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»Das sind die 10 Gebote des Internets«, sagt die Evangelische Kirche

Eine neue Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland erklärt, wie wir uns alle im Netz verhalten sollen. Sie ist nicht nur für Christen brauchbar.

27. April 2021 –  5 Minuten

Wie wollen wir digital zusammenleben?

Ständig im Netz: Haben wir durch Corona alle ein Online-Probleme?Diese Frage spielt gerade während der Pandemie eine zunehmend große Rolle. Menschen sind immer stärker auf das Internet angewiesen und bewegen sich so in einem Raum, Der neueste Aufreger des Tages: Die »Kunstaktion« allesdichtmachen von 53 Schauspieler:innen (2021)in dem Häme, Wut und Anfeindungen immer wieder hochkochen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat nun einen Lösungsvorschlag: Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Denkschrift mit dem Namen »Freiheit digital«. Es ist die erste Denkschrift Seit 1962 veröffentlicht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sogenannte »Denkschriften«, um gesellschaftliche und sozialethische Fragen zu thematisieren und einen Konsens innerhalb der Kirche zu verdeutlichen. Sie werden dafür von Fachgremien und führenden Theolog:innen ausgearbeitet. Die wohl bekannteste und umstrittenste Denkschrift war die 1965 veröffentlichte mit dem Titel »Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn«. seit 6 Jahren und die erste zum Thema Digitalisierung überhaupt. Die Denkschrift »Freiheit Digital« der EKD (2021, PDF)Der Text, verfasst von namhaften deutschen Theolog:innen, ist 250 Seiten lang und soll ein Grundlagentext für ein »freiheitliches und verantwortungsvolles Leben in der digitalen Gesellschaft« sein.

Dafür ziehen die Autor:innen die 10 Gebote aus der Bibel zurate und deuten jedes einzelne auf das digitale Zeitalter um. Und die »neuen« 10 Gebote dürften auch für Nicht-Kirchgänger:innen interessant sein.

