Reportage 

Wo Skorpione und Geisterjäger Bildung gerechter machen

Seit 2 Jahren ist Rapper und Vorbildpapa David Sengeh Bildungsminister in Sierra Leone. Er ist aber nicht der Einzige, der Korruption im Bildungssektor erfolgreich den Kampf angesagt hat.

29. April 2021 –  11 Minuten

Dieser Text entstand unter Mitarbeit der Journalisten Amjata Bayoh und Tamba Tengbeh in Sierra Leone.

Sieh dir hier ein Video eines Einsatzes des »Scorpion Squad« an, das Hamid Sultan Barry auf Facebook hochgeladen hat (englisch, 2019)Männer, die sich in Kühltruhen verstecken. Verdächtige, die über Wellblechdächer fliehen. Wenn das »Scorpion Squad« anrückt, gehen die meisten in Deckung oder suchen das Weite. Oft erfolglos.

Die Spezialeinheit ist die Speerspitze im Kampf gegen die grassierende Korruption im westafrikanischen Sierra Leone. Videos ihrer Einsätze zeigen Razzien in Tarnfleck-Uniformen und mit Maschinengewehren, bei denen die Ermittler Beweise sichern und verdächtige Personen festnehmen.

Francis Ben Kaifala hat seiner Truppe einen Namen wie aus einem Hollywood-Action-Movie verpasst, doch ihre mächtigste Waffe ist sehr real: Angst.

Vor 3 Jahren übernahm der 37-Jährige, kompakte Statur, sauber getrimmter Bart, kurzer Afro, die Leitung der nationalen Antikorruptionsbehörde ACC (Anti-Corruption Comission) und hauchte ihr neues Leben ein. Lange war die ACC nicht viel mehr als ein Feigenblatt korrupter Regierungen, ohne echtes Mandat und Durchschlagskraft. Unter ihrem neuen Boss, der mit Hemd und Krawatte eher wie ein Vertreter wirkt und nicht wie der Leiter einer bewaffneten Spezialeinheit, soll sie das Land nun zu einem Musterbeispiel für den erfolgreichen Kampf gegen Korruption werden lassen. Dafür scheint dem ehemaligen Menschenrechtsanwalt nahezu jedes Mittel recht.

Die Einsätze des »Scorpion Squad« bereitet Francis Ben Kaifala in seiner Schaltzentrale vor. – Quelle: Malte Werner copyright

In einer aufsehenerregenden Aktion ließ Kaifala 2019 vermeintlich korrupte Lehrer nach einer Razzia ohne Anhörung oder juristischen Beistand am Cotton Tree, dem Wahrzeichen der Hauptstadt Freetown, öffentlich an den Pranger stellen. Vor aller Augen standen sie an der vielbefahrenen Kreuzung, in Handschellen. Um den Hals baumelten Pappschilder mit der sinngemäßen Aufschrift:

Ich bin der Schulleiter, der am 7. September 2019 von der ACC und anderen Gesetzeshütern wegen Prüfungsbetrug festgenommen wurde.

Wenige Tage zuvor hatte Kaifala sie dabei erwischt, wie sie Schülern gegen Bestechungsgeld in der Abschlussprüfung geholfen hatten. Mit der öffentlichen Peinigung schickte der Kopf des »Scorpion Squad« eine klare Botschaft an die Bevölkerung: »Wir beobachten euch!«

Menschenrechtsaktivisten im Land schäumten, Lies dazu den Artikel »President Bio apologises for public shaming of teachers suspected of corruption« von Abdul Rashid Thomas im Onlinemagazin Telegraph (englisch, 2019)Staatspräsident Julius Maada Bio sah sich gar zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen und mancher forderte Kaifalas Rücktritt. Kaifalas fragwürdige Methoden, die nach deutscher Rechtsauffassung einer Vorverurteilung gleichkommen, stoßen allerdings nicht allen böse auf. Lavina Banduah, die Geschäftsführerin von Transparency International im Land, kämpft seit mehr als 20 Jahren einen verzweifelten und frustrierenden Kampf gegen Korruption. Das »naming and shaming« sieht sie als Ultima Ratio: »Korruption ist so tief verwurzelt, dass man zu drastischen Maßnahmen greifen muss, um sie zu bekämpfen.« Aber von Läuterung ist beim ACC-Boss in unserem Gespräch in seinem Büro nicht viel zu spüren. »Hätte uns der Staat weitermachen lassen, sähe es hier heute ganz anders aus«, sagt er. Aufgrund des öffentlichen Drucks verzichtet die ACC seither auf die öffentliche Zurschaustellung der Verdächtigen und beschränkt sich auf die Nennung ihrer Namen in Pressemitteilungen.

