbilanz der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft für 2020Anteil von 6,4% am gesamten Lebensmittelmarkt aus – der Trend zeigt aber weiter klar nach oben.

Es lohnt sich also, einen genauen Blick auf die verschiedenen Bio-Siegel zu werfen. Welche davon sind verlässlich? Was versprechen sie jeweils? Und wie gut kann bio aus dem Discounter sein?

Zwei zum Preis von einem: das deutsche und das europäische Siegel

Seit 1993 sind die Begriffe »öko« und »bio(logisch)« geschützt. Wer damit auf der Verpackung wirbt, muss deshalb mindestens die Voraussetzungen der Die EG-Öko-Verordnung findest du im Volltext auf der Website des Bundesministeriums für Ernährung und LandwirtschaftEG-Öko-Verordnung erfüllen Um auf EU-Ebene einheitlichere Standards zu erreichen, wird die Verordnung derzeit überarbeitet, die geänderte Fassung soll 2022 in Kraft treten. und verpflichtend das EU-Logo abdrucken. Kontrolliert wird das Ganze mindestens einmal im Jahr. Vorgeschrieben sind unter anderem:

  • der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel sowie Gentechnik,
  • dass 95% der Zutaten eines Produkts aus Biobetrieben stammen müssen,
  • Mindeststandards bei der Tierhaltung.

Für das 6-eckige, deutsche Bio-Siegel gelten im Grunde die gleichen Anforderungen wie für das EU-Siegel. Hersteller dürfen es zusätzlich freiwillig und kostenlos auf ihre Produkte drucken. Einen Mehrwert für Verbraucher:innen bringt das nicht – auch wenn zwei statt einem Siegel natürlich auf den ersten Blick besser erscheinen.

Bio ist nicht genug: die Label der Anbauverbände

Den deutschen Bioverbänden gehen die Vorschriften der EU, vor allem im Bereich Tierschutz, allerdings nicht weit genug. Sie legen zusätzlich eigene Kriterien an – neben ihren eigenen Siegeln findest du auf diesen Lebensmitteln aber immer auch das EU-Siegel. Zu den ältesten Anbauverbänden zählen Demeter, Zugleich ist Demeter auch einer der strengsten der Anbauverbände. Zu den Regeln, die auf die Lehre des Waldorfgründers Rudolph Steiner zurückgehen, zählt unter anderem das Vergraben von gefüllten Kuhhörnern, die kosmische Kräfte aufsammeln sollen. Möhren sollen möglichst vor, Kartoffeln nach Vollmond ausgesät werden. Neben diesen umstrittenen, esoterischen Praktiken nimmt das Tierwohl allerdings eine besonders hohe Stellung ein. der bereits in den 20er-Jahren gegründet wurde, und Bioland, der seit den 70er-Jahren besteht. Inzwischen gibt es in Deutschland Hier findest du eine Übersicht der Ökoverbände9 Anbauverbände, deren Vorschriften sich im Detail ein wenig unterscheiden. Unter anderem verlangen sie:

  • dass ein Betrieb vollständig ökologisch arbeitet – die EU hingegen erlaubt, dass einzelne Betriebszweige weiter konventionell geführt werden,
  • dass weniger Tiere pro Hektar gehalten werden,
  • dass keine konventionellen Futtermittel zugefüttert werden.

Hier siehst du die wichtigsten Unterschiede zwischen konventionellen Betrieben und Landwirtschaft nach Mindestvorgaben der EU oder den Vorgaben der Anbauverbände:

Bio für alle? Was die Siegel im Discounter taugen

Inzwischen dürfte vielen klar sein, dass es eigentlich am besten für Klima und Umwelt wäre, wenn wir alle regional, saisonal und unverpackt einkaufen würden. Die Praxis sieht aber anders aus: Der Großteil der Menschen kauft nicht direkt beim Bauern um die Ecke, und auch die Lebensmittel im Biomarkt sind für viele zu teuer.

Dass die Umsätze von Biolebensmitteln seit Jahren stark steigen, liegt zum großen Teil auch daran, dass Supermärkte und Discounter ihr Sortiment in diesem Bereich zunehmend vergrößern – Zur Branchenbilanz des Bunds Ökologische Lebensmittelwirtschaft 20202020 entfielen ganze 60% der Umsätze auf den Lebensmitteleinzelhandel. Aldi Süd wirbt auf seiner Website damit, der »Biohändler Nr. 1« zu seinAldi bezeichnet sich selbst sogar als größten Biohändler Deutschlands, die Preise sind nur geringfügig höher als die konventionell hergestellter Lebensmittel.

Discounter und Biolebensmittel klingt zunächst nach einem Widerspruch. Sie könnten bio allerdings dauerhaft aus dem Nischenmarkt holen und die Umstellung der Landwirtschaft vermutlich schneller vorantreiben. Aber ist das, was bei Aldi, Lidl und Co. in den Regalen steht, wirklich bio?