  • 1. Gebot: »Nutze den digitalen Wandel verantwortlich und gut« Das ursprüngliche 1. Gebot: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« Für die EKD geht alle Freiheit von Gott aus. Daher ist die Aufrechterhaltung der Freiheit in der digitalen Welt in den neuen 10 Geboten ein so hohes Gut. Das Internet gibt enormen Raum dafür, sich persönlich zu entfalten und auszudrücken. Doch diese Freiheit hat Grenzen – vor allem wenn sie die Freiheit anderer beschneiden will. Zur verantwortlichen Nutzung gehört laut EKD aber auch die kritische Auseinandersetzung mit Angeboten von Plattformen wie Amazon, Hier erkläre ich, warum ich Facebook verlassen habeFacebook und Co., deren Quasi-Monopolstellungen ein Gefühl der Ohnmacht erzeugen können.
  • 2. Gebot: »Vergiss im Netz nicht, wer du bist« Das ursprüngliche 2. Gebot: »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen.« Selbstdarstellung gehört zum Internet, vor allem auf den sozialen Medien, dazu. Es ist dabei verlockend, diese »Bilderwelten« mit echten Identitäten zu verwechseln – vor allem weil große Plattformen dies über ihr Angebot suggerieren und mit Algorithmen nachhelfen. So wird das im Netz Gezeigte schnell überbewertet und es bilden sich aufgrund einiger Fotos und Likes schnell Vorurteile. Hier braucht es laut EKD eine kritischere Distanz im Umgang mit der digitalen Identität – sowohl der eigenen als auch der von anderen.
  • 3. Gebot: »Suche den Glauben im Internet« Das ursprüngliche 3. Gebot: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.« Für die EKD ist es wichtig, Gott im Internet zu finden und Menschen einzubeziehen. Das Internet ist keine andere abgetrennte Welt, in der Handlungen keine Konsequenzen haben, sondern ein besonderer Teil unserer Welt. Daher lässt sich auch dort alles finden, was das »echte Leben« lebenswert macht, etwa zwischenmenschliche Kontakte. Für die EKD bedeutet dies auch eine Suche danach, wie sich Religion im Netz leben lässt.
  • 4. Gebot: »Bewahre deine freie Zeit« Das ursprüngliche 4. Gebot: »Du sollst den Feiertag heiligen.« Sonntags noch schnell die Arbeitsmails checken, beim Essen eine Nachricht von der Chefin lesen … gerade Smartphones und Mit diesen Tricks stehlen die News deine AufmerksamkeitPush-Nachrichten verlocken dazu, ständig verfügbar zu sein – und am Ende noch mehr zu arbeiten. Hier sollte jede:r lernen, Zeiträume zu schaffen und zu verteidigen, in denen das Internet auch mal aus bleibt.
  • 5. Gebot: »Lebe auch digital nachhaltig« Das ursprüngliche 5. Gebot: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.« Das Internet verbraucht Energie und die ist nicht umsonst. Der MDR berichtet über die Energiekosten der Blockchain (2021)Die Bitcoin-Blockchain etwa verbraucht derzeit mehr Strom als ganz Italien. Um auch kommenden Generationen gegenüber fair zu sein, sollten wir Was, Musikhören schadet der Umwelt?! Deshalb ist die CO2-Bilanz von Streaming-Diensten so schlecht. Und das kann jeder dagegen tunalle bei unserem Internetkonsum nachhaltiger denken.
  • 6. Gebot: »Unterstütze keine digitale Gewalt« Das ursprüngliche 6. Gebot: »Du sollst nicht töten.« Das Internet ermöglicht neue Formen von Gewalt und sogar Krieg – von autonomen Waffensystemen bis zu Hacker:innenangriffen auf zivile Einrichtungen. So etwas solltest du kritisch sehen und nicht unterstützen. Die EKD denkt diese kritische Haltung aber noch weiter und fokussiert auf einen zunehmenden Überwachungsstaat, der über das Internet Freiheiten einschränkt und neue Gewalt ausübt.
  • 7. Gebot: »Liebe im Netz verantwortungsvoll« Das ursprüngliche 7. Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen«. Das Internet ist voller Sex, von Pornografie bis zu Partnerschaftsbörsen. Und vieles davon lässt Liebe und Sexualität als etwas Flüchtiges und Unbeständiges aussehen und reproduziert unrealistische Vorstellungen. Das sollte jede:r reflektieren und einen eigenen positiven Zugang zur Sexualität finden, der auch alle Beteiligten schützt und respektiert.
  • 8. Gebot: »Schütze dich und andere vor Ausbeutung« Das ursprüngliche 8. Gebot: »Du sollst nicht stehlen.« In Zeiten der Digitalisierung wird Arbeiten mobiler, flexibler, globaler und vernetzter. Dazu beherrschen große Plattformen weite Teile der digitalen Welt mit eigenen Regeln. Dies darf aber nicht auf Kosten von Arbeitnehmer:innen gehen. Auch Internet-Jobs von Youtuber:innen über Lieferando-Fahrer:innen bis zu Wie die Pandemie eine Revolution der Pornoindustrie vorantreibt und welche Rolle Plattformen wie »Onlyfans« dabei spielendigitalen Sexarbeiter:innen müssen unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen passieren. Auch wenn dieses Gebot eher als Orientierung für die Politik gedacht scheint, ist es zugleich eine Richtlinie für Nutzer:innen, solche Arbeitsbedingungen durch Konsum nicht zu unterstützen und sich auf die Seite der Ausgebeuteten zu stellen.
  • 9. Gebot: »Diskutiere online respektvoll« Das ursprüngliche 9. Gebot: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.« Shitstorms, Hatespeech, Warum sich Menschen gerade jetzt in Verschwörungen flüchtenVerschwörungserzählungen und Lagerbildung – nein, soziale Medien sind kein angenehmer Ort, sondern oft sehr emotional, wertend und anfeindend. Umso wichtiger ist es, dass wir alle einen Schritt zurücktreten und darüber nachdenken, wie wir So überzeugst du Menschen, die anderer Meinung sindbesser mit Menschen ins Gespräch kommen können. Respekt und Würde sollen hier laut EKD die leitenden Werte sein, auch und gerade dann, wenn es schwerfällt.
  • 10. Gebot: »Konsumiere im Netz mit Maß« Das ursprüngliche 10. Gebot: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.« Das Netz ist ein Ort voller Möglichkeiten, aber auch Wie Neid konstruktiv sein kann, schreibt Lara Malberger in diesem Artikelvoller Sehnsüchte und Neid. Per Knopfdruck lässt sich nahezu alles kaufen, konsumieren, vereinnahmen. Und Angebote befeuern diese Sehnsüchte zusätzlich – die ganze Szene der Influencer:innen lebt quasi genau davon. Hier sollten wir alle eigene Grenzen setzen und innehalten, um nicht abhängig oder unglücklich zu werden.

Das könnte wirklich etwas werden

Die »10 Gebote für das Internet« können sich sehen lassen. Sie wirken nicht verkrampft religiös, sondern stimmig, logisch und angemessen. Während andere Religionsgemeinschaften rückwärtsgewandt über die richtige Auslegung von heiligen Texten streiten, demonstriert die Evangelische Kirche in Deutschland damit, dass sie im 21. Jahrhundert angekommen ist und die Herausforderungen der Digitalisierung für moderne Lebenswirklichkeiten versteht. Die Autor:innen schreiben:

Als Evangelische Kirche in Deutschland wollen wir dazu beitragen, diese epochale kulturelle Entwicklung zu verstehen und dabei die ethischen und religiösen Aspekte zu formulieren, die damit verbunden sind. – Heinrich Bedford-Strohm, Theologe und Vorsitzender des Rates der EKD

Mit dem Ergebnis der Denkschrift »Freiheit digital« ist dies ein Stück weit gelungen, auch wenn die Gebote weniger als ethische Richtlinien für das Handeln im Alltag, sondern mehr als philosophische Denkanstöße funktionieren. Manche sind etwas ausufernd in der Erklärung, vage in der Formulierung oder haben wenig Bezug zu den ursprünglichen 10 Geboten.

Was sie jedenfalls nicht abnehmen können oder wollen: die eigene Beschäftigung mit den Themen und Herausforderungen der digitalen Welt. Und die kann für alle Menschen mit Internetzugang produktiv sein, ganz gleich, wie es um das eigene Verhältnis zur Religion steht.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Titelbild: GDJ - CC0

von Dirk Walbrühl 
Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.
Themen:  Glaube   Internet  

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