Doch allein kann Kaifala den Kampf nicht gewinnen. Er braucht dafür mächtige Verbündete. Einer davon ist Minister, Harvard-Absolvent – und Rapper.

Wie ein Rapper im Bildungsministerium aufräumt

Ohne echten Widersacher konnte sich Korruption in den vergangenen Jahrzehnten nahezu ungehindert in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens breitmachen In seinem jüngsten Jahresbericht listet der nationale Rechnungshof allein in der öffentlichen Verwaltung Verluste in Höhe von mehr als 5 Millionen Euro auf, die auf fragwürdige Zahlungen zurückzuführen sind. Hier kannst du den Jahresbericht einsehen (englisch, PDF). und gilt als eine der Ursachen für den Bürgerkrieg in den 90er-Jahren. Schmiergelder öffnen im Alltag Türen, gewähren Zugang zu medizinischer Versorgung oder dienen als Ausweg aus missliebigen Verkehrskontrollen. Besonders eklatant ist die Lage im Bildungsbereich, wo schlecht oder gar nicht bezahlte Lehrer Prüfungsfragen verkaufen und sogar Schülerinnen mit Aussicht auf bessere Noten zum Sex nötigen.

Korruption und Bildung – da treffen die vielleicht gewichtigsten Problemzonen Sierra Leones aufeinander. Sie sind ein Teil der Antwort auf die Frage, warum der 7-Millionen-Einwohner-Staat zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zählt und deshalb am Tropf internationaler Entwicklungshilfe hängt. Präsident Bio von der sozialdemokratischen Sierra Leone People’s Party war bei der Wahl 2018 mit dem Versprechen angetreten, in beiden Bereichen aufzuräumen. Dabei helfen soll neben Kaifala auch Bildungsminister David Sengeh.

David Sengeh in seinem Büro in Freetown. – Quelle: Malte Werner copyright

Ähnlich wie bei Antikorruptionskämpfer Kaifala war die Ausgangslage auch bei Sengehs Amtsantritt 2019 ernüchternd. Der 34-Jährige mit Promotion am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) übernahm Verantwortung für ein Schulsystem, das im globalen Vergleich auf den hintersten Plätzen landet. Drei Viertel der Schulkinder in Sierra Leone schließen die Grundschule gar nicht oder nur mit längeren Unterbrechungen ab – ein trauriger Weltrekord. Folglich kann mehr als die Hälfte der Bevölkerung älter als 15 Jahre nicht lesen und schreiben. Mädchen haben besonders schlechte Bildungschancen, vor allem was höhere Bildung angeht. Von den Lehrern sind fast 40% nicht für ihren Job im Klassenzimmer ausgebildet worden – manche können selbst nicht lesen und schreiben. Dazu kommen marode Schulgebäude, ein Mangel an Mobiliar und fehlende Unterrichtsmaterialien. Wie schlecht Sierra Leones Schulsystem im Vergleich zu den restlichen Ländern der Welt in den Jahren 1990–2019 abschnitt, zeigt der »Education Index« der Vereinten Nationen. »Ich mag Herausforderungen«, sagt der 34-Jährige im Interview.

Der ehemalige Forschungsleiter bei IBM Research Africa, der neben seinem Ministeramt auch noch den Posten des Nationalen Innovationsbeauftragten besetzt, hat in seinem geräumigen, aber schlichten Büro auf 3 dicht beschriebenen Whiteboards die wichtigsten Aufgaben aufgelistet, die er in seiner Amtszeit angehen will. Der Raum ist fast zu gut klimatisiert. Einen kühlen Kopf zu bewahren kann bei der Menge an Herausforderungen aber auch nicht schaden.