Auch hier gilt: Wenn auf einem in Europa produzierten Lebensmittel bio steht, Hier findest du die Broschüre »Ist das auch wirklich Bio« der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährungmuss das Produkt auch wirklich bio-zertifiziert sein und mit dem EU- bzw. deutschen Bio-Siegel gekennzeichnet sein. Ob es in einem hochpreisigen Supermarkt oder im Discounter im Regal steht, spielt dafür erst einmal keine Rolle. Vorsicht ist hingegen bei Bezeichnungen wie »kontrollierter Anbau«, »regionaler Anbau« oder »naturnah« geboten – sie sind keine geschützten Begriffe, können von den Herstellern nach eigenem Ermessen ausgelegt werden und Die Verbraucherzentrale gibt Tipps, woran du regionale Lebensmittel tatsächlich erkennstwerden nicht überprüft.

Über die Zusammenarbeit von Anbauverbänden und Handel auf dem Informationsportal ÖkolandbauImmer mehr Anbauverbände gehen außerdem Kooperationen mit Discountern ein. Bioland arbeitet beispielsweise seit 2018 in großem Stil mit Lidl zusammen. Ein Bioland-Bauer erzählt der Tagesschau von seiner Zusammenarbeit mit Lidl (2020)Trotz anfänglicher Bedenken scheint die Zusammenarbeit derzeit auch nicht dazu zu führen, dass die Preise für die Bauern gedrückt werden. Dass die Discounter bio so viel billiger anbieten können als im Biomarkt, liegt unter anderem an ihrem relativ gesehen geringen Sortiment. Zu den Bioprodukten gehören vor allem Obst, Gemüse, Milchprodukte und Grundlebensmittel. Ökotest beschreibt mögliche Gründe, warum Bioprodukte bei Aldi, Lidl und Co. so billig sindWer ausschließlich Biolebensmittel kaufen möchte, wird dort also nicht alles finden und mehrere Läden ansteuern bzw. trotzdem einen Abstecher in den Biomarkt machen müssen.

Nicht zwangsläufig bio, aber …

Ohne bio kann die Weltbevölkerung auf Dauer nicht nachhaltig ernährt werden. Umgekehrt ist es aber sehr wohl möglich, die ganze Welt mit biologischen Lebensmitteln zu ernähren, wie Wie biologische Landwirtschaft 9 Milliarden Menschen ernähren könnte, kannst du bei Nature Communications nachlesen (PDF, englisch, 2017)eine Gruppe von Wissenschaftler:innen anhand von Modellrechnungen 2017 aufzeigte – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der Wie das Menü zur Weltrettung aussieht, erklärt Maren Urner in diesem ArtikelKonsum von tierischen Lebensmitteln drastisch zurückgeht. Das wiederum hätte den Vorteil, dass auch die weltweiten CO2-Emissionen deutlich zurückgehen würden:

CO2-Emissionen verschiedener Ernährungsstile –

Bisher ist die Kennzeichnung vegetarischer und veganer Lebensmittel nicht gesetzlich verbindlich geregelt. Dadurch sind die freiwilligen Angaben der Unternehmen selbst uneinheitlich und verwirrend. Hier geben vertrauenswürdige Siegel ebenfalls Orientierung für den Einkauf, beispielsweise das V-Label, das es in den Varianten »vegetarisch« und »vegan« gibt. Es ist kein offizielles, staatliches Siegel, sondern eine eingetragene Marke, deren Lizenzen die Organisation ProVeg an Unternehmen vergibt. Welche genauen Kriterien ein Produkt erfüllen muss, um das Label zu erhalten, liest du auf dieser WebsiteOb alle Voraussetzungen eingehalten werden, wird einmal im Jahr überprüft.

Eine biologische Ernährungsweise mit möglichst wenig tierischen Lebensmitteln ist also ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel. Was Bio-Siegel und V-Label nicht berücksichtigen: umweltfreundlichere Verpackungen, faire Arbeitsbedingungen oder wie gesund ein Lebensmittel ist – das sind jeweils noch mal ganz eigene Regionen des Siegeldschungels.

Doch vielleicht ist bald endlich Schluss mit der Verwirrung: Bis 2024 möchte Hier findest du den Maßnahmenkatalog der EU-Strategie »Vom Hof auf den Tisch« (2020)die EU »einen Rahmen für die Kennzeichnung nachhaltiger Lebensmittel entwickeln«, womit Verbraucher:innen klimatische, ökologische und soziale Aspekte auf einen Blick erfassen können. Wenn durch klare und einfache Label wieder Gehirnkapazitäten frei werden, können wir uns ganz auf die großen Entscheidungen konzentrieren.

Dieser Artikel ist Teil des journalistischen Projekts »Tu, was du für richtig hältst!«, das dir helfen soll, dein Verhalten mit deinen Idealen in Einklang zu bringen. Um mehr darüber zu erfahren und herauszufinden, wie groß die Lücke zwischen deinen Idealen und deinem Verhalten ist, klicke hier! Das Projekt erfolgt in Kooperation mit dem Wuppertal Institut (WI) und wird gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Maria Stich 
Die Leidenschaft für die Geschichten anderer Menschen brachte Maria Stich zum Journalismus. Neben ihrer Selbstständigkeit studiert sie seit März 2020 Umweltwissenschaften, um noch mehr Fachwissen in ihre Texte fließen zu lassen. Bei Perspective Daily möchte sie konstruktiven Journalismus lernen, unterstützte die Redaktion deshalb zunächst als Praktikantin und ist seit Januar 2021 als »feste« freie Autorin und Redakteurin mit an Bord.
Themen:  Nachhaltigkeit   Konsum   Essen  

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