In den ersten Tagen seiner Amtszeit hatte sich Sengeh einen Überblick über seinen neuen Arbeitsplatz verschafft – buchstäblich. Er lief durch die Flure des wenig repräsentativ wirkenden Gebäudes und sah sich um: Müll in den Gängen, kaputte Einrichtung in den Büros, heruntergekommene Sanitärbereiche und eine Belegschaft, die – wenn sie denn zur Arbeit erschien – alles andere tat, als motiviert zu arbeiten. Er fand keine aktuellen Lehrpläne vor und auch keine Gehaltslisten für einen Großteil der im Land beschäftigten Lehrkräfte. Sengeh, der jüngste Bildungsminister, den Sierra Leone je hatte, spricht im Rückblick von »Jahrzehnten der Vernachlässigung und des Stillstands« in seinem Aufgabenbereich.

Lange war Bildung für einen Großteil der armen Bevölkerung ein unerschwinglicher Luxus. 40% der rund 8 Millionen Einwohner Sierra Leones leben von weniger als 2 US-Dollar am Tag. Selbst wer Arbeit hat, verdient meist nicht mehr als 3 US-Dollar. Eltern, die die Kosten für den Schulbesuch, für Bücher, Uniformen und das Mittagessen nicht aufbringen konnten, schickten ihre Kinder stattdessen arbeiten. Und obwohl Staatspräsident Bio im Zuge seines »Free Quality Education Programme« die Schulgebühren abgeschafft hat, Das ambitionierte Vorhaben sieht eine Aufhebung der Schulgebühren für weiterführende Schulen vor (Grundschulbildung war schon vorher – zumindest theoretisch – kostenlos). Das gilt auch für Bücher und Unterrichtsmaterialien. Angebote für Schulessen sollen ausgeweitet, die Ausbildung von Lehrkräften verbessert und neue Schulen gebaut werden. Kritiker loben die finanziellen Anstrengungen, sehen aber noch keine qualitative Verbesserung des Unterrichts. Hier findest du die Umfrage »Majority of Sierra Leoneans like universal free education but call for greater investment« von Afrobarometer (englisch, 2020)bleibt Bildung für die Menschen in Sierra Leone das drängendste Problem – gleich hinter dem Kampf gegen Hunger.

Nun ruhen die Hoffnungen auf David Sengeh, der nicht nur aufgrund seines Alters, seines Bildungswegs, Schaue dir hier eines von Sengehs neuesten Musikvideos an. Sein Künstlername leitet sich aus seinem zweiten Vornamen Moinina abseiner Musikkarriere und seiner Dreadlocks aus Bios Kabinett mehrheitlich älterer, konservativ auftretender Männer heraussticht. Der Minister hat Ende 2020 sein erstes Album als Afrobeat-Rapper veröffentlicht. Nachdem ein Foto von ihm viral ging, das Sengeh mit seiner kleinen Tochter in einem Tragetuch auf dem Rücken zeigt, nannte ihn die Neue Zürcher Zeitung einen der »kreativsten, coolsten und erfolgreichsten Männer des Kontinents«. Soziologin Jutta Allmendinger spricht im Interview darüber, dass Care-Arbeit auch in Deutschland gerechter aufgeteilt werden mussEine aktive, offen zur Schau gestellte Vaterrolle, in der der Mann die Kinderbetreuung und Sorgearbeit übernimmt, ist nicht selbstverständlich in Sierra Leone – wie auch andernorts.

Erfolge und bürokratische Albträume

Menschen, die Sengeh noch aus Harvard kennen, sagen: Wenn einer das Land verändern könne, dann er. Nach knapp anderthalb Jahren im Amt kann der Hoffnungsträger tatsächlich erste Erfolge vorweisen. Steigende Schülerzahlen, mehr Mädchen in den Klassen, neue Lehrer und Lehrpläne. Der Bau von Schulen sowie die Renovierung bestehender Gebäude gehen voran und auch im eigenen Haus räumt Sengeh rigoros auf. Die Belegschaft des Ministeriums wird auf ihre Eignung hin überprüft. Stellen werden in Sierra Leone oft nicht aufgrund von Kompetenzen vergeben, sondern aus Gefälligkeit. Diese Praxis möchte Sengeh beenden. Ungeeignetes Personal solle, wenn möglich, in den Ruhestand verabschiedet werden. Auch für Lehrkräfte gelten neue Anforderungen. 4.000 Beamte wurden nach Angaben des Ministers bereits evaluiert, 5.000 neue eingestellt. Eine neu eingerichtete Abteilung im Bildungsministerium soll sich um die Entwicklung von Lehrplänen kümmern. Als erster Bildungsminister überhaupt entwickelte Sengeh eine Strategie für frühkindliche Entwicklung, die schon vor der Grundschule ansetzt.

Den Bildungssektor entkolonialisieren?

Die Fortschritte sind allerdings nur möglich, weil sie die internationale Gemeinschaft finanziert. Hier findest du den Budgetbericht des Finanzministers Jacob Jusu Saffa für das Haushaltsjahr 2021 (englisch, 2020, PDF)Zwar hat die Regierung die Staatsausgaben für den Bildungsbereich im Vergleich zu 2017 fast verdoppelt, Sengehs Budget beträgt aber trotzdem nur bescheidene 120 Millionen Euro. Und so kommen mit dem fremden Geld auch fremde Ideen ins Land, wie der Bildungssektor am besten zu reformieren ist. Wäre es nicht an der Zeit, den Bildungsbereich dahingehend zu entkolonialisieren? Sengeh, sonst um keine Antwort verlegen, weicht aus.

Für die Korruptionsbekämpfung ist die Frage indes von großer Bedeutung. Denn ein Großteil der weltweiten Entwicklungshilfe wird als sogenannte Budgethilfe gewährt – und die ist besonders anfällig für Korruption. Bei Budgethilfen handelt es sich um direkte Zahlungen der Geber an die Partnerländer in Form von Zuschüssen zum Staatshaushalt. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie Hilfsgelder das Problem mit Korruption in Entwicklungsländern beeinflussen, wie diese Studie zeigt.

Für das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) war das unkontrollierte Abfließen von Hilfsgeldern in einigen afrikanischen Ländern einer der Gründe, zahlreichen ärmeren Staaten die Unterstützung komplett zu versagen. Auch Sierra Leone steht nicht mehr auf der Liste des BMZ. Im Reformkonzept »BMZ 2030« fordert das Ministerium von seinen »Partnerländern noch stärker als bisher messbare Fortschritte bei guter Regierungsführung, der Einhaltung der Menschenrechte und im Kampf gegen Korruption.« Nach Angaben des BMZ fließen wegen Korruption jedes Jahr allein aus afrikanischen Ländern 50 Milliarden US-Dollar illegal ab. Dass die Zusammenarbeit mit Sierra Leone beendet wurde, begründet das Ministerium auf Nachfrage allein mit dem bisher »relativ gering[en]« Umfang der Förderung. Die betrug in den vergangenen 10 Jahren insgesamt 161 Millionen Euro. Lies hier das Refomkonzept.

Hier erfährst du mehr über die Budgethilfe der EU (englisch)Die EU, nach eigenen Angaben der weltweit größte Anbieter von Budgethilfe, wählte einen anderen Weg. Die Staatengemeinschaft unterstützte Sierra Leone in den vergangenen 5 Jahren allein im Bildungsbereich mit rund 80 Millionen Euro. Über den in diesem Jahr auslaufenden »11th European Development Fund« investiert die EU seit 2015 insgesamt 376 Millionen Euro in Sierra Leone. Mehr Informationen findest du hier (PDF). Weil das Vertrauen in das korrupte System gering ist, fließt das Geld, das unter anderem für den Bau von 100 Schulen gedacht ist, aber nicht als Budgethilfe an den Staat, sondern direkt an einzelne Partner. Konkret heißt das: Wird ein Bauabschnitt an einem Schulgebäude wie vereinbart fertiggestellt, wird dies überprüft, und erst dann fließt ein Teil des Geldes. Stockt der Bau, behält die EU die Gelder zurück.

Einen Warum Bürokratie zur Weltrettung nötig ist, liest du in diesem Interview»bürokratischen Albtraum« nennt das Mario Caivano von der EU-Delegation in Sierra Leone, aktuell sei es jedoch alternativlos. In seinem Botschaftsbüro an den Hängen von Leicester Peak, dem höchsten Punkt der Hauptstadt Freetown, erklärt der Italiener bei Kaffee mit Milchpulver, dass die einzigen direkten Zahlungen an den Staat darauf abzielen, die korruptionsanfällige Finanzverwaltung des Landes zu verbessern.

Die Investitionen in den Bildungsbereich hingegen sollen 5.000 Kindern zusätzlich einen Schulbesuch ermöglichen. Außerdem förderte die EU die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. Ein interner Zwischenbericht aus dem vergangenen Jahr lobt die angeschobenen Projekte, warnt aber zugleich, bestehende Probleme könnten »alle Bemühungen zur Verbesserung der Qualität des Lehrens und Lernens gefährden und so den Einfluss [der Maßnahmen] auf nahezu null reduzieren.«

Der Zwischenbericht beklagt unter anderem ein geringes Interesse aufseiten des Ministeriums. Das soll sich seit der Amtsübernahme von David Sengeh gebessert haben, dennoch blieben Probleme. »Einen Minister mit innovativen Ideen, Energie und Tatendrang zu haben, ist das eine«, sagt Diplomat Caivano. Allein, es hapert an der Umsetzung.

Gemeinsam mit seinem Team hat Caivano die Verdoppelung des Bildungsetats genauer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass die Ausgaben pro Schulkind trotzdem bei weniger als 2 Euro liegen. Statt mehr Geld in den Sektor zu pumpen, setzt die EU darauf, die vorhandenen Mittel sinnvoller einzusetzen. Mithilfe eines von der EU finanzierten, digitalen Registrierungssystems für Lehrer soll der Staat monatlich 300.000 Euro sparen, die bisher an sogenannte Ghost Teacher – Geisterlehrer – geflossen sind. Bei diesen »Geistern« handelt es sich um Karteileichen, also Beamte, die noch auf einer Gehaltsliste stehen, obwohl sie längst nicht mehr in dem Job arbeiten. Weil es bislang kein effizientes Personalmanagement für Schulen gab, flossen einmal genehmigte Lohnzahlungen immer weiter. Das führte dazu, dass Lehrer nach einem Schulwechsel doppelt bezahlt wurden oder Schulen weiterhin Gelder für Lehrer bezogen, die nicht mehr im Dienst waren.

Es fehlt an Geld für den Ausbau des Bildungssystems in Sierra Leone. – Quelle: Malte Werner copyright

Die Geisterjäger

Oberster Geisterjäger des Landes ist ACC-Boss Kaifala. Unter seiner Leitung werden Vergehen erstmals rigoros geahndet, zudem wurde auf seine Initiative das Strafrecht verschärft. Alles mit nur einem Ziel: Abschreckung.

Von seiner Schaltzentrale aus, einem sehr schmalen Haus in der Innenstadt, vor dem Soldaten gelangweilt Nüsse knabbern, arbeitet Kaifala an seiner Vision:

Wir können Sierra Leone zu einem Vorbild für Korruptionsbekämpfung in Afrika machen. Wenn man uns lässt. – ACC-Boss Kaifala

Dafür braucht es anhaltenden politischen Willen und eine deutliche Aufstockung der finanziellen und personellen Ressourcen der Behörde, die landesweit mit gerade einmal 200 Angestellten operiert, Hausmeister und Sicherheitspersonal inbegriffen. Kaifala muss zudem die Bevölkerung überzeugen, den Sumpf aus alltäglichen Schmiergeldzahlungen auszutrocknen. Deshalb begleiten Aufklärungskampagnen die spektakulären Auftritte des »Scorpion Squad«. Im ganzen Land hängen »Pay No Bribe«-Poster (deutsch: Zahle keine Schmiergelder), die die Bürger auffordern, jede Form von Korruption sofort zu melden. Kaifalas ACC wird häufig vorgeworfen, sich beim Kampf gegen Korruption auf kleinere Delikte aus dem Alltag der Bevölkerung zu stürzen und die großen Fische aus Politik und Wirtschaft unbehelligt zu lassen. Der ACC-Boss gibt hier zu bedenken, dass die Beweisführung bei den wenigen großen Fällen ungleich aufwendiger sei als bei der Aufdeckung von Alltagskorruption. Ungeachtet dessen untersucht die ACC auch die Machenschaften des ehemaligen Staatspräsidenten Ernest Koroma und Ungereimtheiten im Büro der First Lady.

Die Hoffnung ist, dass die ACC-Maßnahmen und eine (bescheidene) Gehaltserhöhung für Lehrkräfte die Hemmschwelle für korrupte Praktiken im Bildungsbereich erhöhen. Doch finanzielle Anreize wirken, wenn überhaupt, gegen Schmiergelder, nicht aber gegen das Zahlungsmittel Sex.

Fernab der Hauptstadt, im Provinzstädtchen Kamakwie, das nur über eine staubige, rote Sandpiste zu erreichen ist, erzählt die 19-jährige Mayelie Kamara Um die Anonymität der involvierten Personen zu wahren, haben wir den Namen geändert. eine Geschichte, die in Sierra Leone viele Schülerinnen so oder so ähnlich erlebt haben. Ihr Lehrer belästigte und bedrängte sie nach dem Unterricht. Mehr als ein Jahr weigerte sich die Schülerin, mit dem Mann zu schlafen. Aus Rache bekam sie schlechte Noten. Er drohte gar, sie durch die Abschlussprüfung fallen zu lassen. Mayelie Kamara war mutig genug, den Fall publik zu machen. Nun war es ihre Mutter, die dem Lehrer drohte. Auf Bitten der Schule wurde der Streit beigelegt. Sollte der Mann jedoch wieder übergriffig werden, droht ihm eine Anzeige.

Mayelie Kamara war mutig genug

In diesem Punkt unterscheidet sich Kamaras Geschichte von denen vieler Mädchen. Sexuelle Ausbeutung, vor allem von Mädchen aus armen Familien, ist keine Seltenheit. Vor der Abschaffung der Schulgebühren verkauften Mädchen ihren Körper oft an »Sugar Daddies«, die ihnen das Schulgeld auslegten. Heute fehlt das finanzielle Druckmittel, aber mit der Angst um Noten und den Schulabschluss nötigen Lehrer ihre Schülerinnen noch immer.

Das »Scorpion Squad« geht auch solchen Fällen nach. Aber die Erfolgschancen sind gering – selbst wenn die Beweislast erdrückend ist. Bei einer Razzia in einer Schule fanden die Ermittler zahlreiche Kondome, auf dem Handy des Schulleiters eindeutige Hinweise, dass er sich mit einer Schülerin zum Sex verabredet hatte. ACC-Boss Kaifala geht davon aus, dass der Sex Teil eines Tauschgeschäfts war. Vor Gericht sagte das Mädchen aber aus, es habe ein Verhältnis mit dem Mann gehabt. So galt der Geschlechtsverkehr als einvernehmlich. Der Schulleiter konnte dafür nicht belangt werden. »Solche Fälle gibt es oft«, sagt Kaifala und zuckt mit den Schultern.

Doch allein die Tatsache, dass Fälle wie diese publik gemacht und strafrechtlich verfolgt werden, gibt Anlass zur Hoffnung. Lies hierzu einen Bericht von Amnesty International (englisch, 2015, PDF)Zusätzlich schaffte Bildungsminister Sengeh vor knapp einem Jahr endlich das Schulverbot für schwangere Schülerinnen ab, die nach Ansicht seiner Amtsvorgänger auf andere Schülerinnen einen »negativen Einfluss« gehabt hätten. Ein wichtiger Schritt zur Bildungsgerechtigkeit in einem Land, Siehe dazu Daten der Weltbank zur »Adolescent fertility rate (births per 1.000 women ages 15–19) – Sierra Leone« (englisch)das aufgrund vieler Kinderehen eine der höchsten Zahl an Teenager-Schwangerschaften weltweit aufweist. Ein weiterer Schritt in Sengehs Plan von »radikaler Inklusion«, mit der er sein Land durch Bildung und Bildungsgerechtigkeit aus der Abhängigkeit herauszuführen versucht. Außerdem finanziert die Weltbank Programme, um Mädchen nach einer Schwangerschaft die Rückkehr in die Schule zu erleichtern und Sexualkunde in die Lehrpläne zu integrieren.

Dass der junge Politiker bereit ist, den Systemwandel herbeizuführen, daran gibt es kaum Zweifel. Aber sind auch die Menschen in seiner Heimat bereit dafür? »Das müssen sie sein«, sagt Sengeh.

Förderhinweis: Diese Recherche entstand mit Unterstützung des Money-Trail-Projekts.

Redaktion: Juliane Metzker

Titelbild: picture-alliance/ ZB | Thomas Schulze - copyright

von Malte Werner 
Malte Werner ist freier Journalist aus Hamburg. Für Perspective Daily berichtet er hauptsächlich aus Sierra Leone.
Themen:  Afrika   Bildung   Gerechtigkeit  

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